Essen: „Das Wunder der Heliane“, Erich Wolfgang Korngold

Erich Wolfgang Korngolds Oper Das Wunder der Heliane gehört zu den selten gespielten Werken auf deutschen Opernbühnen, konnte aber in den letzten Jahren eine kleine Renaissance wieder erleben. 1970 in Gent erstmals nach dem Tode Korngolds aufgeführt griffen immer wieder einige Theater das Werk auf, zuletzt die Deutsche Oper in Berlin mit einem wahren Sensationserfolg. Nun also das Aalto-Theater in Essen, und dies sei direkt angemerkt: eine beachtliche Leistung. Dass sich das Werk nicht so recht neben der Toten Stadt behaupten konnte, mag auch an Tücken liegen, die die Essener Produktion mal besser mal schlechter umschifft. Eine davon ist sicherlich die Handlung. Worum geht es? Das Werk führt in ein Reich, in dem ein despotischer König seine Herrschaft mit Angst und Misstrauen sichert und selbst vor der eigenen Frau Heliane nicht Halt macht. Diese gerät nach der Begegnung mit einem Fremden in einen Strudel aus Verdächtigung, Eifersucht und tödlicher Gewalt – bis sie im Gerichtsprozess mit einem wahrhaft wundersamen Akt die Grenzen zwischen Leben und Tod sprengt. Doch die Erlösung bleibt aus: Heliane bezahlt für ihr Wunder mit dem Leben, während ihr Tod den König mit der eigenen Schuld konfrontiert.

Was auf den ersten Blick etwas dünn für über drei Stunden Musik klingt und dazu noch etwas eigenwillig, löst diesen Eindruck auch ein. Erstaunlicherweise wird es aber nie langweilig – im Gegenteil. Die opulente Musik macht die Defizite der textlichen Vorlage wieder wett. Und wie man letztlich mit der merkwürdigen Handlung umgeht, ist natürlich eine Frage der Regie.

© Alvise Predieri

Regisseurin Elisabeth Stöppler nimmt erfreulicherweise das Werk ernst. Zwar finden wir keine historisierte Mythologie, dafür aber einen sehr konkreten Raum, der uns in eine Welt entführt, die scheinbar postapokalyptisch ist, vielleicht eine Bunkeranlage, ein unterirdisches Laboratorium – auf jeden Fall eine Welt voller Zwang und Enge ist.

Manch einer mag sich zu Beginn beim Auftritt der seraphischen Stimmen an die Serie The Handmaid’s Tale erinnern, so brutal die Welt ist, in die wir und die Protagonisten direkt geworfen werden. Es entsteht ein böses Science-Fiction-Epos mit einer dystopischen Gesellschaft, die von religiöser Ritualisierung und klaren Rollenbildern getragen ist. Der Zuschauer wird aber Zeuge, wie dieses System durchbrochen wird. Am Ende des Abends steht die Botschaft, dass eben die Liebe alles überwinden kann. So wird ein Appell für Menschlichkeit formuliert. Stöppler setzt dies plakativ um. Es mutet fast schon eigenartig an, wenn am Ende schallendes Gelächter auf der Bühne die Erlösung und das Ende der finsteren Herrschaft, absolute Befreiung und großes Glück darstellt.

Katja Hass hat einen Bühnenraum entworfen, der auf den ersten Blick die Ästhetik eines Hallenbades hat, sich gleichwohl aber im Verlauf des Abends atmosphärischer als zunächst vermutet und szenisch klug gedacht erweist – gleichwohl bleibt alles ein wenig statisch und kühl. Die im Programmheft als „Perspektivwechsel“ angekündigten, optisch kaum etwas verändernden Umbauten auf der Bühne, bringen herzlich wenig außer viel zu langen Pausen zwischen den Akten. 

Dass Erich Wolfgang Korngold so lange vergessen war, muss fast schon überraschen, denn was die Produktion im Essener Aalto-Theater offenbart, ist eine grandiose Opernmusik voll schwelgerischer, hochromantischer Klangwelten, voll Emotionalität und einem wahren Feuerwerk an musikalischen Einfällen. Dabei reicht die Bandbreite von Ausflügen in kühne Harmonik bis zum satten „Hollywood-Sound“, mit dem der Komponist ja immer wieder in Verbindung gebracht wird. Dabei ist sicherlich festzustellen, dass viele Häuser vor diesem Werk zurückschrecken, denn die Anforderungen an die Sänger sind immens, und auch im Orchester wartet man mit einer üppigen Besetzung auf. Permanent müssen die Sänger gegen eine volltönende Instrumentierung anarbeiten, die sie bis aufs äußerste fordert. Diese Partitur ist wie eine Musik gewordene Buttercreme-Torte: gehaltvoll, massiv und wenn man zu viel konsumiert, wird es anstrengend. Manchmal wünscht man sich nur mal ein paar Takte Ruhe zum Durchatmen (vermutlich ein Wunsch, den die Protagonisten teilen), aber Korngold trägt dick auf, und die Sänger müssen in die Höhen, in die Tiefen und nur allzu oft ins Fortissimo. Diese Mühe ist es aber wert, denn in Essen entsteht ein Opernabend, der von beachtlicher Qualität ist.

© Alvise Predieri

Die Besetzung, gerade die in den Hauptrollen, kann man für diesen Abend eigentlich kaum genug loben. Allen voran begeistert Astrid Kessler in der Rolle der Heliane stimmlich wie szenisch. Heiko Trinsinger als Der Herrscher zeigt wieder einmal seine musikalischen Qualitäten. Kraftvoll und heldenhaft stemmt er die herausfordernde Partie. Tilmann Unger als Der Fremde muss vielleicht am meisten gegen das Orchester anpowern. Dies macht er souverän, muss allerdings in den Höhen viel Kraft investieren. Die Botin wird gewohnt souverän von Bettina Ranch gesungen, die mit klangschöner Tiefe überzeugt, und auch die Partie Der Pförtner ist mit Almas Svilpa hervorragend besetzt.  Aljoscha Lennert als Der Schwertrichter, singt mit strahlendem Tenor und rundet ein hervorragendes Ensemble ab, das zudem durch die Bank weg mit einer bemerkenswerten Textverständlichkeit agiert.

Im Graben steht Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti am Pult und spornt seine Essener Philharmoniker zu Höchstleistungen an und scheut auch den lautstarken Zugriff nicht. Im Blech dröhnt es kraftvoll. Das geht über weite Strecken gut, aber es gibt hier und da kleine Ballance-Probleme, die dazu führen, dass Sänger keine Chance haben, über das Orchester zu kommen. Dennoch muss man mit der Leistung ausgesprochen zufrieden sein, denn Dirigent und Orchester loten die Facetten der Korngoldschen Partitur vortrefflich aus. Das Schwelgen und das Rauschhafte der Musik kommen hervorragend in einem samtweichen Streicher-Teppich zur Geltung – es strömt nur so aus dem Graben! Die Partitur strotzt wahrlich vor Opulenz, die bis zum letzten Moment ausgekostet wird – ein bisschen mehr Delikatesse, ein bisschen mehr Finesse und vielleicht auch der Mut, manches Forte nicht ganz so üppig auszukosten, hätte dem Abend aber gutgetan.

Der Chor des Aalto-Theaters meistert seine Aufgabe solide und überzeugt mit einem kraftvollen, homogenen Klangbild.

© Alvise Predieri

Am Ende des Abends zeigt sich das Essener Publikum ausgesprochen zufrieden. Großer Jubel für die Sänger, für Dirigent und Orchester – einige Buhs und Bravos durchbrechen einen gefälligen Applaus für Regie und Ausstattung. Am Ende lässt sich konstatieren, dass das Aalto-Theater für Opernfreunde ein Highlight in den Spielplan genommen hat, das die Reise ins Ruhrgebiet lohnt. Die Umsetzung ist in vielen Belangen hervorragend, und das Essener Haus kann stolz sein, dieses Werk derart gestemmt zu haben.

Sebastian Jacobs, 4. Oktober 2026


Das Wunder der Heliane
Erich Wolfgang Korngold

Aalto-Theater Essen

Premiere: 3. Oktober 2026

Inszenierung: Elisabeth Stöppler
Musikalische Leitung: Andrea Sanguineti
Essener Philharmoniker