Stuttgart: „Lucia di Lammermoor“, Gaetano Donizetti

© Martin Sigmund

Die Stuttgarter Neuproduktion von Donizettis Erfolgsoper Lucia di Lammermoor in der Regie von Katie Mitchell und dem Bühnenbild und den Kostümen von Vicki Mortimer ist eine alte Bekannte und nun von Frau Mitchells Mitarbeiter Robin Tebbutt an der Stuttgarter Staatsoper neu einstudiert worden. Die Regisseurin selbst war am Premierenabend nicht anwesend. So durfte sich Herr Tebbutt allein über  die begeisterte Aufnahme der Produktion durch das zahlreich erschienene Stuttgarter Publikum freuen. Spontan erhoben sich beim Schlussapplaus viele der Zuschauer von ihren Sitzen und spendeten allen Beteiligten Standing Ovations.

Selten kommt es vor, dass an der Stuttgarter Staatsoper eine konventionelle Inszenierung zu erleben ist. Bei dieser Lucia di Lammermoor handelt es sich um eine solche. Die Handlung wurde vom Regieteam in die 1830er Jahre, also in die Zeit der dunklen Romantik, verlegt. Das passte. Indes haben wir es hier nicht mit einer Reclam-Heft-Inszenierung zu tun. Die Regisseurin hat sich über das Werk treffliche Gedanken gemacht und wartete mit einigen guten Ideen auf, die den Abend durchaus interessant machten. Sie teilt die Bühne gekonnt in zwei Teile auf. Einmal in einen Raum, in dem sich die gesungene Handlung abspielt, zum anderen in ein Zimmer, in dem sich von ihr dazu erfundene Teile des Geschehens abspielten. So erblickt man im Laufe der Aufführung mehrmals Lucias Zimmer, ihren Ankleideraum, ihr Badezimmer mit Bad und WC, Ballsaal und Billardzimmer der Ashtons sowie deren Familiengruft. Das war ein gelungener Einfall. In erster Linie bemerkenswert ist, dass Lucia in Frau Mitchells Deutung eine starke und sehr selbstbewusste junge Frau ist, die weiß, was sie will. Die Titelfigur erscheint hier in keinster Weise passiv, sondern ist ausgesprochen aktiv. Dazugedichtet hat die Regisseurin zwei weibliche Geister. Immer wieder erscheinen der Geist von Lucias ermordeter Ahnfrau und der Geist ihrer kürzlich verstorbenen Mutter, die beide zunächst nur Lucia sehen kann. Erst am Ende nehmen auch die anderen Beteiligten die beiden Geister wahr. Auch dieser Einfall kann sich sehen lassen. Interessant war, dass der Geist der Ahnin während des Duetts von Lucia und Edgardo einmal den Platz der Protagonistin einnahm. Es war klar, was das zu bedeuten hatte. Die Ahnfrau erlitt dasselbe Schicksal wie Lucia. Auch sie starb aus Liebe.

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Gleich zu Beginn legen Lucia und ihre Kammerzofe Alisa Männerkleidung an, um unerkannt Edgardo in der Familiengruft zu treffen. Mit ihm hatte Lucia offensichtlich bereits Geschlechtsverkehr. Sie ist schwanger. Während ihr Bruder Enrico im Schlafzimmer ungeduldig auf sie wartet, übergibt sie sich im Bad in das WC. Enrico erfährt in dieser Inszenierung eine recht negative Interpretation. Er ist gleichzeitig das Oberhaupt der Familie Ashton und ein skrupelloser Geschäftsmann, der auf seine Schwester nicht die geringste Rücksicht nimmt und sie an den reichen Arturo verkauft. Wie ein Bruder benimmt er sich wirklich nicht. Erst am Ende, als er Lucias Leiche gewahr wird, zeigt er Gefühle. Sehr stark gelang der Regisseurin die Szene, in der Enrico in Gegenwart der Hochzeitsgesellschaft seine Schwester an Arturo regelrecht verschachert. Deprimiert unterschreibt Lucia den Ehevertrag, nur um gleich darauf den ungebeten erscheinenden Edgardo inbrünstig zu küssen. Sie kommt nicht mehr dazu, ihm von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Edgardo entdeckt den auf dem Tisch liegenden Ehevertrag und schlägt sie voller Wut. Sie flüchtet sich in den Alkohol.

In dieser Situation reift in Lucia der Plan, Arturo zu töten. Zusammen mit der eingeweihten Alisa trifft sie in ihrem Schlafzimmer die Vorbereitungen zu der Mordtat, während Edgardo und Enrico sich im Nebenzimmer gehörig in die Haare kriegen. Bei Frau Mitchell tötet Lucia ihren verhassten Ehemann nicht im Wahnsinn, sondern kaltblütig und überlegt, wobei Alisa ihr willig assistiert. Unmittelbar nach der Mordtat erweist sich aber, dass Lucia dennoch über ein schlechtes Gewissen verfügt, das ihr sehr zu schaffen macht. Sie erleidet eine Fehlgeburt. Diese, und nicht der Mord an  Arturo lassen sie dem Wahnsinn verfallen. Das Blut, mit dem der untere Teil ihres Nachthemdes bedeckt ist, ist dasjenige der Fehlgeburt und nicht das von Arturo, was der nebenan im Billardzimmer befindliche Chor vielleicht denken mag. Nach der Wahnsinnsszene zieht Lucia sich in ihr Badezimmer zurück, steigt in die Wanne und schneidet sich die Pulsadern auf. Edgardo, der in der Familiengruft, wo er sich zu sterben anschickte, erfahren hat, dass Lucia ihn nicht hintergangen hat, geht ihr nach und findet sie tot in der Badewanne. Sanft streichelt er ihre Leiche und schneidet sich anschließend selbst die Kehle durch. Er stirbt gleichsam einen Liebestod. Auch diese Szene hinterließ einen gewaltigen Eindruck. Insgesamt ist zu konstatieren, dass Lucia das Opfer einer männlich dominierten Gesellschaft wurde, deren starkem psysischem Druck sie nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Dieser war es, der sie letztlich in Mord und Wahnsinn getrieben hat. Diese Kritik der Regisseurin an den fatalen patriarchalen Strukturen ging voll auf. Die von ihr in den Vordergrund gestellten psychischen Aspekte verliehen dem Ganzen trotz des traditionellen Rahmens eine gewisse Aktualität. Mit dieser gelungenen Regiearbeit konnte man voll und ganz zufrieden sein.

Gelungen war die musikalische Seite der Premiere. Bei Dirigent Andriy Yurkevych war Donizettis Oper in besten Händen. Er zeigte viel treffliches Gespür für die Besonderheiten des Belcanto und animierte das hervorragend disponierte Staatsorchester Stuttgart zu einem intensiven, emotionalen und von zahlreichen spezifischen Klangfarben dominierten Spiel. Den Sängern war er ein umsichtiger Begleiter.

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Die Vorzüge von Chelsea Lehnea in der Rolle der Lucia waren Flexibilität, Beweglichkeit und Koloraturgewandtheit ihres hellen, höhensicheren Soprans. Das ist aber nicht alles. Es mangelte ihr stark an der nötigen Körperstütze der Stimme. Ein schönes appoggiare la voce stellte sich bei ihr an keiner Stelle ein und eine sinnliche Rundung ihres ausgesprochen maskig klingenden Gesangsorganes ging ihr vollständig ab. Für den erkrankten Kai Kluge als Edgardo eingesprungen war Paul Lungu, der mit seinem gut gestützten, klangvollen und sicher bis in die höchsten Höhen hinauf reichenden Spitzentöne der Partie eine absolute Glanzleistung erbrachte. Einen wunderbar italienisch fokussierten, intensiven und kraftvollen Bariton brachte Johannes Kammler für den Enrico mit. Warm, sonor und mit ebenmäßiger Linienführung sang Adam Palka einen ausgezeichneten Raimondo. Eine solide Alisa war Laura Orueta. Gut gefiel Charles Sys Arturo. Sehr dünn und flachstimmig präsentierte sich der Normanno von Alberto Robert. Eine vortreffliche Leistung erbrachte der von Bernhard Moncado einstudierte Staatsopernchor Stuttgart.

Ludwig Steinbach, 4. Oktober 2026


Lucia di Lammermoor
Gaetano Donizetti
Staatsoper Stuttgart

Stuttgarter Premiere und besuchte Aufführung: 3. Oktober 2026

Inszenierung: Katie Mitchell
Musikalische Leitung: Andriy Yurkevych
Staatsorchester Stuttgart