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THEATER FÜR NIEDERSACHSEN HILDESHEIM-HANNOVER

 

www.tfn-online.de

 

 

 

DIE HOCHZEIT DES FIGARO

Besuchte Vorstellung am 24. September 2018

Premiere am 15. September 2018

Deutsches Singspiel

Neele Kramer/Julian Rohde/Martin Berner/Peter Kubik/Meike Hartmann/Chor

Im Spielplan des TfN (Theater für Niedersachsen) gibt es im Musiktheater immer wieder Überraschungen, vor allem seit Florian Ziemen hier als Generalmusikdirektor und Operndirektor verantwortlich ist. Nun ist ja „Figaros Hochzeit“ nicht wirklich eine Überraschung, aber die Fassung, die sie in Hildesheim aufführen, ist tatsächlich eine Rarität. Bei der Uraufführung 1786 in Wien hatte die wirbelige Oper bekanntlich nur mäßigen Erfolg; erst nach den Prager Aufführungen in der Saison 1786/87 wurde sie bejubelt. Im deutschsprachigen Raum trat die Oper ihren ganz großen Siegeszug mit deutscher Übersetzung und mit gesprochenen Dialogen anstelle der Rezitative an. In diesen Fassungen wurde sie bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Wien gespielt, und Mozart selbst erlebte seinen „Figaro“ als deutsches Singspiel 1790 in Mannheim.

Zuvor hatte die Wandertruppe Großmann erstmalig im Mai 1788 in Lübeck „Die Hochzeit des Figaro“ in einer Übersetzung des durch seine Schrift „Vom Umgang mit Menschen“ berühmt gewordenen Adolph Freiherr Knigge auf die Bühne gebracht. Diese Übertragung des italienischen Originals wurde die in der Folgezeit wohl am häufigsten gespielte Fassung von Mozarts Oper. Ernsthaft konkurrieren konnte damit nur die Version von Goethes Schwager Christian August Vulpius, die auch Ende des 18. Jahrhunderts erstmals in Frankfurt zur Aufführung gekommen ist und deren Dialoge die einzigen heute noch erhaltenen Sprechtexte aus dieser Zeit sind.

Isabell Bringmann/anderer Bartolo/Julian Rohde/Peter Kube/Meike Hartmann

In Hildesheim ist nun die Oper mit Knigges Gesangstexten und Vulpius’ Dialogen als deutsches Singspiel zu erleben. Regisseur Wolfgang Nägele ließ sich in seinem Konzept davon inspirieren, dass die im 19. Jahrhundert durchs Land ziehenden Wandertruppen ähnlich der italienischen Commedia dell’arte hauptsächlich pure Unterhaltung eines eher einfachen Publikums bezweckten. So sah man am Ende der flott servierten Ouvertüre auf ein graues, schrankähnliches Gebilde mit Klappen und Türen, die sich öffneten und schlossen und den Blick in kleine Räume mit Blümchen-Tapete freigaben. In und natürlich besonders vor dem großen „Schrank“, der sich im 2.Akt zu einem veritablen Zimmer öffnete, gab es nun durchweg munteres Spiel aller Beteiligten, deren Kostümierung teilweise der Commedia dell’arte entlehnt waren. So trugen nur die Nebenfiguren knallbunte Kostüme und auch Masken, während Graf und Gräfin sowie Susanna und Figaro eher zeitlos gekleidet waren, wenn man von der merkwürdigen überdimensionalen „Halskrause“ um Susannas Taille einmal absieht (Ausstattung: Hannah König).

In der Personenführung gab es einige überflüssige Albernheiten wie das Auseinandernehmen von Schaufensterpuppen während der Verkleidung Cherubinos und in der großen Arie des Grafen im 3.Akt; dazu zählt auch der Beginn der Gerichtsszene, wenn alle außer dem Grafen und Figaro wie Marionetten aufgehängt sind. Zu einem unverständlichen Bruch kam es, als sich im letzten Teil des 4. Aktes alle – gekleidet in dunkelgraue (Susanna und Figaro in weiße) Regenschutzkleidung von Kapuze bis zu Gummistiefeln – am Meeresstrand oder in anderer unwirtlicher Gegend wiederfanden – genau war das nicht zu lokalisieren. Auch das finale, fröhliche Herumhopsen aller in moderner Freizeit-Kleidung passte irgendwie nicht zum vorangegangenen Geschehen.

Nun aber zu der Singspiel-Fassung: Die Texte waren teilweise gewöhnungsbedürftig, jedenfalls wenn man die seit 1895 gebräuchliche Übersetzung von Hermann Levi noch im Ohr hat – zur guten Verständlichkeit des quirligen, sich immer wieder verändernden Intrigenspiels trugen die deutschen Texte allemal bei.

Martin Berner/Antonia Radneva

Musikalisch stand die Vorstellung unter keinem günstigen Stern: Es begann mit der Ansage, dass für den erkrankten Sänger des Bartolo und Antonio Levente György auftrat. Da er als Alternativbesetzung für Figaro vorgesehen war, kannte er sich in der Inszenierung aus, sang aber mit seinem raumgreifenden Bass Bartolos Arie auf Italienisch und zog sich bei den Dialogen mit Spickzetteln geschickt aus der Affäre. Schon bei ihrer Auftrittsarie war durch einige Unsicherheiten spürbar, dass Antonia Radneva als Gräfin offenbar indisponiert war; ganz deutlich wurde es dann, als sie in der Folgezeit in den Schon-Modus ging, häufig oktavierte und in den großen Ensembles gar nicht mehr mitsang. Prompt wurde vor Beginn des 2. Teils bekannt gegeben, dass bei der sympathischen Sopranistin eine Erkältung noch nicht völlig ausgeheilt war und deshalb die Arie im 3.Akt entfallen müsse. Isabell Bringmann, früher im jugendlich-dramatischen Fach in Hildesheim gefeiert, die eine witzige Marzelline gab, sang nun zusätzlich die übrigen wichtigen Passagen der Gräfin von der Bühnenseite aus – insgesamt eine tolle Ensemble-Leistung!

Meike Hartmann/Peter Kubik

Als quicklebendige Susanna (in den Sprechtexten Susanne) gefiel Meike Hartmann, die mit ihrem klaren Sopran besonders die „Rosen-Arie“ einfühlsam ausdeutete. Ihr Figaro war mit viel Spielwitz Peter Kubik, der seinen prägnanten Bariton differenziert und effektvoll einsetzte. Seinem Gegenpart Graf Almaviva gab Martin Berner Gewicht; während er im ersten Teil stimmlich noch allzu viel polterte, fand sein angenehm timbrierter Bariton später in der großen Arie und in der lyrischen Bitte um Verzeihung zu deutlich abgerundeteren Melodiebögen. Als draller Cherubino erfreute mit schönem Mezzo-Timbre Neele Kramer, während das neue Ensemble-Mitglied Julian Rohde sicher als Basilio und Don Curzio auftrat; Vanessa Peschel als blutjunge Barbarina (= Bärbchen) beklagte mit Naturstimme den Verlust der „kleinen Nadel“.  Seine wenigen Aufgaben erfüllte der von Achim Falkenhausen einstudierte Opernchor des TfN klangvoll. Am Pult des gut disponierten Orchesters des TfN stand Sergei Kiselev, der mit zupackendem Dirigat für stets vorwärtsdrängenden Schwung sorgte.

Das Publikum feierte alle Beteiligten mit begeistertem Applaus.

Bilder © Jochen Quast

Gerhard Eckels 25. September 2018

 

Weitere Vorstellungen: 29.9. (Luckenwalde)+12.,30.10.+10.11.2018(Hildesheim) +21.10.(Wolfenbüttel) u.a.

 

 

 

 

 

Die Brücken am Fluss

(The Bridges of Madison County)

 

Premiere am 8. September 2018

Großes Format

Gerald Michel/Marysol Ximénez-Carillo

1992 wurde der Roman „The Bridges of Madison County“ („Die Brücken am Fluss“) von Robert James Waller veröffentlicht, den Clint Eastwood 1995 verfilmte mit sich selbst und Meryl Streep in den Hauptrollen. Erst 2013 adaptierte Marsha Norman die Geschichte für das Musical, zu dem Jason Robert Brown die Musik, Gesangstexte und Orchestrierung beitrug und das 2014 erstmals am Broadway lief. Am 18. März 2017 erlebte es in Trier seine deutsche Erstaufführung in der Übersetzung von Wolfgang Adenberg, die auch in Hildesheim verwendet wurde. Die Geschichte handelt von der jungen Neapolitanerin Francesca, die 1946 mit dem US-Soldaten Richard „Bud“ Johnson auf seine Farm nach Iowa ging und dort 20 Jahre lang eine „normale“ Ehe mit den Kindern Michael und Carolyn führte. Als der Vater nun mit den Teenagern für 4 Tage zu einer Landwirtschaftsmesse unterwegs ist, bleibt Francesca allein zuhause. Da taucht der Fotograf Robert Kincaid auf der Suche nach einer der sieben Brücken auf, die er für das Magazin „National Geographic“ ablichten soll. Francesca hilft ihm gerne und entdeckt im Gespräch, wie sehr ihr solche Freiheit fehlt, die Robert hat. Bleibt es am ersten Abend noch beim Essen, obwohl bereits erste Anzeichen von gegenseitiger Zuneigung zu erkennen sind, gehen am nächsten Tag die Gefühle mit beiden durch. Francesca steht nun vor der Entscheidung, ihrer großen Liebe zu folgen oder sich für ihre Familie einzusetzen. Letztendlich bleibt sie bei ihrer Familie, weil sie sich einerseits wirklich geliebt weiß, aber andererseits nicht die lange Gemeinsamkeit einfach wegschieben kann und vor allem ihre Kinder, aber auch ihren Mann in gewisser Weise liebt. Wie sich später zeigt, hat sich das Leben beider Protagonisten nach der Episode entscheidend verändert.

Marysol Ximénez-Carrillo/Alexander Prosek

Das Musical-Team des TfN (Theater für Niedersachsen) bewies zum Saison-Auftakt einmal mehr seine Ausnahmestellung auf diesem Gebiet in der Region. Dem Regisseur und Team-Leiter Craig Simmons und der Ausstatterin Esther Bätschmann ist es gelungen, mit wenig Aufwand eindrucksvolle Bilder und Szenen zu schaffen, die sich ins Gedächtnis brannten. Die wenigen Versatzstücke für die Küche, das Auto, Zäune und die Brücke liefen auf Rollen oder kamen vom Schnürboden; alles lief wie geschmiert und sich reibungslos aus einzelnen Situationen folgerichtig ergebend ab, wobei alle Akteure auch gleichzeitig als „Kulissenschieber“ tätig waren.

Der Hintergrund deutete in vielen Farbschattierungen die endlose Weite des Landes und Himmels zur jeweiligen Tageszeit an bis zum schlichtem Sternenhimmel in der Bett-Szene. Dabei ließ Simmons die Darsteller ohne Übertreibungen lebensecht agieren und sorgte dafür, dass drohende kitschige Momente immer durch lockere Einschübe elegant aufgefangen wurden. Die für Francesca und Robert so wichtige Entscheidung trieb er spannend voran, bis sie endgültig fiel und Francesca zu ihrer Familie zurückging. Das hatte großes Format.

Störend an der ganzen Vorstellung war nur die viel zu laut eingestellte Verstärkungstechnik, so dass man, wenn alle 10 Mitwirkenden sangen, nichts mehr richtig verstehen konnte und der Text an einigen Stellen verzerrt klang.

Elisabeth Köstner/Gerald Michel

Die kleine Band unter der bewährten Leitung von Andreas Unsicker gab bei den Soli und Untermalungen der Songs ihr Bestes; die gefällige Musik von Jason Robert Brown enthielt neben sehnsuchtsvollen Motiven auch Anklänge an Country-Music und Jazzelemente. Aber wirklich mitgerissen hat die Darstellung der Protagonisten: Da ist zuerst Marysol Ximénez-Carrillo zu nennen, die ein überzeugendes Bild der sich in die Rolle der Farmersfrau eingerichteten Vierzigerin Francesca gab, die – ohne es selbst zu wissen – nach irgendetwas Neuem sucht in der Eintönigkeit des Alltags. Da war zunächst echte Freude über die Frage des Fremden nach der Brücke, dem sie ihr Hilfsbereitschaft fast zu stark aufzudrücken schien. Ihre inneren Gedanken im weiteren Verlauf (z.B. „Wie nennt man einen Mann wie ihn?“) unterstrich sie treffend in Gestik und Mimik. Mit klarer, heller Musicalstimme trug sie ihre Songs eindringlich vor, in denen sie sich dem Fotografen (und dem Zuschauer) immer mehr öffnete, bis Robert sie vor die Entscheidung stellte, ihn zu begleiten oder bei ihrer Familie zu bleiben – eine tolle Leistung! Gerald Michel als Robert Kincaid gelang es ebenso gut, die Wandlung eines nur die Freiheit und die Fotografie liebenden Mannes zu der Erkenntnis glaubhaft zu machen, dass alle Reisen und Reportagen über die weite Welt („Die eingerahmte Welt“) eine echte Liebesbeziehung nicht ersetzen können. Francescas natürliche Art bezauberte ihn, so dass auch er plötzlich nie gekannte Gefühle entwickelte und annahm. Im Spiel der beiden wirkte alles harmonisch und richtig.

Gerald Michel/Johannes Osenberg/Marysol Ximénez-Carrillo/Sandra Pangl/Alexander Prosek

Als einerseits umsorgender Ehemann Bud Johnson, andererseits polternder, strenger Vater war Alexander Prosek optimal eingesetzt. Mit rauer Stimme stellte er klar das schlichte, gutmütige Wesen eines Farmers heraus, der seine Frau nicht ganz versteht. Johannes Osenberg und Sandra Pangl spielten typgerecht die munteren Teenager, die sich nicht an die Farm ketten lassen wollen. In jeweils mehreren Rollen traten Elisabeth Köstner (u.a. als Roberts Ex-Frau Marian mit „‘ne and’re Welt“), Katharina Schutza als köstliche, teils neugierige, teils neidische Nachbarin Marge mit Jens Krause als beschwichtigendem Ehemann Charlie, Lisa Maria Hörl als sauber intonierende Country Sängerin und Jürgen Brehm als junger Bud auf. Sie alle bildeten die schützende Hülle, die Francesca dort umgab, wo man auf nachbarschaftliche Freundlichkeit und Hilfe angewiesen war („Du bist nie allein“).

Das zu Recht begeisterte Publikum spendete allen Mitwirkenden lang anhaltenden Applaus.

Fotos: © Jochen Quast

Marion Eckels 09.09.2018

 

Weitere Vorstellungen:

17.+29.9.; 1., 11.+25.11; 5.+21.12.2018 und 16.3./19.4.2019 (Hildesheim) sowie an anderen Orten

 

 

 

 

SAISONVORSCHAU 2018 / 19

OPER/OPERETTE

 

Die Hochzeit des Figaro (Deutsche Singspielfassung aus dem 18. Jahrhundert) – Premiere am 15.9.2018

(Dirigent: Florian Ziemen, Inszenierung: Wolfgang Nägele)

Die Pantöffelchen (Tschaikowsky) – Premiere am 9.12.18

(Dirigent: Florian Ziemen, Inszenierung: Anna Katharina Bernreitner)

Die Prinzessin von Trapezunt (Offenbach) Premiere am 3.3.2019)

(Dirigent: Adam Benzwi/Sergei Kiselev, Inszenierung: Max Hopp)

Tod in Venedig – Premiere am 20.4.2019

(Dirigent: Achim Falkenhausen, Inszenierung: Felix Seiler)

 

Das Tagebuch der Anne Frank – Wiederaufnahme am 6.10.2018                      

Die Blume von Hawaii – Wiederaufnahme am 14.10.2018

Orpheus (Telemann) – Wiederaufnahme am 28.10.2018

 

MUSICAL

 

Die Brücken am Fluss (Musical von Jason Robert Brown und Marsha Norman)

 – Premiere am 8.9.2018

(Inszenierung: Craig Simmons, Dirigent: Andreas Unsicker)

Die Addams Family (Musical von Andrew Lippa, Marshall Brickman und Rick Elice)

– Premiere am 3.11.2018

(Inszenierung: April Hailer, Dirigent: Andreas Unsicker)

Jasper in Deadland (Musical von Ryan Scott Oliver und Hunter Forster)

Premiere am 20.1.2019

(Inszenierung: Bart de Clercq, Dirigent: Andreas Unsicker)

Elternabend (Musical von Thomas Zaufke und Peter Lund) – Premiere am 11.5.2019

(Inszenierung: Craig Simmons, Dirigent: Andreas Unsicker)

 

DIE BLUME VON HAWAII

Besuchte Vorstellung am 12. Mai 2018

Premiere am 5. Mai 2018

Flotte unterhaltsame Revue

Das ausgesprochen vielseitige Programm in der ersten Spielzeit des neuen GMD am Theater für Niedersachsen (TfN) Florian Ziemen wurde nun durch die Operette „Die Blume von Hawaii“ von Paul Abraham abgeschlossen, die nach der Leipziger Uraufführung 1931 schnell populär wurde. Sie hat eine typisch verwickelte Operetten-Handlung, die sich natürlich in einem Happyend auflöst – hier mit sage und schreibe vier glücklichen Paaren. Sie spielt kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem die amerikanische Armee Hawaii besetzt und einen Gouverneur eingesetzt hat. Neben diesem und seinem Sekretär John Buffy sind Hauptakteure die zunächst incognito als Jazz-Sängerin auftretende hawaiianische Prinzessin Laya, der ihr seit Kinderzeiten versprochene Prinz Lilo-Taro, die schöne Insulanerin Raka, der amerikanische Kapitän Harald Stone, die kesse Gouverneursnichte Bessie Worthington sowie die beiden Jazz-Sänger Jim Boy und Susanne Provence. Es entwickelt sich ein turbulentes, temporeiches Spiel um das Finden der „wahren Liebe“, die Zukunft Hawaiis und die Freuden des mondänen Lebens in Honolulu und Monte Carlo.  

Anfang der 1920er-Jahre kam der neuartige Jazz über den Ozean nach Europa und krempelte die so genannte „leichte Muse“ völlig um. Ungekrönter König dieser letzten, wilden Operettenzeit in Berlin – die mit dem Nationalsozialismus ihr jähes Ende fand – war der ungarische Exilant Paul Abraham. Bis in die 1970er-Jahre gab es auch durch Verfilmungen geglättete, musikalisch weich gespülte Fassungen, die schließlich insgesamt als zu süßlich und seicht empfunden wurden, sodass   Operetten aus den 1920er- und 30er-Jahren aus den Spielplänen fast völlig verschwanden. Das ist in letzter Zeit anders geworden: So wurde aus Tonaufnahmen und anderen originalen Unterlagen rekonstruiert, dass Abraham eine so genannte „Zentralpartitur“ verwendete, nach der man wie improvisiert einzelne Instrumente oder Gruppen hervortreten und wieder verschwinden lassen kann. In Hildesheim gab es eine Fassung, die nach Ziemens Worten „die Flexibilität einer Zentralpartitur nachzuahmen versucht“. Man habe in einem spannenden Prozess bis in die letzten Proben hinein im Sinne dieser originalen improvisatorischen Musizierweise bestimmte Nummern mal so oder mal anders klingen lassen, um so die „richtige“ Version zu finden.

Meike Hartmann/Ziad Nehme/Levente György

Das Ergebnis dieser Arbeit konnte sich hören lassen: Von der Ouvertüre an kam aus dem Graben ein auf Betreiben von Florian Ziemen stets vorwärtsdrängender Drive mit zwischendurch schrägen Jazz-Tönen – alles typisch für die vielschichtige Partitur Abrahams. Dieser instrumentale Schwung war für alle Akteure auf der Bühne so ansteckend, dass die vielen bekannten Songs und Duette wie eine flotte Revue serviert wurden. Das schloss sentimentale Zwischentöne nicht aus – im Gegenteil, sie gehören natürlich auch zu einer anständigen Operette. Allerdings gab es in den beiden ersten Akten manche Längen wie den merkwürdigen „Kampf“ der großen, von Choristen wie ostasiatische Drachen auf Stangen getragenen Tiere (Schlange und Bär) oder den Frauenchor, in dem Urwaldtiere, vor allem Affen nachgeahmt werden. Die Sprechtexte im 3. Akt zur Auflösung der Konflikte und zum Finden der vier Paare waren ebenfalls reichlich langatmig. Aber sei’s drum, die Rekonstruktion und Wiederbelebung der Operette hat sich gelohnt, man hatte insgesamt auf der Bühne und im Publikum viel Spaß.

Das lag natürlich auch an der geschickten, das Tempo immer wieder forcierenden Regie von Tamara Heimbrock und der abwechslungsreichen Choreografie von Jaume Costa I Guerrero. Bühne und Kostüme von Julie Weideli wiesen in die Entstehungszeit und huldigten dem damals aufkommenden Tonfilm, indem der erste Akt vor einem Filmpalast, der zweite in dessen großzügigem Foyer spielte. 

Bild rechts:

Uwe Tobias Hieronimi/Antonia Radneva

Eine besondere Überraschung war es, dass man die sonst der ernsten Oper zugeneigten Sängerinnen und Sängern choreografisch geradezu wirbelig erleben konnte, spürbar das Verdienst des jungen Leitungsteams. Mit klarstimmigem Sopran und charmanter Ausstrahlung begeisterte Meike Hartmann in der Doppelrolle der hawaiianischen Prinzessin Laya und der Jazzsängerin Susanne Provence als Marlene-Dietrich-Verschnitt. Ihr Prinz Lilo-Taro war der fesche Ziad Nehme, dessen Tenor leider so gar keinen Glanz verbreiten wollte (war er indisponiert?). Ungeahnten Spielwitz zeigte Uwe Tobias Hieronimi, der den Jazzsänger Jim Boy als tuntigenTravestiten gab und am Schluss im Song „Bin nur ein Jonny, zieh durch die Welt“ nachdenkliche Akzente setzte. Seine in Hawaii heimlich geehelichte Raka war mit charaktervollem Sopran Antonia Radneva.

Neele Kramer/Aljoscha Lennert

Als dralle Bessie Worthington trat Neele Kramer auf, deren munteres Spiel, tänzerisches Talent und stimmlich ansprechendes Vermögen einmal mehr erfreute. Witzig und hellstimmig gab Aljoscha Lennert den Bessie zugetanen Gouverneurssekretär John Buffy. Peter Kubiks schön geführter Bariton gefiel ebenso wie seine Darstellung des letztlich unglücklich in die Prinzessin verliebten Kapitäns Harald Stone, der sich am Schluss allerdings mit der echten Jazzsängerin Susanne Provence mehr als nur zufrieden gab. In kleineren Rollen ergänzten sicher Levente György, Jesper Mikkelsen, Harald Sträwe und Daniel Käsmann. Auch der Chor in der bewährten Einstudierung von Achim Falkenhausen fiel erneut durch ausgewogenen Klang und diesmal besonders durch große Spielfreude auf.

Das Publikum im ausverkauften Haus bedankte sich bei allen Akteuren, auch bei den mit dem GMD auf die Bühne strömenden Orchestermusikern, mit starkem, lang anhaltendem Applaus.

Fotos: © Falk von Traubenberg

Gerhard Eckels 13. Mai 2018

Weitere Vorstellungen: 27.5.+18.6.2018 und in der Spielzeit 2018/19

 

 

 

Zum Dritten

ADELIA

Premiere: 10.03.2018

besuchte Aufführung: 10.04.2018

Hinreißende Belcanto-Rarität im modernen Gewand

Lieber Opernfreund-Freund,

wenn man eine derartige Rarität ausgräbt, wie es das TfN in Hildesheim mit der deutschen Erstaufführung von Donizettis „Adelia“ mehr als 175 nach deren Uraufführung getan hat, ist man in Erkältungszeiten gelegentlich in Bedrängnis. Niemand hat die betreffenden Partien in seinem Repertoire und so ist ein Oliveriero in „Adelia“ im Vergleich zu einem Mario in der „Tosca“ nahezu nicht notzubesetzen. Dass es trotzdem gelingt, ist dem beherzten Einspringen des australisch-irischen Tenors Garrie Davislim zu verdanken, der gestern die genannte Partie von der Seite sang und zusammen mit dem spielenden Haus-Bariton Peter Kubik die Aufführung rettete.

 

„Adelia? - nie gehört....“ So ging es auch mir, lieber Opernfreund-Freund, als ich im vergangenen Frühjahr die Spielzeitpläne des Theaters in Händen hielt - Grund genug, den Weg nach Hildesheim nicht zu scheuen, um mir diese Ausgrabung für Sie anzusehen. Das 1841 in Rom uraufgeführte Werk konnte erst auf die Bühne gebracht werden - Verdis spätere Ehefrau Giuseppina Strepponi sang dabei die Titelrolle, nachdem sich Gaetano Donizetti und seine Librettisten Felice Romani und Girolamo Maria Marini zu einem Happyend durchgerungen hatten, denn der Stoff war für damalige Verhältnisse heikel. Der so braven wie bürgerlichen Adelia wird nämlich fälschlicherweise ein voreheliches Verhältnis unterstellt zum Edelmann Oliveriero unterstellt, das ihr Vater Arnoldo mit der angeordneten Eheschließung der beiden zu heilen sucht. Die muss der Herzog Carlo widerwillig genehmigen, hatte er doch Arnoldo für dessen Tapferkeit die Erfüllung eines Wunsches versprochen. Doch der Herzog will die Ehe nicht hinnehmen und plant direkt nach deren Schließung die Hinrichtung Olivieros. Als Adelia das erfährt, verweigert sie die Ehe, um das Unheil abzuwenden. Oliviero denkt, sie liebt ihn nicht mehr, und erst, nachdem Arnoldo und damit auch seine Tochter in den Adelsstand erhoben wurden, steht einer gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Wege. Die Partitur, die der Meister aus Bergamo dazu ersonnen hat, hat es ebenfalls in sich und weist zahlreiche Parallelen zu seinem Gassenhauer „Lucia di Lammermoor“ auf, beispielsweise ein Sextett zum Ende des ersten Aktes und eine Art Wahnsinnsszene der Titelheldin am Ende. Und doch ist das Werk kein billiger Abklatsch eines Kassenschlagers, sondern voller eigener Charakteristik, beeindruckenden Chorszenen, himmlischer Kantilenen und natürlich halsbrecherischen Koloraturen.

Dass die durchaus früher wieder auf die Opernbühne gehören als in 175 Jahren beweist das flotte Dirigat von Achim Falkenhausen am Pult des Orchesters des TfN, der schon mit atemberaubendem Tempo in den Abend startet und bis zum Ende genügend „Druck auf dem Kessel“ hält, um die wunderbare Partitur in all ihrer Pracht zu Gehör zu bringen. Dass er da und dort die Sänger ein wenig übertüncht, mag an der ungebremsten Begeisterung für das Werk liegen und sei verziehen.

Dass der Abend so wunderbar gelingt liegt gleichermaßen an der durchdachten und einfühlsamen Regie von Guillermo Amaya. Der gebürtige Spanier nähert sich dem Stoff  behutsam und holt ihn gekonnt in eine Art zeitloses Jetzt. Auf der modern gestalteten Bühne von Hannes Neumeier dominiert das Weiß, Designermöbel und klare Linien ohne Schnickschnack ersetzen barock anmutenden Prunk und lassen ihn keinen Moment vermissen. Lediglich die schwarz-weißen Kostüme von Franziska Müller, die bedeutungsschwanger mit roten Akzenten spielen, weisen die eine oder andere Historisierung auf. Überhaupt sind Symbole in Amayas Inszenierung klug gesetzt. Der Chor erscheint als Hüter von Zucht, Gesetz und Ordnung und auch Adelia trägt zu Anfang eine so kunstvoll wie streng wirkende Zopffrisur. Im Laufe des Abends, in dem die Figur zusehends die Fassung verliert, löst sich die Haarpracht aber immer mehr, zur Finalszene erscheint Adelia mit offenem Haar. Außerdem beweist die Regie Mut und folgt nicht dem von der Zensur verordneten Happyend, das das Libretto ohnehin in nur wenigen Sätzen recht unglaubwürdig und im Hau-Ruck-Verfahren vollzieht, sondern stellt die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft als Adelias Wahnvorstellung dar. Überhaupt ist das schwache Skript die Achillesferse des Werkes, zu wenig Entwicklung lassen Romani und Marini die Figuren durchlaufen, zu scherenschnittartig bleibt die Zeichnung der Motive, so dass da nur der ewige Opern-Dreiklang aus Macht, Ehre und Liebe bleibt. Das aber tut der gelungenen szenischen Umsetzung und dem klanglichen Genuss keinen Abbruch.

Kim Lillian Strebel ist als Adelia eine echte Entdeckung. Die Britin verfügt über einen ausdrucksstarken, farbenreichen und kräftigen Sopran und spielt einfach hinreißend. Nur da und dort hätte ich mir ein wenig mehr Mut zum Piano gewünscht. Garrie Davislim ersetzt den erkrankten Konstantinos Klironomos nahezu ohne hörbare Schwierigkeiten. Sein feiner Tenor voller Strahl- und Ausdruckskraft macht sogar den Umstand vergessen, dass er den Oliviero nicht selbst spielt, das übernimmt sein Sängerkollege Peter Kubik vorzüglich. Andrei Yvan zeigt als Arnoldo hörbar gerne die Facetten seines Bariton, der über ebenso viel Kraft wie Gefühl verfügt, dafür gestaltet der Bass Uwe Tobias Hieronimi den Herzog Carlo im Dschingis-Khan-Outfit recht eindimensional. Neele Kramer ist mit warmem Mezzo eine gefällige Odetta und Aljoscha Lennert kann als Comino ebenfalls überzeugen. Schier grandios ist die Leistung der Damen und Herren des Opern- und Extrachores des TfN zu nennen. Achim Falkenhausen hat hier die Einstudierung übernommen und die Sängerinnen und Sänger gekonnt zu einer Einheit geformt. Im Graben hält er gestern versiert die Fäden zusammen und garantiert so einen rundum gelungenen Abend.

Mit dieser Ausgrabung ist dem TfN ein echter Coup gelungen und das goutiert auch das zahlreich erschienene Publikum mit lang anhaltendem und begeisterten Applaus für alle Beteiligten. Auch ich habe den Weg nach Hildesheim nicht bereut und kann Ihnen diese Rarität uneingeschränkt ans Herz legen. Den tausendjährigen Rosenstock schaue ich mir dann gerne bei meinem nächsten Besuch an.

Ihr Jochen Rüth 12.4.2018

Bilder siehe unten + Premierenbesprechung

 

ADELIA

Besuchte Vorstellung am 10. April 2018

Premiere und Deutsche Erstaufführung am 10. März 2018

Belcanto-Schatz

Da hat ja das Theater für Niedersachsen (TfN) durch seinen neuen, innovativen GMD Florian Ziemen einen echten Theater-Coup gelandet! Wer kennt schon Donizettis Oper, bzw. richtig bezeichnet sein „Melodramma serio“ „Adelia“? Aber es hat sich gelohnt, diese Rarität ans Licht zu heben, enthält sie doch solistisch und vor allem in den Ensembles bestes, herrliches Belcanto zu einem typischen Libretto jener Zeit von Felice Romani und Girolamo Maria Marini. „Adelia“ entstand 1840/41, als sich Donizetti immer noch bemühte, in Paris Fuß zu fassen. Sie beendete eine Serie von französischen Opern wie „La Fille du Régiment“ oder „La Favorite“; nach ihr gab es noch neben vergessenen Werken „Linda di Chamonix“ und den unverwüstlichen „Don Pasquale“. Zwischen diesen Meisterwerken kann sich „Adelia“ durchaus hören lassen, obwohl Donizetti bereits durch seine venerische Krankheit beeinträchtigt war.

 

Zum Inhalt: Der junge Adlige Oliviero und die bürgerliche Adelia lieben sich; dafür, dass Oliviero sie verführt haben soll, wird er von ihrem Vater, dem Kriegshelden Arnoldo, beim Herzog verklagt. Dieser verurteilt Oliviero zum Tode. Arnoldo wird jedoch durch die Klagen seiner Tochter erweicht und bittet daher, dass die Familienehre stattdessen durch die Heirat der jungen Liebenden wiederhergestellt wird. Der Herzog willigt ein, plant aber die Hinrichtung nach vollzogener Hochzeit; als Adelia dies erfährt, verweigert sie den Gang zur Kirche. Vater Arnoldo, dem seine Ehre über alles geht, besteht auf der Eheschließung. Im originalen Libretto löst Adelia den Konflikt durch Selbstmord; in Rom drängte die päpstliche Zensur auf ein „lieto fine“: Der Herzog ändert seine Meinung, die Liebenden heiraten und alles ist gut.

 

In Hildesheim gibt es eine Zwischenlösung: Es klingt das ursprüngliche Finale an, indem das Schlussduett des Liebespaars gestrichen ist, am Ende die Bühne im Dunkel versinkt und nur noch Adelia in grellem Licht dem Wahnsinn verfällt. Aus der Finsternis hört man die frohe Botschaft, dass nun doch geheiratet werden kann, und entsprechenden Jubel; beides erreicht die umnachtete Braut nicht mehr.

Dies schwächt die Unglaubwürdigkeit der Story, die durch den nachträglichen Eingriff der Zensur noch unglaubwürdiger geworden war, etwas ab, ohne den Inhalt wesentlich zu verfälschen. Überhaupt zeichnen sich die Regiearbeiten von Guillermo Amaya dadurch aus, dass er ohne unnötige Aktualisierungen oder andere sonst übliche Regie-Mätzchen auskommt, wenn man von den sinnfreien, überzeichnet wirkenden Aktionen der Choristen zur Ouvertüre und zum ersten Chor einmal absieht. Alles spielte sich in einer schwarz-weißen, sehr nüchternen, aber gut bespielbaren Szenerie ab (Bühnenbild: Hannes Neumaier). Allein die historisierenden Kostüme mit Farbtupfern (z.B. rote Socken der Damen) von Franziska Müller deuteten darauf hin, dass die Geschichte eben in früheren Zeiten spielt. Die schlüssige Inszenierung arbeitete die kontrastreichen Beziehungen der Hauptfiguren zueinander, die alle vom strengen Sittengesetz des Herzogs Carlo betroffen sind, und vor allem die spannungsgeladene Vater-Tochter-Beziehung sorgfältig heraus, wobei das Verhältnis der Liebenden zueinander etwas blass blieb, was auch daran lag, dass wie in der Premiere der Sänger des Oliviero ausgefallen war und doppelt ersetzt werden musste. 

 

 

Kim Lillian Streibel/Neele Kramer

Besonders die extremen Gefühlsänderungen der Titelfigur wurden nachdrücklich durch die junge Britin Kim-Lillian Strebel gestaltet. Dazu kam eine bereits geradezu souveräne Führung ihres farbenreichen Soprans, mit der sie die unterschiedlichen Seelenzustände ausdrucksstark zur Geltung brachte. Weiterhin begeisterten die Höhensicherheit und die in jeder Phase reine Intonation, sowohl im wunderbaren Legato-Singen als auch in den geläufigen Koloraturen. Der rumänische Bass Andrei Yvan stellte nachvollziehbar heraus, wie sehr Adelias Vater Arnoldo stur auf die Familienehre bedacht war. Die Stärken seiner Stimme liegen offenbar in guter Tiefe und weicher Mittellage, während die Höhen teilweise ein wenig forciert klangen. Garrie Davislim sang den Oliviero von der Seite, während der Bariton des Hauses Peter Kubik mehr oder weniger auf der Bühne agierte, was im Grunde nur ein Herumstehen war, letztlich eine hinzunehmende Beeinträchtigung der Gesamtdarstellung. Der australisch-irische Sänger gefiel durch angenehme Phrasierung und verbreitete den nötigen tenoralen Glanz. Als Herzog Carlo trat mit reichlich unruhiger Stimmführung Uwe Tobias Hieronimi auf; Adelias Vertraute Odetta war bei Neele Kramer und ihrem charaktervollen Mezzo gut aufgehoben; Aljoscha Lennert ergänzte als Comino, Olivieros Freund.

Chordirektor Achim Falkenhausen sorgte am Pult des aufmerksamen Orchesters für flottes Musizieren, wenn er es auch einige Male zu sehr lärmen ließ. Das gilt auch für Chor und Extrachor, die anders als sonst gewohnt reichlich undifferenziert und leider auch nicht immer ausgewogen (einzelne hervorstechende Tenöre!!) klangen.

Das Publikum zeigte sich begeistert und belohnte alle Mitwirkenden mit starkem, lang anhaltendem Applaus.

Das Theater in Niedersachsen (TfN) und seinem GMD Florian Ziemen ist es zu verdanken, dass mit „Adelia“ ein wahrer Belcanto-Schatz gehoben ist, von dem man sich dringend wünscht, dass er auch an anderen Bühnen aufgeführt wird.

Bilder: © Falk von Traubenberg (Weitere Bilder siehe unten Premieren-Besprechung)

Gerhard Eckels 11. April 2018

 

Weitere Vorstellungen: 19.,26.4.+7.,13.,25.5.+1.6.2018 u.a.

 

 

 

Erwin Kannes – Trost der Frauen oder Letterland

Premiere am 25. März 2018

Flotte Revue

Das erfolgreiche Team Peter Lund (Text) und Thomas Zaufke (Musik) brachte als dritte gemeinsame Arbeit am 21. Juni 2005 das witzige Musical in der Neuköllner Oper Berlin auf die Bühne, das auf Shakespeares „Die Lustigen Weiber aus Windsor“ basiert. In Hildesheim nahm sich Werner Bauer des den Alltag der „grünen“ Witwen ironisierenden Stoffes mit einer erfrischend munteren Neuinszenierung an. Er bewies seine Kunst der geschickten Personenführung, indem er die Protagonisten auf mehreren Spielebenen im Einheitsbühnenbild mit ausgeklügelter Lichtregie ohne Umbaupausen lebhaft agieren ließ. Dazu hatte ihm Bettina Köpp die entsprechenden Häuser der drei Freundinnen Flut, Reich und Schnell mit einfachsten Mitteln angedeutet und die Akteure mit passenden Frisuren und farbenfroher Kleidung der 60er Jahre versehen. Dazu steuerte Annika Dickel mitreißende Choreographien bei.

Alexander Prosek

Mit einem gelungenen Anfang steht und fällt der Erfolg einer Musical-Inszenierung: Hier zündete der schwungvolle Ensemble-Auftritt mit dem Lied über das Land, wo keiner weint, wo Tag und Nacht die Sonne scheintsofort und riss die Zuschauer zu spontanem Applaus hin. Mit dem eigenen Musical-Team des TfN (Theater für Niedersachsen) standen Bauer hervorragende Spezialisten zur Verfügung: Der vorgebliche Frieden der Vorstadtsiedlung wurde durch den prollig-schmierigen Erwin Kannes gestört: Als Falstaff-Figur wunderbar eingesetzt entsprach Alexander Prosek dem unappetitlichen „Frauenversteher“ Erwin Kannes ideal, der trotz allem eine gewisse Ausstrahlung hat, die ihm die Frauen in die Arme treibt: Er kann nämlich tanzen! Die von Erwin umworbenen Damen, nachdem er schon die halbe Vorortsiedlung beglückt hatte, waren Marysol Ximénez-Carrillo als Frau Flut (glückliche Mutter von Zwillingen) und Franziska Becker als Frau Reich, die jeweils einen obzönen Brief von ihm erhalten haben („Ich weiß, was Du brauchst“), während die Dritte im Bunde, Elisabeth Köstner als Kimberley Schnell, ohne Brief auch empört war, so dass sie einen Racheplan schmiedeten, den Melanie Flut ausführen sollte. Beim ersten Treffen verunsicherte Erwin sie jedoch schon bald durch seinen Auftritt mit „Tanzen Sie einen Tango mit mir“; das Unternehmen „Rache“ scheiterte aber schnell an der Rückkehr ihres Mannes, dessen Eifersucht durch das komische Gebaren der Frauen angefacht wurde; nebenbei wurde Erwin statt im Wäschekorb in die Themse in einem Wäschesack zur Reinigung geschafft. Auch Kimberley Schnell als liebeshungrige Anwältin erliegt dem tanzenden Erwin („Tanzen Sie einen Walzer mit mir“), als sie den zweiten Anlauf zur Rache der Frauen einfädelte, der ebenfalls missglückte; diesmal entkam Erwin als muslimische Putzfrau mit Kopftuch vermummt, ein Ereignis für sich, das aber in der heutigen Zeit etwas zwiespältige Gefühle aufkommen lässt. Jens Krause überzeugte als wütender Flut ebenso, wie als überforderter Familienvater, der sich schließlich noch von der angeblich „besten“ Freundin seiner Frau verführen lässt.

Franziska Becker/Marysol Ximénez-Carillo/Elisabeth Köstner

Das junge Paar, dass sich erst allmählich findet, spielten Kara Kemeny als anfangs sehr zurückhaltende Anna Reich und Tim Müller als verschlossener Karl-Heinz Bürger, der noch nicht weiß, wie er mit Mädchen umgehen soll („Und plötzlich verschwinden die Sterne“). Ein weiteres junges Paar, das auch erst auf Umwegen zusammenkommt, waren die stimmstarke Valentina Inzko Fink als blondes Dummchen Sandy Deutschmann und Jürgen Brehm als sie schon lange liebender Einfaltspinsel Oliver Konnopke („Zweite Wahl“).

Das Stück gipfelt, nachdem bei nahezu allen Akteuren einige Briefe für ein Treffen mit dem oder der jeweils Liebsten in Erwins Party-Keller eingetroffen waren, im Aufeinandertreffen aller im dezenten Halbdunkel eines Swinger-Clubs und endet mit einem gemeinsamen, in barocker Manier vorgetragenen Lob auf die körperliche Liebe.

Entscheidenden Anteil am erfolgreichen Abend hatte Andreas Unsicker,

der vom Keyboard der versierten 6-Mann-Kapelle aus die Sänger und Musiker sicher durch die schmissigen und romantischen Melodien führte.

Das Premierenpublikum sparte nicht an Applaus für das gesamte Ensemble und das Regieteam des überaus unterhaltsamen Abends und feierte alle Beteiligten lange mit standing ovations. Es lohnte sich einmal mehr, nach Hildesheim zu fahren.

Fotos: © Benjamin Westhoff

Marion Eckels 26.03.2018

 

Weitere Vorstellungen:

11.04./14.04./21.05./9.06./14.06.2018 und an anderen Orten

 

 

ADELIA

oder die Tochter des Bogenschützen

Besuchte Premiere und Deutsche Erstaufführung am 10.03.18

Unbekannte Belkanto-Perle gehoben

"Adelia oder die Tochter des Bogenschützen" von Gaetano Donizetti, na, wer kennt diesen Titel? Die meisten Leser wohl nicht, selbst bei Freunden des Belkanto-Meisters aus Bergamo findet sich oft ein "weißer Fleck". Dem kann jetzt am Stadttheater Hildesheim, oder vielmehr am Theater für Niedersachsen abgeholfen werden. Dabei ist die Oper die Nummer 64 im Schaffen des Komponisten, glaube ich jedenfalls, und immerhin nach Meisterwerken wie "La Favorite" und "La Fille de Regiment" entstanden, also auf der Höhe seines Könnens. Nach dem Erleben kann ich sagen , böse Umstände müssen den Erfolg verhindert haben. Die Oper klingt einfach prachtvoll, die Melodien sind inspiriert und mitreißend, bestes Sängerfutter. Das Libretto funktioniert besser als manch`andere Belkantohandlung und bietet spannende psychologische Situationen, unter den Librettisten findet sich immerhin Felice Romani !

Die Handlung ist relativ geradlinig: die Bürgerliche Adelia und der Adelige Oliviero haben miteinander ein Liebesverhältnis, daraufhin steht die Todesstrafe. Als Vater Arnoldo, ein kriegerischer Bogenschütze zurückkehrt, erzählt ihm der Chor davon, auch der Herzog Carlo, dessen Günstling Oliviero ist, dringt auf Einhaltung der Gesetze. Während also von den Sängern der Bassbariton immer nur auf die Ehre des Vaters erpicht ist, gilt für den Bass der unsägliche Standesdünkel des Adels. Doch der Vater läßt sich erweichen und erfordert als Gnade, die er für seine stattlichen Dienste hält, die Hochzeit des ungleichen Paares. Es könnte jetzt ein glückliches Ende geben, doch der Fürst läßt für gleich nach der Feier ein Blutgerüst aufbauen. Nachdem Adelia diese Tücke gesteckt wurde, versucht sie ihre eigene Ehe zu verhindern, in kurzer Zeit gibt es ein auf und ab der schrecklichsten psychischen Situationen für die Titelheldin, die sie schier in den Wahnsinn und Suizid treiben, letzteres verhindert allein die römische Zensur von 1841, so daß es ein kurzes etwas aufgepfropftes "lieto fine" gibt.

Guillermo Amaya inszeniert die Erstaufführung ohne große Schnörkel gerade nach dem Libretto und es gelingt ihm ein echtes Psychodrama auf die Bühne zu stellen, die Personen- und Chorführung weist eine wirklich hohe Spannungsdichte auf, das Bühnenbild von Hannes Neumaier wirkt in seiner sehr sachlichen Kühle dabei etwas unspezifisch, dafür sind die historisierenden Kostüme von Franziska Müller gut anzusehen und charakterisieren gut das etwas puritanische Milieu und die frühere Zeit der Handlung. Manchem Musiktheaterenthusiasten mag das vielleicht etwas bieder anmuten, es erfüllt jedoch gut seinen Zweck und läßt einen die unbekannte Oper bestens aufnehmen und beurteilen.

Nachdem man in Hildesheim sorgfältigerweise, bei so einer Rarität, die Hauptpartien, bis auf den Tenor, doppelt besetzten konnte, was passiert nach der Generalprobe natürlich, na, fragen sie Herrn Murphy: richtig ! Der Tenor wird krank. Innerhalb kürzester Zeit hat Garrie Davislim vom Staatstheater Darmstadt versucht vom Bühnenrand möglichst guten musikalischen Ersatz zu bieten, ganz großen Dank und Respekt für diese schwierige Leistung, die er mit seinem sehr angenehmen "tenore di grazia" durchaus schon mit mancher Feinheit des Vortrags zu würzen wußte. Der Regisseur übernahm für die Szene die nötigen Aufgaben und sorgte für einen reibungslosen Ablauf auf der Bühne.

Kim-Lillian Strebel nahm in der Titelrolle der Adelia mit sehr starker Präsenz für sich ein und wußte das Publikum ordentlich anzurühren, wenngleich ihre vokalen Vorzüge nicht in den virtuosen Koloraturen mit einer leicht verhärteten Höhe lagen, sondern in einer warmen fraulichen Tiefe und Mittellage und eben berührender Empathie des Ausdrucks, doch das macht das eigentlich Wesentliche von Belkanto-Gesang aus. Andrei Yvan beeindruckt als Vater Arnoldo, trotz leicht belegter Höhe, durch herrliche Legato-Kultur. Eine Vater-Tochter-Konstellation, wie später bei Verdi so typisch wird. Hildesheimer Bass-Urgestein Uwe Tobias Hieronimi stellt einen stattlichen Fürsten Carlo auf die Bretter. Als Comino lässt Aljoscha Lennert mit wackerem Tenor aufhorchen, Neele Kramer sekundiert die Odetta ohne aus der Nebenrolle eine Nebenrolle zu machen.

Die vierte Hauptrolle der Oper liegt bei der Chorpartie, die wahrlich keine kleine ist; die Opern- und Extrachor unter Achim Falkenhausen meistert seine reichen Aufgaben mit hervorragender vokaler wie szenischer Präsenz. Besonders die wunderbare Introduktion zum ersten Akt, auch in der experimentellen Anlage des Komponisten, hat mich nachhaltig beeindruckt. GMD Florian Ziemen weiß, wie italienische Oper geht und heizt mit Verve und ordentlich Belkanto-Feuer durch die Oper, das es einfach Freude macht. Das Orchester folgt mit einigen Feinheiten und großer Präzision. Die zweieinviertel Stunden vergehen wie im Fluge und das begeisterte Publikum feiert alle Beteiligten und auch die unbekannte Oper mit tosendem Schlussapplaus. Natürlich ist das Theater Hildesheim keine Mailänder Scala, doch so wird tolles Musiktheater gemacht: ein Triumph der "Provinz", die gar nicht provinziell ist. Allen Opern- und Belkantofreunden sein eine Fahrt nach Hildesheim ans Herz gelegt, schon mindestens allein des Werkes wegen, dem man gerne wieder auf den Spielplänen begegnen möchte: das TfN hat einen echten Coup geliefert!

Martin Freitag 15.3.2018

Fotos (c) Falk von Traubenberg

 

 

AB IN DEN WALD

Premiere am 05. Januar 2017

Märchen-Collage

Nach großem Erfolg in New York 1987 gelangte das Musical “Into the Woods” von Stephen Sondheim (Musik und Liedtexte) und James Lapine (Buch) erst 28 Jahre nach der Deutschen Erstaufführung in Heilbronn nach Hildesheim. Craig Simmons hatte es übernommen, die Inszenierung und Choreographie der Original-Broadwayproduktion von Lapine auf die Bühne zu bringen, und das mit riesigem Erfolg. Esther Bätschmann sorgte für die passende Ausstattung mit wenigen treffenden Versatzteilen, schmalen grünen und braunen Hängern als Wald und hübschen, teils schrill plakativen Kostümen. Es wurde durchgängig die deutsche Fassung von Michael Kunze geboten, wobei manche Songs durchaus im englischen Original verständlich gewesen wären.

Franziska Becker/Alexander Prosek

Die turbulente Geschichte bezieht ihren Witz aus der Verbindung verschiedener Grimmscher und anderer Märchen, die durch eine dazu erfundene Rahmenhandlung von einem kinderlosen Bäckerpaar, auf dem ein Fluch der nachbarlichen Hexe lastet, verbunden werden. Dabei sind u.a. Hans („im Glück“), Rotkäppchen und Aschenputtel. Um den Fluch zu lösen, muss der Bäcker vier Dinge für den Hexentrank herbeischaffen: Eine milchweiße Kuh, ein rotes Mäntlein, kornfarbenes Haar und einen goldenen Schuh. Ein Erzähler (Jens Krause) beginnt, mit „Es war einmal in einem fernen Königreich“ in den munteren Abend einzuführen. Alle Märchenfiguren, die nun auftreten, haben eigene sehnsüchtige Wünsche und treffen auf der Suche nach deren Erfüllung „im Wald“ zusammen; dabei entstehen witzige und brenzlige Situationen, wobei jedoch nur ein Riese im Laufe des Gefechts sein Leben lassen muss, bis sich alles positiv löst und auch die Hexe in eine schöne junge Frau verwandelt wird.

Da gibt es aber noch den 2. Teil; ein Jahr später stellt sich die Lage ganz anders dar:

Die Witwe des getöteten Riesen will sich für den Tod ihres Mannes rächen und verlangt die Herausgabe des Mörders. Nun bricht zwischen den bisher offenbar friedlich zusammen lebenden Parteien ein heftiger Streit aus, in dem sie sich gegenseitig beschuldigen (Ensemble: „Du bist schuld“). Dabei werden die unterschiedlichen Charaktere deutlich und dass längst nicht alle so glücklich sind, wie sie vorgeben. Bei der Suche nach Hans, der den Riesen aus Versehen getötet hatte, stellt sich im Wald heraus, dass Aschenputtel von ihrem Prinzen mehrmals betrogen worden ist, dass er die Bäckersfrau verführt hat und schon nach Dornröschen schmachtet. Sein Bruder hat übrigens nach Rapunzel nun Schneewittchen im Auge. Schließlich bleiben nur noch Hans, Rotkäppchen, Aschenputtel und der Bäcker mit seinem Kind übrig, um den moralisierenden Schluss zu ziehen „Niemand ist allein“.

Achim Falkenhausen leitete das Orchester des TfN mit viel Schwung, der sich auf das gesamte Ensemble übertrug, das zu Höchstform auflief. Außer der häufig wiederholten Titelmelodie „Ab in den Wald“ blieben nur wenige Songs haften. Aus dem ausgesprochen spielfreudigen Ensemble seien einige Einzelleistungen hervorgehoben: Da gab es Franziska Becker, die darstellerisch und gesanglich als furchterregende Hexe ebenso wie als erlöstes, attraktives Glamour-Girl begeisterte. Das sympathische Bäckerpaar waren Alexander Prosek und Valentina Inzko Fink, die mit „Nur zu zweit“ eine ihrer Streitigkeiten beendeten.

Ein besonderes Highlight war der Auftritt von Tim Müller als Wolf mit „Hallo, kleine Frau“, der auch als Aschenputtels Prinz gute Figur machte. Er und Peter Kubik als köstlich ironisierende Prinzenbrüder rissen das Publikum mit „Liebesqual“ zu Beifallsstürmen hin. Ein quirliges Rotkäppchen war Sandra Pangl, deren nachdenkliches „Ich weiß jetzt mehr“ anrührend gelang. Als liebenswertes Aschenputtel gefiel die schönstimmige Elisabeth Köstner.

Das Publikum dankte der nicht hoch genug einzuschätzenden Ensembleleistung aller mit stehenden Ovationen und lang anhaltendem Applaus.

Fotos: © J.Quast

Marion Eckels 21.01.2018

Weitere Vorstellungen: 23.01, 11./28.02./12.03. und an anderen Orten

 

 

ORPHEUS oder

DIE WUNDERBARE BESTÄNDIGKEIT DER LIEBE

Premiere am 2. Dezember 2017

Barocke Pracht

Siri Karoline Thornhill/Choristinnen

Lange gab es in Hildesheim keine barocke Oper mehr, was den neuen GMD Florian Ziemen veranlasst hatte, alle Akteure des Hauses dazu zu bringen, sich auf die Aufführung von Telemanns „Orpheus“ in historischer Manier auf allen Ebenen, im Orchestergraben sowie auf und hinter der Bühne, einzulassen. Der große Erfolg der umjubelten Premiere gab ihm Recht, allen war ein besonderes, hochinteressantes Projekt gelungen.

Die Geschichte um den Sänger Orpheus haben die Komponisten seit der Renaissance immer wieder fasziniert. Auch Georg Philipp Telemann hat in einer seiner rund 50 Opern diesen mythologischen Stoff aufgegriffen. Das Handlungstableau ist neben anderen um Orpheus‘ Freund Eurimedes und die Figur der thrakischen Königin Orasia erweitert, die ebenfalls in den Sänger verliebt ist und Eurydikes Tod durch einen Schlangenbiss einfädelt. In Hildesheim, wo Telemann von 1697 bis 1701 das Gymnasium Andreanum besucht hat, hatte „Orpheus“ nun passend zum 250. Todestag des früher von manchen als „Vielschreiber“ denunzierten Komponisten Premiere.

Die 1726 in Hamburg uraufgeführte Komposition überrascht zunächst durch eine für die Barockzeit ungewöhnliche Lockerheit, indem Rezitative, Arien, Tanz- und Chorstücke nahtlos ineinander übergehen. Außerdem führt Telemann verschiedene nationale Musikstile zusammen, wenn er bei innerer Verzweiflung eine französische Air, bei Rache-Gedanken eine italienische Aria oder, wenn es um die Liebe geht, eine deutsche Arie singen lässt. In der Person der hinzugefügten Orasia kulminiert dies auf besondere Weise: Voller Emphase singt sie von ihrer Liebe zu Orpheus („Lieben und nicht geliebet seyn“) und beschließt in einer rasanten Rache-Arie Eurydikes Tod („Sù, mio core, à la vendetta“). Zu den fremdsprachlichen Arien gab es augenunfreundliche Obertitel, die jedenfalls bei den Sängerinnen durchgängig nötig gewesen wären.

Mit der belgischen Regisseurin und Choreografin Sigrid T’Hooft hatte das Theater für Niedersachsen (TfN) eine Barock-Spezialistin engagiert, die für historische Aufführungspraxis bekannt ist, die in Hildesheim überaus deutlich wurde. Ausstatter Stephan Dietrich hatte einen typisch barocken Bühnenraum geschaffen, in dem die prächtig kostümierten Sägerinnen und Sänger mit heute nicht mehr gebräuchlichem Gestus agierten, wobei der Text detailliert auf dazu gehörende Gesten umgelegt wurde. Das geschah so konsequent, dass jeder Realismus entsprechend der barocken Aufführungspraxis vermieden wurde, um alles sehr künstlich und „schön“ wirken zu lassen. Die Kostüm- und Maskenabteilung des TfN hatte ganze Arbeit geleistet: So waren die Kleidung sowie die Hochfrisuren und Kopfaufbauten der Königin Orasia und des Pluto schöne Beispiele ausladender Üppigkeit und barocker Prachtentfaltung. Vor allem in der Unterwelt schlug die Fantasie des Kostümbildners Purzelbäume, indem die Furien als Traumfiguren und abenteuerlich maskierte Fabeltiere auftraten.

 

Auch aus dem hochgefahrenen Orchestergraben hörte man Historisches: Für die Streicher waren extra Barockbögen angeschafft worden, und mit Hilfe von spezialisierten Gästen (Flöten, Laute und Cembalo) gelang unter der inspirierenden Leitung von Florian Ziemen ein jederzeit gut durchhörbarer Klang. Dabei wurden mit nie nachlassendem Vorwärtsdrängen die dramatischen Effekte ebenso wirksam herausgearbeitet wie schönes Innehalten bei den nicht wenigen lyrischen Passagen. Mit der barocken Singweise kam das Opernensemble weitgehend gut zurecht. Die Titelfigur war Peter Kubik anvertraut, der mit seinem in allen Lagen durchgebildeten lyrischen Bariton besonders in den vielen genüsslich ausgesungenen Kantilenen positiven Eindruck hinterließ. Für die virtuose Partie der Orasia war die englisch-norwegische Sopranistin

Siri Karoline Thornhill engagiert, die ihre Bravour-Arien mit gestochen klaren Koloraturen und genau getroffenen schwierigen Intervallen gut bewältigte.

 

Levente György gefiel mit den Herrscher der Unterwelt Pluto ironisierender Bühnenpräsenz, wenn auch der barocke Ziergesang mit seinem voluminösen Bass nicht seine Sache war. Als Eurydike fiel Meike Hartmann durch schlanken, blitzsauberen Sopran auf. Den Freund des Orpheus Eurimedes gab Konstantinos Klironomos mit frischem, charaktervollem Tenor. Witzig war das Outfit von Neele Kramer als schuppiger Höllenhund Ascalax, eigentlich Diener des Pluto, die erneut mit ihrem farbenreichen Mezzo gefiel, während der kultivierte Sopran von Antonia Radneva gut zur Hofdame Ismene passte.

Peter Kubik/Steffi Fischer/Konstantinos Klimonoros/Choristinnen

Neben den eleganten Tänzerinnen Annika Dickel und Sabrina Hauser erwiesen sich Steffi Fischer (Cephise), Karin Schibli (Priesterin), Daniel Käsmann (Ein Geist) und Stephan Freiberger (Echo) als tüchtige Chorsolisten. Die sechs Choristinnen nahmen durch ausgewogenen Klang für sich ein, während der Gesamtchor (Achim Falkenhausen) diesmal allzu männerstimmenlastig war.

Lang anhaltender, jubelnder Applaus und „standing ovations“ des begeisterten Premierenpublikums belohnte das mutige Projekt.

 

Bilder: © Falk von Traubenberg

Gerhard Eckels 3.Dezember 2017

 

Weitere Vorstellungen: 5.,9.,25.12.2017 + 16.,25.1.2018 u.a.

 

 

AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY

Besuchte Vorstellung am 28. Oktober 2017

Premiere am 23. September 2017

Geglückter Einstand

Nicht mit einer populären Oper hat der neue GMD des Theaters für Niedersachsen Florian Ziemen seine erste Spielzeit eröffnet, sondern mit der immer noch hochaktuellen Geschichte von Bertolt Brecht und Kurt Weill mit seiner eigenwilligen, teilweise jazzigen Musik und den bekannten Songs „Oh Moon of Alabama“ oder „Denn wie man sich bettet, so liegt man“ – ein mutiger, aber geglückter Einstand. 

Das flüchtige Ganoventrio Leokadja Begbick, der Prokurist Fatty und Dreieinigkeitsmoses gründen in einsamer Gegend eine Stadt, die sie Mahagonny („Netzestadt“) nennen; in diesem Netz wollen sie Goldgräber und Glückssucher fangen, die ihr Geld ausgeben sollen. Die Stadt blüht auf und zieht neben Jenny und sechs weiteren leichten Mädchen auch vier Holzfäller an: Jim Mahoney, Jakob Schmidt, Alaskawolfjoe und Sparbüchsenbill sind nach sieben Jahren Alaska auf der Suche nach Vergnügen. Es hat sich herumgesprochen, dass hier in Mahagonny aber auch alles für Geld zu haben ist. Eine Zeit lang geht das gut, doch dann bleiben die Gäste weg. Als die Vernichtung durch einen Taifun droht, richten sich alle nach Jims neuer Losung „Du darfst! - alles ist erlaubt“. Doch der Sturm verschont die Stadt, die nun erst so richtig aufblüht: Fressen, Lieben, Saufen und Prügeln. Jim setzt sein letztes Geld auf den Sieg von Joe im Boxkampf gegen Dreieinigkeitsmoses, der jedoch für Joe tödlich endet; außerdem lädt Jim alle Männer zu einem Saufgelage ein, das er letztlich nicht bezahlen kann – das schwerste Verbrechen in Mahagonny. Vor Gericht, dem die Begbick vorsitzt, kann sich der Mörder Tobby Higgins durch Bestechung freikaufen, Jim dagegen wird wegen Zechprellerei zum Tode verurteilt und gehängt. Das zügellose Leben in der Stadt steigert sich immer mehr, bis es selbst Gottvater, gespielt von Dreieinigkeitsmoses, zu bunt wird. Er will die Bewohner in die Hölle schicken, doch sie weigern sich ganz einfach. Brennend versinkt Mahagonny in Schutt und Asche.

Uwe Tobias Hieronimi/Neele Kramer/Christoph Waltle

Diese „bitterböse Analyse der Wirklichkeit des Kapitalismus“ (Ulrich Schreiber) von so bedrückender Aktualität hat in Hildesheim der 84-jährige Hans Hollmann neu inszeniert. Dazu hatte die Ausstatterin Romina Kaap eine überdimensionale Kommode erstellt, vor und neben der sich das Geschehen meist abspielte. Darüber schwebte ein Bilderrahmen mit einer weißen Totenmaske. Hier oben gab es dann zum Finale ein paar kleine Flammen – ein bisschen dürftig für den Untergang einer ganzen Stadt. Ihre ganze überbordende Fantasie hatte die Ausstatterin allerdings in grelle, knallbunte Kostüme gesteckt, in denen sich das überaus spielfreudige Ensemble und die Choristen auf der sonst eher leeren Bühne tummelte. Das war überhaupt das Auffälligste dieser Inszenierung, wie lebendig alle agierten. Der österreichische Altmeister der Regie hat hier erneut bewiesen, wie ausgezeichnet er Darsteller zu bewegen weiß.

Dabei gelang es allen, bei der lebendigen Spielweise auch noch prächtig zu singen und die hohen Anforderungen, die der Komponist an sie stellt, mit Sprechgesang, aber auch mit ausladenden Kantilenen gut zu erfüllen. Einziger Wermutstropfen in diesem Zusammenhang war die schlechte Textverständlichkeit, was wohl auch der dicken, bläserlastigen Instrumentierung geschuldet war.

Da war zunächst das Gaunertrio, angeführt von Leokadja Begbick, die mit

Neele Kramer erstklassig besetzt war; die junge Sängerin versah die „Chefin“ der Truppe mit einem gehörigen Schuss Sex-Appeal und ihrem in allen Lagen gut ansprechenden Mezzosopran. Ihr zur Seite profilierten sich tenoral sicher Christoph Waltle als Fatty, der Prokurist, und der stimmkräftige Uwe Tobias Hieronimi als skurriler Dreieinigkeitsmoses. Meike Hartmann punktete als Jenny Hill mit dem bekanntesten Song des Werkes, dem sehnsuchtsvollen „Oh Moon of Alabama“, den sechs Chordamen ebenso innig begleiteten. Das sentimentale Liebesduett präsentierte sie ausgesprochen schönstimmig gemeinsam mit Hans-Jürgen Schöpflin (Jim Mahoney), der im Übrigen mit kraftvollem Tenor beeindruckte.

 

Neele Kramer/Aljoscha Lennert/Meike Hartmann/Hans-Jürgen Schöpflin/Levente György/Peter Kubik

Seine Holzfäller-Kumpel waren mit polterndem Bass Levente György (Sparbüchsenbill), mit gepflegtem Bariton Peter Kubik (Alaskawolfjoe) und mit vielseitigem Tenor Aljoscha Lennert (Jakob Schmidt), der auch den Mörder Tobby Higgins gab.

Schließlich waren ebenfalls mit auffallender Spielfreude die Mitglieder des Opernchors, des Extra- und Jugendchors bei der Sache, ohne dass die Klangausgewogenheit der unterschiedlichen Chöre darunter litt (Einstudierung: Achim Falkenhausen). Den Ausdrucksreichtum dieser doch sehr speziellen Oper brachte der neue musikalische Leiter des TfN Florian Ziemen mit sicherer Hand zur Geltung. Ob es die technisch nicht einfache Fuge beim Nahen des Taifuns, die sechs konzertierenden Blasinstrumente beim Liebesduett oder die ausladenden Chorszenen waren, er sorgte am Pult des an diesem Abend sehr gut disponierten Orchesters mit präziser Zeichengebung und nie nachlassender Energie dafür, dass sich der typische Weill’sche Sound in ansprechender Weise entfalten konnte.

Starker, begeisterter Beifall des Publikums belohnte alle Mitwirkenden. 

Bilder: © Isabel Winarsch

Gerhard Eckels 29.10.2017

 

Weitere Vorstellungen: 3.,10.11.+11.12.2017 + 19.11.2017 (in Wolfenbüttel)

 

 

 

 

SAISONVORSCHAU 2017 / 18

OPER/OPERETTE:

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – Premiere 23.9.2017

(Dirigent: Florian Ziemen, Inszenierung: Hans Hollmann)

Orpheus oder die wunderbare Beständigkeit der Liebe (Telemann)

– Premiere 2.12.17

(Dirigent: Florian Ziemen, Inszenierung: Sigrid T’Hooft)

Adelia (Donizetti) Deutsche Erstaufführung am 10.3.2018)

(Dirigent: Florian Ziemen, Inszenierung: Guillermo Amaya)

Das Tagebuch der Anne Frank (Gregori Frid) – Premiere am 28.3.2018

(Dirigent: Sergei Kiselev, Inszenierung: Thomas Barthol)

Die Blume von Hawaii (Paul Abraham) – Premiere 5.5.2018

(Dirigent: Florian Ziemen/Gabriel Venzago, Inszenierung: Hans Walter Richter)

 

WIEDERAUFNAHMEN:

Der Freischütz – Wiederaufnahme am 3.10.2017                       

Der Zigeunerbaron – Wiederaufnahme am 8.10.2017

Die verkaufte Braut – Wiederaufnahme am 22.10.2017

 

MUSICAL:

Love Story (Musical von Howard Goodall und Stephen Clark)

 – Premiere 20.8.2017

(Inszenierung: Jörg Gade, Dirigent: Andreas Unsicker)

Frühlings Erwachen (Musical von Duncan Sheik und Stephen Sater)

– Premiere 7.10.2017

(Inszenierung: Craig Simmons, Dirigent: Andreas Unsicker)

Ab in den Wald (Musical von Stephen Sondheim und James Lapine)

– Premiere 20.1.2018

(Dirigent: Achim Falkenhausen, Inszenierung: Craig Simmons,)

Erwin Kannes – Trost der Frauen (Letterland) (Musical von Peter Lund und Thomas Zaufke) – Premiere 5.1.2017

(Dirigent: Andreas Unsicker)

 

DOKTOR FAUST

Besuchte Vorstellung am 26. April 2017

Premiere am 15. April 2017

Atmosphärisch dicht

Albrecht Pöhl

Mit der selten gespielten Busoni-Oper verabschiedet sich GMD Werner Seitzer, der jahrzehntelang Garant war für hohes musikalisches Niveau am kleinen Stadttheater Hildesheim, seit geraumer Zeit „Theater für Niedersachsen“ (TfN). Zugleich ist die Produktion wegen des vertonten Streits der Theologie-Studenten über Luthers Lehre in Wittenberg ein Beitrag des Theaters zum 500-jährigen Reformationsjubiläum. Der 1866 geborene Deutsch-Italiener Ferruccio Busoni hatte sich bei seinem unvollendet gebliebenen musikdramatischen Hauptwerk für den Faust des mittelalterlichen Puppenspiels entschieden; jede Nähe zu Goethe vermied er aus großem Respekt gegenüber dem Dichterfürsten. Philipp Jarnach vollendete die nach Busonis Vorwort zur Partitur „an das alte Mysterium anknüpfendende“ Oper, die am 21. Mai 1925 in Dresden uraufgeführt wurde. Anders als derzeit in Dresden wählte man in Hildesheim diese von Jarnach ergänzte und vollendete Fassung.

Die Verwirklichung der „Faust“-Oper von Busoni ist wegen des schnellen Wechsels ihrer sehr unterschiedlichen, fast ohne Bezug zueinander stehenden Szenen und der hohen musikalischen Anforderungen für jedes Haus eine ungemein anspruchsvolle Aufgabe. Auch für die Zuschauer ist sie aus diesen Gründen ziemlich schwere Kost, so dass in der besuchten Vorstellung nicht alle bis zum Schluss durchgehalten haben.

In Hildesheim ist Uwe Schwarz eine atmosphärisch dichte Inszenierung gelungen, wohl auch deshalb, weil sich der Ausstatter Philippe Miesch auf wenige, den jeweiligen Spielort kennzeichnende Elemente im grauen Einheitsbühnenbild beschränkt hat, das allerdings mit raffinierter Beleuchtung und Projektionen gefüllt wird.

 


Zu Beginn beschwört der Gelehrte und Alchimist Doktor Faust mit Hilfe eines magischen Buches, das ihm drei geheimnisvolle Studenten aus Krakau übergeben haben, sechs Geister; der sechste ist niemand anderes als Mephisto, der für seine Dienste zur Bedingung macht, dass Faust ihm nach seinem Tod dient, was dieser ablehnt. Da ihn aber Gläubiger und andere von ihm betrogene Menschen bedrohen, beauftragt Faust Mephisto, diese zu töten, was weitreichende Folgen hat, denn damit ist der Pakt geschlossen; das mit Blut unterzeichnete Schriftstück dient Mephisto nur als Sicherheit. Ironischerweise erklingen zum Teufelspakt von draußen ein „Gloria“ und ein österliches „Alleluja“. In einer Kapelle bittet ein Soldat in mittelalterlicher Ritterrüstung Gott um Hilfe zur Rache für den Tod seiner Schwester, die Faust verlassen hat. Mephisto schafft ihn aus dem Weg, indem er arrangiert, dass dieser von einem Soldatentrupp erschlagen wird. Erneuter Szenenwechsel: Am Hof von Parma hilft Mephisto Faust, die junge Herzogin zu verzaubern und sie ihrem Gatten vor der Hochzeitsnacht zu entführen. Zurück in Wittenberg erlebt der in einer Kneipe (hier eher ein Hörsaal) mit katholischen und lutherischen Studenten diskutierende Faust, wie Mephisto, als Kurier auftretend, sein Parma-Abenteuer in Bänkelmanier vorträgt und ihm ein totes Kind, eine Strohpuppe, als letzten Gruß der Herzogin vor die Füße wirft. Aus der Asche der verbrennenden Puppe beschwört Mephisto die schöne Helena herauf. Faust gerät fasziniert in Ekstase, erkennt sich aber als „weiser Narr“, als sich die Frauenfigur als Trugbild entpuppt. Die drei Krakauer Studenten fordern ihr Buch zurück; doch Faust hat es inzwischen vernichtet, worauf ihm die drei den nahen Tod verkünden. Die Schlussszene spielt nachts auf einer verschneiten Straße: Eine Bettlerin, in der Faust die Herzogin zu erkennen glaubt, gibt ihm ihr neugeborenes Kind. Er sucht in der Kirche Zuflucht und sinkt vor einem Kruzifix nieder, doch Mephisto verwandelt den Gekreuzigten in Helena. Mit letzter Kraft führt Faust eine fantastische Beschwörungszeremonie durch, mit der er erreichen will, dass seinem sterbenden Kind das gelingen möge, was ihm nicht vergönnt war. Zum zweiten Ruf des als Nachtwächter verkleideten Mephisto stirbt Faust, und aus dem Kind entsteigt ein Jüngling mit grünendem Zweig, Fausts „ewiger“ Wille, der zu neuem Leben erstanden ist. Der Schluss in Hildesheim ist überraschend; denn als Mephisto den Leichnam mit der lapidaren Frage „Sollte dieser Mann verunglückt sein?“ wegschaffen will, bäumt sich Faust auf und zieht Mephisto zu sich herab.

 

 Antonia Radneva/Albrecht Pöhl/Konstantinos Klironomos/Statistin

Die verschiedenen Szenen in „Doktor Faust“ werden auch musikalisch jeweils sehr unterschiedlich gestaltet: So gibt es beim Teufelspakt kunstvoll polyphone Osterklänge mit Orgel und Glockengeläut, während sich am Hof zu Parma eine geradezu barocke Tanz-Suite entwickelt. In Wittenberg fließen das katholische Te Deum und der protestantische Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ in einer Fuge zusammen. All dies passt zu Busonis im Vorwort zu „Doktor Faust“ erläuterter Auffassung, dass „die Oper alle Mittel und Formen … vereint in sich birgt, sie gestattet und sie fordert.“

Dass das Geschehen um Faust und Mephistopheles insgesamt so intensiv und packend war, lag ganz wesentlich an der ausgezeichneten Gestaltung durch die mit kluger Personenregie geführten Protagonisten. Wie Albrecht Pöhl den Faust als zunächst überheblichen „Alleskönner“ darstellte, der am Schluss daran verzweifelt, dass er wie alle Menschen vergänglich ist, das hatte in starker Eindringlichkeit darstellerisch hohes Niveau. Dazu kam die glänzende stimmliche Bewältigung des alles andere als einfachen Parts. Gerade Faust hat häufig gegen den dicht instrumentierten Orchesterklang anzusingen, was dem Bariton mit abgerundeter, volltimbrierter Stimme durchgehend gut gelang. Sein Gegenspieler Mephistopheles war Hans-Jürgen Schöpflin anvertraut, der den Teufel mit der nötigen Dämonie versah und der seinen teilweise passend schneidend scharfen Tenor differenziert einzusetzen wusste. In bewährter Manier war Uwe Tobias Hieronimi Fausts Famulus Wagner, später Universitätsrektor, und der komische Zeremonienmeister am Hof zu Parma. Hier war man dankbar über den Auftritt von Antonia Radneva als Herzogin, ein Lichtblick in der männerlastigen Oper, die endlich etwas lyrischere Passagen hören ließ. Dabei imponierte sie durch Höhen- und Intonationssicherheit ihres klaren Soprans. In weiteren kleineren Partien waren jeweils in verschiedenen Rollen Konstantinos Klironomos mit feiner Tenor-Lyrik zu erleben, Peter Kubik mit charaktervollem Bariton u.a. als des Mädchens Bruder, Aljoscha Lennert und Levente György u.a. als stimmkräftige Studenten aus Krakau und in Wittenberg, sowie Piet Bruninx (u.a. Theologe) und Jan Kristof Schliep (u.a. ein Leutnant).

Hans-Jürgen Schöpflin/Choristen

Am Pult des gut disponierten Orchesters sorgte Werner Seitzer dafür, dass die verschiedenen Facetten der variantenreichen Partitur sinnfällig ausgedeutet wurden. Wie so oft in Hildesheim entwickelten Opernchor, Extrachor und Studierende der Musikhochschule Hannover in der Einstudierung von Achim Falkenhausen prächtigen, ausgewogenen Chorklang.
Das Publikum war zu Recht sehr angetan und spendete lang anhaltenden Beifall für alle Beteiligten.

Gerhard Eckels 27.4.2017

Bilder: Jochen Quast

Weitere Vorstellungen: 14.,25.,30.5.+5.,9.6.2017

 

 

 

DER FREISCHÜTZ

Premiere am 18. Februar 2017

Buntes Märchen

Daniel Käsmann/Konstantinos Klironomos/Gotthard Hauschild

Der französische Regisseur Dominik Wilgenbus hält den „Freischütz“ für eine Sage mit märchenhaften Elementen; er meint, dass man die Personen der Oper, für die Glaube und Aberglaube ganz real seien, durchaus ernst nehmen sollte. Und das tut er dann auch in der Hildesheimer Neuinszenierung, wenn er die Geschichte des Kampfes von Gut und Böse um die Liebenden Agathe und Max einfach nacherzählt. Dabei versieht er sie mit deutlich märchenhaften Zügen durch übertrieben bunte, klischeehafte Kostüme mit phantasievollen Kopfbedeckungen (Hannes Neumaier), die Aufwertung des teuflischen Samiel (darstellerisch agil und prägnant deklamierend Gotthard Hauschild) und sparsame Verwendung von Handpuppen. Die Beziehungen der handelnden Personen sind sorgfältig herausgearbeitet worden, sodass sie alle auf der schlichten Holzbühne, auf die nur wenige Versatzstücke zur Kennzeichnung des jeweiligen Spielortes angebracht sind, durchweg glaubhaft agieren können (Bühne: Jörg Zysik). So gelingt auch die „Wolfsschlucht“ mit viel Zauber, geisterhaften Erscheinungen und trefflichen Klangeffekten überzeugend.

Gotthard Hauschild/Konstantinos Klironomos/Uwe Tobias Hieronimi

Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen von Werner Seitzer, der zum Ende der Spielzeit seine jahrzehntelange Tätigkeit am Theater für Niedersachsen (TfN) beendet. Er hielt den ganzen Apparat souverän zusammen und trieb die tüchtigen Instrumentalisten im Graben erfolgreich an, schwungvoll und weitgehend präzise zu musizieren. Die Intonationssicherheit der Hörner, die in der berühmten Ouvertüre beeindruckte, ließ im Laufe des Abends leider nach. Sängerisch gab es am Premierenabend Solides: Der Tenor des Hauses Konstantinos Klironomos ließ sich als indisponiert ansagen und beschränkte sich als Max auf das Spiel und die gesprochenen Dialoge. Von der Seite sang Chris Lysack die lyrischen Teile der anspruchsvollen Zwischenpartie wie im Oratorium, die dramatische Attacke blieb unterbelichtet. Schon durch das dämonische Äußere wurde deutlich, dass Kaspar der Gegenspieler von Max ist. Die Rolle des Bösewichts war Uwe Tobias Hieronimi anvertraut, der mit kräftiger, wenn auch eindimensionaler Stimme aufwartete, mit der er die Koloraturen im Trinklied verwischte und sich in den Höhen ins Rufen rettete.

Uwe Tobias Hieronimi/Konstantinos Klironomos

Aus dem Ensemble ragten die Sängerinnen von Agathe und Ännchen deutlich heraus: Mit lebhafter Darstellung des Ännchen, einer Art Schutzengel für die leidende Agathe, gefiel Dominika Kocis, die ihren schönstimmigen, niemals soubrettigen Sopran blitzsauber durch ihre Arien führte (ein Sonderlob für die ausgezeichnete Solo-Bratsche in der Ballade vom Kettenhund!). Johanna Winkel als Agathe (im reichlich unvorteilhaften Kleid) imponierte mit fein ausgesungenen Melodiebögen und sicheren Höhen; im anrührend dargebotenen „Gebet“ ließ sie sich auch durch zahlreiche Publikums-Huster nicht irritieren.

Johanna Winkel/Dominika Kocis/Konstantinos Klironomos

Peter Kubiks prägnanter, sicher geführter Bariton passte gut zum Fürsten Ottokar; mit dröhnendem Bass überzeugte Levente György als Eremit. Jeweils klarstimmig ergänzten Peter Frank als Kuno und Daniel Käsmann als Kilian. Auffallend sauber gesungen wurde der „Jungfernkranz“ von sechs jungen Damen des Jugendchors des TfN, die Achim Falkenhausen ebenso wie den klangvollen Opern- und Extrachor gut vorbereitet hatte.

Das Premierenpublikum war zu Recht hellauf begeistert und spendete lang anhaltenden Beifall für alle Beteiligten.

Gerhard Eckels 19.2.2017

Bilder (c) Benjamin Westhoff

Weitere Vorstellungen: 25.2.+2.,12.3.+17.4.+5.,12.5.+2.6.2017

 

 

 

CLOSER THAN EVER

Unfassbar nah

Premiere am 05. Januar 2017

Song-Collage

Das „Musical“ „Unfassbar nah“ (im Original „Closer Than Ever“) wurde 1989 am Off-Broadway-Theater Cherry Lane erfolgreich uraufgeführt. Das eher als Revue oder Song-Collage zu bezeichnende Stück erhielt nach einem Jahr den Outer Critics Circle Award und ging auf Erfolgstour in Amerika, u.a. in New York, Washington D.C. und Chicago. 2006 gelangte es nach London und hatte 2010 in Hamburg Deutschland-Premiere in der deutschen Übersetzung von Nina Schneider. Der Textdichter Richard Maltby Jr. und der Komponist David Shire kannten sich schon zu Studienzeiten und hatten schon in den 70er Jahren gemeinsam einige Musicals und Revuen geschrieben, aus denen der eine oder andere Song hier mit eingebaut werden konnte. „Unfassbar nah“ unterscheidet sich jedoch von einem „normalen“ Musical dadurch, dass es eine lose Zusammenstellung von kurzen Szenen aus dem menschlichen Alltag ist. So hörte man in der Pause von einer enttäuschten Dame: „Das ist ja gar keine richtige Geschichte!“

Jürgen Brehm/Jens Krause/Teresa Scherhag/Sandra Pangl

Das Autorenteam griff auf die teils amüsanten, teils traurigen Lebenserfahrungen von Freunden und Bekannten sowie ihre eigenen zurück. Sie wagten den Schritt durch Türen, hinter denen sich meist im Verborgenen die ganz trivialen Freuden oder Probleme des Alltags abspielen, und präsentierten einen bunten Bogen von Liebe, Leid, Wut und Eifersucht, wobei sich bei den Protagonisten Fragen ergeben wie: Wer bleibt heute bei dem Baby? Wie gehe ich mit Liebeskummer um? Wie erreiche ich meine Idealfigur? Quintessenz des Ganzen ist, dass das Leben mit dem Alter besser wird, man näher zusammenrückt. David Shire unterstützte die unterschiedlichen Themen durch passende musikalische Stile von Disco-Sound über Fandango und Jazz bis zur Musical-Ballade.

Andreas Unsicker/Jens Krause/Teresa Scherhag/Jürgen Brehm

Lars Linnhoff war die Inszenierung dieser abwechslungsreichen Song-Collage anvertraut, der die vier Protagonisten lebendig auf der Vorbühne bzw. dem verdeckten Orchestergraben agieren ließ. Dort hatte Hannes Neumaier mit verschiedenen Höhenstufen eine leicht bespielbare Fläche geschaffen, die auch den direkten Kontakt zum Publikum ermöglichte. An Klavier und Elektronik leitete Andreas Unsicker umsichtig den Abend, teilweise unterstützt von E-Bass, Gitarre, Klarinette und Saxophon, Instrumente, die die Darsteller der Musical-Truppe gut beherrschten. Jürgen Brehm, Jens Krause, Sandra Pangl und Teresa Scherhag schlüpften in die unterschiedlichen Figuren und Charaktere der kleinen Szenen. Nach dem Eröffnungslied „Türen“, das die vielen Varianten einmal vorweg zusammenfasste, waren weitere Bonbons des 1.Teils „Sie liebt mich nicht“ (Brehm/Scherhag), „Ein Rendezvous“ nach Speed-Dating-Art, die erotische „Frau Spatz“ (S.Pangl), „Drei Freunde“ und „Einer der Guten“ (J.Krause).

Sandra Pangl/Jürgen Brehm/Teresa Scherhag

Die herrlichen Turnübungen der vier zur Eröffnung des 2.Teiles machten dem Titel „Es ist das Beste“ alle Ehre. Das ebenfalls erfolgreiche „Ein etwas anderes Hochzeitslied“ (Pangl/Krause) nach dem Motto ‚Du bist meine erste zweite Frau‘ basiert auf der zweiten Ehe des Textdichters. Besonders eindringlich gelangen „Der Marsch der Zeit“, aus dem man nie ausbricht, und schließlich „Immer noch näher“ mit der Aussage, dass gemeinsames Überwinden von Schwierigkeiten mehr Nähe schafft. 

Die Hildesheimer Musical-Compagnie zeigte einen ausgezeichneten Bilderbogen menschlicher Schwächen und Stärken, der vom Publikum zu Recht mit lang anhaltendem Beifall bedacht wurde.

Marion Eckels 06.01.2017

Bilder (c) TfN /  Clemens Heidrich

Weitere Vorstellungen: 7./12./20./28.1. und 1./7.4.2017 und an anderen Orten

 

OPERNFREUND-CD-TIPP

 

 

 

 

DER ZIGEUNERBARON

Premiere am 3. Dezember 2016

Unterhaltung pur

Die nach der „Fledermaus“ am häufigsten aufgeführte Operette von Johann Strauß ist „Der Zigeunerbaron“, die 1885 wenige Tage vor dessen 60.Geburtstag in Wien ihre Uraufführung erlebte. Das Theater für Niedersachsen Hildesheim hatte nun den Mut, die märchenhafte Story um den aus dem Exil heimgekehrten Sándor Barinkay, das bei der Zigeunerin Cipra als Tochter aufgewachsene Fürstenkind und den stets auf seinen Vorteil bedachten Schweinezüchter Zsupán mit allen daraus resultierenden Verwicklungen und Klischees gegenüber den Zigeunern einfach so zu erzählen, wie sie von Komponist und Librettist gedacht war, ohne der Versuchung einer modernen Anpassung nachzugeben.

Der Regisseur Frank-Bernd Gottschalk hatte die Einrichtung des Textes von Ignaz Schnitzer selbst neu gefasst. Seine Personenführung zeichnete sich durch feine Zeichnung einzelner Charaktere und gelungener Massenszenen aus; lediglich zu der Erwartung der Kriegsheimkehrer zu Beginn des Schlussaktes wirkte das Herumtanzen einzelner Chordamen einfallslos. Die Ausstattung lag in Händen von Michael Goden, der die einzelnen Spielorte mit einfachen Kulissen treffend zeichnete und insgesamt hübsche Kostüme entwarf; die Überzeichnung des Zsupán mit den orangen Haaren fiel dabei nicht weiter ins Gewicht. Eine witzige Idee war es, Graf Homonay in Johann-Strauß-Maske auftreten zu lassen.

Als der von Homonay nach 20 Jahren aus dem Exil zurückgeholte Sándor Barinkay kam Konstantinos Klironomos passend draufgängerisch daher; sein zunächst frivoles Werben sowohl um Zsupáns Tochter Arsena als auch um Czipras Ziehtochter Saffi hätte in der Entwicklung zur wahren Liebe noch intensiver gestaltet werden können. Stimmlich setzte er sich mit leichtem Tenor vor allem in den Höhen sicher durch, während seine Mittellage im 1.Akt blass blieb. Uwe Tobias Hieronimi als Conte Carnero lieferte mit rundem Bass eine köstliche Studie des blasierten königlichen Kommissärs, der fast in Ohnmacht fällt, als er in Mirabella, der Erzieherin Arsenas, seine Frau erkennt und von seinem Sohn Ottokar erfährt. Als schlitzohriger Kálmán Zsupán hatte Levente György die Lacher stets auf seiner Seite und überzeugte auch gesanglich. Mit munterem Spiel und feinem, lockerem Koloratursopran erfreute Martina Nawrath als Arsena, die heimlich Mirabellas Sohn Ottokar liebt. Neele Kramer als Mirabella, die ihrerseits dem Zsupán sehr zugetan ist, wusste ihren weichen Mezzosopran bestens in Szene zu setzen. Auch Aljoscha Lennert als verliebter Ottokar passte gut in das solide Ensemble.

Die (eigentlich!) alte Zigeunerin Czipra, eine schillernde Figur, wurde gelungen von Sandra Fechner verkörpert, die einen gleichmäßig durch alle Lagen geführten, satten Mezzo mit guter Höhe ihr Eigen nennt. Sie sorgte stets durch rechtzeitiges Eingreifen dafür, dass alles wie nach Vorsehung läuft, oder nach eigener Beobachtung und Erfahrung? Ihre Ziehtochter Saffi, wie sich letztendlich rausstellt ein Fürstenkind, wurde von Arantza Ezenarro lebendig dargestellt, die mit rundem ausdrucksvollen Sopran und sauberen Spitzentönen begeisterte. Last not least sei Peter Kubik als eleganter Graf Peter Homonay erwähnt, dessen warmen, auch in der Höhe freien Bariton man gern länger gehört hätte.

Michael Farbacher, Stephan Freiberger und Harald Strawe ergänzten.

Die musikalische Leitung, zu der diesmal auch die Einstudierung des sicher und ausgewogen klangvollen Chores mit Extrachor gehörte, lag bei  Achim Falkenhausen in kompetenten Händen, der durch straffe Zeichengebung Bühne und Graben erfolgreich durch alle szenischen Turbulenzen führte. Dabei kamen auch die besinnlicheren Teile nicht zu kurz; er ließ mit dem frisch musizierenden Orchester den Sängern immer genug Raum zu eigener Gestaltung. Die vielen bekannten Melodien wie die flotten Walzer „Ja, das alles auf Ehr“ oder „So voll Fröhlichkeit“, das sentimentale „Wer uns getraut“ oder das humorvolle „Ja, das Schreiben und das Lesen…“ wurden vom Publikum dankbar aufgenommen.

Frenetischer Beifall und standing ovations waren der Lohn für alle Aktiven dieser gelungenen Premiere.

Marion Eckels 1.5.2016

Bilder: Falk von Traubenberg

Weitere Vorstellungen: 6.,10.,28.,31.12.2016 + 13.,25.1.2017 …

 

 

 

 

CABARET

Premiere am 15. Oktober 2016

Solide

Alexander Prosek/Ensemble 

Nach zwei Voraufführungen in Nienburg erlebte man gestern in Hildesheim die erfolgreiche Premiere eines der bekanntesten Musicals, die zeitgeschichtlich ernsthafte Themen mit tragischem Einschlag behandeln. Die zum Jahreswechsel 1930 vor dem Hintergrund der Wende von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus spielende Story geht zurück auf tatsächliche Ereignisse, die der englische Schriftsteller Christopher Isherwood damals in Berlin erlebte. Wolfgang Hofmann hatte die solide Inszenierung übernommen, ohne sich zu dazu hinreißen zu lassen, durchaus mögliche Aktualisierungen auf die heutige Zeit einzubauen. Mit der zu langen Vorstellung der fünf Kit-Kat-Girls and Boys lief es zunächst etwas zäh an, nahm dann aber wegen der guten Schauspielkunst der Musicaltruppe Hildesheims an Dichte zu und fesselte am Ende. Dazu hatte Esther Bätschmann verschiedene Spielorte auf einer doppelten Drehbühne aufgebaut, die Hofmanns Vorstellung von enger Verzahnung der gesprochenen Texte (Handlung) und Songs (Kommentar) durch nahtlose Szenenwechsel unterstrich. Leider blieben einige Szenen im Kit-Kat-Club blass, bzw. wurden verschenkt, da es z.B. kein Publikum gab, das etwas Club-Atmosphäre hätte schaffen können. Besonders gelungen und eindringlich war das große Finale, in dem jeder Einzelne nochmal einen wichtigen Satz seines Textes wiederholte.

Tim Müller/Judith Bloch

Die teils elegischen, teils zündenden Melodien John Kanders wurden durch die Band unter der Leitung von Andreas Unsicker trotz der ungewohnten Positionierung auf einer Empore an der Hinterbühne sicher präsentiert. Judith Bloch nahm als naive, aber sympathische Clubsängerin Sally Bowles für sich ein; mit ihrer voll timbrierten Stimme überzeugte sie speziell in „Mein Herr“, „Maybe this Time“ und „Cabaret“. Der amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw wurde von Tim Müller glaubhaft verkörpert, dem der Wandel vom Schock nach der Eröffnung von Sallys Schwangerschaft bis hin zum planenden Familienvater gut gelang.

Jens Krause/Annagerlinde Dodenhoff

Eine Paraderolle für Annagerlinde Dodenhoff ist Fräulein Schneider: Wie die erfahrene Schauspielerin ihre Texte auskostete und mit gut kalkulierten Verzögerungen oder kleinen Pausen rüberbrachte, das hatte Format. Anrührend war die zögerliche Annäherung der ältlichen Jungfer und des jüdischen Obsthändlers Schultz, die doch wegen des weiter aufkommenden Nationalsozialismus zum Scheitern verurteilt ist. Jens Krause als ständig verdrängender und abwiegelnder Herr Schultz löste das Unheil mit seinem eigentlich zur fröhlichen Unterhaltung der Verlobungsgäste prägnant vorgetragenen Song „Miesnick“ selbst aus. Sein Abschied von der Pension Schneider ging zu Herzen.

Die Zeichen der Zeit dagegen erkannt haben Ernst Ludwig und Fräulein Kost. Als Nazi mit Hakenkreuzbinde tratt Björn Schäffer resolut auf und scheute sich später nicht, den Freund Bradshaw niederzuschlagen (im leeren Club!). Annika Dickel, die auch für die teils akrobatische Choreographie verantwortlich war, hatte mit ihren vielen Vettern und Matrosen die Lacher stets auf ihrer Seite. Gemeinsam präsentierten sie klarstimmig das völkische „Der morgige Tag ist mein“. Als wendiger Conférencier bot Alexander Prosek schönstimmig die Songs dar: „Säht ihr sie mit meinen Augen“ mit der quirligen Äffin gefiel besonders neben den bekannten wie „Money, Money“ und „Willkommen...“

Das Publikum dankte allen Akteuren auf und hinter der Bühne mit lang anhaltendem, begeistertem Applaus.

Marion Eckels 16.10.2016

Bilder: Falk von Traubenberg

Weitere Vorstellungen: 17.,21.,27.,30.10.+16.11.+2.,13.12. 2016 u.a.

 

 

DIE VERKAUFTE BRAUT

Premiere am 30. April 2016

Unterhaltsam

 

Das TfN (Theater für Niedersachsen) hat in Hildesheim wieder einmal deutlich gemacht, worauf die Erfolgsgeschichte des Unternehmens beruht, nämlich auf „Theater für alle“! Es gibt keine ärgerlich verkopften Umdeutungen oder rabiate Verlegungen in aktuelles Zeitgeschehen, für die man erst langatmige Erklärungen (oft vergeblich) im Programmheft lesen muss; die Geschichten werden einfach so erzählt, wie sie vom Librettisten und Komponisten zur damaligen Zeit gedacht waren. Friedrich Smetanas „Verkaufte Braut“ wird hier in einer merkwürdigen deutschen Mischfassung geboten, deren Urheber leider nicht erwähnt werden. In zeitlosen Kostümen wurde vor einer bühnenbreiten Wirtshaus-Fassade mit vorgebauter Biergartenterrasse agiert, die die ohnehin kleine Spielfläche zunächst noch einzuengen schien (Ausstattung: Philippe Miesch). Sie eröffnete allerdings mit vielen Türen mannigfaltige Auftrittsmöglichkeiten und –varianten, die auch schnelle Chorauftritte erlaubten. Das nutzte der Hildesheimer Oberspielleiter Guillermo Amaya mit intelligenter, stringenter Personenführung, um ein sehr lebendiges Bild dörflichen Treibens zu zeigen. Soloszenen wurden gekonnt unauffällig belebt, z.B. durch lautlos abräumende Kellnerinnen oder einzeln vorbeikommende Gäste.

Arantza Ezenarro/Konstantinos Klironomos

Die musikalische Leitung hatte Werner Seitzer, der das Orchester zu Höchstleistungen animierte. Von der von den Streichern besonders exakt gespielten Ouvertüre bis zum mitreißenden Furiant gingen die Musiker engagiert mit, was beim Applaus mit vielen Bravos quittiert wurde. Chor, Extra- und Kinderchor tummelten sich munter zur Kirchweih und sangen frisch, sauber und klangvoll; die Tenöre stachen allerdings etwas zu sehr hervor (Einstudierung: Achim Falkenhausen). Dazu wurden die Choristen auch noch tänzerisch gefordert, was sie mit Bravour absolvierten (Tänze: Natascha Flindt).

Arantza Ezenarros/Jan Kristof Schliep

In der Titelrolle durchlebte Arantza Ezenarro als attraktive Marie alle Facetten der jungen Liebe, die große Enttäuschung durch den vermeintlichen Verrat ihres Liebsten und schließlich die wundersame Lösung seines Verhaltens. Mit klarem Sopran, blitzsauberen Spitzentönen und ruhig ausgesungenen Bögen breitete sie ihre ganze Gefühlspalette aus. Ihr geliebter Hans – der listig die vom Heiratsvermittler angestrebte Verbindung Maries mit dem Sohn des Micha hintertreibt, in dem er Kezal seine Braut für 300 Gulden verkauft, ohne zu offenbaren, dass er selbst Michas verschollener erstgeborener Sohn ist – wurde von Konstantinos Klironomos lebensnah gespielt. Zu Beginn setzte er seinen strahlkräftigen Tenor noch etwas hart ein, überzeugte aber schnell, als er im Duett mit Marie auch zu zarteren Tönen fand. Den zweiten Sohn Michas, Wenzel, – der von den Eltern eigentlich vorgesehene Ehemann für Marie – spielte Jan Kristof Schliep glaubhaft als sympathischen, nur mit einem Sprachfehler behafteten jungen Mann, der bislang von seiner Mutter in engem Umfeld dem wahren Leben gegenüber total abgeschirmt war. Kein Wunder, dass er, nun allein im Nachbardorf, zuerst der Kellnerin Marie und dann der Tänzerin Esmeralda total verfällt. Sein runder Tenor mit ausgeglichener Stimmführung passte sehr gut zu dieser Rolle. (Schliep war auch als Berater mit verantwortlich für die tolle Zirkuseinlage der Jugendlichen, da er selbst mit 14 Jahren die Jonglage erlernte und als 17-Jähriger in Hannover in dieser Oper als Artist und Feuerspucker auf der Bühne stand!) Der eigentliche Drahtzieher Kezal blieb in der Darstellung Levente Györgys ohne Ausstrahlung und auch stimmlich blass; er erfreute aber durch beste Intonation in allen Lagen.

 


Die gesamte Ensembleleistung wurde von Uwe Tobias Hieronimi (Kruschina) und Neele Kramer (Ludmila) als Maries Eltern, Tilman Birschel (Tobias Micha) und Theresa Hoffmann (Háta) als Hans‘ und   Wenzels Eltern, Anton Kuhn (Zirkusdirektor), Martina Nawrath (Esmeralda) sowie

Daniel Chopov (Ein „Indianer“) erfreulich gut abgerundet.

 

Die Hildesheimer Zuschauer feierten alle Mitwirkenden frenetisch und mit stehenden Ovationen; es war wirklich ein unterhaltsamer Opernabend, der Spaß gemacht hat.

Marion Eckels 1.5.2016

Bilder: Jochen Quast

Weitere Vorstellungen: 4.,11.5.+4.,11.,24.6.2016

 

 

FRA DIAVOLO

Premiere am 13.Februar 2016

Munterer Spaß

Kramer, Hieronimi, Nawrath,Klironomos,György,Herrenchor

Daniel Francois Esprit Aubers Opéra comique kann man so gut wie überhaupt nicht mehr erleben; in den letzten Jahren gab es sie nur ganz vereinzelt. Dabei entzückt die leichtfüßige, frische Musik Aubers, in der viele Melodien Ohrwurmcharakter haben, wie die zündende Ouvertüre, Zerlines Fra-Diavolo-Romanze „Erblickt auf Felsenhöhen“, ihre Arie in ihrer Schlafkammer (nach Ulrich Schreiber „wohl die erste Striptease-Arie der Operngeschichte“), spritzige, abwechslungsreiche Ensembles oder die Bravour-Arie des Titelhelden, die berühmte Tenöre wie Tito Schipa oder Nicolai Gedda veranlasst hat, sich der doch harmlosen Oper anzunehmen. Das Stück spielt in Italien nahe der Stadt Terracina zwischen Rom und Neapel. Der legendäre Fra Diavolo („Bruder Teufel“) ist historisch verbürgt: Er hieß eigentlich Michele Pezza und war ursprünglich Mönch. Er schloss sich jedoch einer Bande von Straßenräubern an, wurde deren Anführer und sogar ein Freiheitskämpfer gegen die napoleonischen Besatzer. In der beliebtesten Oper von Auber ist davon ein fast schon liebenswerter Ganove übrig geblieben, der kühl kalkulierend, aber auch mit Witz und Charme seine naiven Opfer übertölpelt. Allerdings versetzt er mit seinen Raubüberfällen die ganze Gegend in Angst und Schrecken. Zugleich lässt er alle Frauenherzen höher schlagen, obwohl niemand weiß, wie er eigentlich genau aussieht. Man hat sogar ein Lied auf ihn gedichtet, das die Gastwirtstochter Zerline dem fremden Marquis vorsingt, niemand anderer als Fra Diavolo selbst. Weitere Übernachtungsgäste sind Lord und Lady Kookburn, die gerade erst von der Bande des Fra Diavolo ausgeraubt wurden. Zerline liebt den Offizier Lorenzo, der den Auftrag hat, den Räuberhauptmann gefangen zu nehmen. Die Handlung kulminiert in Zerlinas Kammer, wo sie von den Räubern beim Zubettgehen heimlich beobachtet wird. Für den Schluss gibt es unterschiedliche Lösungen: Sicher ist, dass Fra Diavolo festgesetzt wird; Scribes Libretto lässt keine Zweifel daran, dass der Räuberhauptmann auf der Flucht erschossen wird. Zwei Jahre nach der Pariser Uraufführung 1830 haben Auber und Scribe ihn entfliehen lassen.

Rivera, Hieronimi, Kramer, Nawrath, Kubik, Schliep, Klironomos

In Hildesheim hat man sich in der munteren Inszenierung von Guillermo Amaya für das ursprüngliche blutige Ende entschieden, was zu der auch durch die neuen Dialogtexte des Regisseurs teilweise ins Groteske gesteigerten Produktion nicht passen will. Nach der vom gut disponierten Orchester unter dem sicheren, stets vorwärts drängenden Dirigat von Achim Falkenhausen flott servierten Ouvertüre sah man auf eine Ansammlung von Bretterverschlägen (Ausstattung: Jörg Zysik) – ein bisschen mehr Atmosphäre hätte das italienische Berggasthaus schon verdient. In diesem billigen Ambiente spielte und sang das Hildesheimer Ensemble ausgesprochen munter und setzte die Pointen so punktgenau, dass es eine Freude war.

Jan Christof Schliep, Antonio Rivera, Peter Kubik

Begleitet von seinen übertrieben dümmlich gezeichneten Kumpanen Giacomo (Peter Kubik) und Beppo (Jan Kristof Schliep) erlebte man als einzigen Gast den mexikanischen Tenor Antonio Rivera als selbstverliebten Titelheld, der aus purer Berechnung die Damen heftig irritierte. Er ließ eine wandlungsfähige, flexible Stimme hören, mit der er auch die gefürchteten Höhen der Partie gut bewältigte. Damit hatte in dem Wettstreit mit hohen C‘s sein tenoraler Widerpart Konstantinos Klironomos, der den eifersüchtigen Lorenzo gab, mit seiner charakteristischen Stimme ebenfalls keine Probleme.

Eine quirlige, liebeshungrige Zerline war Martina Nawrath, die einmal mehr durch die höhensichere, blitzsaubere Führung ihres klaren Soprans begeisterte. Neele Kramer gefiel mit ausdrucksstarkem Mezzo; sie war eine ansehnliche Pamela, die ebenfalls erotischen Abenteuern mit dem als charmanter Marquis auftretenden Räuberhauptmann nicht abgeneigt war. Uwe Tobias Hieronimi lieferte als urkomischer Lord Kookburn ein gestalterisches Kabinettstück ab, wozu sein prägnanter Bariton bestens passte. Ohne Fehl ergänzte bassgrundig Levente György als Gastwirt Matteo. Opernchor und Mitglieder des Extrachors, wobei die Herren nicht als schmucke Carabinieri, sondern eher als heruntergekommene Landwehr daher kamen, entwickelten in der Einstudierung des Dirigenten prächtigen Chorklang.  

Gerhard Eckels 15.2.2016

Bilder: Falk von Traubenberg

Weitere Vorstellungen: 24.2.+11.,19.3.+11.4.2016 u.a.

 

 

 

 

Leider schon eine Rarität

BOCCACCIO

Besuchte Aufführung am 14. September 2015 (Premiere am 12.Setember 2015)

Turbulent

Wenn man von den Publikumsrennern „Die Fledermaus“ oder „Die lustige Witwe“ mal absieht, findet man hierzulande in den Musiktheater-Spielplänen kaum noch Operetten. Besonders solche Werke dieses Genres, die nicht Johann Strauß oder Franz Lehár komponiert haben, kann man nur noch ganz vereinzelt erleben. Da ist es höchst erfreulich, dass das TfN (Theater für Niedersachsen) nun „Boccaccio“, die erfolgreichste Operette von Franz von Suppé, dem Mitbegründer der „Goldenen Wiener Operette“, herausgebracht hat. Der italienische Dichter Giovanni Boccaccio aus dem 14. Jahrhundert gilt mit seinem „Decamerone“ als der Erfinder der erotischen Literatur Europas. In der Operette dient er als Titelfigur der turbulenten Handlung dazu, einer moralisch verlogenen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Dazu komponierte Suppé eine in hohem Maße eingängige, melodienreiche Musik, die neben bekannten Nummern wie „Hab‘ ich nur deine Liebe“ oder “Florenz hat schöne Frauen“ gekonnte Ensembles und zahlreiche, vergnügliche Couplets enthält.

Zum Inhalt: Im Florenz des Jahres 1331 sind die Männer in heller Aufregung, weil der berühmt-berüchtigte Dichter Boccaccio in der Stadt weilt und mit seiner freizügigen Literatur die Ehefrauen angeblich zur Untreue aufstachelt. Allerdings ist das, was er über die Florentiner Frauen schreibt, nicht ganz falsch. Die Männer wollen sich am Dichter rächen, doch erwischen sie dabei den Falschen. Boccaccio liebt Fiametta, die Ziehtochter des Gewürzkrämers Lambertuccio, in Wahrheit die leibliche Tochter des Herzogs von Florenz. Beide wissen lange nicht, wer der andere wirklich ist. Außerdem hat der Herzog als Fiamettas Gatten den Prinzen von Palermo auserwählt, der sich inkognito in Florenz aufhält und mit Isabella, der rassigen Frau des stets angesäuselten Fassbinders Lotteringhi, anbandelt. Natürlich gibt es nach einigen Verwicklungen für Boccaccio und Fiametta ein Happy End.

Mit der Neuinszenierung von „Boccaccio“ ist dem Oberspielleiter des TfN Guillermo Amaya trotz der Beibehaltung manch etwas altbackener Texte ein kurzweiliges Stück Musiktheater gelungen, an dem man einfach seinen Spaß hatte. Da sieht man nach der vom Orchester unter der Leitung von Florian Ziemen ausgesprochen schwungvoll musizierten Ouvertüre auf eine überdimensionale Schreibtischplatte vor der bekannten Silhouette von Florenz (Bühnenbild: Hannes Neumaier). Aus dem Off bekennt Boccaccio, dass er seine Geschichten nicht erfunden, sondern selbst erlebt hat – sogleich konnte das muntere Treiben beginnen: Die Schreibtischplatte wurde zum Spielort, wo Bücher Podeste und Rampen bildeten, eine Topfpflanze zum Olivenbaum mutierte oder ein Tintenfass das vom Fassbinder zu reparierende Weinfass darstellte.

Mitten in Florenz hörten dessen mittelalterlich und farbenfroh gekleideten Bewohner (Kostüme: Elisabeth Benning), wie die neuesten Novellen Boccaccios angepriesen wurden. Der Barbier Scalza (mit polterndem Bass Levente György), der Fassbinder Lotteringhi (stimmkräftig Jan Kristof Schliep) und der abergläubische Lambertuccio (vollstimmig und witzig Uwe Tobias Hieronimi, auch in dem, von ihm selbst getexteten Couplet) suchen Boccaccio, um ihn zu verprügeln, erwischen aber mit dem Prinzen Pietro von Palermo (mit kernigem Bariton munter im Spiel Peter Kubik) prompt den Falschen. Die Frauen Beatrice (schlankstimmig Antonia Radneva), Isabella (attraktiv und mit charaktervollem Mezzo Neele Kramer) und die ältere, dennoch Liebesabenteuern nicht abgeneigte Peronella (mit abgerundetem Alt Theresa Hoffmann) versuchen erfolgreich, ihren Ehemännern die Seitensprünge zu verheimlichen. Dabei werden sie auch von Boccaccio, dem Prinzen und dem Studenten Leonetto (Manuel Oswald) unterstützt. Sie gaukeln ihnen vor, man könne von einem Zauberbaum aus erotische Szenen sehen, in Wahrheit ihre Ehefrauen im Techtelmechtel – eine auf eine Novelle Boccaccios zurückgehende Szene.

Martina Nawrath/Dirk Konnerth

Mit ansteckender Spielfreude waren alle Beteiligten bei der Sache. Außerdem wurden durchweg ansprechende Gesangsleistungen erbracht. Hier sind allen voran Dirk Konnerth (Boccaccio) mit markantem Tenor und die klarstimmige, blitzsauber singende Martina Nawrath als entzückende Fiametta zu nennen, die u.a. mit dem berühmten, passenderweise italienisch gesungenen Duett „Mia bella fiorentina“ begeisterten. Der Opernchor und aus dem Jugendchor des TfN ansehnliche junge Damen als mit Degen ausgestattete Studenten waren ebenfalls mit agilem Spiel dabei und füllten die Chor-Szenen und die Akt-Finali mit ausgewogenem, prächtigen Klang (Einstudierung: Achim Falkenhausen).

Das Publikum war sehr angetan und spendete reichlich Applaus.

Gerhard Eckels 15. September 2015

 

Fotos: Jochen Quast

 

Weitere Vorstellungen: 1.,7.,17.10.+17.11.+13.12.2015 in Hildesheim (weitere Termine in anderen Orten)

 

 

SAISONVORSCHAU 2015 / 16

Boccaccio (Franz von Suppé) – Premiere 12.9.2015

(Dirigent: Florian Ziemen, Inszenierung: Guillermo Amaya)

Madame Butterfly Premiere am 31.10.2015

(Dirigent: Werner Seitzer, Inszenierung: Frank Van Laecke)

Fra Diavolo (Auber) – Premiere am 13.2.2016

(Dirigent: Achim Falkenhausen, Inszenierung: Guillermo Amaya)

Die verkaufte Braut – Premiere 30.4.2016

(Dirigent: Werner Seitzer, Inszenierung: Guillermo Amaya)

 

Fidelio – Wiederaufnahme am 3.10.2015

Der Vetter aus Dingsda – Wiederaufnahme am 9.10.2015

Der Barbier von Sevilla – Wiederaufnahme am 23.11.2015

Die Zauberflöte – Wiederaufnahme am 15.12.2015   

 

MUSICAL

Blues Brothers – Premiere 18.10.2015

(Inszenierung: Katja Buhl, Dirigent: Andreas Unsicker)

Dracula (Frank Wildhorn/Don Black/Christopher Hampton) – Premiere am 12.12.2015 (Inszenierung: Craig Simmons)

Tot, aber glücklich – Lucky Stiff (Lynn Ahrens/Stephen Flaherty) – Premiere am 3.5.2016 (Dirigent: Andreas Unsicker)

 

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs (David Yazbek/Jeffrey Lane)

Wiederaufnahme am 20.9.2015

 

 

 

GESPRÄCHE DER KARMELITERINNEN

Besuchte Aufführung am 28. April 2015 (Premiere am 21. März 2015)

Beklemmend

Chor/Martina Nawrath/Antonia Radneva

Als Beitrag zum Jubiläum 1200 Jahre Bistum Hildesheim hat sich das TfN (Theater für Niedersachsen) an Poulencs Oper gewagt, die neben Debussys „Pelléas et Mélisande“ zu den bedeutendsten französischen Opern des 20. Jahrhunderts zählt. Obwohl Poulenc einen eher spröden Stoff, den Kontrast zwischen Religion und Revolution, gewählt hat, ist es ihm wohl auch wegen durchweg tonaler Musiksprache gelungen, das Werk zu einem Welterfolg zu machen, das seit der Uraufführung 1957 an der Mailänder Scala kontinuierlich  im Repertoire der Opernhäuser erscheint. Die Handlung geht zurück auf eine historisch verbürgte Episode aus den Schreckensjahren der Französischen Revolution. Im Zuge eines Dekrets zur Aufhebung aller Klöster legten die Karmeliterinnen einen Märtyrereid ab und stiegen singend aufs Schafott.

Das Libretto zu „Gespräche der Karmeliterinnen“ schrieb sich Poulenc selbst und nahm sich dazu des 1947/48 entstandenen gleichnamigen Bühnenwerks von Georges Bernanos an, das seinerseits auf die Novelle „Die Letzte am Schafott“ von Gertrud von le Fort (1876-1971) aus dem Jahr 1931 zurückgeht, ein weiterer Bezug zu Hildesheim, wo die Dichterin von 1888 bis 1897 lebte. Diese fand übrigens Aufzeichnungen der Mutter Maria von der Menschwerdung, die sich dem Märtyrertod ihrer Glaubensschwestern entzogen hatte.

Zum Inhalt der Oper: Die ängstliche Adelstochter Blanche de la Force, eine Erfindung von le Fort, wird durch die ersten Volkstumulte der französischen Revolution zusätzlich verschreckt; um innere Ruhe zu finden, tritt sie in den Orden der Karmeliterinnen im Kloster von Compiègne ein. Als die politische Situation eskaliert, und die Nonnen das Kloster räumen sollen, beschließen sie, den Märtyrertod zu sterben. Blanche hingegen flieht. Doch als sie von der bevorstehenden Hinrichtung ihrer Schwestern erfährt, eilt sie zum Richtplatz und geht gemeinsam singend mit ihnen in den Tod.

Unabhängig davon, wie man dem christlichen Glauben gegenüber steht, kann man sich von dem Schicksal der Karmeliterinnen ergreifen lassen, so dicht und intensiv spricht die Oper unmittelbar an. Und dies geschah auch in Hildesheim in eindrucksvoller Weise, was sicher auch an der einfühlsamen deutschen Übersetzung des Librettos vom dortigen Musik-Chef Werner Seitzer lag. Das tragische Geschehen spielte sich auf einer Einheitsbühne mit schlichten dunklen Holzwänden ab, auf der wenige Requisiten den jeweiligen Handlungsort kennzeichneten. Der hellbraune Habit und die farbenreichen Kostüme des Volkes waren historisch passend (Ausstattung: Philippe Miesch). Die Inszenierung von Eike Gramss beeindruckte vor allem durch die ausgezeichnete Personenführung, was die Intensität noch erhöhte. Da die Wirkung des „Salve Regina“ in der Schlussszene mit den Schlägen des Orchesters keiner Verstärkung durch optische Mittel bedarf, hatte man hier eine relativ schlichte, aber dennoch höchst beklemmende Darstellung gewählt: Eine Karmeliterin in weißem Unterkleid nach der anderen stürzte zu Boden, wenn das Geräusch des fallenden Guillotine-Messers zu hören war. Ganz am Schluss ging die hintere Wand hoch und gab den Blick ins Helle frei – ein kleiner Hoffungsschein auf die Glaubenserfüllung der Nonnen?

Martina Nawrath/Antonia Radneva

Wie der Titel der Oper verdeutlicht, lebt sie von den Dialogen der Handelnden, besonders der uniform gekleideten Nonnen, die ihre Individualität nur durch ihre Stimmen zum Ausdruck bringen können. Und das gelang in Hildesheim vortrefflich: Antonia Radneva ließ die Ängstlichkeit und Nachdenklichkeit der Blanche glaubhaft deutlich werden; ihren klaren Sopran führte sie intonationsrein durch alle Lagen. Ergreifend waren die letzten Worte der alten Priorin an Blanche, ihr qualvolles Sterben, als sie den Arzt Javelinot (Michael Farbacher) – vergeblich – um schmerzlindernde Mittel bittet, und schließlich ihre Vorhersage des Untergangs des Klosters. Das alles gestaltete Christiane Oertel als Gast von der Berliner Komischen Oper mit kraftvollem Mezzo ungemein eindringlich – ein ganz starker Auftritt. Besonders positiv fiel die junge Mezzosopranistin Neele Kramer auf, die die stimmlich und darstellerisch anspruchsvolle Partie der Mutter Maria in deren fürsorglicher Unerbittlichkeit aufs beste bewältigte. Isabell Bringmann als neue Priorin sang mit ausgeglichener Linienführung besonders stimmschön; so gaben ihre letzten Worte vor der Hinrichtung, wenn sie an Jesu Todesangst in Gethsemane erinnerte, starken Trost. Stilsicher und mit sauberer Stimmführung machte Martina Nawrath die Fröhlichkeit und Lebenslust der Schwester Constance deutlich. Seinen Tenor setzte Konstantinos Klironomos als der um seine Schwester Blanche aufrichtig besorgte Chevalier differenziert ein. In den zahlreichen Nebenrollen bewährte sich das solide Hildesheimer Ensemble einschließlich einiger Chorsolisten.

Neele Kramer/Antonia Radneva 

Werner Seitzer sorgte am Pult des gut disponierten Orchesters für schillernde Farbigkeit und die stets durchschimmernde Härte der Musik, die das unausweichliche Schicksal der Karmeliterinnen lange vor seinem Eintreten hörbar werden lässt. Chor und Extrachor (Achim Falkenhausen) gefielen wieder durch gute Ausgewogenheit.


Im recht gut besuchten Haus gab es lang anhaltenden, begeisterten Applaus.

Gerhard Eckels 29. April 2015

Fotos: Andreas Hartmann

 

 

 

OTELLO DARF NICHT PLATZEN

Premiere am 7. Februar 2015

Turbulenter Spaß

Mit dem gut ausgebildeten und spielfreudigen Musical-Ensemble hat das TfN (Theater für Niedersachsen) eine besonders erfolgreiche Compagnie. Die bunte Verwechslungskomödie des Amerikaners Ken Ludwig (Uraufführung 1986 in London) wurde von Peter Sham und Brad Carroll zu einem mitreißenden Musical umgestaltet. Nach einer Voraufführung beim Utah Festival 2010 wurde es 2011 in London uraufgeführt. Die deutsche Erstaufführung fand 2013 in Leipzig statt; von dort hatte man sich das ebenso hübsche wie praktische Bühnenbild von Norbert Bellen geliehen, in dem Jörg Gade die Protagonisten und Choristen turbulent und ideenreich durch das Geschehen in Cleveland im Jahre 1934 führte. Unterstützt wurde das durch die lebendige Choreografie von Janne Geest; die prächtigen Kostüme steuerte Esther Bätschmann bei.

Alexander Prosek/Tim Müller

Im Stück geht es u.a. darum, den Fortbestand des Opernhauses von Cleveland zu retten, das es 1934 allerdings noch gar nicht gab. Dafür ist zu einem Gala-Abend der Startenor „Il Stupendo“ Tito Merelli eingeladen, der aber zu spät kommt, darüber hinaus auch noch seine eifersüchtige Frau Maria mitbringt; zudem ist er durch zu viele Pillen zum Relaxen und gegen Schmerzen außer Gefecht gesetzt. Da bleibt dem Operndirektor Saunders nichts anderes übrig, als seinen persönlichen Assistenten und „Fußabtreter“ Max, der auch Gesangsambitionen hegt, als Otello einspringen zu lassen, der dabei überraschend reüssiert. Schwierig wird es, als der wieder erwachte Merelli als zweiter Otello durch die Szenen springt. Die Damen, die Merelli sowieso immer zu Füßen liegen, in diesem Fall besonders des Direktors Tochter Maggie, seine Sopranistin Diana Divane und seine drei Exfrauen, meinen jeweils immer den echten gesehen oder mit ihm geflirtet zu haben.

Ensemble/Jens Krause/Tim Müller  

Die musikalische Leitung und Choreinstudierung lag bei Achim Falkenhausen in besten Händen: Temporeich und zündend ließ er die gut eingängigen Melodien vom ersten Ton der Ouvertüre an musizieren; das Orchester des TfN wuchs dabei über sich selbst hinaus. Jens Krause war ein köstlich schlitzohriger Henry Saunders, der schließlich noch als dritter „Otello“ die Turbulenz auf die Spitze trieb. Als Max gelang Tim Müller die Entwicklung des stets zurückhaltenden, leicht verklemmten Assistenten zum selbstbewusst einspringenden Sänger sehr gut; sein aufbauender Song „Sei du Selbst…“ half ihm auch bei dem Werben um seine geliebte Maggie (munter Magdalene Orzol), die ihrerseits eigentlich erst mit dem Gaststar eine Nacht verbringen will und das auch deutlich macht. Alexander Prosek als Tito Merelli bediente alle Tenorklischees, zunächst als Pavarotti-Verschnitt mit weißem Schal und Taschentuch; ein Höhepunkt seiner Darstellung war das Duett à la Rossini mit Max. Den temperamentvollen Eifersuchtsausbrüchen seiner Ehefrau Maria (herrlich überdreht Sandra Pangl) stand er meist hilflos gegenüber. An Merelli als Karriereförderer interessiert, umwarb die Operndiva Diana (mit witzigem Opernarien-Medley Caroline Zins) ihn mit allen ihr zu Gebote stehenden Tricks.

Magdalene Orzol/Tim Müller/Alexander Prosek/Caroline Zins

Das Ensemble ergänzten passend Jürgen Brehm als steppender Inspizient Bernie, Björn Schäffer als Liftboy und Polizist sowie Tanja Westphal, Judith Bloch und Annika Dickel als die drei Exfrauen von Saunders, die – urkomisch und stets gleich kostümiert – die Opernsponsoren vertraten. Der Opernchor des TfN ließ seiner Spiel- und Singfreude ebenfalls wieder engagiert freien Lauf und trug zu der hervorragenden Ensembleleistung stark bei. Begeisterter Applaus und Standing Ovations beendeten einen puren Unterhaltungsabend, der sicher ein Renner der Saison wird. 

Marion Eckels 8.2.2015 

Bilder: Andreas Hartmann

 

Weitere Vorstellungen: 12.,18.,21.2.; 7.,10.,15.3. 2015 u.a.

 

 

 

 

Besuchte Aufführung am 8. Dezember 2014 (Premiere am 17. Mai 2014; Wiederaufnahme am 20. November 2014 in Nienburg)

Im Spanien nachnapoleonischer Zeit - stimmig

Beethovens einzige Oper mit der immer wieder hoffnungsfroh stimmenden idealistischen Utopie der Befreiung von Willkür und Gewaltherrschaft braucht keine vordergründige Aktualisierung, wie man im TfN (Theater für Niedersachsen) eindrucksvoll erleben konnte. Die Inszenierung des jungen spanischen Regisseurs Guillermo Amaya lässt die Story im politisch bewegten, nachnapoleonischen Spanien der frühen 1820er-Jahre spielen. Dabei wird sie szenisch im Lichte Francisco de Goyas betrachtet, indem an einige Radierungen des spanischen Malers aus dem 1808 bis 1814 entstandenen Zyklus „Die Schrecken des Krieges“ angeknüpft wird. Sie erscheinen zur Ouvertüre auf einem Zwischenvorhang und später zeitweise auf der Hinterwand des sonst kahlen Gefängnishofes (Ausstattung: Hannes Neumaier). Zu Don Pizarros Auftritt wird eines der berühmten Gemälde Goyas, „Die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808 in Madrid“, nachgestellt und damit sinnfällig die Beziehung zum Inhalt der Befreiungsoper hergestellt. Die einleuchtende Idee des Inszenierungskonzepts ist es, über die Darstellung eines einzelnen Opfers von Gewaltherrschaft hinaus die Entlassung aller Insassen des Staatsgefängnisses plausibel zu machen. Dazu bediente man sich der Neufassung der Sprechtexte von Friedrich Dieckmann, in der vor allem am Anfang bei etwas langatmig geratenen Gesprächen zwischen Rocco und Fidelio/Leonore die politischen Hintergründe verdeutlicht werden. Mit seinen Texten stieß Dieckmann übrigens auf unwilligen Widerstand der SED-Behörden, die 1970 ein Spielverbot durchsetzten. Erst jetzt wurde die dem Duktus der gesungenen Texte angepasste und dezent modernisierte Fassung im TfN uraufgeführt.

In der besuchten Vorstellung beeindruckte die durchweg gut gelungene, stimmige Personenregie, sei es in der engen Wohnküche Roccos, sei es im Gefängnishof, in dem allerdings die verschiedenen Hubpodeste allzu oft rauf- und runtergefahren wurden. Musikalisch war der Abend im Ganzen zufriedenstellend: Chordirektor Achim Falkenhausen hatte Chor und Extrachor sorgfältig vorbereitet, die den ausgewogen gesungenen Gefangenenchor ergreifend gestalteten und in den mitreißenden Jubelchören des Finales Klangpracht entwickelten. Als musikalischer Leiter des Abends wählte er zügige Tempi, denen das gut disponierte Orchester des TfN weitgehend sicher folgte. Von den insgesamt soliden Solisten ist zunächst Mareike Bielenberg in der Titelrolle zu nennen. Sie gefiel mit gleichmäßig und sauber durch alle Lagen geführtem Sopran und glaubwürdiger Darstellung. Die junge Sängerin wird jedoch aufpassen müssen, sich mit solchen Partien dramatischen Zuschnitts nicht zu schnell verheizen zu lassen. Als Florestan setzte Barry Coleman seinen durchschlagskräftigen, dunkel timbrierten Tenor mit inzwischen gewachsener Strahlkraft ein. Der unterwürfige Rocco war bei Levente György und seinem kernigen Bass gut aufgehoben.

Enttäuschend war der Auftritt von Uwe Tobias Hieronimi als Don Pizarro; der verdiente Sänger verkörperte den „bösen“ Gouverneur glaubhaft, war aber stimmlich in keiner Weise überzeugend. Mit der hochdramatischen Partie schien sein charakteristischer Bariton, der eher im lyrischen Bereich zuhause ist, glatt überfordert. Das merkte man an der ziemlich ungefähren Tongebung und daran, dass er sich allzu oft in Sprechgesang flüchtete. Eine reizende Marzelline war Antonia Radneva, die erneut mit ihrem abgerundeten, intonationssicheren Sopran zu gefallen wusste. Mit sympathischer Ausstrahlung und charaktervollem Bariton nahm Peter Kubik als rettender Minister Don Fernando für sich ein, während Jan Kristof Schliep sicher einen etwas ältlichen Jaquino gab.

Das Publikum spendete lang anhaltenden, begeisterten Applaus.

Gerhard Eckels 10.12.2014                                     Fotos: Dirk Opitz

 

 

VICTOR/VICTORIA

Vorstellung am 13. November 2014           (Premiere am 17.Oktober 2014)

Spannungsarm 

Bereits in den 30er Jahren gab es einen deutschen UFA-Film, in dem eine Frau vorgibt, ein Mann zu sein, der vorgibt, eine Frau zu sein; diesen entdeckte der amerikanische Regisseur Edward Blake etwa 1980. In Zusammenarbeit mit dem Komponisten von Film-Musiken Henry Mancini entstand zwei Jahre später mit Julie Andrews in der Titelrolle eine Neuverfilmung, die einen Oscar für die beste Original-Film-Musik gewann. Weitere 13 Jahre später eroberte die Story als Musical-Komödie die Broadway-Bühnen, in der die im Nachtclub gescheiterte Sängerin Victoria, die sich auf den genialen Einfall ihres Freundes Toddy als Mann ausgibt, nun als Transvestit Triumphe feiert, wieder mit Julie Andrews in der Hauptrolle.

Caroline Zins/Ensemble

In Hildesheim war nun Katja Buhl für die Inszenierung und Choreograhie der Verwicklungen zuständig, die sich daraus ergeben, dass sich Victoria und King Marchand, ein Gangster-Boss, ineinander verlieben, was bei dem Macho eine starke Verstörung seiner Gefühlswelt auslöst. Er kann nicht glauben, dass er in einen Mann verliebt ist. Problematisch waren dabei die vielen Szenenwechsel, die zu bewältigen waren. Zwar hatten Steffen Lebjedzinski und Anne-Katrin Gendolla versucht, das Bühnenbild so zu gestalten, dass es relativ schnell geändert werden konnte, aber die Liebe zum Detail erwies sich als so zeitaufwändig, dass jedes Mal die Spannung beim Zuschauer abfiel und bei der nächsten Szene neu aufgebaut werden musste. Das konnten weder die musikalische Untermalung noch der offene Umbau verhindern. An manchen Stellen hätte auch eine textliche Straffung gutgetan. Die Szenen waren in sich recht stimmig, optische Höhepunkte waren jeweils die Auftritte im Nachtclub. Da bewies Katja Buhl ihre choreographischen Fähigkeiten bei spanischen und Tango-Rhythmen; die passenden Kostüme kreierte Eva-Maria Huke.

Caroline Zins/Jens Krause

Eine Big Band, ergänzt von E-Gitarren und Klavier, spielte unter der Leitung von Andreas Unsicker munter auf. Mancinis vom Jazz geprägte Musik wurde gut dargeboten, wenn auch kein so wirklich zündendes Stück dabei war. Die Musical-Truppe des TfN schlug sich wieder einmal achtbar. Caroline Zins war eine entzückende Victoria/Victor, die mit ihrer Stimmlage entsprechend variierte. Besonders eindringlich waren die Szenen, wenn sie merkt, dass sie selbst als Victor dem Bewunderer King Marchand verfällt, aber doch noch nicht sagen kann, dass sie eine Frau ist; ihr Tango mit seiner Ex-Freundin Norma war Klasse. Überzeugend spielte Tim Müller diesen an sich und seiner Natur zweifelnden King, der schließlich alle Vorurteile über Bord wirft und einfach einen Menschen liebt („Es ist mir völlig egal, ob du ein Mann bist“). Köstlich überdreht kam Norma (Annika Dickel) auf ihrer ständigen Vorteilssuche daher, ein sehr belebendes Element der Aufführung. Als bekennender Homosexueller Toddy war Jens Krause großartig. Ein Knüller war am Schluss seine Übernahme der Rolle von Victor im Club; da konnte er zeigen, was auch an tänzerischem Potential in ihm steckt. Hervorzuheben bleibt noch Alexander Prosek als kräftiger Squash Bernstein (Kings Bodyguard), der sich gegen Ende auch als homosexuell outet. Die übrigen Mitwirkenden rundeten das stimmige Ensemble passend ab.

Tim Müller/Annika Dickel/Caroline Zins

Die Vorstellung am 13.11. war recht gut besucht, das Publikum ging aber erst zögerlich mit, ehe es sich zu Zwischen- und freundlichem Endapplaus entschloss.

Marion Eckels 14.11.2014                          Bilder: Andreas Hartmann           

Weitere Vorstellungen: 5./17./31.12. u.a.                                                        

 

 

 

DIE ZAUBERFLÖTE

Premiere am 13. September 2014

Utopisches Happyend

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie einen „Die Zauberflöte“ in seinen Bann zu schlagen vermag, auch wenn man die Märchenoper schon x-mal gesehen hat. Es liegt neben der genialen Musik Mozarts wohl an der gelungenen Mischung der humanistischen Ideale mit der kreatürlichen Menschlichkeit der Hanswurst-Ebene. Diese Faszination tritt allerdings nur ein, wenn die Inszenierung stimmt – und das kann man Regisseur Volker Vogel und seinem Ausstatter Norbert Bellen ohne weiteres bescheinigen. Da wurde nichts verfremdet oder gar in konkrete Zeiten verlegt; die Geschichte vom Liebespaar, dem so manche Prüfungen auferlegt sind (die gibt es im richtigen Leben ja schließlich auch), wurde wie ein Märchen erzählt, so wie es sich die Autoren gedacht hatten. Hier kam sogar noch etwas hinzu: Am Schluss gab es die Aussöhnung aller einschließlich der Königin der Nacht, ihrer drei Damen und Monostatos, die in den Schlusschor mit einstimmen – eine freundliche Utopie.

Das praktikable Bühnenbild ermöglichte schnelle Wechsel vom märchenhaften Zauberwald zur durch ein paar Säulen und Palmen angedeuteten Welt der „Eingeweihten“ und zurück. Dass die Welt Sarastros vom Gedankengut der Freimaurer geprägt ist, wurde sinnfällig dadurch angedeutet, dass die Herren zu ihren Versammlungen typische Freimaurer-Schürzen trugen. Überraschend war der Anfang der Oper, wenn der Prinz gleich von mehreren Schlangen verfolgt wird, die sich als die drei Damen herausstellten, die mit schlangenhaften Handschuhen und Kopfmasken kostümiert waren. Ebenso merkwürdig wirkten drei Fabelwesen, die sich im Zeitlupentempo zur Flöten-Arie Taminos bewegten. Schließlich hat sich mir nicht recht erschlossen, warum Tamino einige Federn an seiner Anzugjacke trug – dem Vogelmenschen entwachsen? Sei’s drum – es muss einem ja nicht alles gefallen. Dass Papageno und Papagena vielleicht doch keine Menschen, sondern Vögel sind, wurde von der Regie besonders ausgespielt, indem sie als Alte verkleidet einen ziemlich grässlichen Vogelkopf trug und später eine Reihe großer Eier erfolgreich ausbrütete – ein gelungener Gag. Weiteren Szenenapplaus erhielten Monostatos sowie die Herren von Chor und Extrachor für ihre urkomischen tänzerischen Bemühungen zu „Das klinget so herrlich, das klinget so schön…“

Am Pult des aufmerksamen, nicht durchweg intonationsreinen Orchesters stand wieder der erfahrene Werner Seitzer, der ein ausgesprochen feines Gespür für die richtigen Tempi hatte. Von den zahlreichen Sängerinnen und Sängern soll zuerst Martina Nawrath als Königin der Nacht genannt werden. Bereits deren erster Auftritt entsprach mit den großen nachtblauen Schärpen und der überdimensionalen Mondsichel im Hintergrund dem märchenhaften Grundduktus der Inszenierung. Wie die Koloratursopranistin den lyrischen Teil von „O, zittre nicht, mein lieber Sohn“ einfühlsam zu gestalten wusste, hatte bereits hohes Niveau, das sich im wunderbar sauber gesungenen Koloraturteil und in der Rache-Arie sogar noch steigerte. Ihr stand Daniel Eggert als jugendlicher, aber dennoch würdevoller Sarastro in nichts nach; er führte seinen gepflegten, sonoren Bass sicher durch alle Lagen.

Antonia Radneva (Pamina) wusste mit ihrem schlanken Sopran durchweg zu gefallen. Die todtraurige Arie „Ach, ich fühl’s“ gestaltete sie anrührend; dabei wurde Paminas Leiden überdeutlich, als sie zu der Frage „Fühlst du nicht der Liebe Sehnen?“ Tamino direkt durchschüttelte. Konstantinos Klironomos überzeugte durch glaubwürdige Darstellung des edlen Märchenprinzen. Sein in der Mittellage kraftvoll-männlicher Tenor knödelte im forte allzu sehr; die Höhen mussten zu sehr erkämpft werden und blieben ohne Strahlkraft. Ein sehr munterer Papageno war Peter Kubik, der das Publikum mit seinem lebhaften Spiel schnell auf seine Seite zog, wozu auch sein runder, manchmal geradezu samtiger Bariton beitrug. Seine entzückende Papagena war stimmschön Julia Bachmann.

Dass Monostatos „77 Sohlenstreich‘“ erhalten hat, spielte Jan Kristof Schliep jammernd aus; sein charakteristischer Tenor passte gut zur Rolle. Stimmlich etwas unausgeglichen präsentierten sich die drei Damen Mareike Bielenberg, Neele Kramer und Christina Baader. Wieder einmal reichlich undifferenziert sang Levente György den Sprecher, während Daniel Käsmann und Uwe Tobias Hieronimi die kleineren Rollen der Priester ohne Fehl erledigten. Von den beiden Geharnischten Manuel Oswald und Piet Bruninx drängte sich letzterer stimmlich allzu sehr in den Vordergrund. Schön, dass die drei Knaben nicht von Sängerinnen, sondern erstaunlich sauber von Mitgliedern des Knabenchores Hildesheim und des Kinderchors des TfN gesungen wurden. Schließlich seien noch Chor und Extrachor genannt, die in der Einstudierung von Achim Falkenhausen ihre Aufgaben klangausgewogen („O Isis und Osiris“) und stimmkräftig erfüllten.

Das Premierenpublikum war zu Recht begeistert und zeigte dies durch lang anhaltenden, sich teilweise zu Ovationen steigernden Applaus.

Gerhard Eckels 14.09.2014                          Fotos:  Jochen Quast

Weitere Vorstellungen: 20.09.,3.+22.10.,12.,19.+25.12.2014

 

 

 

PETER GRIMES

Besuchte Vorstellung am 22.11.13              (Premiere am 9.11.13.)

Beispielhaft

Es gibt im Leben die glücklichen Fälle, so das Erlebnis am 22.11.1913 nicht nur den Cäcilientag (Schutzpatronin der Musiker), sondern auch den 100. Geburtstag von Benjamin Britten am Stadttheater Hildesheim mit einer berührenden Aufführung von dessen Oper "Peter Grimes" begehen zu können. Wahrlich kein kleines Stück für ein Theater dieser Größe, doch in Hildesheim hat man auch schon hervorragend solche Brocken wie "Aida" oder "Meistersinger" gestemmt, nachdem die alten Jubilare mit Neuproduktionen von "Holländer" und "Falstaff" abgefeiert wurden, jetzt also der junge Komponistenspund. In diesem Zusammenhang konnte man übrigens auch Brittens Kinderoper "Noah" in Zusammenarbeit mit der Musikschule und im Orchesterkonzert das Requiem erleben, ein imposantes Programm. Doch zurück zum Grimes: der belgische Regisseur Frank van Laecke  legt gleich bei seinem Debut am TfN einen beeindruckenden Einstand vor. Laecke läßt, im wahrsten Sinne des Wortes, die Kirche im Dorf und inszeniert einen nahezu klassischen "Peter Grimes". Schon die Ausstattung von Philippe Miesch besticht durch Schlichtheit und trotzdem optische Opulenz, schwarzdunkle Backsteinmauern können die Szene einengen, wie auch auf verschiedene Arten öffnen, ein abstrakter Hintergrund suggeriert die Elemente Wind und Wasser und mittels viel Bühnennebel und einer sehr ausgefeilten Beleuchtung werden die unterschiedlichen Szenen in sehr atmosphärische Bilder gesetzt. Die Menschen des Fischerdorfes tragen zeitlose, berufbedingte Kleidung, die mit Dreckspritzern die Einfachheit dieser geschlossenen Gesellschaft wiederspiegelt, wenige Abweichungen in den Kostümen weisen treffend auf die einzelnen Charaktere. Realismus der schonungslosen Art ist angesagt und immer wieder wird der einzelne Mensch gegen die Dorfgemeinschaft gestellt.

Mit Hans-Jürgen Schöpflin konnte ein ausgewiefter Britteninterpret gewonnen werden, man erinnert sich an den feingeistigen Aschenbach aus dem "Tod in Venedig", hier jedoch ein ganz anderer Charakter, der ohne Rücksicht auf die Stimme ausgelotet wird, ein Grimes der unsympathischen Art, flankiert von seinen Todesengel, den toten Lehrbuben, die auch an das Kind "Peter" erinnern, das der verhärtete Mann einmal war. Besonders schön klingen bei Schöpflin die lyrischen Momente, die "Plejadenarie", die Vision vom besseren Leben und das in den Wahnsinn abgleitende Ende. Ihm zur Seite ein Prachtkerl von Bassbariton, Albrecht Pöhl als Kapitän Balstrode, besser kann man diese Rolle nicht gestalten; und die lieblichstimmige Ellen Orford von Isabell Brinkmann, die in ihrer traurigen Resignation schon ein ganz eigenes Drama bietet. Das große Ensemble steht Kopf an Kopf mit den drei Protagonisten: der saftige Mezzo von Christina Baader als Tantjen (Auntie), die armen Luder Regine Sturm und Stephanie Lönne als Nichten, selten sieht man das so trostlos gespielt. Shauna Elkin-Held als Mrs. Sedley mit ausdrucksvollem Mezzo Opfer und Täter zugleich. Uwe Tobias Hieronimi mit fanatischem Tenor als Prediger Swallow, der intrgante Bob Boles von Jan Kristof Schliep, Pastor Adams von Konstantinos Klironomos, Peter Frank als Ned Keene und nicht zuletzt das Hildesheimer Urgestein Piet Bruninx als Jim Hobson, sie alle haben ihren nicht geringen Anteil am geschlossenen Erfolg dieser Aufführung.

Dazu kommt der wirklich groß besetzte Chor und Jugendchor des TfN, klangvoll in der Massierung, dabei jeder ein Darsteller eines einzelnen Charakters innerhalb der Gruppe, grandios. Ebenso großartig spielt das Orchester unter Leif Klinkhardt auf, eigentlich staunt man ob der Perfektion, die man an solch kleinem Haus gar nicht vermutet. Klinkhardt weiß genau um die Tiefen und Untiefen von Brittens Partitur, da findet alles seinen rechten Platz, das Leise, das Verträumte, das Elementare. Die Kammermusik und das große Sinfonische, es ist halt auch fantastische Musik. Da würde sich mancher Kinofilm solch einen spannenden "Soundtrack" wünschen, zumal so spannungsgeladen gespielt. Einziges Manko ist die zeitweise Textunverständlichkeit, gerade wo die Aufführung doch in deutscher Neuübersetzung des hauseigenen Gmd Werner Seitzer stattfindet. Nichts ist eben perfekt.

Doch die Aufführung als solche ist aus einem Guss, deshalb ein mehr als warmherziger, sehr ausgiebiger Schlussapplaus im gut besuchten Haus. Für Britten ein echtes Geburtstaggeschenk.

Martin Freitag 28.11.13                               

Bilder siehe Erstbesprechung

                                                                         

 

 

PETER GRIMES

Premiere am 9. November 2013

Dicht und schlüssig 

Während Benjamin Brittens Zeit in Amerika ab 1939 festigte sich einerseits die Partnerschaft mit dem jungen Tenor Peter Pears, andererseits errang er mit seinen Kompositionen neben vielen Erfolgen aber gerade mit seinem ersten Bühnenwerk, der Schuloperette „Paul Bunyan“ (1941), auch Fehlschläge. Nach kompositorischen Krisenzeiten und Depressionen fand er zu einem Stoff, der ihn zu seinem ersten Meisterwerk inspirierte, Gedichte von George Crabbe, der aus derselben Gegend stammte wie er. Im Gegensatz zu der im Crabbe-Text stärker herausgestellten kriminellen Energie des Peter Grimes, wird in dem Libretto von Montagu Slater vorwiegend auf dessen Außenseiterstellung verwiesen, der selber nie Liebe erfahren hat und sie daher auch nicht weitergeben kann. Hier steht Peter Grimes zwischen dem übermächtigen, bedrohlichen Meer, aus dem er seinen Lebensunterhalt zieht, und der Kleinstadt mit ihren Ritualen der Zugehörigkeit und gnadenloser Ausgrenzung alles Fremden, schließlich zwischen den aus der Ferne tönenden Rufen der Dorfbewohner und dem einsamen Nebelhornklang in einem desolaten Universum. Die Uraufführung dieser Fischeroper an der Küste Suffolks fand am 7. Juni 1945 in London statt.

Durch seine schlichte, raue Lebensweise wird Peter Grimes nach dem Tod seines ersten Schiffsjungen zum leichten Opfer der Verleumdung und Lügen der Dorfbewohner. Obwohl im Prolog der Richter ihn davon freispricht und einen Unfall anerkennt, will die Menge das nicht wahrhaben; es brodelt weiter im Dorf. Außer dem alten Kapitän Balstrode und dem Apotheker Keene will keiner Grimes helfen, als er mit schwerem Fang heimkommt. Keene verhilft ihm sogar zu einem neuen Schiffsjungen. Und dann gibt es da die verwitwete Lehrerin Ellen Orford, mit der sich Grimes eine Zukunft vorstellen kann, aber erst wenn er genug mit seinem Fang verdient hat, um durch Reichtum die lügnerischen Stimmen des Volkes verstummen zu lassen. Diese Zuversicht treibt ihn zunächst voran, bis er durch ein weiteres echtes Unglück auch den zweiten Jungen verliert: Gerade als sich eine Abordnung der Dorfbewohner Grimes‘ Haus nähert, schickt er ihn über die Klippen zum Strand; auf dem Weg herunter zum Boot stürzt der Junge tödlich ab. Grimes, der schon nach dem Tod des ersten Jungen Wahnvorstellungen hatte, verfällt nun noch mehr dem Wahnsinn und folgt schließlich dem Rat von Balstrode und Ellen, aufs Meer zu fahren und das Boot weit draußen zu versenken, um so dem ihn nun schon heftig suchenden Mob zu entgehen, der ihn lynchen will.

Albrecht Pöhl/Hans-Jürgen Schöpflin

Regisseur Frank Van Laecke gelingt mit Hilfe seines Ausstatters Philippe Miesch eine dichte schlüssige Inszenierung dieses Stoffes mit eindringlichen Bildern. Leicht verschiebbare Zwischenwände, die den jeweiligen Handlungsort vom Gerichtssaal über den freien Platz am Hafen mit weitem Meerblick bis zum Pub großzügig wirken lassen, geben Raum für die vielen Akteure. Spezielle Requisiten sind hier Stühle: Die Dorfbewohner bringen sich ihre Stühle jeweils selbst mit und ordnen sich locker zu Zuhörern oder Pub-Gästen. Ca. 50 Sängerinnen und Sänger (Opernchor und Jugendchor des TfN) tummeln sich so neben 12 Solisten auf der kleinen Bühne und schaffen von Beginn an eine Spannung von „Hat er nun oder hat er nicht …“, die durch das ganze Stück anhält. Sehr geschickt wurden auch die Zwischenspiele inszeniert, ohne den Faden abreißen zu lassen. Es wurde in einer neuen deutschen Übersetzung des Hildesheimer GMD Werner Seitzer weitgehend verständlich gesungen.

Isabel Bringmann/Hans-Jürgen Schöpflin

Leif Klinkhardt war der musikalische Leiter des Abends, der das aufmerksame Orchester zu differenziertem Musizieren antrieb, den aufpeitschenden Sturm und die Hetzchöre engagiert darzubieten, aber auch die leiseren Phasen in den wenigen Momenten echter Gefühle auszukosten. In der Titelrolle erlebte man eine ausgefeilte Darstellung von Hans-Jürgen Schöpflin, der seinen kräftigen Tenor als raubeiniger, brutaler Fischer entsprechend einsetzte, aber auch mit weich strahlenden Tönen aufwartete, wenn er von seinen Träumen sprach oder in dem kurzen Moment, wenn er den Jungen fast zärtlich ansang. Immer wieder folgten kurze Momente der Hilflosigkeit, wenn er zu erkennen schien, dass er z.B. Ellen zu hart angefasst hatte. Diese wurde von Isabell Bringmann ausgezeichnet gespielt, anrührend in ihrer Fürsorge um den Jungen und ebenso stets zaghaft um die Liebe Peters bemüht, den sie auch bei grober Zurückweisung nicht hilflos sich selbst überlassen wollte. Sängerisch konnte sie die unterschiedlichen Facetten mit sauberem, klarem Sopran ausdrücken; schwierige Tonsprünge in den Linien meisterte sie gekonnt. Leider war gerade bei ihr das Orchester, insbesondere die Bläser, manchmal zu laut. Albrecht Pöhl machte als Kapitän Balstrode gute Figur, der sich als einziger in dem kleinen Ort immer Respekt zu verschaffen wusste. Mit seinem durch alle Lagen gut durchgebildeten Bariton mit abgerundeter Höhe verstand er, sich stets Gehör zu verschaffen.

Die übrigen vielen Rollen waren typgerecht und solide besetzt: Da waren Christina Baader, Regine Sturm und Stephanie Lönne (Tantjen und Nichten), die sich gelungen mit Ellen zu einem Quartett in bester Richard-Strauss-Manier vereinten. Jan Kristof Schliep (Bob Boles), Uwe Tobias Hieronimi (Swallow), Konstantinos Klironomos (Pastor Adams), Peter Frank (Ned Keene), Piet Bruninx (Jim Hobson) und last not least Shauna Elkin-Held (Mrs. Sedley) als überall Mord und Totschlag witternde Miss Marple des Ortes boten eine rundum zufriedenstellende Ensembleleistung. Die Chöre (Achim Falkenhausen) entwickelten durch die vielen jungen Stimmen einen besonders frischen, auch teilweise geifernden Klang bei Klatsch, Lästerei und aufrührerischer Verfolgung. Das Premierenpublikum war begeistert. Zwei vereinzelte, völlig überflüssige Buh-Rufer wurden sofort übertönt.

Marion Eckels 13.11.2013                                         Fotos: Andreas Hartmann

Weitere Vorstellungen: 22.11. + 21.12.2013

 

 

 

FALSTAFF

Besuchte Vorstellung am 24. September 2013       (Premiere am 22. 09. 2013)

Munterer Spaß

Verdis spätes Meisterwerk kann man jetzt in einer wirbeligen Inszenierung des TfN (Theater für Niedersachsen) in Hildesheim, Hannover und anderen Spielorten in der Region erleben. Regisseur Ansgar Weigner hatte eine Fülle von putzigen Ideen und ironisierte die flotten Intrigen der Windsor-Weiber mit Slapstick-Einlagen. Man hatte sich für die deutsche Übersetzung von Hans Swarowsky entschieden, sodass die Späßchen des Stücks besser als im allerdings einfacher singbaren Original zu verstehen waren. Für das gut zu bespielende Einheitsbühnenbild in offenem Fachwerk und die typgerechte, biedermeierliche Kostümierung war Eckhard Reschat verantwortlich. Der erfahrene Hildesheimer GMD Werner Seitzer sorgte am Pult des aufmerksamen Orchesters dafür, dass auch bei den komplizierten Ensembles alles zusammen blieb und dass die geniale Partitur mehr als nur angemessen erklang. Mit viel Spielfreude waren Sängerinnen, Sänger sowie der sichere Chor (Achim Falkenhausen) bei der Sache.

In der Paraderolle des Falstaff  trat Levente György auf, dessen reichlich eindimensional wirkender Bassbariton zwar sehr textverständlich war, aber in den vielen Höhen Schwächen aufwies. Mit tragfähigem Sopran und die anderen im Intrigenspiel antreibend überzeugte Maribeth Diggle als Alice Ford, unterstützt von der altjüngferlichen Meg Page, die die junge Neele Kramer mit charaktervollem Mezzosopran gab. Einmal nicht als Matrone war Mrs. Quickly zu erleben, sondern Christina Baader verlieh ihr mit ihrem abgerundeten, in der Tiefe satten Mezzo und munterem Spiel eine ganze Menge Attraktivität. Nanetta als kurzsichtiges Dummchen war Regine Sturm , deren klarer Sopran die Ensembles überstrahlte.

Ihr geliebter Fenton war mit feinem, aber kleinem Tenor Konstantinos Klironomos. Albrecht Pöhl überraschte durch temperamentvolle Gestaltung und ausgesprochen differenzierende Führung seines farbenreichen Baritons als eifersüchtiger Ford.

Levente György/Albrecht Pöhl

In den kleineren Partien fügten sich passend Hans-Jürgen Schöpflin als ältlicher Dr. Cajus sowie die witzig chargierenden Bardolph und Pistol von Jan Kristof Schliep und Nicolas Kröger ein.

Gerhard Eckels                                              Bilder: Andreas Hartmann

 

 

 

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