Duisburg: „Der Kreidekreis“, Alexander Zemlinsky

Bereits am 1. Dezember 2024 feierte die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf mit Der Kreidekreis von Alexander Zemlinsky eine gelungene Premiere dieser selten gespielten Oper aus dem Jahr 1933. Nun ist die Produktion seit dem 3. Oktober 2026 auch im Duisburger Theater zu sehen. Leider sind hierbei nur vier Folgevorstellungen vorgesehen, dabei ist die Produktion, wenn auch sicherlich keine leichte Kost, absolut sehenswert. Etwas irritierend ist lediglich die Ankündigung des Theaters, die das Stück als „Poetischer Realismus im jazzig-schillernden Klanggewand“ bezeichnet. Zwar sind in der Oper einige jazzige Melodien zu hören, gleichzeitig setzt Zemlinsky in seiner Komposition aber auch auf asiatische Einflüsse, die insbesondere durch Flöte, Harfe und Gong zum Ausdruck kommen. Insgesamt ist Der Kreidekreis eine durchweg gelungene Opernkomposition, die neben großen Orchesterklängen auch immer wieder Platz für intimere Momente bietet. Der jazzige Einfluss ist allerdings deutlich geringer, als man durch die Bewerbung erwarten könnte – insbesondere, wenn man Werke von Kurt Weill, den das Spielzeitheft in diesem Zusammenhang nennt, zum Vergleich heranzieht. Eine Besonderheit beim Kreidekreis sind allerdings die vielen gesprochenen Dialoge, die stellenweise von Musik untermalt werden, aber auch eindrucksvoll direkt ans Publikum gerichtet sind. Besonders deutlich wird dies in der Rolle des Richters Tschu-Tschu, für die man mit Werner Wölbern einen exzellenten Schauspieler verpflichtet hat. Aber keine Sorge, es wird auch viel gesungen, und das sogar sehr gut. Doch zunächst ein paar Worte zur sehr märchenhaften Handlung des Stücks.

© Andreas Etter

Nachdem sich Haitangs Vater das Leben genommen hat, weil er seine Steuerschulden nicht begleichen konnte, wird das junge Mädchen von ihrer Mutter aus finanziellen Nöten an den Teehausbesitzer Tong verkauft. Dabei ist „Teehaus” hier nur ein anderes Wort für Bordell. Dort wirft der junge Prinz Pao ein Auge auf Haitang. Allerdings bietet auch der reiche Mandarin und Steuerpächter Ma viel Geld dafür, dass er sie zu seiner Zweitfrau machen darf. Haitang zieht zu Ma – ausgerechnet der Mann, der für den Tod ihres Vaters verantwortlich war. Ein Jahr später hat Haitang einen Sohn geboren und Herrn Ma durch ihre Liebe und gutherzige Art zu einem besseren Menschen gemacht. Yü-Pei, die Gattin ersten Ranges von Herrn Ma, hat jedoch Angst um ihr Erbe. Sie beschließt, ihren Mann zu vergiften und die Tat Haitang anzuhängen, um so neben ihrem Mann auch gleichzeitig die von ihr so gehasste Zweitfrau loszuwerden. Gleichzeitig gibt sie in einem Prozess mit gekauften Zeugen und einem bestochenen Richter den Jungen als ihr Kind aus. Haitang wird wegen Mordes an Herrn Ma und versuchter Kindesentführung zum Tode verurteilt. In diesem Moment platzt die Nachricht vom Tod des Kaisers herein. Der neue Herrscher möchte alle Todesurteile überprüfen und zitiert alle Verurteilten nach Peking. Dort stellt sich heraus, dass Prinz Pao zum neuen Kaiser bestimmt wurde. Er lässt einen Kreidekreis zeichnen und das Kind in die Mitte legen. Die beiden Frauen sollen nun jede an einem Arm den Jungen aus dem Kreis ziehen. Allerdings gibt Haitang auf, da sie das Kind nicht verletzen will. Durch ein „salomonisches Urteil“ ernennt der Kaiser Haitang zur Mutter, da er die Beweggründe der echten Mutter verstanden hat. Gleichzeitig kommen die Betrügereien von Yü-Pei ans Licht. Wer diese Oper in Duisburg noch besuchen möchte und sich das Ende offenhalten will, sollte nun erst im folgenden Absatz weiterlesen, denn es folgt noch eine Wendung. Haitang erzählt von einem seltsamen Traum, den sie damals hatte, als Tong sie an Ma verkaufte. Ein junger Mann sei zu ihr ins Zimmer gestiegen und habe die Nacht mit ihr verbracht. Pao gesteht, dass er es war und dass es kein Traum gewesen ist. In dieser Nacht wurde auch der Sohn Haitangs gezeugt – durch eine Handlung, die heutzutage unstrittig als Vergewaltigung gelten würde. Anders als vielleicht noch zur Entstehungszeit der Oper ist ein Happy End so nicht mehr möglich, auch wenn die Musik hier in strahlendem D-Dur erklingt. Dennoch will Haitang Pao verzeihen, wenn er ihren gemeinsamen Sohn anerkennt. Ihr Gesicht verrät jedoch das pure Entsetzen über das Geständnis des Kaisers.

© Sandra Then

All dies wurde von David Bösch zusammen mit Patrick Bannwart (Bühne und Video) sowie Falko Herold (Kostüme) schlüssig auf die Bühne gebracht, sodass dem Verlauf der Geschichte über drei Stunden hinweg problemlos zu folgen ist. Bösch kommt hierbei wohl auch zugute, dass der derzeitige Schauspieldirektor des Landestheaters Linz seine Wurzeln im Sprechtheater hat. Zwar hat er schon diverse Opern an großen Häusern wie der Bayerischen Staatsoper, der Semperoper Dresden oder den Opernhäusern in Frankfurt, Amsterdam, London oder Lyon inszeniert, doch ist es bei den vielen Sprechtexten sicherlich von Vorteil, auf große Erfahrungen im Schauspiel zurückgreifen zu können. Ein Highlight des Abends ist dann auch die Gerichtsverhandlung direkt nach der Pause. Erfreulich ist zudem, dass die Geschichte nicht in einem genau definierten Bühnenrealismus spielt, sondern auf sehr poetische Weise erzählt wird, die sich jedoch stets an den chinesischen Wurzeln des Stücks orientiert und dennoch an jeder Stelle gut zu verstehen ist. So sind die Mädchen im Teehaus beispielsweise in Vogelkäfigen eingesperrt und das Haus des Herrn Ma ist ebenfalls ein großer Vogelkäfig. Geschickt wird auch immer wieder mit dem Kreidekreis gespielt, der durch eine Lichtleiste an der etwas erhöhten Bühnenkonstruktion ein- oder ausgeschaltet werden kann.

© Andreas Etter

Wie bereits erwähnt, wird in dieser Oper auch sehr gut gesungen. Die Deutsche Oper am Rhein kann sich hierbei einmal mehr auf ihr Ensemble verlassen. Die meisten Hautrollen sind im übrigen identisch zur Premiere in Düsseldorf vor rund zwei Jahren besetzt. Lavinia Dames verkörpert eine herzerwärmende Haitang und bringt diese Rolle voller Liebe und Barmherzigkeit mit klarem Sopran glaubhaft auf die Bühne. Dabei ist diese Rolle der Gegenpol zu fast allen weiteren Rollen im Stück, die mehr oder weniger von Geld und Macht angetrieben werden. Man nimmt Frau Dames stets ab, dass sie trotz aller Hürden und Ungerechtigkeiten im eigenen Leben nach wie vor an das Gute im Menschen glaubt, ohne dass dies aufgesetzt wirkt. Auch dass ihr dieser unerschütterliche Glaube über ihre innerliche Verletzlichkeit hinweghilft, wird gut auf die Bühne gebracht. Mit Sarah Ferede in der Rolle der Yü-Pei steht ihr ein weiteres langjähriges Ensemblemitglied gegenüber. Beide Damen sind jeweils seit mehr als zwölf Jahren im Opernensemble der Deutschen Oper am Rhein engagiert. Mit ihrem schönen Mezzosopran kann auch sie in ihrer Rolle überzeugen. Auch die männlichen Rollen sind treffend besetzt: Riccardo Romeo als Kuppler Tong, Richard Šveda als Haitangs Bruder Tschang-Ling und Jorge Espino als Gerichtssekretär Tschao. Als Gäste überzeugen Matthias Koziorowski als Prinz Pao und vor allem Joachim Goltz als Mandarin Ma, dessen Wandlung zu einem besseren Menschen man ihm durchaus abnimmt. Die Duisburger Philharmoniker spielen unter der Leitung von Hendrik Vestmann fulminant auf.

© Sandra Then

Bei der Duisburger Premiere am Tag der Deutschen Einheit stand am Ende des Abends ein langer Applaus des Publikums. Allerdings hätte diese Produktion durchaus ein paar mehr Zuschauer verdient, denn auch für die vier angesetzten Folgevorstellungen gibt es aktuell noch Karten in fast allen Preiskategorien. Allen Lesern, die sich auch gerne mal an selten gespielten Stücken erfreuen, sei daher an dieser Stelle ein Besuch empfohlen. Der Kreidekreis ist aber auch für Neueinsteiger im Bereich der Oper interessant, wenngleich dieses Werk keine leichte Kost ist. Die deutsche Sprache in Gesang und Dialogen, die musikalischen Qualitäten der Sängerinnen und Sänger sowie des Orchesters und das sehenswerte Bühnen- und Kostümbild ergeben zusammen einen stimmigen und interessanten Theaterabend, für den man keine Vorkenntnisse benötigt.

Markus Lamers, 4. Oktober 2026


Der Kreidekreis
Oper in drei Akten von Alexander Zemlinsky, basierend auf dem gleichnamigen Schauspiel von Klabund (Alfred Henschke) nach einem chinesischen Singspiel aus dem 14. Jahrhundert

Deutsche Oper am Rhein – Theater Duisburg

Premiere: 3. Oktober 2026

Inszenierung: David Bösch
Musikalische Leitung: Hendrik Vestmann
Duisburger Philharmoniker

Trailer

Weitere Aufführungen: 11. Oktober, 23. Oktober, 7. November und 22. November 2026