Ein reichhaltiges, interessantes Programm mit dem Who is Who der internationalen Sängerwelt stellt die Berliner Staatsoper für die Saison 2026/27 vor und erweckt freudige Erwartung, getrübt von der Sorge darüber, dass es wie zuletzt mit Norma, Hoffmanns Erzählungen oder Un Ballo in Maschera wieder die Regie sein könnte, die einem ungetrübten Kunstgenuss im Wege stehen wird.
Es beginnt am 26. September 2026 mit Gaspare Spontinis La Vestale, zwar in Paris uraufgeführt, aber vom Generalmusikdirektor der vormals Königlichen Oper Berlin stammend und einst ein höchst populäres Werk. Carlo Rizzi ist der erfahrene Dirigent, Lydia Steier führt Regie und sieht in der Oper „Mechanismen eines autokratischen Systems“ dargestellt, man könnte allerdings in ihm auch eine Geschichte von der alle Schranken überwindenden Liebe sehen. Von der Julia Sonya Yonchevas, dem Licinius David Butt Philips, der Grande Vestale von Marina Prudenskaya wird es mit abhängen, was dem Publikum in Berlin und der koproduzierenden Opéra national de Paris vermittelt wird.
In der nächsten Saison gibt es wieder Barocktage, die ihren Höhepunkt in der Premiere von Francesco Cavallis La Calisto am 8. November finden. Die musikalische Leitung liegt bei Christina Pluhar, Regie führt Stefan Herheim, die Titelpartie singt Vera-Lotte Boecker. Cecilia Bartoli kommt mit Glucks Orfeo ed Euridice nachBerlin. Die Akademie für Alte Musik Berlin bestreitet große Teile der barocken Festtage.
Für die Kinder wird am 21. Januar 2027 Die Fledermaus in ein Internat verlegt, in dem hoffentlich nicht der Champagner in Strömen fließt.
Die (Oster-)Festtage der nächsten Saison beginnen am 21. März 2027 mit Puccinis Manon Lescaut unter der musikalischen Leitung von Bertrand de Billy und in der Regie von Johannes Erath, die Titelpartie singt Asmik Grigorian, Des Grieux ist Joshua Guerrero, Lucio Gallo wechselt mit dem Geronte ins Altherrenfach.

Am 1. Mai hat Humperdincks Königskinder in der Regie von David Bösch Premiere, und Christian Thielemann steht für die spätromantische Oper am Pult. Die Gänsemagd ist Diana Damrau anvertraut, der Prinz Sebastian Kohlhepp, in weitere Partien sind Evelyn Herlitzius und Christian Gerhaher zu erleben.
Verdis La Forza del Destino ist sensationell besetzt, wird von Philippe Jordan dirigiert, Regie führt Vasily Barkhatov. Es singen Lise Davidsen, Freddie De Tommaso Alvaro, Igor Golovatenko den Carlo, Roberto Tagliavini neben dem Padre auch den Marchese und Ambrogio Maestri den Fra Melitone (!).
Christian Thielemann dirigiert neben den Königskindern noch Tristan (aber in der Regie von Harry Kupfer!), Tannhäuser zu den Festtagen, 14 Konzerte, darunter die Fortsetzungen der Strauss-Lieder-Reihe und Liszt-Kompositionen. Außerdem stehen am Pult der Lindenoper u.a. Simon Rattle und Marc Minkowski.
Zum Jahreswechsel dirigiert Thielemann Filmmusik aus Europa und Amerika. Es gibt wieder ein Konzert mit Musik aus fernen Rundfunktagen.
Gastspiele führen die Staatskapelle nach Shanghai, Japan und Taipeh mit Mozart, Bruckner und Strauss und außerdem in verschiedene europäische Städte.
Liederabende geben Ludovic Tézier, Rachel Willis-Sorensen, Joyce Di Donato, Xavier Anduaga, Nadine Sierra.
Als neues Format stellt sich in Sonntagsmatineen „Apollo-Salon“ vor.
Hausdebüts sehen Sabine Devieilhe, Jonathan Tetelman und Xabier Anduaga entgegen. Sein Rollendebüt als Cavaradossi gibt Benjamin Bernheim, und auch Anna Netrebko enttäuscht ihre Fans nicht.
Den Ohren also wird sehr, sehr viel Interessantes geboten – was die Augen verkraften müssen, das bleibt abzuwarten.
Ingrid Wanja, 13. April 2026