Essen: „Das Wunder der Heliane“, Erich Wolfgang Korngold (Dritte Besprechung)

Der Komponist Erich Wolfgang Korngold dürfte einem breiten Opernpublikum in erster Linie durch seine Tote Stadt ein Begriff sein. Dieses im Jahre 1920 gleichzeitig in Hamburg und Köln aus der Taufe gehobene Werk bescherte dem damals erst 23jährigen Korngold den großen Durchbruch als Opernkomponist. Keine seiner späteren Schöpfungen für das Musiktheater erreichte auch nur annähernd die Popularität der Toten Stadt. Zu Unrecht kann man da nur sagen. Korngolds in den Jahren 1923 bis 1926 komponierte und am 7. Oktober 1927 am Hamburger Stadttheater unter der musikalischen Leitung von Egon Pollak uraufgeführte Oper Das Wunder der Heliane ist gleichfalls ein absolutes Meisterwerk. Leider galt es in den 1920er Jahren, in einer Zeit der aufkommenden Moderne, der Dodekaphonie und der Neuen Sachlichkeit als hoffnungslos veraltet und wurde demgemäß immer weniger aufgeführt. Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an die Macht kamen, verschwand es zusammen mit den übrigen Werken des jüdischen Tonsetzers Korngold ganz von den deutschen Spielplänen. Der Komponist ging nach Hollywood, wo er sehr erfolgreich Filmmusik komponierte. Durch den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahre 1938 bedingt blieb er in den USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der nach Europa zurückgekehrte Korngold an seine früheren Erfolge nicht mehr anknüpfen. Deprimiert kehrte er schließlich nach Hollywood zurück und komponierte bis zu seinem Tod am 29. November 1957 weiter Musik für Filme. Erst in den 1990er Jahren erlebten seine Werke eine Renaissance. Zu seinen in diesem Jahrzehnt wieder entdeckten Opern gehörte neben der Toten Stadt u. a. auch Das Wunder der Heliane. Es ist dem Aalto-Theater Essen ein herzliches Dankeschön dafür auszusprechen, dass es diese phantastische, indes leider immer noch selten gespielte Oper auf den Spielplan gesetzt hat. Hier haben wir es mit einer Perle des Repertoires zu tun! Was einem an diesem bemerkenswerten Nachmittag geboten wurde, war phänomenales Musiktheater allerersten Ranges, das einen ganz in seinen Bann zog. Schon die musikalischen Qualitäten der Heliane sind enorm. Diejenigen der Toten Stadt werden meiner Ansicht nach sogar übertroffen. Korngold hat eine ungemein eindringliche, expressive und gleichermaßen dramatische wie gefühlvolle Musik im spätromantischen Stil geschrieben, die einen tiefen, ungeheuren Eindruck hinterlässt. Anklänge an Strauss, Mahler und Wagner sind unüberhörbar. Insbesondere die das Werk durchziehende Leitmotivtechnik gemahnt stark an den Bayreuther Meister.

©  Alvise Predieri

Es ist schon ein reichhaltiger, außergewöhnlicher und äußerst farbenreicher Stil, mit dem der Komponist hier aufwartet und der offenbar auch den GMD des Aalto-Theaters Andrea Sanguineti in helle Begeisterung versetzte. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass diese hochkarätige Oper Korngolds jetzt in Essen zu erleben ist. Man sollte dem Publikum nicht immer nur das anbieten, was es bereits kennt. Manchmal muss man ein Stück selbstbewusst auf die Bühne stellen, weil man davon überzeugt ist, lässt er in dem sehr informativen Programmheft auf S. 35 verlauten. Wie recht er damit hat! Raritäten wie die Heliane sind in hohem Maße essentiell für den heutigen Opernbetrieb. Sie lassen den Spielplan erst interessant erscheinen. Darüber ist sich Andrea Sanguineti vollständig im Klaren. Bei der hier zu besprechenden Nachmittagsvorstellung gelang es ihm zusammen mit den bestens disponierten Essener Philharmonikern die Zuschauer in einen regelrechten musikalischen Rausch zu versetzen. Manchmal drehte er den reichhaltigen Orchesterapparat mächtig auf, zeigte aber auch ein treffliches Gefühl für die vielen kammermusikalischen Stellen. Den zahlreichen spezifischen Coleurs schien seine ganze Liebe zu gehören. Der Farbenreichtum, den er seinem vortrefflichen Dirigat angedeihen ließ, war enorm. Auch um feine Detailarbeit war er nicht verlegen. Bei aller Opulenz des Klangteppichs wartete er durchweg mit einer vorbildlichen Transparenz auf, die ihresgleichen suchte. Zudem begeisterte er mit langgezogenen, vor Energie nur so strotzenden Spannungsbögen, die er gekonnt in imposante Höhepunkte münden ließ. Der ganze dramatische und emotionale Gehalt von Korngolds Musik wurde von ihm mit großer Intensität vor den Ohren des Auditoriums ausgebreitet. Angesichts dieser phantastischen Leistung war es nicht weiter verwunderlich, dass Sanguineti bereits zu Beginn des zweiten und des dritten Aufzuges auf seinem Weg zum Dirigier-Pult verdientermaßen mit frenetischem Zuspruch und Bravorufen des zu Recht begeisterten Publikums bedacht wurde, die sich beim Schlussapplaus sogar noch steigerten.

Die Oper Das Wunder der Heliane ist relativ unbekannt. Deshalb seien an dieser Stelle einige Worte zum Inhalt erlaubt: Heliane ist die Ehefrau eines  tyrannischen Herrschers, den sie nicht liebt und dem sie sich bisher sexuell verweigert hat. Das Leben in diesem Staat ist von Trost- und Hoffnungslosigkeit geprägt. Da erscheint ein Fremder im Land, der den Menschen Freude, Glück und Zuversicht bringen will. Darauf steht indes der Tod. Der Fremde wird verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Am Abend vor seiner Hinrichtung besucht ihn Heliane in der Haft. Beide verstehen sich und kommen sich näher. Heliane erfüllt dem Fremde drei Wünsche. Sie zeigt ihm ihre Füße, ihr Haar und zeigt sich ihm schlussendlich sogar noch splitternackt. Der Herrscher kommt dazu,  bezichtigt seine Frau des Ehebruches und verurteilt sie ebenfalls zum Tode. Um sie zu retten, begeht der Fremde Selbstmord. Nun schlägt der Herrscher Heliane einen grausamen Pakt vor. Wenn es ihr gelingt, den Fremden von den Toten zu erwecken, wird sie begnadigt. Heliane vermag den Dahingeschiedenen nicht ins Leben zurückzurufen und ist bereit zu sterben. Dann aber erhebt sich der tote Fremde urplötzlich auf wundersame Weise. Die Liebe triumphiert und die Macht des Herrschers zerbricht.

©  Alvise Predieri

Hervorragend gelungen ist die Inszenierung von Elisabeth Stöppler in dem Bühnenbild von Katja Hass und Nicole Pleulers strengen Kostümen. Das Regieteam wartet mit keiner konventionellen Deutung des Geschehens auf, sondern siedelt das Ganze in einem modern-abstrakten Rahmen an. Die Handlung spielt sich in einem klinisch-sterilen, gänzlich weißen Bühnenraum ab. Links führt eine Treppe zu einem nicht näher bezeichneten Ort. Auf der Rückwand sieht man ein Waschbecken und darüber ein Kruzifix. In der Mitte des von Geländern durchzogenen Raumes befindet sich ein leeres Wasserbecken, in dem der Fremde gefangen gehalten wird. An der Decke sind Überwachungskameras angebracht. Hier haben wir es offenbar mit einem futuristischen Überwachungsstaat zu tun, der auf Unterdrückung und Erbarmungslosigkeit beruht. Die Menschen leben gleichsam in einem Bunker. Der Raum bleibt über alle drei Aufzüge hinweg derselbe, nur der Blickwinkel ändert sich von Aufzug zu Aufzug. Er erschließt sich dem Zuschauer unter verschiedenen Perspektiven. Im dritten Aufzug sind das Waschbecken und das Kruzifix schließlich ganz verschwunden. Bemerkenswert ist, dass sich die Architektur des Zuschauerraumes des Aalto-Theaters auf die Bühne erstreckt. Damit wird trefflich jegliche Distanz zwischen Publikum und Bühnenraum vermieden und der Zuschauer angeregt, zu dem Gesehenen nachhaltig Stellung zu beziehen. Anregen ließ sich Frau Hass durch die Epoche des Fin de Siécle mit seiner Bäderkultur, wie sie im Programmheft auf S. 24 bekennt. Bäder sieht man in dieser Inszenierung allerdings nicht, nur das bereits erwähnte leere Wasserbecken. Wasser kommt bei Elisabeth Stöppler eine zentrale Funktion zu. Dieses reinigende, lebenserhaltende Element ist knapp geworden und steht nur dem Herrscher zur Verfügung. Dieser verteilt es nach eigenem Gutdünken an einige Auserwählte unter seinen Untergebenen. So zum Beispiel an eine Schar weiblicher Angestellter des Systems, der die Botin als Chefin vorsteht. Sobald eine der Frauen einen roten Punkt berührt, erhält sie die Erlaubnis zu trinken. Insgesamt symbolisiert das Wasser die im Reich des Herrschers verbotenen Aspekte Freude und Glück. Zu erwähnen ist ferner, dass hier alle Protagonisten Gefangene sind. Nicht nur der Fremde wird gefangen gehalten. So ist Heliane die Gefangene ihres Mannes, dem sie sich bisher verweigert hat. Dieser hat allerdings offensichtlich bislang keine Gewalt angewendet, um sie zum Sex zu zwingen. Er, der alle anderen gefangen hält, muss im Grunde als ein Gefangener seines eigenen maliziösen Machtapparates verstanden werden. Heliane ist dabei eine Wunde im System, die der Herrscher nicht zu schließen vermag (vgl. Programmheft S. 22).

Frau Stöppler hat das Werk phantastisch durchdacht und mit Hilfe einer stringenten Personenregie ausgesprochen spannend auf die Bühne gebracht. Der Ausgangspunkt ihrer gelungenen Interpretation liegt in der Erkenntnis, dass wir es hier nicht mit einer romantischen Liebesgeschichte im klassischen, herkömmlichen  Sinne zu tun haben. Das Anliegen der Regisseurin besteht vielmehr darin, eine übergreifende, universelle Liebe vorzuführen, die geeignet ist, die schlimmen Verhältnisse dieses Herrschersystems zu erschüttern. Demgemäß ist die Beziehung zwischen Heliane und dem Fremden auch in keinster Weise von Erotik geprägt. Selbst als sich die Titelfigur dem Todgeweihten völlig nackt zeigt, ist da ihrerseits weder Lust noch Sinnlichkeit zu spüren. Heliane handelt aus reinem Mitleid mit dem zum Tode Verurteilten in dieser Weise. Aber Liebe spielt in diesem Zusammenhang überhaupt keine Rolle. Vielmehr kommt es den beiden darauf an, die Gesellschaft von den Zwängen des Herrschers zu befreien. Zur Erreichung dieses Zweckes arbeiten Heliane und der Fremde zusammen, ohne dabei irgendwelche erotischen Interessen auszuleben. Zu Beginn des dritten Aktes weist Heliane dem gleichfalls gefangenen Volk, das Häftlingsnummern auf der Brust trägt, einen Weg zur Befreiung. Hier erscheint der zuvor aus dem Off singende Chor zum ersten Mal auf der Bühne. Das anfängliche Kollektiv wird geschickt in eine Masse von Individuen aufgespalten, deren Einzelschicksale hier eindringlich beleuchtet werden. Diese Szene ist seitens der Regie ganz brillant gelöst.

©  Alvise Predieri

Das Wunder besteht bei Elisabeth Stöppler nicht darin, dass Heliane den Fremden körperlich wieder auferstehen lässt. Diese Deutung liegt ihr fern. Der Fremde, der zum letzten Bild des dritten Aufzuges auf einer Bahre in Gestalt eines Statisten nackt auf die Bühne getragen wird, steht nicht mehr auf. Die ganze Auferstehungs-Szene ist lediglich als Vision des Volkes zu begreifen, das sich vorstellt, was wäre, wenn Heliane das Unmögliche gelingen würde. Das Wunder ist vielmehr in dem edlen Charakter der Protagonistin begründet. Heliane muss sich nicht opfern, damit ein Mann erlöst wird. Diesem traditionellen Ansatzpunkt erteilt die Regisseurin eine klare Absage. Wesentlich ist vielmehr, dass es sich bei Heliane um eine starke, selbstbewusste und damit hoch emanzipierte Frau handelt, die nicht korrumpierbar ist und die ganz aus eigenem Entschluss den Weg zur Befreiung des Volkes beschreitet. Damit führt sie die Intention des toten Fremden bereitwillig fort. Sie macht ihrer Umgebung unmissverständlich klar, dass ein Leben ohne Gewalt und Unterdrückung möglich ist. Das Mittel hierzu liegt in Menschlichkeit und Empathie begründet. Hierin erweist sie sich als unglaublich konsequent. Das von ihr vollführte Wunder liegt bei Elisabeth Stöppler darin begründet, dass sie mit einem Höchstmaß an Selbstlosigkeit ihre eigenen Grenzen überschreitet, Menschlichkeit predigt und als selbstbestimmte Frau allein aufgrund ihrer eben schon erwähnten großen Empathie zu einem die Gefahren für ihr eigenes Leben negierenden Vorbild für ihre Umgebung wird. Dieses Konzept von Frau Stöppler geht voll und ganz auf. Zu dieser grandiosen Regiearbeit kann man ihr nur gratulieren.

©  Alvise Predieri

Gesanglich erfordert die Heliane von den Sängern der Hauptpartien extrem anmutende Höchstleistungen, die zwei der Essener Gesangssolisten vokal nicht so recht einlösen konnten. Astrid Kessler war rein darstellerisch eine vorzügliche Heliane. Mit einem Höchstmaß an Intensität stürzte sie sich in ihre Rolle, die sie vom schauspielerischen Standpunkt aus prächtig bewältigte und im ersten Aufzug sogar gänzliche Nacktheit auf der Bühne nicht scheute, wofür ihr ein großes Lob auszusprechen ist. Vokal vermochte sie indes nicht in gleicher Weise zu überzeugen. In der Mittellage und bei den lyrischen Passagen gelangen ihr zugegebenermaßen einige schön gesungene Passagen. Das sind aber nicht die Parameter, an denen eine Sängerin der Heliane zu messen ist. Diese Rolle erfordert ein Maximum an Stimmkraft, Fulminanz und dramatischer Attacke – Aspekte, die Frau Kessler nur bedingt zur Verfügung stehen. Zudem ging sie in der Höhe ständig vom Körper weg, woraus eine äußerst scharfe und grelle Tongebung resultierte, die alles andere als gefällig war. Tilmann Unger erbrachte als Fremder ebenfalls schauspielerisch eine gute Leistung. Sängerisch blieben aber ebenfalls Wünsche offen. Er verfügt zwar über einen insgesamt schön im Körper verankerten und substanzreichen Heldentenor, stieß aber an diesem Nachmittag mehrmals an stimmliche Grenzen. Der Fremde ist zumindest im Augenblick noch eine Nummer zu groß für ihn. Eine phänomenale Leistung erbrachte Heiko Trinsinger, der dem von Selbstzweifeln zerrissenen Herrscher mit seinem prachtvoll italienisch fokussierten, sonoren und sehr differenziert und nuancenreich eingesetzten Heldenbariton und ausgeprägtem Spiel ein ungemein starkes Profil zu geben wusste. Gut gefiel Bettina Ranch, die einen voll und rund klingenden Mezzosopran mit sicherer Höhe für die Botin mitbrachte. Kräftig und vorbildlich im Körper sang Aljoscha Lennert den Schwertrichter. Wunderbar geschmeidiges, profundes, ebenmäßig dahinfliessendes und emotional angehauchtes Bass-Material zeichnete den Pförtner von Andrei Nicoara aus. In den Rollen der sechs Richter waren KS. Rainer Maria Röhr, Karel Martin Ludvik, Baurzhan Anderzhanov, Stephan Boving, Petro Ostapenko und Mathias Tönges zu erleben. Mächtig ins Zeug legte sich der von Bernhard Schneider bestens einstudierte Opernchor des Aalto-Theaters Essen.

Fazit: Eine phänomenale Oper, der man gerne öfters mal auf den Spielplänen auch anderer Theater begegnen möchte. Die lange Fahrt nach Essen hat sich sehr gelohnt! Es wäre zu begrüßen, wenn sich das Aalto-Theater dazu entschließen würde, diese Superproduktion, die ihr zu hohen Ehren gereicht, auf DVD aufzuzeichnen. Eine Wiederaufnahme dieser Inszenierung in der nächsten Spielzeit wäre ebenfalls sehr zu begrüßen.

Ludwig Steinbach, 13. Oktober 2026


Das Wunder der Heliane
Erich Wolfgang Korngold

Aalto-Theater Essen
Premiere: 3. Oktober 2026
Besuchte Aufführung: 11. Oktober 2026

Inszenierung: Elisabeth Stöppler
Musikalische Leitung: Andrea Sanguineti
Essener Philharmoniker

Zweite Besprechung

Erste Besprechung