Köln, Kinderoper: „Der König verschenkt was“, Philipp Matthias Kaufmann

Eine Welturaufführung in einem neu erbauten Opernhaus – wo gibt es das denn? Die rund 200 Gäste, davon viele Kinder, die am 10. Oktober 2026 in die Kölner Kinderoper gekommen waren, hatten das Privileg, die Premiere der Oper „Der König verschenkt was“ mit dem Libretto von Martin Baltscheid und der Musik von Philipp Matthias Kaufmann in der neuen Kinderoper mitten in Köln zu erleben. Anschließend feierten sie mit dem Ensemble, dem Regieteam, dem Orchester, den technischen Personal, Kostümschneider und Maskenbildner, dem Einlasspersonal und dem Intendanten das erste eigens für Kinder erbaute Opernhaus Deutschlands.

© Thilo Beu

Ein neues Opernhaus kostet mindestens 100-250 Millionen Euro, sagt Chatgpt auf Anfrage. Unter dem Kölner Dirk-Bach-Platz, flankiert vom Riphan-Bau des Kölner Opernhauses und dem ebenfalls restaurierten Schauspielhaus befindet sich zwei Stockwerke unter der Erde keine Tiefgarage, sondern die wundervolle neue Kinderoper Köln, das erste Opernhaus eigens für Kinder, das in Deutschland erbaut wurde. Man hat in den Untergrund des Dirk-Bach-Platzes einen kleinen Opernsaal für die Kinderoper gebaut. Im Windschatten der Sanierung des Opernhausbaus und der beiden Theaterbauten von Wilhelm Riphan hat das Architekturbüro HPP Architekten den Raum genutzt und ein skulpturales Treppenhaus mit zwei Helix artig verknüpften Treppen mit dem Weg in eine andere Welt kreiert. Der Eingang ist über das Opernhaus, der Zugang ist barrierefrei, denn es gibt auch einen Aufzug.

Unten eröffnet sich ein hell erleuchtetes Foyer mit Garderobe und Gastronomie und einer goldglänzenden geschwungenen Wand, hinter der sich eine richtige Opernbühne mit Orchestergraben, Parkett und Rang mit 200 Plätzen befindet, alles etwas kleiner, als man gewöhnt ist. Die geschwungenen ansteigenden goldfarben gepolsterten Bankreihen gewährleisten für alle beste Sicht auf die Bühne und eine hervorragende Akustik. Hier werden die Opernbesucher von morgen herangezogen, in diesem Fall Kinder ab sechs Jahren, die ihre Eltern mitbringen.

Der König verschenkt was“ ist der Titel des Auftragswerks der Kölner Kinderoper nach einer Idee von Hansmanfred Boden, der 1996 die Gründung der Kölner Kinderoper, der ersten Einrichtung dieser Art in Europa, initiierte. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft den Zugang zur Welt der Oper zu ermöglichen, in der Regel mit ihrer Schulklasse, aber auch mit Eltern. Jahrelang stand die aus Holz gezimmerte Yakult-Oper als Spielstätte der Kinderoper im großen Foyer des Riphan-Baus, später war die Kinderoper im Obergeschoss der Interimsspielstätte Staatenhaus untergebracht, und jetzt hat sie ihr eigenes Haus im Gebäude-Ensemble von Opernhaus und Schauspielhaus.

© Thilo Beu

Die Handlung beginnt mit dem ratlosen alten König Detlef: jedes seiner drei Kinder hat andere Stärken, jedes hält er für würdig, seine Nachfolge anzutreten. Kurzerhand macht er es wie der Vater in Lessings „Ringparabel“: er lässt vor seinem Tod zwei Kopien des Rings, der die Herrschaft bedeutet, anfertigen und gibt jedem seiner drei Kinder, der martialischen Jeanette, dem Entertainer Louis und der sozial engagierten Träumerin Claire einen Ring, den jeder für den einzigen hält. Als der Tod ihn holt, entdecken die Kinder, dass jeder einen solchen Ring bekommen hat. Der Streit um die Herrschaft ist nicht nur mit einem aussagekräftigen Terzett komponiert, sondern auch mit sehr handgreiflichen Stunt-Szenen bebildert, die Thomas Ziesch choreographiert hat.

Während sich die drei Kinder noch streiten, verbünden sich die Königin Elisabeth aus dem Süden, der König Friedrich aus dem Westen und König Günther aus dem Osten, das Reich des Verstorbenen unter sich aufzuteilen. Der Twist der Handlung: die Kinder haben zwar ihr Reich verloren, aber sie haben noch ihre Ringe. Die verschenken sie jeweils an einen der Besatzer, und erreichen damit, dass der Streit sich auf die Könige überträgt. Am Schluss siegt die Demokratie als Staatsform mit Vielfalt und Toleranz. Als opernaffiner Erwachsener entdeckt man zahlreiche inhaltliche und musikalische Anspielungen auf Klassiker der Musikliteratur, vor allem auf Gesangslinien wie bei Wagner und Richard Strauss, aber auch Klänge aus der Welt des Jazz und der populären Musik. Als gelernte Politiklehrerin staune ich über die kindgerecht aufbereitete Botschaft. Ganz selbstverständlich sind jüngere Kinder und Mädchen erbberechtigt, und ausgerechnet die jüngste Tochter hat die rettende Idee. Die Kinderoper ist 70 Minuten lang, ohne Pause, und es wird deutsch gesprochen und gesungen, und das besonders textverständlich. Die Musik nutzt typische Formate einer Oper, neben Arien auch Duette und Terzette sowie Begleitmusik mit viel Schlagzeug zu spektakulären Kämpfen zwischen den Herrschenden. Der Schluss ist vielleicht etwas belehrend, aber man hat, wie der Komponist erzählte, die erste Premiere der Auftragskomposition im neuen Haus natürlich dazu genutzt, die programmatische Ausrichtung der Kölner Kinderoper darzustellen. Im Orchestergraben sitzen zwölf Musiker des Gürzenich-Orchesters, 17 haben die Partitur einstudiert. Es gibt Streicher, Blasinstrumente und viel Schlagzeug, und jedem Kind sind charakteristische Instrumente zugeordnet. Heute komponiert man Opern mit Hilfe entsprechender Software, die dann gleich die Partitur und Einzelstimmen für die Instrumente ausdruckt, am Computer. Der Komponist Philipp Matthias Kaufmann ist studierter Cellist, hat sich aber als Komponist auf Arrangements und vor allem klassische Musik für Kinder spezialisiert, die er in enger Zusammenarbeit mit den aufführenden Orchestern und Kinderopern entwickelt. Den Kompositionsauftrag hat er vor vier Jahren bekommen, zusammen mit dem Textdichter Martin Baltscheid, und die Handlung mit dem Regieteam zusammen entwickelt. Das ist der Vorteil einer Auftragskomposition!

Das ohne elektronische Verstärkung gespielte und gesungene Acht-Personenstück wird noch weitere 39-mal aufgeführt, erreicht also 8.000 Zuschauer, in Schulvorstellungen von 11:30 bis 12:50 Uhr an Wochentagen und in Nachmittagsvorstellungen von 15:00 bis 16:10 Uhr am Wochenende. Die Eltern der Kinder, die jetzt angesprochen werden, sind zum Teil schon selbst in der Kölner Kinderoper gewesen. Begonnen hat die Kinderoper 1996 mit gekürzten und für kleines Orchester arrangierten Opern des Repertoires für Kinder. 1996 war Strawinskys „Nachtigall“ das erste Stück der Kinderoper. Später gab es unter anderem eine Zauberflöte für Kinder (2018/19, Bearbeitung Rainer Mühlbach) und einen Ring des Nibelungen für Jung und Alt in vier Teilen (2021/22, Bearbeitung Stefan Behrisch), der 2022 sogar nach Korea eingeladen war, daneben eigens für Kinder und Jugendliche geschriebene Kinderopern wie „Pünktchen und Anton“ von Iván Eröd. Die Kinderoper richtet sich nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene, die eine lange Abendvorstellung nicht durchhalten. Die Öffnung der Kinderoper für ältere Menschen, auch Personen mit Demenz, wurde 2017 von der damaligen Intendantin Dr. Birgit Meyer initiiert.

© Thilo Beu

Ausstatter Jens Kilian zeichnet verantwortlich für das Bühnenbild mit der stilisierten Krone als Machtzentrum und die Kostüme, die klassische Herrscherportraits der Kunstgeschichte zitieren. Die langjährige Regisseurin der Kinderoper, Brigitta Gillessen, zeigt die Konflikte auch mit Action und Stunts, der langjährige Leiter und Dirigent der Kinderoper, Rainer Mühlbach, ist gleichzeitig auch Leiter des Kölner 1961 gegründeten Opernstudios, dessen Mitglieder die Protagonisten verkörpern. Im Opernstudio werden hochbegabte junge Sängerinnen und Sänger nach Abschluss ihres Gesangsstudiums ein bis zwei Jahre lang gezielt gefördert und in kleinen Rollen an der Oper sowie in Hauptrollen an der Kinderoper eingesetzt. Wegen der Vielzahl der Vorstellungen hat man alle Rollen mindestens doppelt besetzt. So werden die Kinder von professionellem Sänger gespielt, die noch sehr jung sind. Die alternative Besetzung ist in Klammern angegeben: Der Bass Ferhat Barday spielt den alten König Detlef, das Zwillingspaar seiner älteren Kinder Leanette und Louis wird von Laura Kriese, Sopran und Geonmuk Lim Tenor verkörpert. Die verträumte jüngere Schwester spielt Claire Lara Westendorf, natürlich ein lyrischer Sopran, wie auch die Königin Elisabeth aus dem Süden, verkörpert von Maike Raschke. König Friedrich aus dem Westen ist der Bassbariton Wojun Kim und König Günther aus dem Osten, Bariton, ist Wolfgang Stefan Schwaiger. Das Besondere: der Tod mit einer Neigung zum Fotografieren mit einer alten Plattenkamera und flammendem Blitzlicht wird von einer Mezzosopranistin dargestellt, die mit dem alten König sehr freundlich umgeht und auch zum Publikum spricht: „Kaum will man sie mitnehmen, fällt ihnen noch etwas ein, das sie unbedingt noch erledigen müssen.“ Mit großer Spielfreude und Sinn für die Grenzen des guten Geschmacks spielt diese Rolle die junge Anna Kelly, die alternative Besetzung ist keine geringere als die Kammersängerin Dahlia Schaechter, langjähriges Ensemblemitglied. Die Kinder, einige sogar jünger als sechs Jahre, gingen begeistert mit, und die Erwachsenen lobten die hervorragende Akustik der neu geschaffenen Opernbühne. Es gab langanhaltenden begeisterten Applaus. Hier können die jungen Sänger des Opernstudios auch piano singen! Ein Besuch als Schulklasse oder mit der Familie lohnt sich auf jeden Fall.

Ursula Hartlapp-Lindemeyer 15. Oktober 2026


Der König verschenkt was
Philipp Matthias Kaufmann
Kinderoper Köln

Premiere: 10. Oktober 2026

Regie: Brigitta Gillessen
Musikalische Leitung: Rainer Mühlbach
Gürzenich-Orchester Köln