Reisebilanz IV: Tops und Flops der „Saison 2025/26“

Interessanteste Ausgrabung
Die interessante Ausgrabung war für mich die Pilsener Aufführung von Karel Kovařovics Psohlavci. Das Werk gehört zu jenen wunderbaren Raritäten der tschechischen Opernkultur, die außerhalb von Tschechien nur selten oder nie gespielt werden und wurden.

Die besten Aufführungen
Schwer zu sagen, welches „die“ beste Aufführung in der vergangenen Spielzeit war. Zwei russische Opern haben ein Anrecht auf den Titel: Mussorgskys Chowanschtschina an der Berliner Staatsoper in der Inszenierung von Claus Guth und Borodins Fürst Igor am Gärtnerplatztheater München in der Inszenierung von Ronald Schwab. In beiden Aufführungen wurden die Großwerke der Autoren äußerst bildmächtig, szenisch modern und doch nicht traditionslos ins Heute gebracht; zugleich standen großartige Sänger/Darsteller auf den Brettern.

Beste Sängerin
Die eine beste Sängerin gab es auch heuer nicht. Stellvertretend seien nur zwei genannt: Monika Jägerova als Kontschakowna in der Münchner Neuproduktion von Borodins Fürst Igor und Lucia Tumminelli in der Coburger Produktion der Bohème: Beides spielende Sängerinnen von Rang. Und Seonwoo Lee, die in München die teuflisch schwere Titelpartie der Englischen Katze übernahm.

Bester Sänger
Auch den gibt es nicht, aber Leonardo Lee als Jochanaan in der Coburger Salome und Byung Jun Ko als Gianni Schicchi in der Passauer Aufführung könnten stellvertretend für ihre Kollegen und die absolut verschiedenen Rollenfächer und stimmlich-spielerischen Anforderungen genannt werden.

Das beste Dirigat
Katharina Wincor am Pult des Bayerischen Staatsorchesters – weil Henzes Partitur der Englischen Katze höllenschwer zu realisieren ist und der Ausgleich von Gesang und Instrumenten, Tempo- und Charakterwechseln glänzend gelang.

Bester Chor
Der Chor der Berliner Staatsoper hat sich den Lorbeer ersungen, indem er in der Choroper Chowanschtschina an der Berliner Staatsoper ungeheuer eindrucksvoll intonierte: quasi altrussisch.

Komischste Aufführung
Die komischste Aufführung war für mich die Passauer Aufführung zweier meisterhafter Einakter: Puccinis Gianni Schicchi, gekoppelt mit Gilbert & Sullivans Trial by Jury.

Bester Regisseur
Hier muss man Claus Guth und Roland Schwab nennen (siehe Beste Aufführung), aber auch Nikolaus Habjan, der Gottfried von Einems Besuch der alten Dame am Theater am Gärtnerplatz brillant realisierte.

Modernstes Stück

Mit Henzes Englischer Katze setzte die Bayerische Staatsoper ein Meisterwerk Hans Werner Henzes an: orchestral und regiemäßig sehr, vokal meist überzeugend. Inszenatorisch war die Coburger Salome die, gemessen an äußerlichen Kriterien, eine der modernsten Aufführungen.

Mutigste Aufführung
Es ist immer noch bewundernswert, wenn ein wirklich kleines Haus den Ring des Nibelungen auf den Programmzettel setzt. Die Halberstädter Walküre, die in Bad Elster zu sehen war, war so ein Wagstück. Die Ulmer Meistersinger von Nürnberg gehören gleichfalls in diese Kategorie, weil nach der Zerstörung des Kostümfundus die Aufführung eines derartigen Großwerks alles andere als selbstverständlich ist; sie gelang beeindruckend.

Beste Operette
Trotz Einschränkungen: Die Coburger Aufführung von Eine Nacht in Venedig hat musikalisch und manchmal auch szenisch das zum Kitsch neigende Herz des Rezensenten mit einem gewiss nicht mehr taufrischen Tenor voll getroffen: „Ach, wie so herrlich zu schau’n“ singend, mit den Frauen der Nacht, die er nicht bekommen hat – ein zärtlicher Abschied, auch ein Abschied vom (Liebes-)Leben, unterm Strich und in entscheidenden Momenten ganz beim Melancholiker Johann Strauss.

Scheußlichstes Kostüm
Kein Zweifel: die blonden Perücken (Kostüm: Christopher Melching, Maske: Diana Rohde) in Plauens ansonsten insgesamt ordentlichen bis sehr guten Hoffmanns Erzählungen-Aufführung gehören endlich in die Asservatenkammer der Regiegeschichte.

Schlechteste Aufführung
Die gab es für den Autor im Berichtszeitraum 2025-26 nur einmal – aber nicht auf Reisen.


Es reiste für Sie Frank Piontek.