In der 164. Saison des SOW gibt es keinen Generalmusikdirektor, nachdem Patrick Hahn seinen Vertrag nicht verlängert hat und der designierte GMD Christian Reiff seinen Dienst in Wuppertal erst zur nächsten Spielzeit antreten wird. Die Konzertsaison bietet also reichlich Gelegenheiten andere Dirigenten und Dirigentinnen kennenzulernen. Das Jahresprogramm hat Prof. Lutz- Werner Hesse zusammengestellt.
Zur Saisoneröffnung gab es im Großen Saal der Historischen Stadthalle die Faust- Ouvertüre von Emilie Mayer (1812-1883), ihr bekanntestes Werk. Die Schülerin u. a. von Carl Löwe in Stettin und dem Doyen der preußischen Militärmusik Wilhelm Wieprecht (Erfinder des großen Zapfenstreichs, Veranstalter von Konzerten mit mehr als 1000 Militärmusikern!) hat sieben Sinfonien, etliche Kammermusik, Cellosonaten und anders mehr geschrieben. Zwei ihrer Sinfonien erschienen kürzlich auf CD und auch die Cellosonaten stehen heute gelegentlich auf den Konzertprogrammen. Unter den rund 500 Namen der Wiki-Liste der Komponistinnen ist sie eine der bekanntesten. Im 19. Jahrhundert war sie hoch geschätzt. Ihr Grab auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof I in Kreuzberg -2018 wieder entdeckt und seit 2021 Ehrengrab der Stadt- liegt in unmittelbarer Nähe des Grabes von Felix Mendelssohn.
Ihre Faust-Ouvertüre aus dem Jahre 1879 -Wuppertaler Erstaufführung- beginnt mit geheimnisvollen Unisono der tiefen Streicher plus Fagott, bevor nach Steigerung aller Streicher und ersten orchestralen Ausbruch eine dramatische, emotional dichte Entwicklung anhebt. Mit eingestreutem Dreier-Takt, wiederholtem orchestralen Choral sowie temperamentvollen Blechbläser entwickelt sich die Ouvertüre der tragischen Zweierbeziehung zwischen Gretchen und Faust so eher aufgeregt lyrisch als katastrophal tragisch. Sehr harmonisch ging das viertelstündige, romantisch-schöne Konzertstück mit an Beethoven erinnernden Orchesterschlägen zu Ende, unberührt von der musikalischen Entwicklung des Jahrhunderts (Schumann, Liszt, Bruckner, Wagner und Brahms). Freundlicher Applaus im nicht ausverkauften Saal.
Die Tanzsuite in sechs Sätzen von Bela Bartok (1881-1945) ist anderen Kalibers. Sie entstand als Auftragsarbeit anlässlich der Städtevereinigung von Budapest und Pest 1923. Musikalisch immer interessiert und beeindruckt an der bäuerlichen Volksmusik Ungarns und des Balkans, hatte Bartok schon vor Ende des 1. Weltkrieges ein Liederbuch für Soldaten und 1922/23 „Das ungarische Volkslied“ herausgegeben. Orientiert an dieser rhythmisch und harmonisch hoch komplexen Musik, die er zusammen mit Kodály jahrelang gesammelt und erforscht hatte, komponierte er die Tanzsuite in eigenem orchestralem Stil ohne Zwölftonmusik und ohne die Atonalität Arnold Schönbergs. Rhythmisch, synkopisch, zeitweise marschartig mit Temposchwankungen, höchst abwechslungsreich spielte das hoch konzentrierte Orchester unter dem klaren, wie inspirierendem Dirigat des Schweizer Dirigenten Kevin Griffith die komplexe Partitur. Flott taumelten Flöte und Piccolo harlekinartig im Allegro vivace gegen ein stilles Geigensolo (Nikolai Mendchev), während molto tranquillo sich kaum verschiebende harmonische Streicherklänge plötzlich von exaktem Blech unterbrochen wurden. Wunderbar setzte sich dann ein klangreiches Bratschensolo (Florian Glocker) durch. Transparenz, Durchsicht und Lebendigkeit zeichneten diese Aufführung aus, für die es großen Beifall gab.
Der Schweizer Dirigent Kevin Griffith hat mit zahlreichen bekannten Orchestern gearbeitet (darunter hr-Sinfonierorchester Frankfurt, Tonhalle Orchester Zürich, Staatskapelle Weimar, Sinfonieorchester Basel, dem Luzerner Sinfonieorchester), in Wuppertal zum ersten Mal dirigiert. Er ist nicht nur an alter Musik und historischer Aufführungspraxis, sondern auch an Filmmusik interessiert und ist ständiger Gastdirigent des City Light Symphony Orchestra Luzern.
Nach der Pause erklang das zweite Klavierkonzert in B- Dur op. 83 von Johannes Brahms (1833-1897). Erst aber musste ein anderer Klavierhocker her. Kevin Griffiths mit dem Taktstock zwischen den Zähnen stemmte unbefangen den unpassenden hoch über die Geigen weg. Dann konnte das Konzert beginnen. Mit dem bekannten Hornthema zu Beginn des 1. Allegro non troppo und dem lyrischen Zwiegespräch zwischen Horn und Klavier entwickeln sich nach der Solokadenz des Klaviers schwungvoll die Themen des ersten Satzes zu dramatisch virtuosen pianistischen Höhepunkten. Mit zupackender Verve, Temperament und Kraft und großer Sensibilität in abgeklärtem Pianissimo musizierte Fabian Müller hoch konzentriert wie souverän, verständigte sich, gelegentlich angedeutet nickend, mit der 1. Geige. Im 2. Satz -Allegro apassionata- wird der geschwinde Aufschwung lyrischen Piano-Passagen sinfonisch gegenübergestellt. Doppeloktaven im Klavier, Blechbläsereinwürfe und etliche Seitenthemen führen zu einem ernsten, hochromantischen Scherzo, welche in starkem Kontrast zu dem liedhaften Andante des 3. Satzes steht. Auf das seelenvolle Solo-Cello (Anne Yumino Weber) nach dem Liede „Immer leiser wird mein Schlummer“ antwortete das Klavier leise kommentierend. Violoncello und Klavier zeigten sich hier in kammermusikalischem, intimem Zwiegespräch eng miteinander verbunden. Zuletzt ergänzten Klarinette und Oboe das Violoncello, nunmehr in höherer Lage: Mucksmäuschenstille und Gänsehaut blieben bis zum lang ausgehaltenen Schlussakkord. Das anschließend munter und flink daherkommende Allegretto grazioso, leicht ungarisch angehaucht mit typisch Brahms’schen Vorhalten, musikantisch markanten Akzentuierungen des Pianisten verstärkte die großartige Wirkung dieser „Sinfonie mit Klavier“ auf das begeistere Publikum. Am Ende gab es nach sehr berechtigtem frenetischem Beifall mit Bravi, Blumen, Sonderapplaus für den Instrumentalsolisten und Solistinnen noch eine Zugabe (Intermezzo Nr 1 aus op. 117 von Johannes Brahms). Eine sehr gelungene Saisoneröffnung!
Johannes Vesper, 13. September 2026
Emilie Mayer: Faust-Ouvertüre op. 46
Bela Bartok: Tanzsuite in sechs Sätzen Sz 77
Johannes Brahms: Klavierkonzert Nr 2 B-Dur op. 83
Historische Stadthalle Wuppertal, Großer Saal
13. und 14. September 2026
Fabian Müller, Klavier,
Dirigent Kevin Griffith
Sinfonieorchester Wuppertal