Vor exakt 100 Jahren, am 10. Januar 1926 erlebte der „Rosenkavalier“-Film die stürmisch gefeierte Premiere in der Dresdner Semperoper, dirigiert wurde sie vom Komponisten Richard Strauss persönlich. Es war der gleiche Ort, an dem seine gleichnamige Oper fünfzehn Jahre zuvor uraufgeführt wurde.
Die Idee zu einer Verfilmung der Oper stammte vom künstlerischen Leiter und Dramaturgen der Pan-Film, Louis Nerz. Für Strauss und seinen Librettisten Hofmannsthal war der ‚Rosenkavalier‘-Film ein Abenteuer, das sich finanziell lohnte. Trotz eines angebotenen Honorars von 10.000 Dollar [Hofmannsthals Honorar betrug 5.000 Dollar] war der Komponist zunächst nur mit halbem Herzen bei der Sache. Als sein Verleger, Adolph Fürstner, gegen das Filmprojekt opponierte, weil das Kino immer spürbarer zu einer Konkurrenz der Theater und damit auch der Bühnenverleger geworden war, zog Strauss seine ursprüngliche Zusage, die eigens zusammengestellte Begleitmusik zu dem stummen Film bei der Uraufführung zu dirigieren, zurück, gab aber schließlich Hofmannsthal, der nicht von der Idee ablassen wollte, nach und leitete beide Premieren, die Dresdner am 10. Januar und die Londoner am 12. April 1926.
(In der Stummfilmversion von 1926 (Regie Robert Wiene) spielen Huguette Duflos (Marschallin), Jaque Catelain (Octavian), Michael Bohnen (Baron Ochs von Lerchenau) und Elly Felicie Berger (Sophie) die Hauptrollen. Bei späteren Adaptionen gibt es andere Besetzungen.)
Mit den Dreharbeiten wurde am 18. Juni 1925 im Schönbrunner Schlosstheater begonnen. Weitere Drehorte befanden sich sowohl in Wien als auch außerhalb, in Niederösterreich. Innenaufnahmen wurden im Filmatelier der Listo-Film gedreht. Die Produktion fiel zeitlich mitten in die ärgste Krise des österreichischen Stummfilms, dem zu dieser Zeit von billigen, aber qualitativ hochwertigen US-Produktionen schwere Konkurrenz erwuchs. Zahlreiche heimische Produktionsgesellschaften gingen zu dieser Zeit in Konkurs. Die Pan-Film war eine der wenigen großen Gesellschaften, die ihre Arbeiten noch fortsetzten konnte. Sie landete mit diesem Film zwar ihren größten künstlerischen Erfolg, ging aber in weiterer Folge aufgrund des enormen Kostenaufwands für diese Produktion ebenfalls pleite.
Ursprünglich geplant war eine Tournee des Films mit Richard Strauss und einem Orchester durch die Vereinigten Staaten, was jedoch daran scheiterte, dass bereits 1927 die ersten Tonfilme aufkamen, damit wurde ein großes Opernorchester überflüssig.
Was die Musik angeht, so erstellten Otto Singer und Carl Alwin für den Film eine Instrumentalfassung der Strauss-Oper, in die sie zahlreiche Musiken einfügten:
„Die in zwei Akte getrennte Filmmusik ist fast ganz der Komödie für Musik ‚Der Rosenkavalier‘ op.59 entnommen, doch hat Strauss die einzelnen Teile, entsprechend dem Handlungsverlauf des Films, in eine neue Reihenfolge gebracht. Für zwei Szenen im 1. Teil (Partiturziffern 104 und 218) sowie für den Beginn und eine Szene des 2. Teils (nach Partiturziffer 112) griff er auf vier ältere Kompositionen zurück: den Präsentiermarsch ‚De Brandenburgsche Mars‘ D-Dur o. op. AV. 99 von 1905/06, den ‚Königsmarsch‘ Es-Dur o. op. AV. 100 von 1906, auf das dritte Stück (c-Moll; ‚Herzog Bernhard der Große von Weimar in der Schlacht bei Lützen 1632‘) seiner Musik zu den ‚Lebenden Bildern‘ o. op. AV. 89, die er 1892 ‚Zur Feier der goldenen Hochzeit des Großherzogs Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach und der Großherzogin Sophie, Prinzessin der Niederlande‘ geschrieben hatte, sowie auf den ‚Wirbeltanz‘ F-Dur aus der 1923 entstandenen Tanzsuite nach Klavierstücken von François Couperin o. op. AV. 107. Lediglich ein Stück zur Begleitmusik für den Film hat Strauss zwischen dem 24. Juli und 28. Oktober 1925 neu komponiert: den Militärmarsch F-Dur o. op. AV. 112 (Partiturziffer 210). Der ausdrücklich als ‚Einlage von Richard Strauss für den Rosenkavalierfilm komponiert‘ bezeichnete Marsch ist die musikalische Illustration zu den Filmszenen im 1. Teil, die im ‚Feldlager des Feldmarschalls‘ spielen. An diesen Militärmarsch schließt sich unmittelbar der ‚Königsmarsch‘ an.
Die Musik zur Komödie für Musik ‚Der Rosenkavalier‘ und die Filmmusik haben dieselbe, große Besetzung. Die Salonorchester-Fassung […] ist weder in Mueller von Asows Thematischem Verzeichnis der Werke von Richard Strauss noch in der Strauss-Literatur erwähnt; auch der Briefwechsel zwischen Strauss und Hofmannsthal gibt keinen Hinweis. Ein Vergleich mit den jeweiligen Instrumentalstimmen aus der originalen, großbesetzten Filmmusik zeigt keinerlei Übereinstimmung, die Stimmen der Salonorchester-Fassung müssen also neu herausgeschrieben worden sein. Als Komponist nennt das (ebenfalls bei Fürstner gedruckte) Material Richard Strauss. Er hat also diese Salonorchester-Fassung, vielleicht wieder aus finanziellen Gründen, zumindest durch seinen Namen autorisiert.“
(Manfred Reichert, zitiert nach: Programmheft Ensemble 13, Der Rosenkavalier – Stummfilm mit Live-Musik.– Karlsruhe 1995)
Der „Rosenkavalier“-Film ist somit eines der frühen Beispiele multimedialer Verwertung einer populären Oper. Der Film setzt eindeutig auf den Wiedererkennungseffekt der Oper und stellt doch eine eigenständige Filmkomödie dar.
„Analog zu den drei Akten der Oper gliedert sich die filmische Erzählung in drei große Einheiten. Zwischen diese sind zwei Kriegsszenen gesetzt, die die Welt des in der Oper abwesenden Marschalls vor Augen führen. Er tritt als handelnde Person in Aktion und befördert mit seinem Auftritt vor allem am Schluss die Auflösung der amourösen Verwicklungen, die in der Oper bis zum Ende in der Schwebe bleiben.
Bei der Umarbeitung der Oper durch Richard Strauss und seine Mitarbeiter in eine Instrumentalfassung wurden die Gesangsstimmen gestrichen und durch Zusätze bei einzelnen Instrumenten ergänzt. Die Oper wurde in ihrer Länge gekürzt, stellenweise im Ablauf umgestellt und mit neuen filmischen Handlungselementen besetzt.
Für die musikalische Illustration der Welt des Marschalls wurde zusätzlich Musik gebraucht, für welche das Werk von Richard Strauss reichlich Material bot. Mehrere Märsche und Tänze fanden aus Strauss’ Repertoire Verwendung oder wurden sogar neu für den Film komponiert.
Die erste Verfilmung der berühmten Richard-Strauss-Oper nach dem Libretto von Hugo von Hofmannsthal spielt in Wien zur Mitte des 18. Jahrhunderts. „Die ersten 70 Minuten des Films folgen den ersten beiden Akten der Oper: Der junge Graf Oktavian hat ein Verhältnis mit der verheirateten Feldmarschallin. Fast wäre alles aufgeflogen, als der Vetter der Marschallin, Baron Ochs, seine Aufwartung macht. Nur verkleidet als Kammerzofe entkommt Oktavian der peinlichen Situation, was wiederum den Hofintriganten Annina und Valzacchi nicht entgangen ist. Oktavian wird als Ochsens Brautwerber (Rosenkavalier) zu Sophie geschickt, der Tochter des gerade geadelten Faninal, und verliebt sich in das Mädchen. Sophie erwidert seine Gefühle. Doch Ochs lässt nicht locker und besteht auf Erfüllung des Heiratsvertrags.
Der Marschallin ist die neue Liebe von Oktavian nicht verborgen geblieben. Sie will Gewissheit und veranstaltet ein Maskenfest, während sich der eifersüchtige Marschall seiner Frau in Wien nähert. Der letzte, nun rekonstruierte Filmakt erzählt nicht ohne Ironie von einem glücklichen Ende – eine Mischung von Verwechslungskomödie und melancholischem Abgesang auf die Vergänglichkeit der Liebe: Oktavian kompromittiert Ochs, indem er sich noch einmal verkleidet und Ochs zu einem Rendezvous verführt, das im öffentlichen Eklat endet. Das Happy ending fügt Annina. Sie bringt die verwirrten Gemüter durch vertauschte Kostüme noch weiter durcheinander, bis auf einen Schlag die richtigen Paare zueinander finden. Nur Ochs hat verloren, er bleibt auf seinen Schulden sitzen und reist unverrichteter Dinge auf sein Schloss zurück!“
(Europäische FilmPhilharmonie – EFPI – GmbH)
In Wienes Film, dem von mancher Seite Konventionalität vorgeworfen wurde, ist daher das Film-Bild nur ein Teil des Konzepts. Der andere ist die Musik, die im Zusammenwirken mit den Bildern ein beträchtliches erzählerisches Potential entfaltet.
Was in der Filmmusik meist andersherum angelegt ist, dass die Musik nämlich nach dem Film entsteht und sich ihm funktional anpasst, ist hier umgekehrt: Die gespielte Musik (und nicht das Libretto) ist das Primäre; der Film ‚bedient’ mit seinen teilweise neu erfundenen Episoden die Musik, und auch die Choreographie der Darsteller ist immer wieder ganz auf die Musik bezogen, zumal der Film nach der Musik gedreht wurde.
„Lange Zeit waren der Film und seine Begleitmusik für großes Orchester nicht zu erleben. Synchronisierungsprobleme zwischen Film und Musik sowie das Fehlen der letzten Rolle des Films machten Aufführungen beinahe unmöglich. Erst 80 Jahre nach der Uraufführung des Films fand 2006 in Dresden die Wiederaufführung der von ZDF/ARTE in Auftrag gegebenen restaurierten Film- und Musikfassung -inklusive des rekonstruierten Finales- statt: eine Koproduktion des Filmarchivs Austria, der Sächsischen Staatsoper Dresden und ZDF/ARTE sowie 3sat und dem Digitalen Theaterkanal. Die Sächsische Staatskapelle spielte die von Bernd Thewes restaurierte Musikfassung unter der Leitung von Frank Strobel, der u.a. für die Synchroneinrichtung dieses Ausnahmeprojektes unter den FilmKonzerten verantwortlich zeichnet.“
Europäische FilmPhilharmonie – EFPI – GmbH)
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Dieter David Scholz