In der vom Saarländischen Staatstheater Saarbrücken übernommenen Neuinszenierung der letzten Oper Puccinis versucht Regisseur Jakob Peters-Messer, in das traumatisierte Unterbewusstsein der chinesischen Prinzessin einzutauchen. Bekanntlich hat Puccini in „Turandot“ lange darum gerungen, die Veränderung der chinesischen, buchstäblich Männer mordenden Prinzessin, die so ganz anders ist als seine übrigen, bedingungslos liebenden Frauengestalten, zur liebenden Frau musikalisch zu gestalten; letztlich ist ihm dies nicht gelungen. In der unvollendeten Oper soll es nach dem tödlichen Liebesopfer Lius für Turandot eine große Veränderung geben. In dieser Inszenierung gibt es zusätzlich die Befreiung für das verängstigte Volk von Peking schon früher, wenn sich die Untertanen nach erfolgreicher Beantwortung der drei Fragen ihre überdimensionalen Mäusemasken vom Kopf ziehen (Warum eigentlich alles Mäuse?). Die Prinzessin erkennt schließlich ihre Liebe zu Calaf und vereint singen sie die 2002 von Luciano Berio geschaffene Fassung des Finales, die still verklingt und deutlich nachdenklicher wirkt als die sonst übliche, etwas banale Alfano-Fassung, sodass letztlich offenbleibt, was aus den beiden und ihrer Liebe wird.

Bühnenbildner Sebastian Hannak hat einen großen, innen vergoldeten Würfel auf die Drehbühne gestellt, in und vor dem die grausame Geschichte abläuft. Chinesisch anmutende Requisiten gibt es nicht, wenn man von den kaputten Ming-Vasen am Boden absieht – es liegt hier alles Mögliche in Scherben. Unter den schwarzen Maus-Uniformen der Masse des Volkes sind einzelne Individuen nicht zu erkennen (Kostüme: Tanja Liebermann). Hauptanliegen des Regisseurs ist es herauszustellen, wie die Vorgeschichte Turandot nach wie vor prägt, und zu hinterfragen, warum sie solch eine eiskalte Furie geworden ist. Das sie quälende Trauma wird dadurch gezeigt, dass ihre Vorfahrin Lo-u-Ling (Marianne Besser) ständig nach Turandot greift, sie wie ein Fluch nicht loslässt. Erst ganz am Schluss befreit sich Turandot von ihr, indem sie die Urahnin von sich stößt und auf einen in der Mitte stehenden Tisch legt, auf dem vorher Liu nach ihrem Suizid aufgebahrt war. Vor der großen Veränderung war Turandot öfter in ihrer „Schreckenskammer“ zu sehen, wo verängstigte, möglicherweise ebenso wie ihre Vorfahrin geschändete junge Frauen und Mädchen unter dem Tisch kauerten und einige der getöteten Prinzen herumlagen. Ich bezweifle, ob die Zuschauer, die nicht vorher im Programmheft etwas über die Absichten des Regisseurs gelesen hatten, dies alles wirklich erkannt haben. Sei’s drum, insgesamt gelang auch durch die kluge Personenregie (Szenische Einrichtung: Ruben Michael) ein durchgehend fesselnder Ablauf der märchenhaften Geschichte.

Musikalisch war alles wie aus einem Guss: Der lettische Gastdirigent Jānis Liepiņš, derzeit Erster Kapellmeister am Nationaltheater Mannheim, hatte den großen Apparat gut im Griff und animierte mit klarer Zeichengebung das in allen Instrumentengruppen fabelhafte Niedersächsische Staatsorchester zu herausragenden Leistungen. An wenigen Stellen ließ er es allerdings zu Lasten des Gesangsensembles zu sehr lärmen. In der Titelpartie brillierte die lettische Sängerin Liene Kinca durch gut nachvollziehbare Gestaltung und ihren durchschlagskräftigen Sopran, der in den Höhen von passend schneidender Schärfe war, aber auch in den wenigen lyrischen Passagen zu gefallen wusste. Calaf war der Spanier Xavier Moreno mit in allen Lagen intonationsreiner Tongebung und sicheren Höhen. Mit seinem starken Tenor präsentierte er den „Klassik-Schlager“ „Nessun dorma“ reichlich routiniert. Seit einigen Jahren begeistert in Hannover die Australierin Kiandra Howarth mit ihrem lyrisch-dramatischen Sopran – so auch in der sympathischen Rolle der Liu, mit der sie darstellerisch und gesanglich tief beeindruckte.

Als Timur ließ der rumänische Sänger Andrei Nicoara, Gast vom Aalto-Theater Essen, mit einem wahren Prachtbass aufhorchen. Dass die drei Minister Ping, Pang und Pong aus der Tradition der italienischen Stegreifkomödie stammen, ließ sich in ihrem munteren Spiel klar erkennen. Stimmlich waren die drei Sänger ein Genuss, das neue Ensemble-Mitglied Max Dollinger mit prägnantem Bariton sowie die beiden Tenöre Aljoscha Lennert und Seung Jick Kim mit sicherer Stimmführung. Kraftvoll gab Juhveon Kim den Mandarin; Lars Oliver Rühl war einkörperlich hinfälliger Kaiser Altoum mit keineswegs brüchigem Tenor, wie man es sonst häufig hört. Glanzpunkte der Aufführung waren die gewaltigen Chöre; Chor und Extrachor (Einstudierung: Lorenzo Da Rio) sowie der Kinderchor (Einstudierung: Tatiana Bergh) imponierten durch machtvolle, stets ausgewogene Klänge. Das Publikum bedankte sich mit starkem, lang anhaltendem Applaus bei allen Mitwirkenden.
Gerhard Eckels, 27. Februar 2026
Turandot
Oper von Giacomo Puccini
Staatsoper Hannover
Besuchte Vorstellung am 26. Februar 2026
Premiere am 7. Februar 2026
Inszenierung: Jakob Peters-Messer
Musikalische Leitung: Jānis Liepiņš
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
Weitere Vorstellungen: 7., 20., 26 März 2026 und öfter