Stuttgart: „Die schlaue Füchsin“, Leoš Janáček

An der Staatsoper Stuttgart ist mit großem Erfolg Leos Janacecs Oper Die schlaue Füchsin wiederaufgenommen worden. Wer nun versucht, in diversen Opernführern das Werk zu finden, wird vergeblich suchen. Andererseits wird er ohne Zweifel auf eine Oper Janacecs mit dem Titel Das schlaue Füchslein stoßen. Hierbei handelt es sich in der Tat um ein und dasselbe Werk. Regisseur Stephan Kimmig, Bühnenbildnerin Katja Haß und die für die Kostüme verantwortliche Anja Rabes haben den originalen Titel aus dramaturgischen Gründen geändert. An die alte Interpretation der Titelheldin als eine verniedlichte Tierfigur wollen sie in keinster Weise anknüpfen. Sie deuten die Füchsin vielmehr als ein eigenständiges, kraftvolles, widersprüchliches weibliches Wesen voll von Leben. Der Charakter, den ihr das Regieteam gibt, passt überhaupt nicht zu einer irgendwie gearteten Verniedlichung. Die Füchsin weiß, was sie will. Sie wird vom Regieteam als sehr renitentes, aufständisches und rebellisches Tier, das sich gegen die es beengenden gesellschaftlichen Verhältnisse, das grausame Patriarchat und jede Art von Unterdrückung mit Nachdruck auflehnt und dabei auch Gewalt und Grausamkeit nicht scheut. So versucht sie erfolglos, die Hennen zum Aufstand gegen den Hahn zu bewegen. Als die trägen Hühner ihr kein Gehör schenken, nimmt sie ihnen nach Indianerart praktisch die Skalpe. Mit dieser Füchsin ist nicht gut Kirschen essen. Nachhaltig lehnt sie sich gegen die bestehende Gesellschaftsordnung auf und ist darauf bedacht, sich von deren Zwängen zu lösen und ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben zu führen. Dazu ist ihr nahezu jedes Mittel recht, mag dieses auch fragwürdiger Natur sein. Dieser Ansatzpunkt der Regie macht durchaus Sinn. Eine Verniedlichung ist aus diesem Grunde nicht logisch. Damit hat die Umbenennung von Janacecs Oper durch das Produktionsteam sicher ihre Berechtigung.

©  Martin Sigmund

Der Inszenierung vorangestellt sind einige mit deutschem Text untermalte Video-Impressionen, die ein wenig an die Federzeichnungen des tschechischen Landschaftsmalers Stanislaw Lolek vom Ende des 19. Jahrhunderts erinnern. Auf ihn geht Janacecs Oper zurück. Loleks Illustrationen fielen zunächst der Vergessenheit anheim, wurden aber in den 1920er Jahren nach ihrer Wiederentdeckung durch die Redaktion der Lidové noviny und ihrer comichaften Publikation ein regelrechter Hit. Kimmigs Vorgehensweise ist damit durchaus nachvollziehbar. Auf diese Weise hat er gekonnt ein wenig von der bisher nicht gerade sehr umfangreichen Rezeptionsgeschichte des Werkes mit inszeniert.

Auch darüber hinaus ist ihm eine überzeugende Regiearbeit zu bescheinigen. Er und sein Team verpassen der Handlung mit Bravour einen modernen Anstrich. An der Vorführung einer romantischen Naturidylle ist dem Regisseur nicht gelegen. Dem Programmheft kann entnommen werden, dass er Natur als Prozess, als System von Beziehungen (Programmheft S. 20) auffasst. Die Handlung ist in einem Fuchsbau angesiedelt, der in einen schiefen Bilderrahmen eingepasst und mit vielen Löchern versehen ist, die Eingänge zu Tunneln bilden. Diese sind als Durchlässe für das wahre Wesen alles Lebendigen zu deuten. Gleichzeitig werden durch das Bühnenbild Assoziationen an ein Raumschiff hervorgerufen, das im Hintergrund durch eine transparente Glasscheibe abgeschlossen wird. Hinter dieser erblickt man einen zerstörten Wald, von dem aus wie Aliens anmutende Figuren das Treiben im Vordergrund der Bühne manchmal neugierig beobachten. So zum Beispiel die große Sex-Szene zwischen Füchsin und Fuchs, die sich auf einem riesigen Sofa abspielt, sowie die gleich darauf erscheinende Fuchskinderschar.

©  Martin Sigmund

Der Fuchsbau lässt sich mittels aus dem Boden hochfahrender Stühle und eines Tisches rasch in ein Wirtshaus verwandeln, in dem der Förster, der Lehrer und der Pfarrer ihren trüben Gedanken Ausdruck verleihen. Einen Gegenstand ihres Gesprächs bildet dabei die hübsche Terynka, die die ganze Zeit über unsichtbar bleibt und als Sinnbild für die Wünsche und Sehnsüchte der drei Herren zu verstehen ist. Es mutet fast wie ein Traum an. Und dem Traumhaften misst Kimmig in seiner Interpretation zentrale Relevanz zu. Die Grenzen zwischen Traum und Realität sind fließend. Und das gilt in gleichem Maße für die Grenzlinien zwischen Mensch und Tier, Leben und Tod sowie Natur und Geist. Alles geht hier nahtlos ineinander über. Tiere weisen menschliche Züge auf und bei den Menschen sind tierische Wesensmerkmale zu konstatieren. Die menschliche Spezies trägt dabei normale und zeitgenössische Kleider. Die Tiere dagegen sind in sinnliche, bunt-schillernde Kostüme gehüllt. Für sie hat Choreograph Jonathan Alexander Reimann eine ansprechende Körpersprache kreiert.

Der Förster ist gleichsam der Gegenspieler der Füchsin. Anhand dieses Charakters stellt Kimmig stimmig den Kampf eines männlichen Wesens mit seinen eigenen Gefühlen zur Schau. Der Förster sehnt sich nach einer Wesensveränderung. Zuerst hart gezeichnet, nimmt er im weiteren Verlauf des Stücks zunehmend weichere und sanftere Züge an. In seiner letzten Szene hat er sein Ziel schlussendlich ganz erreicht, erscheint offen und verletzlich. Und gerade das lässt ihn umso vitaler erscheinen. Dieser Augenblick ist für den Regisseur der Ausgangspunkt seines ansprechenden Konzeptes. Indem der Förster das ihn umgebende pulsierende Leben realisiert, kann er sich ändern. Erst als er nicht mehr durch irgendwie geartete Zwänge gebunden ist, erlangt er die Fähigkeit, die Natur so richtig zu begreifen und sich ihr voll und ganz hinzugeben.

©  Martin Sigmund

Er wird eins mit der Natur. Als äußeres Zeichen dafür schlüpft er in die Hose des Fuchses. Hier knüpft Kimmig an die Lehren des Biologen und Philosophen Andreas Weber an, der in seinen Schriften stets aufs Neue betont, Mensch und Natur seien keine getrennten Sphären. Was dem Förster hier wiederfährt, betrifft uns alle. Die Füchsin erhält dabei die Funktion eines Katalysators. Sie verkörpert dieses Lebendige. Und das Leben wirkt sogar nach ihrem Tod weiter. Von dieser Warte aus betrachtet ist es durchaus begreiflich, wenn die Füchsin, nachdem sie von dem Wilderer Harasta ins Jenseits befördert wurde, am Ende wieder ins Leben zurückkehrt. Offensichtlich wird, dass Leben und Tod hier keine Gegensätze bilden, sondern  eine Einheit sind. Gerade dieser eigentlich alles andere als verständliche Aspekt stellt einen wesentlichen Teil des Traumes dar, der sich dem Publikum auf einer tieferen, existentiellen Ebene offenbart. Die Logik gerät hier an ihre Grenzen. Und dieser Aspekt wir von Stephan Kimmig phantastisch herausgearbeitet. Hier haben wir es sicher mit einer der besten Inszenierungen von Janacecs Oper zu tun.

Auch musikalisch konnte man zufrieden sein. Am Pult erzeugte Kilian Farrell einen präzisen, intensiven und transparenten Klangteppich. Gekonnt entlockte er dem gut gelaunt aufspielenden Staatsorchester Stuttgart eine Vielzahl an Farben und animierte es zu einer flüssigen und stilistisch ausgefeilten Tongebung.

©  Martin Sigmund

Ebenfalls auf insgesamt hohem Niveau bewegten sich die gesanglichen Leistungen. In der Partie der Füchsin brillierte mit bestens fundiertem, ausdrucksstarkem und emotionalem Sopran Natasha Te Rupe-Wilson. Diana Haller, letzte Saison noch vorwiegend im Mezzo-Fach tätig, hat das Fach nun endgültig gewechselt. Sie zeichnete mit hervorragend italienisch fokussiertem, intensivem und höhensicherem Sopranklang und einfühlsamem Spiel ein überzeugendes Rollenportrait des Fuchses. Pawel Konik legte den Förster mit seinem bestens sitzenden, kräftigen und profunden Bariton sehr differenziert und nuancenreich an. Begonnen hat er recht markant, fand aber zunehmend auch zu sanften, getragenen Tönen, was indes voll und ganz den Intentionen der Regie entsprach. Wunderbar sonor und mit brillanter italienischer Technik sang Michael Nagl den Harasta. Kraftvolles Bass-Bariton-Material brachte Andrew Bogard für den Pfarrer und den Dachs mit. Als Frau Hasel und Eichelhäher gefiel Catriona Smith. In gleicher Weise vermochte in der Doppelrolle des Dackels und des Spechtes Itzeli del Rosario für sich einzunehmen. Solide gab Olivia Johnson die Försterin und die Eule. Moritz Kallenberg (Lehrer, Mücke) und Torsten Hofmann (Herr Pasek) ließen es an der nötigen Körperstütze ihrer Tenöre fehlen. Von Ilia Skvirskis Hahn und Carmen Larios Caparros` Schopfhenne hätte man gerne mehr gehört. Trefflich entledigten sich die von Bernhard Moncado einstudierten Staatsopernchor Stuttgart und Kinderchor der Staatsoper Stuttgart ihrer Aufgabe.

Ludwig Steinbach, 17. Oktober 2026


Die schlaue Füchsin
Leoš Janáček
Staatsoper Stuttgart

Premiere: 9. November 2025
Besuchte Aufführung: 16. Oktober 2026

Inszenierung: Stephan Kimmig
Musikalische Leitung: Kilian Farrell
Staatsorchester Stuttgart

Trailer