Köln: „Die Walküre“, Richard Wagner

Bereits mit dem Rheingold bewies die Kölner Oper einen ungewöhnlichen Zugriff auf Wagners Tetralogie: Kinder prägten das Geschehen und ließen die Götter aus ihrer Phantasie entstehen. Was am „Vorabend“ noch heiter erschien, bekommt am „ersten Tag“ nun eine bittere Düsternis. In der Walküre geht es nun nicht mehr um das unschuldig Naive, hier geht es knallhart um Instrumentalisierung und Machterhalt, um Kontrolle, Menschenzucht und Zukunftssicherung. Regisseur Paul-Georg Dittrich liest Wotan nicht mehr als lüsternen, sich permanent vermehrenden Schwerenöter-Göttervater im konventionellen Sinne, sondern als kalkulierenden Systemarchitekten. Seine Beziehung zu den Wälsungen erscheint weniger von Begehren als von Zweck bestimmt: Er „züchtet“ sie, instrumentalisiert ihre Existenz für den eigenen Machterhalt. Wotans Walküren werden zu Gebährmaschinen degradiert und werfen so eine spannende Sicht auf das Geschlechterverhältnis in diesem Stück. Interessanter ist aber die Umkehr, dass die Walküren nicht die gefallenen Krieger nach Walhall bringen, sondern Kinder in die Welt setzen, die Wotan steuern kann, die er auf Knopfdruck aufs Schlachtfeld schicken kann und auf Knopfdruck auch umbringen kann. Damit verschiebt sich die Perspektive entscheidend. Die Wälsungen sind keine tragischen Zufallsopfer mehr, sondern Produkte eines übergeordneten Plans – gleichsam Avatare in einem System, das Wotan jederzeit zu steuern scheint. So löst sich die im ersten Akt noch merkwürdig konstruiert wirkende Ähnlichkeit von Siegmund und Sieglinde im dritten Akt auf, wenn der Zuschauer sieht, dass in Wotans Menschenfabrik noch viele kleine weitere Wälsungen warten. Wenn im Walkürenritt Kinder zur Welt gebracht werden und diese kleinen Wälsungen zombiehaft auf Schaukelpferden monoton vor und zurück wippen, offenbart sich dieses widerliche System, das zuvor immer wieder nur angedeutet wird.

© Matthias Jung

Die Idee des alles steuernden Wotan – und das ist er ja eigentlich auch in einer konventionellen Erzählweise – wird visuell eindringlich umgesetzt. Die von Pia Dederichs und Lena Schmid erdachte Bühne ist geprägt von Motiven der Überwachung und Kontrolle: Links und rechts wird der Bühnenraum von Videowänden flankiert, die im ersten Akt stetig Bilder aus Überwachungskameras auf der Szenerie zeigen. Das bringt ein wenig Unruhe ins Gesamtbild. Denkt man hier noch an Hunding, der Sieglinde so vielleicht überwachen möchte, wird im dritten Akt deutlich, dass Wotan derjenige ist, der alles überwacht und der genau auf diese Art Zugriff hat. Wenn man sich auf diese Sichtweise einlässt, dann ist das ein ziemlich raffinierter Kunstgriff der Regie.

Überhaupt spielt Video eine große Rolle. Die von Robi Vogt designten Videos sind omnipräsent, liefern oftmals einen spannenden Subtext, sind gestalterisches Element und gelegentlich auch zutiefst atmosphärisch.

Die Ausstattung zeigt uns an diesem Abend zwei Welten: Die Welt, in der Siegmund und Sieglinde aufeinandertreffen, eine Welt, die beinahe pittoresk gezeichnet ist: mit Holzhütte, Pflanzen, Wasser und Nebel. Einzig die Videos brechen diese Welt, so dass man sich ob der Überwachung immer wieder an Horror- oder Science-Fiction-Filme erinnert fühlt. Dieser so konkreten Welt steht eine grell überzeichnete Götterwelt gegenüber, die technokratisch, kalt, unmenschlich ist, der eine Perversion von Wissenschaft zugrunde liegt, die Utopien anspricht, wie sie die monströsesten Strömungen der Geschichte versuchten umzusetzen: Zucht einer perfekten Menschenrasse und ewiges Leben. Und gerade letzterer Aspekt wird Brünnhilde zum Verhängnis, wenn Wotan sie kurzerhand in eine Zeitkapsel steckt, in der sie (gemäß einem doch recht klassischen Sci-Fi-Motiv) die Zeit überdauern soll.

Die Kostüme von Mona Ulrich unterstreichen den Blick auf Wotan als Spitze einer Ideologie, die den Menschen als form- und nutzbare Masse begreift, wenn er in seiner orange-seidenen Uniform über die Bühne stolziert. All diese Gedanken lassen es einem zeitweise kalt den Rücken herunterlaufen – auch wenn vieles eben nur andeutungshaft bleibt und (zum Glück) konkrete historische Bezüge vermieden werden, so ist doch klar: Dieser Wotan ist ein eiskalter Boss, ein Macher, ein Bestimmer. Umso größer die emotionale Fallhöhe, wenn er Brünnhilde bestrafen muss.

© Matthias Jung

Dass dieser Ansatz zwar schlüssig, aber nicht jedermanns Sache ist, wurde letztlich beim Schlussapplaus deutlich, in dem sich neben grundlegender Zustimmung für die Regie Buh- und Bravo-Rufer eine Schlacht lieferten. Einig dagegen war sich das Kölner Publikum bei der musikalischen Seite, und die erntete großen Beifall. Auch wenn nicht zu verschweigen ist, dass die akustischen Unzulänglichkeiten (ja, es geht ja bald zurück an den Offenbachplatz!) des Staatenhauses gerade bei einem so groß besetzten Orchester, das offen VOR der Bühne platziert ist, doch wieder zum Tragen kommen. Marc Albrecht müht sich redlich immer wieder zu reduzieren, den Sängern zu helfen, dass sie über das Orchester kommen. So entfaltet er im ersten Akt fast schon kammermusikalische Töne, nimmt zurück, was zurückzunehmen ist, aber so ganz ohne Kraft funktioniert Wagner dann eben doch nicht. Das Gürzenich-Orchester folgt ihm dabei tapfer, präsentiert einen feingewobenen Wagner-Klang, der nie ins Dumpf-Wuchtige gleitet. Streicher und Holz entfalten im Walkürenritt ein zartes Flirren, wie man es in diesem eigentlich schon viel zu oft gehörten Stück selten erlebt hat. Kraft und Dröhnen gibt es nur selten, aber selbst dann klingt es noch schön. Die Tempi sind moderat gewählt. Immer wieder lassen im Orchester fein gearbeitete Passagen aufhorchen.

Auf der Sängerseite hat man in Köln ein wirklich durch die Bank weg solides Ensemble auf die Bühne gebracht. Allen voran Jordan Shanahan als Wotan, der im zweiten Akt noch ein wenig nach Dynamik und Balance sucht, trumpft im dritten Akt auf, überzeugt vor allen Dingen mit viel Samt in der Stimme. Trine Möller als Brünnhilde findet einen guten Weg, ihre Figur zwischen Heroik und Menschlichkeit anzusiedeln, stimmlich farbenreich und wohlklingend. Man darf sich freuen, sie auch in den folgenden Ring-Abenden zu hören. Bettina Ranch zeigt als Fricka was für eine Wagner-Interpretin sie ist. Für die Essener Kundry mit dem Faust ausgezeichnet, bedauert man hier als Zuschauer, dass ihre Partie in der Walküre deutlich kleiner ausfällt. Daniel Johannson ist ein hervorragender Siegmund. Ohne übertriebene Kraftmeierei nimmt er die Wälse-Rufe, klingt in den Höhen unangestrengt und vermag auch in den anderen Lagen mit strahlendem Tenor zu punkten – man darf auf seinen Siegfried gespannt sein. Astrid Kessler überzeugt als Sieglinde mit feinem lyrischen Linien genauso wie in den dramatischen Ausbrüchen. Besonders bemerkenswert ist der Hunding von Tijl Faveyts, der mit einer dämonischen Tiefe beeindruckt. Das Ensemble der Walküren überzeugt ebenfalls und fügt sich in ein klanglich wie szenisch homogenes Ensemble ein.

© Matthias Jung

Wie bereits erwähnt, scheiden sich die Geister am Ende dieses Abends, und wer ein Freund konventioneller Lesarten ist, wer Videos auf der Opernbühne ablehnt oder für wen Brünnhilde den geflügelten Helm tragen muss – für den ist diese Produktion einzig aus musikalischer Sicht etwas. Dennoch muss man konstatieren, dass der Ansatz von Paul-Georg Dittrich schlüssig ist. Wotan vom potenten Göttervater zum skrupellosen Menschenzüchter umzudeuten, ist ein respektabler Gedanke. Neben einer wirklich hervorragenden und psychologisch sauber gearbeiteten Personenführung funktioniert diese Sicht auf das Werk und liefert eine Vielzahl bemerkenswerter Denkansätze.

Sebastian Jacobs, 30. März 2026


Die Walküre
Richard Wagner

Oper Köln

Premiere: 29. März 2026

Inszenierung: Paul-Georg Dittrich
Musikalische Leitung: Marc Albrecht
Gürzenich Orchester Köln

Trailer