München: „Die Reise nach Reims“, Gioachino Rossini

Dass das Theater ein Irrenhaus und die Oper die Abteilung für die Unheilbaren ist, ist eine hübsche Binsenweisheit, die man auch im Programmheft findet. Also spielt Rossinis Reise nach Reims nicht im Gasthaus zur Goldenen Lilie, sondern in einer Nervenheilanstalt, wobei die Übergänge zwischen Kurhotel, Klinik und geschlossener Anstalt fließend sind. Auch in München gab es, erfährt man aus dem Programmheft, vor einem Jahrhundert eine derartige Anstalt mit einem echten Wittelsbacher als prominentesten Patienten.

© Anna Schnauss

Es passt zu Rossinis exaltierter, verrückter und bisweilen sanft melancholischer Musik; auch in der Reise nach Reims erfährt man in einem der grandiosesten Rossini-Gran-pezzo-concertati, dass sich die Insassen, pardon: die Protagonisten in einem seelischen Ausnahmezustand befinden. Dass dieses Prachtstück von Rossini-Oper nach seiner Renaissance in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in München noch nicht szenisch gebracht worden ist, darf man gern als ein wenig verrückt bezeichnen. Am Staatstheater am Gärtnerplatz hat man nun ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Gesang und Bewegung auf die Bühne gebracht, das das Publikum trotz oder vielleicht gerade aufgrund des sog. Klamauks sichtlich begeistert. Zuallererst aber müssen die Namen der vielen Sängerinnen und Sänger genannt werden, denn das Werk, 1825 komponiert für einen konkreten Anlass, die Feierlichkeiten am Rande der Krönung König Charles X., ist in erster Linie ein Vehikel für ein durch die Bank weg hervorragendes Ensemble. Zumindest sollte es das sein, hat Rossini doch die Rollen mit allem ausgestattet, was der Opernfreund, der nicht ganz auf den Wagnerkopf gefallen ist, so schätzt. Andreja Zidaric ist also die modenärrische und exaltierte, sich in der tragischen Oper vollkommen auskennende Comtesse Folleville, die angesichts des Verlusts ihrer Garderobe die schönsten Ohnmachtsanfälle imitieren kann. Riesenbeifall nach ihrem Auftritt und glänzend gemeisterten Vokalparforceritt. Antonio Mandrillo ist der Frauenheld Chevalier Belfiore: ein ausgezeichneter leidenschaftlicher Tenor. Gyula Rab singt, dynamisch etwas zurückgenommen, aber lyrisch erfüllt, den russischen Grafen Libenskof. Lord Sidney erhält mit Ludwig Mittelhammer eine perfekte Besetzung. Timos Sirlantzis ist der komische Antiquar Don Profondo, dessen Nationalitäten-Arie – was soll man sagen? Auch sie kommt perfekt. Levente Páll ist der Deutsche, also der vorschriftsmäßig pedantische Baron Trombonok, Matija Meić der Spanier Don Álvaro und Anna Agathonos die Marchesa Melibea.

© Anna Schnauss

Eine Sonderstellung nimmt die Harfenspielerin und -sängerin Corinna ein, Réka Kristóf spielt sie als menschenscheue Frau, die niemals richtig erwachsen wurde („Fragile“, das steht ja schon auf dem Harfenkasten, in dem sie lebt) und als empfindsame Vokalistin. Die Direktorin der Anstalt heißt Madame Cortese, Jennifer O’Loughlin macht das herzhaft, an einzelnen Stellen an diesem Abend allerdings eher leise. Nicht zu vergessen: die „kleinen“ Angestellten, auch Chor und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz, die alle wie der Teufel spielen.

Anstalt? Die Gäste des Hotels befinden sich von Beginn an in den Händen einer verrückten Klinikleitung, die ihre Patienten mit präparierten Äpfeln traktiert und am Ende des 1. Akts sich als das zu erkennen gibt, was es von Anfang an war: eine geschlossene Anstalt. Der gesamte zweite Akt steht unter diesem Zeichen: das tanzende Personal wird zur feuerrot ausstaffierten Revuetruppe des 14beinigen „Kurballetts“ Zur Goldenen Lilie (so rot wie das gerettete Hütchen der Comtesse Folleville), die Angestellten reagieren, sichtlich erregt, auf manch vokale Exaltation (so klamaukig wie witzig: das wilde Zucken einer jungen Dame in der „Reception“, die gerade von einem Kollegen „bearbeitet“ wird), das Fest, das nicht in irgendeinem Paris, sondern in der Halle stattfindet, ähnelt einem leicht durchgeknallten Karneval. Nun versteht man auch, was ausgerechnet die menschenscheue Corinne an diesen mit extrovertierten Figuren geradezu angefüllten Ort trieb: ihr Gemütszustand.

© Anna Schnauss

Doch macht Regisseur Dirk Schmeding daraus keine Tragödie. Die Inszenierung, die die „Konstellationen“, wie man ganz richtig bemerkt hat, mit einer Handlung, d.h.: einer Intention, die uns jenseits eines Herrscherlobs oder einer wenn auch brillanten und höchst unterhaltsamen Sängerselbstdarstellung noch etwas angeht, auszufüllen hat, reagiert auf Rossinis entfesselte wie gezügelte Musik immer mit Humor, Charme und, bis in die Choreographie Kerstin Rieds hinein, mit körperlichem Witz. Ein gewisser Tiefsinn aber bleibt erhalten, auch wenn er sich in der Groteske verbirgt: Statt am Ende Cäsars Ermordung, den Fall der Romanows, Sollidarność oder Don Carlos und die Befreiung Flanderns zum „Thema“ zu machen, das von Corinne besungen werden soll, bestimmt die Oberärztin nach der vielelicht nicht allein meiner Meinung nach schönsten, so schlichten wie bewegenden Musik des Weks, worum es gehen soll: um Charles X., also nicht um ein nationales Freiheitsmotiv, sondern um eine Laudatio auf einen reaktionären Monarchen. Robert Schweer hat dafür ein charakteristisches Bühnendetail entworfen: Madame Corinne schwebt auf einer riesigen Lautsprecherbündelung herunter und muss die Worte von ihrem Handy ablesen – bevor sich Madame Cortese zum König krönt: als Wiederkehr von Dürrenmatts Mathilde von Zahndt, während Schwester Mildred Ratched aus Einer flog über das Kuckucksnest in der Gestalt der Maddalena ihre Doppelgängerin besitzt.Wie gesagt: Ein Irrenhaus…

© Anna Schnauss

Musikalisch wird es von Enrico Lombardi geleitet. Das Orchester des Staatstheaters klingt unter seiner Stabführung einfach prachtvoll und elegant. Es ist, samt Soloflöte und -Harfe, eine Lust, zu hören. Schon irre, dass München so lange auf eine szenische Produktion der Reise nach Reims warten musste – und dass sie, musikalisch durchaus heikel, mit dem Ensemble des Staatstheaters am Gärtnerplatz so glänzend gelang.

Frank Piontek, 20. Oktober 2026


Gioachino Rossini
Die Reise nach Reims
Staatstheater am Gärtnerplatz

Premiere am 16. Oktober 2026
Besuchte Vorstellung: 18. Oktober 2026

Regie: Dirk Schmeding
Musikalische Leitung: Enrico Lombardi
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz