Wuppertal, Konzert: „Grieg, Nielsen, Sibelius“, Sinfonieorchester Wuppertal unter Cornelius Meister

Die Schauspielmusik zu Ibsens Drama „Peer Gynt“ von Edward Grieg (1843-1907) umfasste ursprünglich 23 Nummern. Sie wurde vom Komponisten auf zwei Suiten eingedampft. In der heute gespielten 2. Suite geht es um Brautraub, einen arabischen Tanz, um Peer Gynts Heimkehr, um Solveigs Lied also um das ganze Leben des Lügners, Brauträubers, Sklavenhändlers Gynt, der zuletzt im „Irrenhaus“ von Kairo landete, bevor er alt und arm zu seiner Solveig nach Norwegen zurückkehrt So wie das Drama bei Ibsen dann erscheint, hielt Hans Christian Andersen es „für das Schrecklichste, was er je gelesen hat“. Das hätte er über Grieg nicht gesagt. Seine musikalischen Fassungen  wurden überaus erfolgreiche Werke romantischer Musik.

Wild und räuberisch, exakt wie feurig, startete der Brautraub (Allegro furioso). Anschließend beklagt die entführte Ingrid im Andante doloroso ihr tragisches Geschick, musikalisch an den Trauermarsch aus der der 7. Sinfonie Beethovens erinnernd. Dunkle Streicher entwickelten hier mit äußerst lebendiger Dynamik einen intensiven Orchesterklang, wie man ihn nicht oft hört. Nach langer Stille begann der arabische Tanz des 2. Satzes, sozusagen Dorfmusik in der Wüste, mit Piccolo und Flöten. Bald werben ohne trockene Bläser schmelzende Streicher um Liebe und Aufmerksamkeit. Bei der aufregenden Rückfahrt nach Norwegen per Schiff jagen die Geigen in stürmischen Tonleitern den Celli hinterher und umgekehrt. Donner über schwerer See verschärft die Dramatik, bevor nach Schiffbruch und intimem Pianissimo der Kontrabässe die inzwischen gealterte Solveig mit elegischen Violinen über tröstender Harfe ihren heimgekehrten Nichtsnutz beruhigen kann. Das Ganze endet im Pianissimo. Starker Applaus nach langer Stille.

Carl Nielsen (1865-1931), als dänischer Nationalkomponist sozusagen Nachfolger von Niels W. Glade (1817-1890), wurde bekannt vor allem durch seine sechs Sinfonien. Das Violinkonzert, Uraufführung 1912, wird seltener gespielt, auch wegen seiner extremen technisch-virtuosen Herausforderungen. Nielsen hatte das dieses Konzert auf dem Landsitz des verstorbenen Edvard Grieg komponiert, wollte „inhaltsreich, populär und brillant, ohne oberflächlich zu sein“ komponieren, was ihm kaum gelungen zu sein scheint. Formal griff er auf die barocke Kirchensonate zurück: und zu Beginn des 2. Teils taucht dann auch das B-A-C-H-Thema immer wieder auf. Fünf Solokadenzen werden von der Solistin verlangt. Von den wichtigen musikalischen Strömungen der Zeit – Schönberg, Strawinsky, Max Reger, Richard Strauß- ist in dem Konzert wenig zu spüren und zu hören.

Bei der lettischen Violinistin Baiba Skride lag die schwierige, solistische Aufgabe dieses Konzertes in besten Händen.  Nach ihrem Violinstudium an der Musikhochschule in Rostock spielte sie 2004 erstmalig bei den Salzburger Festspielen. Seitdem konzertiert die mit ihrer Familie in Hamburg lebende Solistin weltweit regelmäßig mit den renommiertesten Orchestern, darunter den Berliner Philharmonikern, dem Gewandhausorchester, dem Boston Symphony Orchestra, Academy St Martin in the Fields, dem Philadelphia Orchestra unter berühmten Dirigenten (u.a. Herbert Blomstedt, Hartmut Haenchen, Kirill Petrenko, Andris Nelsons).

Foto vom Rezensenten

Mit einem überraschendem Orchesterschlag beginnt das Werk. Ihm folgt die lange 1. Solo-Kadenz, bei der Strides Stradivari auch im PP bis in höchste Höhe aufstieg, bis dann mit dem Orchester gemeinsam musiziert wird und die Hörner virtuos umspielt werden, häufig mit Blickkontakt vor allem zu den Violinen. Die Kadenz am Ende des ersten Satzes erlebte das Publikum höchst konzentriert, staunend, ob der souveränen Virtuosität bei gebrochenen Akkorden über den ganzen Tonumfang der Violine. Zuletzt behauptet sich die Sologeige noch  gegen synkopische Orchesterschläge, womit der Satz zu Ende geht.

Das Rondo scherzando des letzten Satz treibt fast kammermusikalisch oft im Zwiegespräch mit verschiedenen Orchesterstimmen, unterbrochen von solistischen Einlagen, dem Ende zu. Ein kräftiger Orchesterschlag markiert den Schluss. Für den tosenden Applaus mit Bravi, Pfiffen und Blumen bedankte sich die Geigerin und entließ das enthusiasmierte Publikum in die Pause mit einer Partita des damals überaus bekannten Johann Paul von Westhoff (1656-1705) aus Dresden und Weimar. Leise, flinke Arpeggien mit traumhaft herausgespielter Mehrstimmigkeit begeisterten erneut.  

Nach der Pause wurde dann die Sinfonie Nr. 5, Es-Dur, op 82 von Jean Sibelius (1865-1957) geboten. Sieben Jahre, hatte er daran gearbeitet, zufrieden war er mit seiner Komposition nicht, wollte seinen eigenen Stil bewahren, mied Atonalität, Zwölftonmusik, komplexe Harmonik und blieb mit langen Orgelpunkten oder jedenfalls lang angehaltenen, fast stehenden Akkorden sich selbst treu. Was ist an solcher Musik spezifisch finnisch oder nordisch? 2022 fand an gleichem Ort unter dem Titel „Nordlichter“ schon einmal ein Konzert mit skandinavischer Musik statt (Per Gynt 1. Suite, Sibelius 1. Sinfonie, Tabea Berglund als Dirigentin). Nordische Musik ist sicher wohl nur durch die Herkunft der Komponisten zu definieren.

Wie dem auch sei:  Molto moderato im ersten und Andante mosso im zweiten Satz werden durch Tremolo und Blech strukturiert. Die Uraufführung erfolgte 1915 in Helsinki an seinem 50. Geburtstag und bescherte ihm einen Riesenerfolg beim begeisterten Publikum. Damit war sein Ruf als finnischer Nationalkomponist, endgültig gefestigt, mit dem er schon 1889 begrüßt worden war. Das hinderte ihn aber nicht daran die, Sinfonie bis 1919 weiter zu bearbeiten. Unter dem präzisen, wie inspirierenden Dirigat von Cornelius Meister übertraf sich das Orchester hinsichtlich der Gestaltung dieses schwierigen, von Brüchen durchzogenen Werkes selbst.

Im Allegro molto des 3. Satzes beginnen die Bratschen in schnellem Tempo, ziehen das gesamte Orchester in ihren Geschwindigkeitsrausch. Es entsteht der Eindruck eines starken Windes bis die Hörner den Schwanengesang anstimmen. Sechzehn fliegende Schwäne hatte Sibelius einst beobachtet und dieses Erlebnis in Musik gefasst. Bei schwermütiger Thematik wurde die Spannung immer gehalten und steigerte sich zuletzt in großem Bogen zur Schlußapotheose, die sich über einem Orgelpunkt entwickelt.  Sechs orchestrale Schläge im Fortissimo, getrennt durch deutliche Pausen, beenden schließlich diese Klangorgie. Mit erneuten Standing Ovations, Blumen für den Dirigenten, Präsentation der unterschiedlichen Orchestergruppen für ihre Leistungen ging das Konzert zu Ende.

Johannes Vesper, 19. Oktober 2026


Edvard Grieg: Peer Gynt-Suite Nr 2
Carl Nielsen: Violinkonzert op 33
Jean Sibelius: Sinfonie Nr. 5 Es-Dur op. 82

Historische Stadthalle Wuppertal

Konzert am 18. Oktober 2026

Barbara Skride, Violine   
Cornelius Meister, Dirigent
Sinfonieorchester Wuppertal