DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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MÖNCHENGLADBACH / Rheydt

 

 

Der seltsame Fall des Claus Grünberg

Premiere: 24.9.2017

Neues Monteverdi-Pasticcio des Kobie van Rensburg

Es war fraglos Planungszufall, dass die beiden unmittelbar aufeinander folgenden Eröffnungspremieren am Theater Mönchengladbach von Tenören inszeniert wurden. Carsten Süss (Kálmáns „Faschingsfee“) ist weiterhin als Sänger tätig, Kobie Van Rensburg hat seine entsprechende Karriere, welche in der „alten“ Musik ein Zentrum hatte, mittlerweile beendet. Seit einem Jahrzehnt führt er Regie, wobei der Einsatz von Videos zu seiner speziellen Ästhetik gehört. Bei ihm bilden sie allerdings kein partielles Dekor, wie man es oft anderswo sehen kann, sondern sind integraler Bestandteil seiner szenischen Bilderwelten. Am Gemeinschaftstheater Krefeld/Mönchengladbach hat er auf diese Weise Mozarts „Figaro“ und “Giovanni“ sowie Rossinis “Barbier“ erarbeitet, brachte auch im Studiotheater Mönchengladbach eine Produktion heraus, die von Sängern des Opernstudios Niederrhein bestritten wurde. Der Titel „The Gods must be crazy“ lässt unschwer erkennen, dass es sich hier um etwas Komödiantisches handelte. „Der seltsame Fall des Claus Grünberg“ mit Monteverdi-Musik hingegen ist totale Tragödie, wo die kurze, aufgekratzte Liebesszene zwischen zwei Krankenschwestern den Charakter des Stückes fast schon ein wenig aus dem Gleichgewicht bringt. Entschieden stimmiger ist die „Zugabe“ des Sängerensembles, welches mit einem der Scherzi musicali zur Heiterkeit auffordert, aber gleichzeitig mahnt, darüber Tränen und Trauer nicht zu vergessen, welche bald wieder Oberhand gewinnen.

Claus Grünberg, der von Kobie van Rensburg erfundene Komponist, ist ein Alter Ego des Divino Claudio, dessen 450. Geburtstag derzeit gefeiert wird, auch von dessen Orfeo. Der Südafrikaner Rensburg ist mit Monteverdi seit seiner Jugend zutiefst vertraut, hatte als Sänger alle seine Opern im Repertoire wie auch viele Vokalkompositionen. „Ich bin verrückt nach Monteverdi“ lautet die Überschrift seines Programmheftbeitrags. Als Knabe verpasste er mal eine wichtige Lateinarbeite, weil ihn die Musik so gefangen nahm. Als Sänger kann er auf eine stolze Bilanz verweisen, was Bühne und Aufnahmen betrifft. Seine erste Arbeit als Regisseur galt dem „Orfeo“, den er dann nochmals erarbeitete, u.a. als Teil einer Monteverdi-Trilogie incl. „Ulisse“ und „Poppea“. Sogar das szenisch nicht leicht zu bewältigende „Combattimento“ hat er inszeniert und ist darüber hinaus verantwortlich als Autor dreier Monteverdi-Pasticcios („Il Pianto d’Orfeo“, „Tirsi, Clori e Fileno“, „Lamento“). „Der seltsame Fall des Claus Grünberg“ schließt hier nahtlos an.

Grünberg hatte - so der Plot der „Favola in musica“ (!) - einen Unfall, bei welchem seine Frau Claudia und Tochter Arianna ums Leben kamen. Er selber vermag dieses Erlebnis nicht zu verarbeiten, kommt in eine psychiatrische Klinik, wo Chefarzt Dr. Bardi herausfindet, dass eine Behandlung im Verein mit Monteverdi-Musik am erfolgreichsten ist. Dennoch hadert der Patient weiterhin mit seinem Schicksal, verbeißt sich in Fragen über Schuld und Sühne, wobei ihm seine Gedankenspiele Personen aus Monteverdis Oper an die Seite geben. Ein ziemlich intellektueller Konstrukt, dessen „Handlung“ auch bei wiederholtem Lesen der Inhaltsangabe nicht bis ins Letzte nachvollziehbar ist. Verständlich wird allerdings die immense Trauerlast bei Grünberg, welche zuletzt zum Selbstmord führt. Nichts also von Tod und Verklärung wie in Monteverdis originalem „Orfeo“.

Das hat Rensburg klug und tiefenpsychologisch raffiniert dramatisiert. Aber als Zuschauer ertappt man sich während der zweistündigen (und damit fraglos ein wenig zu langen) Aufführung mit ihrem dominanten Lamento-Charakter dabei, dass man einer Logik der Vorgänge nicht mehr nachsinnt, sondern sich primär von den Bildern beeindrucken lässt. Der Regisseur arbeitet mit Livekameras und vorgefertigten Videos, kombiniert diese virtuos. Manche Bilder geben Rätsel auf wie der Buckelwal, welcher durch einen von Wasserfluten bedeckten Wald schwimmt. Aber die Optik ist stark.

Vor seinem Suizid singt Andrew Nolen, der schon vorher mehrfach mit Counterhöhen die schizophrene Befindlichkeit der Titelfigur verdeutlicht, eine fast drei Oktaven umfassende Arie aus Händels Kantate „Aci, Galatea e Polifemo“. Ihre Wirkung ist freilich nicht so dringlich, dass man die Infiltrierung eines „fremden“ Stückes akzeptieren möchte. Zu einem in toto spannenden und vom Premierenpublikum reich beklatschten Abend hat das ganze Unternehmen dennoch geführt. Nolen ist kein dezidierter Belcanto-Sänger, gibt den Monteverdi-„Kantilenen“ jedoch emotionale Tiefenschärfe. Susanne Seefing als seine Gattin (alternativ Eurydike etc.) erfreut mit noblem, fraulichem Gesang. Den Arzt verkörpert James Park mit seinem klangstarken Tenor vorzüglich; einen Tag zuvor hatte er als Chormitglied in Kálmáns „Faschingsfee“ auf der Bühne gestanden. Von den Mitgliedern des Niederrheinischen Opernstudios (dem Park auch mal angehörte) kommen schöne Eindrücke, wobei Panagiota Sofroniadou mit klarem, höhensicherem Sopran und attraktiver Erscheinung besonders in Ohr und Auge sticht. Aber auch Agnes Thorsteins und Alexander Kalina bieten hohes Niveau, vokal wie darstellerisch.

Es erfreut, dass die sechs Streicher der Niederrheinischen Sinfoniker (zwei Violen!) mit dem Monteverdi-Stil gut zurechtkommen. Yorgos Ziavras, Repetitor mit Dirigierverpflichtung am Haus (bis zu seiner Festanstellung gehörte er dem Opernstudio an), leitet das um eine Lautenistin ergänzte Ensemble mit enormem Elan und bedient dazu noch Portativ und Cembalo. Ein Feuerkopf, wie es scheint. Zu hoffen ist, dass der ambitionierte Abend (Uraufführung!) nach den fünf angesetzten Vorstellungen noch weitere Aufführungschancen erhält.

Christoph Zimmermann 28.9.2017

Bilder siehe unten

 

DER SELTSAME FALL DES CLAUS GRÜNBERG

Premiere / UA am 24.9.2017

Mit einem schönen Wortspiel in dem Titel „Der seltsame Fall des Claus Grünberg“ widmet sich das Theater Mönchengladbach im Rahmen einer kleinen Studioproduktion der Musik von Claudio Monteverdi, der vor 450 Jahren zur Welt kam. In nahezu sämtlicher Opernliteratur wird Monteverdi auf Grund der seinerzeit völlig neuartigen Strukturierung der Musik als Begründer der Oper in der heute bekannten Form gefeiert, „Oper für Dummies“ spricht gar liebevoll vom „Urgroßpapa der Oper“. Nach dem sehenswerten Opernpasticcio „The Gods Must Be Crazy“ in der vergangenen Spielzeit entwickelte Kobie van Rensburg, der von sich selber im Programmheft behauptet „verrückt nach Monteverdi“ zu sein, erneut ein kleineres Barockopernprojekt und nennt es Monteverdi gleich eine „Favola in musica“.

Diese Fabel handelt in Mönchengladbach von dem Komponisten Claus Grünberg, der nach einem tragischen Autounfall bei dem seine Familie verstarb als Patient in einer Psychiatrie unterkommt. Hier kommuniziert er mit seiner Umwelt vor allem durch die Musik Monteverdis. So hält er sich abwechselnd selber für den bekannten Komponisten oder eine von ihm geschaffene Opernfigur. Aber auch das Klinikpersonal und die Besucher des Hauses werden von ihm als Wesen aus Monteverdis Opern gesehen. So ergibt sich im Laufe des Abends eine Art bruchstückhafte Biographie von Claus Grünberg, die durchaus einige Parallelen zu Claudio Monteverdi aufweist, vor allem geht es aber um die Fragen nach Schuld, menschlichen Sehnsüchten und weiteren Tiefen der inneren Seele.

Dies gelingt in den 18 Szenen inclusive Prolog und Epilog mal besser, mal schlechter. Besonders emotional wird es immer dann, wenn Claus Grünberg sich seiner „realen Familie“ erinnert und in den Gedanken hieran, die Trauer im kleinen Studio förmlich spürbar ist. Nicht ganz so gut funktionieren die Masken aktueller Politiker an anderer Stelle, mit Ausnahme von Herrn Trump. Diesem erklärt Grünberg in sehr unterhaltsamer Art und Weise, dass ein Bauchgefühl nicht immer das beste Mittel in der großen Politik sein mag. In den Szenen mit Figuren aus alten Opernwerken werden vor allem die Monteverdi-Kenner sich am großen Fachwissen und der künstlerisch durchaus gelungenen Umsetzung Kobie van Rensburgs erfreuen können. Alle anderen Zuschauer werden aber zumindest an der Musik und der Inszenierung mindestens ebenso viel Freude haben. In fast bewährter Manier, besteht das Bühnenbild aus einer großen Leinwand, auf der mittels phantastisch klaren Bildern eine durchgängige Videoprojektion läuft, in welcher die Darsteller immer wieder eingebunden werden. Hier werden auch die teilweise recht freien, aber dafür sinngemäß stets gut passenden Übersetzungen ins Deutsche geschickt mit eingebaut. Besucher früherer Inszenierungen von Kobie van Rensburg am Theater Krefeld-Mönchengladbach werden hier Bewährtes wiederfinden. Ein großer Vorteil ist in diesem Fall das kleine Studio, da die „Aufnahmefläche“ und „Projektionsfläche“ so dicht nebeneinanderliegen, dass beides mit einem Blick erfasst werden kann.

Fast scheint es, als würde diese Technik mit jeder neuen Produktion nochmals eine Steigerung erfahren, so sind inzwischen auch zwei gleichzeitige Einspielungen von verschiedenen Darstellern möglich. Aber hier will ich mich nun gar nicht zu sehr in die technischen Dinge verlieren, denn einen weiteren großen Reiz der Produktion macht die auch heute noch fesselnde Musik aus, die von acht Mitgliedern der Niederrheinischen Sinfonikern unter der musikalischen Leitung von Yorgos Ziavras wunderbar wiedergegeben werden. Verwendet wurden für die Produktion übrigens Ausschnitte aus den Opern „L’Orfeo“, „Il ritorno d’Ulisse in patria“ und „L’Incoronazione di Poppea“, dem Opernfragment „Arianna“ sowie aus den Werken „Madrigali guerrieri e amomorosi“, „Selva morale e spirituale“, „Lamento d’Arianna“, „Scherzi musicali“ sowie als einzigem Werk welches nicht von Monteverdi stammt, „Fra l’ombre e gl’orrori“ von Georg Friedrich Händel.

Hervorragend auch die Darsteller, allen voran Andrew Nolen als Claus Grünberg, der diese Rolle nicht nur spielt sondern förmlich zwei Stunden durchlebt. Bereits bei „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ war sein Schauspiel alleine einen Besuch wert, hier sind nun seine Gesangsanteile deutlich umfangreicher und diese meistert er in allen Lagen mit Bravour. Ganz hervorragend. In weiteren Rollen überzeugen Susanne Seefing als seine Frau Claudia Grünberg, James Park als behandelnder Chefarzt Dr. Bardi sowie die Mitglieder des Opernstudios Agnes Thorsteins, Panagiota Sofroniadou und Alexander Kalina in wechselnden Rollen.


Nachdem man mit der Premiere der „Faschingsfee“ am Vorabend wohl vor allem die breite Masse ansprechen wollte, ist die Uraufführung von „Der seltsame Fall des Claus Grünberg“ sicher eher etwas für ein kleineres Publikum. Da das Studio allerdings nur eine sehr begrenzte Platzzahl bietet, sollte man sich hier durchaus beeilen, wenn man sich diese durchweg gelungene Produktion nicht entgehen lassen will.

Markus Lamers, 25.09.2017
Fotos: © M. Stutte

 

 

Die Faschingsfee

Premiere: 23.9.2017

Großer Ehrgeiz, kleine Schwächen

Die schon oft tot gesagte Operette hat an der Komischen Oper Berlin eine Vitaminspritze bekommen. Dem Intendanten Barrie Kosky ist es gelungen, die von ihm gewählten Werke von Verkrustungen zu befreien, ihnen Relevanz zu geben und ihre Lust an Unterhaltung neu zu legitimieren. Dabei bewegt er sich allerdings in einem Repertoire, welches nicht auf den Urvater der Operette, Jacques Offenbach, zurückgreift, zumindest bislang nicht. Offenbach war ein Meister satirischer Zuspitzung und subversiver Gesellschaftskritik. Dass das Genre Jahrzehnte später bei einem tränenreichen Werk wie „Land des Lächelns“ landete, ist eine fatale Entwicklung ebenso wie die vielen Bearbeitungen, welche die eigentliche Substanz von Werken übertünchten und verkleisterten.

 

Das wird auch von Carsten Süss so gesehen, weiterhin im Tenorfach zu Hause (u.a. an der Wiener Volksoper), aber schon seit einiger Zeit auch als Regisseur tätig. Er weist zudem darauf hin, dass sich die Operette im Spielplan gehalten hat, vor allem dem von mittleren und kleineren Häusern, was dem Wunsch vieler Theatergänger entgegen kommt. Freilich stellt sich die Frage, ob das angesichts eines zwangsläufigen Generationenwechsels so bleiben wird.

Süss hebt in einem sehr eloquenten Programheftbeitrag für die von ihm inszenierte „Faschingsfee“ Emmerich Kálmáns zwei Momente hervor, welche dem Genre besonders zugesetzt und sie des Offenbach-Stachels beraubt haben. Beide haben mit dem „Tausendjährigen Reich“ zu tun. Zum einen wurden die Operetten einem „deutschen Reinheitsgebot“ unterzogen, die Werke jüdischer Komponisten (zu ihnen zählt auch Kálmán) gleich völlig aus dem Verkehr gezogen. Nach 1945 war Vergessen gewünscht, was man auch Verdrängung nennen kann. Die Schallplatte tat der Operette gleichfalls nicht nur Gutes an. Der Rundfunk arbeitete in der Regel seriöser, hatte sich freilich nicht dem Problem einer angemessenen optischen Bebilderung zu stellen.

Carsten Süss ist der von vielen anderen Regisseuren geteilten Auffassung, dass Stoffe des Musiktheaters (also auch Operetten) an einer „Verjüngungskur“ nicht vorbei kommen, wobei er freilich einer „wahllosen Modernisierung“ eine Absage erteilt. Hat er sich selber daran gehalten? Dass er die vor dem Ersten Weltkrieg spielende Handlung des 1917 uraufgeführten Werkes in die Jahre nach 1945 verlegt, ist durchaus legitim, wobei an die Ausstatter Siegfried E. Mayer (Bühnenbild) und Dietlind Konold (Kostüme) freilich einige Fragen in punkto Zeitstimmigkeit zu richten wären. Der Transfer bringt im übrigen nicht so viel Gewinn wie erhofft. Karnevalsbegeisterung ist als „Vergessensmaßnahme“ immerhin glaubhaft, die Herz-Schmerz-Euphorien bleiben jedoch Operettenklischee, zumal im melodramatisch überbordenden 2. Akt. Dass es die Fürstin Alexandra (in Mönchengladbach entfällt der Adelstitel) in eine ausgelassene Jubelfeier verschlägt, müsste übrigens nicht vom Zufall einer Autopanne herrühren, da könnte auch eigenes Begehren mitwirken wie in Lehárs „Lustiger Witwe“ oder Falls „Madame Pompadour“.

Aber Alexandra ist in Mönchengladbach trotz ihres Bekenntnisses, dass sie das „Bravsein nervös“ mache, keine Kokotte, nicht einmal eine besonders Kokette. Mehrfach wird im renovierten Dialogtext auf das vorgerückte Alter Alexandras angespielt, was der Bühnenerscheinung der offenbar ewig jungen Debra Hays freilich widerspricht. Aber warum wird daraus nicht wirklich eine inszenatorische Konsequenz gezogen?

Für das Finalbild wählt Carsten Süss mit seinen Ausstattern ein Nobeletablissement, wie es unmittelbar nach dem Kriege derart gestylt nicht gegeben haben dürfte. Man erlebt eine steif-vornehme Mahlzeit bei Rittmeister von Grevlingen mit alter Dame im Rollstuhl und einem pubertären Schnösel, der dauernd zu kiffen scheint. Das wäre doch schon eher ein Bild für die spätere Wohlstandsgesellschaft. Wie auch immer: hier möchte die dem Rittmeister anverlobte Alexandra wirklich nicht begraben sein. Auf einmal stürzt ihr euphorischer Verehrer, der Maler Victor Ronai, herein, nimmt sie bei der Hand und befreit sie aus ihrem Unglück. Wirkt reichlich fix.

Die Figur des Dr. Mereditt, offiziell ein honoriger Sponsor, in Wirklichkeit aber vor allem ein unsympathischer Grapscher, interpretiert Süss als unverbesserlichen Nazi. Seine Szene im 3. Akt (wo die kraftvolle, angenehm timbrierte Stimme von Juan Carlos Petruzziello besonders aufhorchen lässt) wird mit BDM-Mädchen garniert. Das hat konzeptionell eine gewisse Schlüssigkeit, wirkt aber reichlich drastisch. Und wenn dann noch ein Richard-Wagner-Porträt von der Wand fällt und dahinter das Konterfei von Hitler auftaucht - naja.

Großartig hingegen der 1. Akt, wo es in den Faschingsturbulenzen wirklich kein Aufhalten gibt, was nicht zuletzt dem einsatzfreudigen Chor zu danken ist. Hier und da mal ein Stillstand, dort eine hervorgehobene Privatszene in eingedimmtem Licht - das sind wirkungsvolle Zäsuren. Im Folgeakt dörrt das Verfahren allerdings etwas aus.

Der Gesang von Debra Hays und dem tenorstählernen Michael Siemon (Victor) stößt mitunter etwas an Wohlfühlgrenzen, wirkt aber stets rollengerecht und wird von darstellerischem Elan unterfüttert. Glänzend besetzt ist das Buffopaar Lori/Hubert (Hubsi) mit Gabriela Kuhn und Markus Heinrich, letzterer rhetorisch besonders brillant. Hayk Dèinyan erheitert als Lubitscheck, Intendant Michael Grosse hat die eher unscheinbare Sprechrolle des Rittmeisters übernommen. Unter Diego Martin-Etxebarria spielen die Niederrheinischen Sinfoniker mit Schwung und Pfiff.

Christoph Zimmermann (24.9.2017)

Bilder (c) Stutte / Theater Krefeld & Mönchengladbach

 

Orpheus und Eurydike

Premiere: 15.6.2017       

Besuchte Aufführung: 17.6.2017

Musikalisch sensationell

Zunächst eine Binsenweisheit: die Musik von Glucks “Orfeo“ ist ein Geniestreich. Dass dies am Theater Mönchgengladbach so eindrücklich bestätigt wird, liegt nicht wenig am Livecharakter des Abends. Bei Phonoaufnahmen erfährt die Musik halt doch immer ein gewisses Maß an Neutralität; live ist ganz einfach körperhafter, emotional dringlicher. Dass sich diese Gedanken bei der hier beschriebenen Aufführung so nachhaltig einstellen, hat auch und besonders mit der fantastischen musikalischen Interpretation zu tun, welche der Dirigent Werner Ehrhardt verantwortet. Der einstige Geiger und nunmehr vollberufliche Dirigent (20 Jahre bei Concerto Köln tätig), besitzt ein Gespür für Glucks Herzblut-Musik; gleichzeitig gestaltet er die Oper ausgesprochen theatralisch. Die Niederrheinischen Sinfoniker nähern sich der historisch informierten Aufführungspraxis maximal an, der Chor (Maria Benyumova, Michael Preiser) leistet Außerordentliches. Drei Sterne! Und Dank an das Publikum, welches sich an dem besuchten Abend störenden Zwischenbeifalls enthielt.

Wenn man von der etwas operettenhaften Gabriele Kuhn (Amor) absieht, sind auch die Sänger ohne Fehl und Tadel. Der Eurydike von Sophie Witte eignet leichte Herbheit. Aber das passt durchaus zu der Figur, die bei ihrer Auseinandersetzung mit Orpheus ganz schön energisch wird. Dennoch bleibt bei der Sängerin alles in einem fraulichen Rahmen. Eva-Maria Günschmann bot zuletzt eine etwas problematische Ortrud. Ihr Orpheus versöhnt auf ganzer Linie, vereint vokalen Wohllaut und leidenserfülltem Ausdruck. Dazu ist die hochgewachsene Sängerin eine optische Augenweide. Sie trägt moderne Männerkleidung, bleibt aber doch immer irgendwie Frau: ein leicht androgynes Erscheinungsbild. Sensible Darstellung, reiche Mimik.

Beeindruckend ist auch die Ausstattung von Markus Meyer (Allerweltskostüme freilich). In hellen Zimmerwänden sind links und rechts schwarze Türen eingelassen, die hintere besteht fast nur aus einer Fensterfront, ebenfalls schwarz, mit zerbrochenen Scheiben. Im Plafond ein Kristalllüster, eingefasst von dunklem Stuck. Bei den seligen geistern wechselt Schwarz zu Weiß - absolut sinnfällig. Warum die Decke bei der Szene Orpheus/Eurydike zur Schräge wird, erschließt sich allerdings nicht.

Entschieden mehr Fragen sind freilich an die Inszenierung zu stellen. Jakob Peters-Messer Lässt bereits während der Ouvertüre Amor aktiv werden, eine Mischung aus Maitre de plaisir, Zirkusdompteur und Todesfigur (der Mund ist zur Hälfte mit Skelettzähnen geschminkt). Über das, was er tut, scheint er Buch zu führen, und das tut später auch Orpheus. Es sei erst gar nicht versucht, diese abseitige Regieidee zu entschlüsseln. Und in Amors Geigenbogen sieht man bestenfalls eine Verbindung zum Musiklehrer Orpheus bei Offenbach. Nur erhebt sich die Frage: wozu das Ganze?

Sie gilt auch dem Einsatz einer achtköpfigen Ballettcrew (Chef: Norbert Orth), welche vor allem nach Musik von „Don Juan“ tanzt. Mehr als „Einlagen“ kann man in diesen sportiven Intermezzi allerdings kaum sehen, was freilich zum weitgehend dekorativen Inszenierungsstil von Peters-Messer passt und leider zu etlichen musikalisch unstimmigen Nummernübergängen führt (es wäre interessant zu erfahren, ob und wie weit sich der Dirigent dagegen wehrte). Dem Jubelfinale wird noch ein meditatives Andante aus der „Don Juan“-Musik nachgeschickt, dazu ein nicht eben glücklich wirkendes Vis-à-Vis von Orpheus und Eurydike. Hat hier Regisseur Peters-… das Messer gegen Glucks lieto fine zücken wollen? Fragen über Fragen.

Christoph Zimmermann 18.6.2017

Bilder siehe unten Premierenbesprechung!

 

Orpheus und Eurydike

Eine Reise zwischen Leben und Tod

Premiere am 15.6.2017

Als letzte Musiktheaterpremiere in dieser Spielzeit zeigte das Theater Mönchengladbach am diesjährigen Fronleichnams-Feiertag nach dem großen Erfolg der Carmina Burana in den letzten Jahren erneut eine Zusammenarbeit einiger Solisten aus dem Musiktheaterensemble, dem Opernchor, der Ballettkompanie des Hauses sowie den Niederrheinischen Sinfonikern. Im Gegensatz zu Orffs großem Werk, wird die Oper „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck allerdings komplett szenisch aufgeführt.

Gluck schrieb die 1762 uraufgeführte italienischsprachige Oper in freier Anlehnung an die griechische Mythologie. Am Grab seiner Gattin Eurydike beweint Orpheus deren Tod. Durch einen Handel mit den Göttern soll Eurydike wieder zu Leben erwachen, wenn es Orpheus gelänge, sie durch seinen Gesang aus dem Hades zu befreien. Allerdings dürfe er sie auf dem Weg zurück nicht ansehen. Dass dies einer Frau, die zu Ihrer Ehrenrettung von diesem Handel natürlich keine Ahnung hat, nicht gefällt, lässt sich erahnen. Also klagt sie ihn an, dass er sie (obwohl er sie mutig aus dem Hades befreit hat) nicht mehr lieben würde. Und es kommt wie es kommen muss, bevor sich Eurydike wieder von ihm lossagt, dreht sich der Mann zu ihr um. Doch Spaß beiseite, gerade diesen letzten Akt inszeniert Jakob Peters-Messer überzeugend glaubhaft. Den Traum der Menschheit vom unerfüllbaren (!) Sieg über den Tod in Gestalt der beiden Liebenden löst Peters-Messer am Ende zudem geschickt, da die Oper bekanntlich im Gegensatz zur historischen Überlieferung ein Happy-End vorsieht.

Allgemein weiß die Inszenierung zu gefallen, auch die Darstellung des Amor als Gestalt in dem sich „Liebe und Tod begegnen“ ist schlüssig und wird durch das entsprechende Kostüm von Markus Meyer verstärkt. Meyer zeichnet sich auch für das Bühnenbild verantwortlich. Der Raum der Beisetzung Eurydikes verwandelt sich im 2. Akt zum Weg in die Unterwelt und später in eine eher sterile Klinikatmosphäre. In diesem Bühnenbild zeigt das Ballett unter Robert North zeigt einmal mehr, was es zu leisten vermag. Besonders die Choreographie der rasenden Furien gelingt sehr synchron und weiß zu gefallen. Namentlich erwähnt seien hier Jessica Gillo, Flavia Harada, Victoria Hay, Yoko Osaki, Illya Gorobets, Giuseppe Lazzara, Raphael Peter und Radoslaw Rusiecki.

Die Rolle des Orpheus übernahm in der Mönchengladbacher Premiere Eva Maria Günschmann, die hierbei eine sehr große Partie zu besetzen hat, was ihr in weiten Teilen sehr gut gelingt. Seit der Spielzeit 2010/2011 kann sich das niederrheinische Publikum hier stets auf Sie verlassen, so auch an diesem Abend. Als Eurydike steht ihr Sophie Witte zur Seite, die zwar nur im dritten Akt zum Einsatz kommt, hier aber einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ihr Sopran klingt klar und deutlich und die Duette mit Eva Maria Günschmann harmonieren blendend. Abgerundet wird das Terzett der Damen durch Gabriela Kuhn als Amor, die die wenigen kleineren Partien die Ihr Gluck gewährt ebenfalls überzeugend interpretiert.

Dadurch, dass Gluck die seinerzeit noch typische Abfolge von Rezitativ und Arie zugunsten einer eher handlungsorientierten Szenenabfolge aufgehoben hat, bekommt auch der Opernchor eine gewichtige Aufgabe, sowohl gesanglich als auch dramaturgisch. Daher soll der Chor an dieser Stelle auch einmal besonders ausdrücklich hervorgehoben werden. Die Niederrheinischen Sinfoniker blühen unter dem Gastdirigat von Werner Ehrhardt regelrecht auf und zaubern ungewohnte Klänge aus dem Orchestergraben. So geraten auch die jeweiligen Ouvertüren der einzelnen Akte zu kleinen Highlights des Abends.

Allerdings kürzt das Theater Krefeld-Mönchengladbach, das ohnehin nicht sonderlich lange Werk noch etwas zusammen, so dass eine gut 90minütige Version übrigbleibt, die ohne Pause dargeboten wird. Dies kommt dem Fluss des Stückes sicherlich zu Gute, doch dank der eingangs erwähnten geschickten Kombination von Ballett, Chor, Orchester, Solisten und Inszenierung vergeht der Abend dadurch auch wie im Fluge, oder sollte man an dieser Stelle besser sagen wie ein kurzer aber schöner Traum!?

Markus Lamers, 16.06.2017
Fotos: © Matthias Stutte

 

Neue Saison 2017/18

„Die Faschingsfee“, Operette von Emmerich Kálmán (23.09.2017)

Inszenierung: Carsten Süss

„Der seltsame Fall des Claus Grünberg“, Favola musica mit Musik von Claudio Monteverdi (24.09.2017)

Inszenierung: Kobie van Rensburg

„Hänsel und Gretel“, Oper von Engelbert Humperdinck (13.10.2017)

Inszenierung: Hinrich Horstkotte

„Lohengrin“, Oper von Richard Wagner (20.01.2018)

Inszenierung: Robert Lehmeier

„Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, Kammeroper in einem Akt, Musik von Michael Nyman (31.01.2018)

Inszenierung: Robert Nemack

„Cavalleria rusticana/ Gianni Schicchi“, Operneinakter von Pietro Mascagni und Giacomo Puccini (29.04.2018)

Inszenierung: Francois De Carpentries

„Nabucco“, Oper von Giuseppe Verdi (23.06.2018)

Inszenierung: Roman Hovenbitzer

 

 

DER KONSUL

2. Premierenbericht

Einen aktuelleren Bezug hätte es kaum geben können. Die Menotti-Oper „Der Konsul“ berichtet vom Widerstandskämpfer John Sorel, welcher von der Geheimpolizei verfolgt wird. Nur die Flucht in ein anderes Land könnte Rettung bringen. Da John untertaucht, versucht seine Frau Magda, auf einem Konsulat Ausreisevisa zu beschaffen. Doch bei der zuständigen Sekretärin wird sie kalten Vorschriften konfrontiert, muss unentwegt Formulare ausfüllen. Diese Prozedur zerreibt sie, zudem sterben Mutter und Söhnchen. Da das Schicksal ihres Mannes ungewiss bleibt, wählt sie schließlich den Freitod durch Einatmen von Herdgas. Einen Anruf, welcher möglicherweise die Wende zum Positiven angekündigt hätte, vermag die Sterbende nicht mehr entgegenzunehmen.

Der Anlass für Menotti, nach kleineren Bühnenstücken eine erste abendfüllende Oper zu schreiben (incl. Libretto), war die Zeitungsnotiz über eine polnische Emigrantin, die wegen Verweigerung einer Aufenthaltsgenehmigung in den USA Selbstmord beging. Vergleichbare Schicksale bei europäischen Freunden mögen für den Komponisten hinzugekommen sein. Das Niederrheinische Gemeinschaftstheater Krefeld/Mönchengladbach hat den „Konsul“ mit Blick auf die anhaltende Flüchtlingssituation gezielt in seinen Spielplan aufgenommen. Die jüngste Trump-Farce (Kommentar im Programmheft) war bei diesem Entscheid freilich noch nicht absehbar.

Der Uraufführung am Shubert Theatre in Philadelphia 1950 (welche auch auf Platte festgehalten wurde) folgten sage und schreibe 269 Vorstellungen, und internationales Interesse bewirkte, dass rund zwanzig Übersetzungen entstanden. Die Deutsche Erstaufführung erfolgte 1951 in Hamburg in einer Rennert-Inszenierung mit Martha Mödl als Magda. Bald darauf war an der Berliner Städtischen Oper Inge Borkh in dieser Partie zu erleben; sie nahm unter der Stabführung von Artur Rother auch zwei Szenen auf. Auch Mönchgengladbach spielte den „Konsul“ sehr früh, nämlich 1952. Gemäß Auskunft der Operndirektion soll die Sängerin der Magda direkt nach der Generalprobe verstorben sein. Wie man die Premiere rettete, ist nicht bekannt. Fotos der damaligen Ausstattung (entliehen einer Sammlung im Theatermuseum Köln-Wahn) werden jetzt schemenhaft auf den Vorhang projiziert.

In jüngerer Zeit ist es etwas stiller um den „Konsul“ geworden, die letzte Produktion scheint 2014 in Paris gewesen zu sein. Ganz aus den Augen verloren hat man das Werk freilich nie, was u.a. an einigen CD-Einspielungen abzulesen  ist. Auch das Fernsehen engagierte sich mehrfach. In einer amerikanischen Verfilmung 1960 war die UA-Magda Patricia Neway zu erleben (Ausschnitt bei Youtube), der ORF folgte 1963 mit dem Orchester der Wiener Volksoper unter Franz Bauer-Theussl. Das Sorel-Ehepaar war mit Melitta Muszely und Eberhard Wächter besetzt, die Mutter gab die fast 70jährige Res Fischer, vermutlich einer ihrer letzten Auftritte. In kleineren Partien waren Willy Ferenz, Laszlo Szemere sowie die einstigen Primadonnen Ljuba Welitsch und Hilde Konetzni beteiligt; Gloria Lane war die Sekretärin schon der der Uraufführung. Eine DVD dieser Produktion ist weiterhin erhältlich.

Die amerikanische Oper ist ein eigener Typus von Musiktheater. Avantgarde-Stress hat man in den USA weitgehend vermieden, zumindest in der ersten Zeit nach 1945. Menotti zu diesem Thema in einem späten Interview: „Sollte ich ästhetische Vorfahren nennen, würde ich sagen, dass meine melodische Lyrik von Schubert beeinflusst wurde und meine dramaturgische Musik von Mussorgsky. Was ich von Puccini zu lernen versucht habe und als große Errungenschaft ansehe, ist die Kunst, Arien zu schreiben, die melodische Rezitative sind und Rezitative, die melodische Arien werden.“

Menotti blieb also auf dem Boden der Tonalität wie auch sein zeitweiliger Lebensgefährte Samuel Barber (seine „Vanessa“ war vor einem Jahr eindrucksvoll in Hagen zu erleben) oder Douglas Moore, dessen „Ballade von Baby Doe“ man vor etwa einem Vierteljahrhundert in Bielefeld kennenlernen konnte, als John Dew dort Oberspielleiter war und konsequent und energisch mit Werken seines Geburtslandes bekannt machte. Gloriose Jahre der Oper !!!

„Der Konsul“, mittlerweile 65 Jahre alt, beansprucht nicht, radikal am Puls der Zeit zu sein, aber das Werk bietet ein politisch hautnahes, dramatisch flammendes  Sujet, welche in expressive Melodik gekleidet ist. Über weite Strecken lässt das musikalische Idiom die Entstehungszeit mit ihren Entwicklungstendenzen durchaus spüren. Gegenüber dieser etwas radikaleren Tonsprache wirken die „Puccini-Stellen“ mitunter etwas plakativ, die Dur-Apotheose besitzt sogar fast Show-Charakter. Aber Menottis Musik wirkt durchgehend ehrlich, erfühlt und bewirkt beim Zuhörer emotionale Beteiligung. In Mönchengladbach dankt man diese Wirkung wesentlich auch den bestens disponierten NIEDERRHEINISCHEN SINFONIKERN unter dem anfeuernden spanischen Dirigenten DIEGO MARTIN-ETXEBARRIA.

 Die Inszenierung hat man KATJA BENING übertragen, seit 2011/12 Regieassistentin und Abendspielleiterin am Haus. „Der Konsul“ ist ihre erste „große“ Arbeit vor Ort (nach Tom Johnsons „Vier-Ton-Oper“ beim Opernstudio). Verständlichkeit, wie sie Menotti mit seiner Musik anstrebt, prägt auch ihre Regie. Sie verzichtet auf vordergründige Zeitbezüge, lässt das humane Potential der Oper voll zur Wirkung kommen; die Personenführung wirkt in jedem Moment plausibel. Leichte Einwände könnte man evtl. gegen die Ausstattung von UDO HESSE erheben. Das Haus der Sorels wird von hellem Holz beherrscht, nicht unbedingt das triftige Ambiente für ein Geschehen in dunkler Zeit. Und teilweise um Grade zu partymäßig kostümiert wirken die Besucher des Konsulats. Diese sind, mit durchgehend überzeugenden Leistungen DEBRA HAYS (Italienerin), GABRIELA KUHN (Anna Gomez), HAYK DÈINYAN (Herr Kofner), MARKUS HEINRICH (als hochvirtuoser Zauberer Nika Magadoff) sowie AGNES THORSTEINS (Vera Boronel) und SHINYOUNG YEO (Assan) aus dem Opernstudio. Den abstoßenden Polizeiagenten prägt MATTHIAS WIPPICH mit seinem kantigen Bass konturengenau.

Die Protagonisten. JANET BARTOLOVA (Sekretärin) ist als kühle Blonde eine rollenangemessene Erscheinung, aber ihrer Stimme fehlt etwas die Kühle und Schärfe, welche dieser von Indolenz geprägte Beruf so langfristig bewirkt haben müsste (ein späterer Monolog hält freilich auch den Zwiespalt der Figur fest). Als Mutter wirkt SATIK TUMYAN rundum überzeugend, ANDREW NOLENs kraftvollem Bariton und seinem vitalem Spiel glaubt man den Empörer John Sorel. Und dann ist da IZABELA MATULA als Magda mit ihrem leuchtkräftigen, expansiven, in allen Lagen gleich gut klingenden Sopran. Eine neuerlich exzeptionelle Leistung. Hoffentlich wird man diese Künstlerin noch lange im Ensemble halten können.

Christoph Zimmermann 5.2.2017

Bilder siehe unten!

 

 

DER KONSUL

Ein musikalisches Drama von Gian-Carlo Menotti

Premiere im Theater Möchengladbach / Rheydt am 4.2.2017

The Consul, wie die Oper im Original heißt, behandelt das zeitlos aktuelle Thema der menschlichen Gehetztheit in der gnadenlosen Maschinerie der Tyrannei. Auf die Frage nach seinem besonderen Anliegen, das ihn zur Komposition des KONSULs geführt hat, antwortete Gian-Carlo Menotti in einem ORF Interview: „Der Konsul wurde nicht durch politische Umstände geboren; er ist bloß eine Anklage gegen die Tyrannei in jeder Form!" Gian-Carlo Menotti erhielt für seinen musikdramatischen Einakter 1950 den Pulitzer-Preis. Menotti hatte konkrete Vorstellungen und war ein intelligenter, sturer und prinzipientreuer Komponist; darüber hinaus stellte er sich selber hohe Ansprüche. Sogar ein lukratives Angebot von Warner Brothers zum Drehbuch für eine Verfilmung lehnte er ab.

„Menottis "Konsul" ist ein in Musik gesetzter Protest gegen die Amtszimmerdiktatur der kleinen Stempelstrategen, der Aufschrei des in die Räder der Staatsmaschinerie geratenen Einzelmenschen“,  schrieb der SPIEGEL 1951.

Als Musiker ist Menotti kein Neutöner. Er komponiert keine moderne 12-Ton-Musik. "Wo bleibt dabei die Melodie?" Das Libretto ist so reißerisch spannend, wie die Musik ans Herz geht. Es ist eine emotional ergreifende, eine furios bewegende Musik, die sich im weitesten Sinne an Puccini, aber auch an Barber, Krenek oder Weill orientiert. Die Musik ist psychologisierend dramatisch, was sich vor allem in den Aktschlüssen und einem großen Puccini würdigen Finale ausdrückt.

Menotti hat in seiner langen Karriere 23 Opern sowie Solokonzerte und Kammermusik geschrieben. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Amelia goes to the Ball", das Erstlingswerk des damals gerade 22-Jährigen, immerhin schon 1937 von keinem Geringeren als Fritz Reiner uraufgeführt, „Der Konsul" (1950) und „Goya" (1977), ein Stück, das den spanischen Maler zum Vorbild hat und eigens für den spanischen Tenor Placido Domingo entstand.

Die Handlung des "Konsul" ist jederzeit aktuell, ich hätte akut die Türkei vor Augen. Sie spielt in einem diktatorisch regierten Polizeistaat. Wer den Machthabern nicht genehm ist, wer ein offenes Wort der Kritik zu sagen wagt, ist in Gefahr. Er wird weggeschlossen. Diese Gefahr droht auch dem Gatten der Heldin Magda Sorel. Seine Frau sieht nur einen Ausweg. Sie will für sich und ihren Mann die Einreise-Erlaubnis in ein fiktives freies Land  erhalten. Das freie Land wird von dem Konsul vertreten, nach dem das Stück benannt ist und den wir nie zu sehen bekommen. Seine Engherzigkeit versperrt dem Ehepaar Sorel den Weg in die Freiheit. Immer wiederholt sich der Refrain: „Dein Name ist eine Nummer, deine Geschichte ist ein Fall, du musst ein Gesuch aufsetzen, deine Hoffnung wird registriert werden: komm wieder in der nächsten Woche.“ Am Ende der Geschichte nimmt sich Magda Sorel am Gasherd, gehetzt von der Polizei, das Leben. Das Orchester ahmt das Zischen des ausströmenden Gases mit Klangeffekten täuschend nach, während Magda noch einmal die letzten Stationen ihres Lebens im Todeskampf durchlebt. Das rettende Telefonklingeln der Konsulats-Sekretärin, die ihr die Reiseerlaubnis endlich erteilt, kommt zu spät.

Es ist nicht hoch genug zu loben, dass man diese Mega-Rarität überhaupt auf den Spielplan setzt, und es gab auch eine tolle Einführung, welche Chefdramaturgin Ulrike Aistleitner vor der Premiere den interessierten Zuschauern anbot. Bitte kaufen Sie sich unbedingt das vorzüglich gemachte Programmheft!

Es verblüfft dann natürlich, wenn gerade bei einem Werk, das niemand kennt, nur ein Bruchteil des ohnehin nicht gerade in Scharen zur Premiere angereisten niederrheinischen Publikums dieses Einführungs-Angebot wahrnimmt. Man wird es spätestens fünf Minuten nach Opernbeginn bereut haben, denn textlich ist praktisch trotz deutscher Sprache  fast nichts zu verstehen, wenn man nicht die deutschen Übertitel vor Augen hat, die aber auch nur sporadisch erschienen. Gibt es denn keine Sprachcoaches mehr in Krefeld? So geht dann natürlich viel verloren, denn selbst die bald 50 Prozent Sprechpassagen dieses „Krimis" leiden darunter. Da hätte man es dann auch vielleicht besser im englischen Original lassen können.

Ansonsten hat sich das 13-köpfige Sängerensemble passabel in das Werk eingefunden, obwohl die großen Bögen - nicht umsonst bezeichnen Fachleute Menotti als den zweitgrößten italienischen Komponisten des 20. Jahrhunderts nach Puccini - fehlten. Die Orchesterleistung der knapp 30 Niederrheinischen Sinfoniker unter Diego Martín-Etxebarría ließ sich aber durchaus hören. Mit etwas dicker besetztem Orchester (hören Sie mal hier rein) klingt das ganze natürlich völlig anders.

Die Regiearbeit von Katja Bening wird dem Stück durchaus gerecht, geht aber außer im Finale nicht ansatzweise unter die Haut. Zeitlosigkeit drückt sich nicht gerade durch IKEA -Mobiliar aus. Irgendwie erinnerten mich die hellen Fichtenwände des Domizils der Sorels auch eher an Saunawände. Die Amtsstube mit ihren neoklassischen Monumentalwänden war so bedrohlich wie ein türkische Bad, wo kafkaeskes Ambiente eher angesagt wäre. Dass am Ende Amtszimmer und Wohnstube quasi ineinander übergehen, brachte der Inszenierung weder mehr Sinn noch Tiefe. Jene mangelnde Tiefe, Depressivität und Bedrohlichkeit, die man auch bei den meisten Sängern leider vermisste.

Die mir vorliegende Aufnahme von 1961 (Opernfreund Plattentipp) dauert 99 Minuten. Die KR/MG- Aufführung ist mit Pause fast 2 3/4 Stunden zu lang. Der Abend schleppt sich leider plätschernd allzu harmlos dahin.

Schade um das wirklich ganz phantastische Werk, welches ich jedem Opernfreund dennoch weiterhin ans Herz legen möchte. Überhaupt hat Menotti ganz grandiose Opern geschrieben, die leider bei uns  fast nirgends auftauchen.

Alviano Salvago 5.2.2017

Bilder (c) Matthias Stutte

 

Credits

Musikalische Leitung: Diego Martín-Etxebarría

Inszenierung: Katja Bening

Bühnenbild und Kostüme: Udo Hesse

•John Sorel – › Andrew Nolen

•Magda Sorel – › Izabela Matula

•Die Mutter – › Satik Tumyan

•Agent – › Matthias Wippich

•Die Sekretärin – › Janet Bartolova

•Herr Kofner – › Hayk Dèinyan

•Die Italienerin – › Debra Hays

•Anna Gomez – › Gabriela Kuhn

•Vera Boronel – › Agnes Thorsteins

•Der Zauberer – › Gregor Wellens

•Assan – › Shinyoung Yeo

 

OPERNFREUND CD-TIPP

 

 

HÄNSEL UND GRETEL

Premiere am 4.12.2016

Als harmlose düstere Familienoper ohne Farbe und Tiefgang

Kindern und Jugendlichen - und für diese Zielgruppe ist die Inszenierung sicherlich in erster Linie gedacht - kann man in der heutigen Zeit eine 8-minütige Ouvertüre bei geschlossenem Vorhang kaum noch zumuten. Und so geht Regisseur Hinrich Horstkotte erst gar nicht das Risiko ein, daß die vielen jungen Leute schon nach drei Minuten ihr Handy rausholen. Er bebildert die Ouvertüre. Schon nach knappen zwei Minuten nämlich öffnet sich der Vorhang und wir sehen, wie so ziemlich die gesamte Besatzung des Grimmschen Märchenwaldes, angefangen bei Rotkäppchen über Dornröschen, Rapunzel, Aschenputtel und sogar die Sieben Zwerge, im großen Hexenofen verbrannt werden. Das ist lustig kurzweilig und lenkt die junge Zuschauergemeinde von der terilweise schweren Musik ab. Nein, liebe Opernfreunde, Otto Waalkes wird nicht mit verbrannt.

Obwohl ich denke, daß bei einem Pisa-Märchentest des heutigen Kinderpublikums sicherlich noch kaum jemand mehr als zwei Märchenfiguren nennen könnte. Na ja, immerhin wissen die Omas ja noch Bescheid (und die gab es reichlich in der Vorstellung) und können ihre Kleinen in der Pause aufklären, wenn diese nicht gerade ins Smartphone tippen...

Der immerhin originelle Anfang war dann auch schon die einzige groß erwähnenswerte Regieleistung, denn sonst verläuft alles in den bewährt tradierten Bahnen von Konvention, Kitsch und Lebkuchensüße. "Brüderchen komm tanz mit mir" Trallallalaaah trallalaah...

Im vorindustriellen Zeitalter - eben jener Zeit, als man noch Märchen erzählte statt vor der Glotze oder dem PC zu sitzen - siedelt die Geschichte. Regisseur Horstkotte hat gleich auch Kostüme und Bühnenbild mit entworfen, was sicherlich für ihn so praktisch, wie für die Niederrheinische Oper Krefeld Mönchengladbach kostensparend ist.

Alles wirkt ziemlich duster, schmutzig und elend. Es sind halt arme Leut, diese Besenbinders. Richtige bunte Farben existieren im sepiafarbenen Grundfarbton der Szene und Beleuchtung nicht. Die Bühne zieren als (quasi fil rouge der Inszenierung) handgebundene Besen aller Größen, die sich drehen, mal auf und abgezogen werden, schaukeln oder auch kopfüber mit über sechs Meter Höhe auch mal einen Wald evozieren, es könnten aber auch riesige Maler-Pinsel sein.

Ein zweiter roter Faden der Inszenierung sind kleine Lebkuchen Weckmännchen - realiter und aus Zerbrechlichkeitsgründen wohl aus Stoff, welche von großen Lebkuchenmännchen ständig irgendwie irgendwo verteilt werden. Ich muß zugeben, daß mich diese putzigen Spielpuppen eher an Mr. Beans Teddy (siehe Bild unten rechts) erinnerten.

Witzig, witzig: Zu "Ein Männlein steht im Walde" muß unser Hänsel gemütlich an einen Baum pieseln - natürlich mit dem Rücken zum Publikum, versteht sich ;-). Alles gänzlich jugendfrei und wohlbehütet. Jau verehrte Opernfreunde, das ist eben der Humor unserer Zeit. Diese Pinkelszene kam auch beim Publikum "tierisch" gut an. Oder sollte ich im Zielgruppen-Jargon besser schreiben: " geiler Einfall - Bombe!" Immerhin muß man auf so etwas erst mal kommen. Obwohl... einen pinkelnden Siegfried gab es schon beim Ring in München - doch das fand das Publikum gar nicht lustig, da haben sich die erwachsenen Zuschauer dann "tierisch" aufgeregt. Wagnerianer verstehen halt keinen Spass....

Stichwort Wagner & Humperdinck: dieser war ja ein Wagner-Epigone. Seine Liebe zu Richard Wagners Musik ist auch in dem Werk überall durchhörbar - negativ im Sinne der Textverständlichkeit. Diese war leider so schlecht, obwohl sich die hervorragenden Niederrheinischen Sinfoniker unter Diega Martin-Etxebarria noch zurückhielten, daß ich für die Zukunft hier unbedingt eine deutsche Übertitelung (wie auch bei Wagner heuer übich) empfehlen möchte, denn einzig Johannes Schwärsky (Vater) sang einigermaßen textverständlich; Sophie Witte (Gretel) ließ sich als indisponiert entschuldigen.

Es ist aber auch eine Teufelei mit dieser Humperdinck-Oper, denn eigentlich ist das Werk, welches sich ja besonders im ersten Teil mit wagnerscher Großsinfonik übers Publikum ergießt, keine Kinderoper. Zu groß, zu lang, zu brutal...

Doch halt: letzterem begegnet der Regisseur immerhin am Ende mit dem Gag, daß die Hexe ebenso wenig tot ist, wie die in der Ouvertüre verbrannten Märchengestalten. Und die sich zombiehaft durch die ganze Oper bewegenden Lebkuchenmännchen sind auch keine Untoten - das beruhigt ebenso wie die zeitgemäße Genderliberalität: am Anfang ist die Hexe ein Mann, später eine dicke Frau - immerhin namentlich benannt als Rosie Leckermaul (Ganz Großartig in Geschlechtervielfalt und Gesang Markus Heinrich).

Und wenn am Ende alle zusammenkommen und fröhlich herumhüpfen, dann darf sich auch die im Ofen via "Fatburning" abgemagerte Hexe vorne an der Rampe präsentieren und bekommt sogar einen Lebkuchenmann, um wieder Gewicht aufbauen zu können. Das große Besteck, welches von oben herunterhängt, symbolisiert dieses Geschehen gleich doppelt. Warum?

Peter Bilsing 4.12.2016

Dank an Matthias Stutte (c) für die Bilder - nicht immer die Pr-Besetzung zeigen

 

Credits Premierenbesetzung

Musikalische Leitung: Diego Martin-Etxebarria

Inszenierung, Bühne, Kostüme: Hinrich Horstkotte

Chor: Maria Benyumova

Kinderchor: Susanne Seefing

Dramaturgie: Ulrike Aistleitner

Statisterie des Theater Krefeld und Mönchengladbach

Kinderchor:"Theaterspatzen" Susanne Seefing

Damenchor des Theater Krefeld und Mönchengladbach

Es spielten: Die Niederrheinischen Sinfoniker

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Peter, Besenbinder: Johannes Schwärsky

Gertrud, Frau des Besenbinders: Janet Bartolova

Hänsel: Susanne Seefing

Gretel: Sophie Witte

Knusperhexe: Markus Heinrich

Sandmännchen / Taumännchen: Gabriela Kuhn

 

P.S. OPERNFREUND TIPP

Wer Hänsel und Gretel als "Kinderoper" kritisiert, muss natürlich auch Vorschläge machen für richtige gute Kinderopern: warum spielt man solche Juwelen eigentlich nicht öfter, statt immer wieder diesen Humperdinck? Hier meine Tipps:

Where the wild things are (Oliver Knussen)

Die Bremer Stadtmusikanten (Richard Mohaupt)

The Dangerous Errand (Peter Maxwell Davies)

Das Gespenst von Canterville (Marius Felix Lange)

Peter Pan (Richard Ayres)

Ronja Räubertochter (Jörn Arnecke)

El Gato (Xavier Montsalvatge)

Der Goggolori (Wilfried Hiller)

Hexe Hillary geht in die Oper (Peter Lund)

Hilfe, Hilfe, die Globolinks (Gian Carlo Menotti)

Des Kaisers neue Kleider (Miloš Vacek)

Krabat (Cesar Bresgen)

Pollicino (Hans Werner Henze)

Die Schneekönigin (Marius Felix Lange)

Die Schwarze Spinne (Judith Weir)

Die versunkene Stadt (Violeta Dinescu)

um nur einige zu nennen....

 

 

KATJA KABANOWA

Premiere am 11. Juni 2016

Auch wer mit der Musik Leos Janaceks vertraut ist, mochte an diesem Abend so etwas wie eine Offenbarung erleben. Klänge von solch Suggestivkraft und Herzblut-Intensität werfen den Zuhörer einfach aus der Bahn. Dass in „Katja Kabanowa“ die Beziehung des Komponisten zu Kamila Stösslová einen Niederschlag gefunden hat, dürfte damit zusammenhängen. „Es war für mich nötig, eine große, grenzenlose Liebe bei der Komposition dieser Oper zu kennen. Ihr (Kamilas) Bild legte ich immer wieder auf die Kát’a Kabanova“, als ich sie komponierte“, so Janacek. Dass die Wirkung in Mönchengladbach so tief ist, dankt sich aber auch dem estnischen GMD Mihkel Kütson, welcher die Musik mit den am Premierenabend besonders hinreißenden Niederrheinischen Sinfonikern auf höchst überzeugende Weise „sprechen“ ließ. Es entstanden geradezu magische Augenblicke.

Und dann gibt es auch noch Izabela Mazula. Von der polnischen Sopranistin sind viele ihrer seit 2012 an diesem Haus verkörperten Partien noch in bester Erinnerung. Die Katja besitzt eine nochmals gesteigerte Intensität des Singens, wobei die sichere, leuchtende Höhe besonders nachhaltig beeindruckt. Fast möchte man für diese Wirkung Brünnhildes „Heil dir, Sonne, Heil dir, Licht“ zitieren. Izabela Matulas Gesang wirkt freilich nie selbstzweckhaft, sondern macht auf beklemmende, erschütternde Weise das Schicksal einer Frau erlebbar, welche vergeblich Lebensglück und echte Liebe sucht, doch zuletzt keinen anderen Ausweg sieht als den Freitod. „Wovon wir träumen, ist Teil der Realität, in der wir leben“, signalisiert zu Beginn eine Projektion auf dem Vorhang.

Es wird in der Originalsprache gesungen – Kompliment für die (lohnenswerte) Anstrengung. Auch wenn man als Zuhörer des Tschechischen nicht mächtig ist, meint man doch die Tiefenwirkung von Janaceks besonderer Sprachmelodik erkennen zu können. Die Aufführung von Smetanas „Verkaufter Braut“ vor kurzem im nahen Aachen machte selbst bei diesem eher heiteren und musikalisch auch anders konzipierten Werk die Nachteile einer Eindeutschung deutlich. Wie authentisch die Aussprache der Sänger in Mönchengladbach ist, lässt sich natürlich nicht dingfest machen, aber der Wortklang stimmt eindeutig.

Helen Malkowsky, einst Oberspielleiterin in Nürnberg, dann Operndirektorin in Bielefeld und jetzt Hausregisseurin in Chemnitz, hat in Krefeld/Mönchengladbach  bereits Tschaikowskys „Mazeppa“ und Verdis „Stiffelio“ inszeniert, beides anspruchsvolle Produktionen. „Katja Kabanowa“ besitzt eine besondere Aura. Fotos im Programmheft suggerieren  eine realistische Konzeption, doch bietet die Ausstattung von Kathrin-Susann Brose dann doch eher Andeutungen.

Das Haus der Kaufmannswitwe Kabanicha wird mal mit seiner Außenfront, mal mit seinen Interieurs gezeigt. Auf der Drehbühne zerteilen sich die Aufbauten immer wieder, gestalten sich zu fast schon irrealen Räumen. Auch die handelnden Personen sind nicht immer realistisch greifbar. Der Chor (Einstudierung: Maria Benyumova) agiert beispielsweise als fast schon alptraumhaftes Anklagekollektiv, Kuligin (ganz hervorragend: Shinyoubng Yeo aus dem Opernstudio) macht, obwohl eine Nebenfigur, mit fast apokalyptischem Gebaren als Mahnfigur immer wieder auf sich aufmerksam, legt zuletzt der an ihrer „Untreue“ fast erstickenden Katja ein Seil um den Hals. Sie wird den Tod in den Wassern der Wolga suchen, welche schon zuvor immer wieder  als dezent bewegte Projektion erscheint. Man erlebt keinen spektakulären Tosca-Sprung in den Fluss, Katja verschwindet einfach in der Menschenmenge, welche sie zuletzt ganz verdeckt, praktisch aufsaugt. Helen Malkowkys Inszenierung weitet sich also immer wieder ins Irreale, bietet visionäre Aspekte.

Die Kabanicha gehörte zum späten Rollenrepertoire einer Leonie Rysanek oder auch Astrid Varnay. Doch nicht  nur bei Erinnerung an solche Sängerpersönlichkeiten gerät das Porträt von Satik Tumyan etwas kleinformatig und bieder, besitzt vokal nicht die angemessene Power.

Auch der Dikoj  wäre in summa vitaler zu wünschen als wie von Hayk Deinjan gegeben. Dafür umreißt Kairschan Scholdbayjew das Muttersöhnchen Tichon ganz großartig, gibt Michael Siemon den von Katja geliebten Boris tenoral stimmig und sehr sympathisch.

Die schlanke, hochgewachsene Eva-Maria Günschmann verkörpert Katjas Freundin Barbara in jeder Hinsicht ideal, ihr Freund Wanja ist bei Markus Heinrich sehr gut aufgehoben.

Ein animierender Spielzeitausklang im Theater Mönchengladbach. Die Premierenbegeisterung sollte sich herumsprechen und die Besucherauslastung der kommenden Vorstellungen steigern helfen.

Christoph Zimmermann 12.6.16

Bilder (c) Theater KR MG / Stutte

 


The Gods must be crazy

Premiere: 19.6.2016

Heiter-frivole Mythologie

TRAILER

Fast alle Opernhäuser engagieren sich in irgendeiner Weise im Bereich Nachwuchspflege- und förderung. Die wohl effektivste Methode besteht in der Einrichtung eines Opernstudios. Hier können sich junge Sänger bei professioneller Betreuung ausprobieren, auch erhalten sie immer wieder Gelegenheit zu Auftritten bei Produktionen des „großen“ Hauses, fallen vielleicht auch mal als mutige Einspringer auf. Eine Besonderheit des Kölner Studios ist, das es seine Sänger nicht zuletzt für die Inszenierungen der fest institutionalisierten Kinderoper zur Verfügung stellt, eine schöne Garantie für kontinuierliche Auftritte. In Krefeld/Mönchengladbach kommt nur hin und wieder eine eigene Produktion heraus. Andererseits ist das Studio gut vernetzt mit der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf sowie der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Jetzt aber gab es so etwas wie einen Paukenschlag. Operndirektor Andreas Wendholz gelang es, den häufiger am Gemeinschaftstheater inszenierenden Kobie van Rensburg („Figaro“, „Giovanni“, „Barbiere“) für eine Studioproduktion zu gewinnen, bei freundschaftlichen Konditionen.

Der frühere Tenor machte sich sogar die Mühe, seinen jungen KollegInnen ein komplett neues Stück auf den Leib zu schreiben. Eine Wunschäußerung der Studiomitglieder berücksichtigend, etwas im Bereich Alte Musik zu machen, verfasste er ein “Opernpasticcio aus der barocken Götterwelt“. Die Musik hierfür fand Rensburg bei Henry Purcell und Georg Friedrich Händel, wobei er die Texte der Musiknummern bei Bedarf der erfundenen Handlung von „The Gods must be crazy“ anpasste.

Die in siebzig Minuten ablaufende Geschichte ist sicher nicht spektakulär zu nennen, aber eine nette Variante zu den vielen Barock-Originalen, welche sich nach wie vor und fast allüberall im Aufwind befinden. Erzählt wird einmal mehr von den erotischen Eskapaden Jupiters auf Erden. Diesmal hat er ein Techtelmechtel mit Euromelista, ein Namenskonglomerat aus Europa, Semele, Calistio und Alkmene. Das Mädchen ist wahrlich nicht prüde, für Seitensprünge offen und genießt die Avancen des Gottes. Aber die eifersüchtige Juno bleibt natürlich nicht untätig. Eine Ertränkung der Rivalin im Meer misslingt, trotz Unterstützung durch Neptun. Doch dann hat die Göttergattin eine noch bessere Idee: sie verwandelt eine ihrer Bediensteten in Euromelistas Schwester Hermione, welche dieser einredet, dass sie höchste Wonnen der Liebe erst dann erleben würde, wenn sich ihr Jupiter in seiner wahren Göttergestalt zeige. Das aber bedeutet gemäß einem alten Gesetz den Tod, was Euromelista freilich nicht weiß. Und so insistiert sie auf ihrem Wunsch so lange, bis der Geliebte nachgibt. Als Jupiter jedoch die Intrige seiner Gemahlin durchschaut, opponiert er gegen die alte Verfügung und ruft Euromelista mit Hilfe Apolls wieder ins Leben zurück. Happy End und Schlussgesang.

Diese Geschichte ist hübsch „crazy“ und Anlass für eine neue Spielvariante für Kobie van Rensburgs individuelle Inszenierungsästhetik. Die für ihn typische ausgiebige Nutzung der Videotechnik bekommt nicht zuletzt der kleinen Studiobühne des Mönchengladbacher Theaters gut. Auf der hinteren Projektionswand flimmert und flammt es mit immer neuen Bilderfindungen und Farborgien, teilweise gemischt mit filmischen Liveaufnahmen. Bei Rensburgs Kostümen bekommt das Auge gleichfalls viel zu sehen. Die meist sehr umgangssprachlichen Übertitel (es fällt u.a. das Wort „Niedervolt-Niete“) spielen erheiternd mit.

Der lautstarke Premierenjubel galt freilich auch den Sängern. Dimitra Kalaitzi-Tiklikidou beispielweise bietet als Juno/Hermione eine üppig quellende Mezzostimme, Amelie Müller, ausnehmend attraktiv, wartet als liebebereite Euromelista mit rasenden Koloraturen und funkelnden Spitzentönen auf. Der Koreaner Shinyoung Yeo als Euromelistas berserkerhafter Gatte Nondonis verfügt über einen ausladenden, herrischen Bariton. Den umtriebigen Jupiter gibt James Park, auch er koreanischer Abstammung. Er hat viel Chorerfahrung und wird in Bälde bei der Opera St. Moritz in Bellinis „Bianca e Fernando“ (Schweizer Erstaufführung) solistisch mitwirken. Sein samtig weicher Tenor ist edel gefärbt und erklimmt das hohe C mühelos. Sein gutes Aussehen lässt ihn für romantische Figuren prädestiniert erscheinen. Beim Jupiter ist ihm dieser Vorzug allerdings ein wenig im Weg. Die Ironie der zu Beginn projizierten Barockfigur mit Brille gibt seine reale Jünglingserscheinung kaum her, er wirkt wie ein schwärmerischer Romeo. Für sich genommen freilich ein Pluspunkt.

Ein Streichquintett der Niederrheinischen Sinfoniker wird von Yorgos Ziavras geleitet, welcher auch Cembalo und Positiv bedient. Er sorgt für soliden Klanghintergrund.

Christoph Zimmermann 20.5.16

 

 

FRAU LUNA

Premiere am 12.3.16

Ist die Welt auch noch so schön, einmal muß sie untergeh´n!  Darum singt, darum springt, darum trinkt und genießt, was der Tag euch noch so bringt.

Wenn der Erdenball zerplatzt, sind wir sowieso verratzt! Flott gelebt, flott geliebt, eh´s zu spät, und uns der Kopf mit Grundeis geht... (Text: Heinz Bolten-Baeckers)

Bis Berlin in Sachen Operette die führende Weltstadt wurde, und das ewige Wien in dieser Rolle ablöste, schien es 1899 (UA von Paul Linckes „Frau Luna“) noch ein langer Weg. Dennoch war das Werk musik- historisch betrachtet der Beginn der sogenannten „Berliner Operetten-Ära“, die schließlich ihren Höhepunkt und die internationale Anerkennung in den späten Zwanzigern fand. Immerhin war 1899 kein unbedeutendes Jahr - Uraufführungen: Der Bärenhäuter (Siegfried Wagner), Cendrillon (Massenet), Die Zarenbraut (Rimski-Korsakow). Kein geringerer als Francis Poulenc wurde geboren und der Walzerkönig Johann Strauß starb. Bizets Carmen eroberte die Welt und die Orchesterkultur oblag dem Zeitgeist der Vergrößerung des instrumentalen Apparates; viele Orchestergräben wurden zu klein.

Immerhin kam Paul Lincke vom Folies Bergère aus Paris, wo er große Erfolge feierte; so war auch Frau Lunas UA am 2. Mai 1899 im Apollo Theater Berlin ein großer Erfolg. Die Wandlung vom einst wilhelminischen Kammer-Stück, einer Art frivoler Burleske zur phantastischen Ausstattungs-Operette großen Umfangs, zeitigte allerdings erst bei einer Art Wieder-Uraufführung 1922 mit diversen zusätzlichen eingefügten Schlagern ihren vollen Triumph.

Von einem tollen Erfolg muß man auch nach der gestrigen Premiere in Mönchengladbach sprechen, denn was das renommierte Team um Ansgar Weigner (Regie) in dem wunderbaren Kleinod des Rheydter Opernhauses (einem der schönsten und heimeligen Theater, die ich kenne) da auf die Bretter gezaubert hat, war einfach wunderbar. Charmanter, unterhaltsamer, flotter und beglückend freudvoll für alle Mitwirkenden und die Zuschauer inszeniert, sah ich selten eine Operette. Man sah es nicht nur jedem Künstler an, wie viel Spass ihnen diese hochkreativ in Szene gesetzte Produktion machte, sondern man merkte auch an der der Publikumsbegeisterung, daß die Inszenierungs-Crew hier exakt den Unterhaltungsnerv des niederrheinischen Theatervolks getroffen hatte.

Nicht geringen Anteil hatte dabei das raffiniert phantastische Bühnenbild von Jürgen Kirner mit seinen vielen Projektionen; und wenn schon gleich zu Anfang sich an der seelenlosen Plattenbau-Fassade die unzähligen TV-Schüsseln zu farbigen Lampions verwandeln, dann ist das nur der Auftakt einer genial bebilderten Reise ins Traumland jener besseren Wunsch-Welt unseres Fritz Steppke (fabelhaft unkonventionell berlinernd Markus Heinrich), die schließlich auf dem Mond - ist das wirklich der Mond? - zu enden scheint. Da ist er endlich wieder, dieser wunderbare Zauberkasten von Opernbühne, der uns durch tolle Lichtregie und fantasievolle Requisiten in diese heile Operettenwelt eintauchen lässt.

Dazu liefert Marlis Knoblauch für das große Ensemble von Tänzern, Solisten und Choristen ganz bezirzend raffiniert entworfene Kostüme in einer Vielfalt des couturieren Glanzes, wie sie nicht nur einem realen Folies Bergère durchaus zur Ehre gereicht hätten. Ein Traum an schöner überzeugender Kostümbrillanz, teilweise in herrlich augenzwinkernder Ironie mit Alltagsgegenständen appliziert.

Ein besonderes weiteres Kritiker-Lob geht an Luches Huddlestone für die außergewöhnlich humorvoll gestaltete Ballettchoreografie, die nicht nur Anleihen am hollywoodschen Wasserballett macht, sondern sich auch anderer Reliquien klassischer Filme, wie (Chaplins großer Diktator lässt grüssen) schwebender Erdkugeln bedient.

Überzeugend und kurzweilig in jeder Beziehung waren sowohl das terrestrische Quintett (Steppke / Markus Heinrich, Lämmermeier / Rafael Bruck, Pannecke / Hayk Demian, Frau Pusebach / Kerstin Brix & Marie / Susanne Seefing) als auch das glänzenden Mondsolisten-Paar (Frau Luna / Debra Hays, Sternschnuppenprinz / Michael Simon) - darstellerisch, gesanglich und sprachlich grandios.

Überzeugend ergänzten sowohl die Comprimarii, als auch die Balletttänzer, sowie ein vorzüglich disponierter Chor ein hoch gelungenes prächtig unterhaltendes Gesamtkunstwerk, dessen musikalische Leitung mit Alexander Steinitz in den besten Händen lag.

Peter Bilsing 13.3.16

Bilder (c) Stutte

 

 

P.S. Der Paul-Lincke-Ring

Seit 1955 wird der Paul-Lincke-Ring, geschaffen zu Ehren des großen Operettenkomponisten für besondere Verdienste auf dem Gebiet der leichten Muse verliehen; eine Tradition, die bis heute anhält. Keine Geringeren als Nico Dostal, Peter Keuder, Udo Jürgens, Rene Kollo, Freddy Quinn, Peter Maffay oder Klaus Doldinger (2015 Clueso) waren bisher die Preisträger. Berlinreisende Operettenfreunde sollten den Paul-Lincke-Platz auf ihrer Visitenliste haben, wo sich der Brunnen mit den Ehrentafeln und die Litfaßsäule mit den Namen der Preisträger befindet.

Foto (c) Wiki


Ein MASKENBALL

Premiere: 11.09.2015
besuchte Vorstellung: 22.12.2015

Komplott im Weißen Haus

Lieber Opernfreund-Freund,

obwohl Verdi auf Drängen der Zensur die Handlung von „Un Ballo in Maschera“ nach Boston verlegte, spielt das Werk in aktuellen Inszenierungen verhältnismäßig selten deutlich erkennbar in den USA. Dass aber genau das wunderbar funktioniert, hat Andreas Baesler in seiner so behutsam wie durchdachten Aktualisierung gezeigt, die noch bis Anfang Januar im Theater Mönchengladbach zu sehen ist und in der kommenden Spielzeit die Krefelder Zuschauer erfreuen soll. Angesiedelt wird die Geschichte um Freundesverrat und unerfüllbare Liebe hier im Nordamerika der späten 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, genauer im Weißen Haus. Es ist hier der Präsident, der die Ehefrau seines besten Freundes liebt und dem von Putschisten nach dem Leben getrachtet wird. Der Galgenberg der Vorlage bleibt konsequent Hinrichtungsstätte, ein Raum mit so bedrohlich wie beklemmend wirkendem elektrischen Stuhl, die schon im Libretto farbige Seherin Ulrica wird zur Voodoo-Priesterin mit vorwiegend schwarzem Klientel. Das alles ist durch und durch schlüssig, erzählt die Geschichte neu, ohne sie übers Knie zu brechen. Dabei heraus kommen rund zweieinviertel nie langweilige Stunden.

Zum unterhaltsamen und spannenden Opernabend trägt nicht zuletzt die eindrucksvolle, an das Oval Office erinnernde Bühne von Hermann Feuchter ebenso bei wie die detailreichen, liebevoll gearbeiteten Kostüme von

Caroline Dohmen, in denen Amelia an Jacky Kennedy erinnert und die auf dem titelgebenden Maskenball eine Reminiszenz an (zumindest aus deutscher Sicht) „Uramerikanisches“ wie Mickey Mouse oder die Südstaaten-Mode aus der Zeit des Bürgerkrieges zeigt.

Und auch musikalisch bewegt sich der Abend auf ordentlichem, zum Teil außergewöhnlich guten Niveau. Das bezieht sich vor allem auf die Sängerinnen und Sänger der Hauptrollen. Michael Siemons Tenor verfügt über eine satte Mittellage sowie strahlende und sichere Höhe; zwar fehlt es seiner Stimme an der für das italienische Fach typischen Farbe, man nimmt ihm den smarten an JFK erinnernden Präsidenten dennoch voll ab. Amelia, die zwischen Liebe und Ehrgefühl hin und hergerissene Angebetete, findet in Izabela Matula eine überzeugend singende und spielende Interpretin mit sattem Sopran voll warmem Timbre und vor allem im dritten Akt bewegenden Piani. Ihr Mann, bester Freund und vermeintlich gehörnter Ehemann, wird von Johannes Schwärsky mit vollem Bariton gegeben, dem er in den passenden Momenten gekonnt eine Portion Wut oder Schmerz beimischt. Oscar darf am Niederrhein als Frau auftreten, die Assistentin des Präsidenten und diesem zumindest einseitig in Liebe zugetan. Amelie Müller, Mitglied des Opernstudios, liefert eine reife Leistung ab, glänzt mit beweglichem Sopran und viel Spielwitz. Eva Maria Günschmann versieht die Prophezeiungen der Knochen werfenden Voodoo-Priesterin Ulrica mit dunkel-bedrohlichem Mezzo. Shinyoung Yeo ist ein solider Silvano, ebenso verlässlich treten Hayk Dèinyan und Andrew Nolden als Tom und Samuel auf. Jae Sung An komplettiert das Ensemble als Diener Amelias.

Der von Maria Benyumova gründlich einstudierte Chor singt wunderbar nuanciert, die Niederrheinischen Sinfoniker spielen forsch auf und es gelingt Alexander Steinitz nicht immer, die Fäden in der Hand zu behalten. Dies zeigt sich an der einen oder anderen Abstimmungsschwierigkeit zwischen Bühne und Graben, tut aber dem musikalischen Gesamtgenuss keinen Abbruch.

Das von mir als außerordentlich verschwätzt wahrgenommene Publikum (vielleicht kann man wenigstens während der Arien die Gespräche einstellen?!) applaudiert begeistert und zu Recht, spart nicht mit Bravo-Rufen für Frau Matula und Herrn Siemon. Das Theater ist an diesem Dienstag gut besucht, aber nicht wirklich ausverkauft. Vielleicht liegt‘s am vorweihnachtlichen Geschenkeeinkaufsstress… Verdient hat diese sehenswerte Produktion in jedem Fall ein volles Haus – und vielleicht ein wirklich aufmerksam lauschendes Publikum.

Ihr
Jochen Rüth aus Köln, der allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest wünscht.

23.12.2015

Fotos von Matthias Stutte

                    


EIN MASKENBALL

zeitgemäßes Musiktheater vom Feinsten

Premiere in Mönchengladbach-Rheydt am 11.9.15

Verdis "Un ballo in maschera" ist eine schöne, aber verteufelt schwer omnipartie-mäßig gut zu besetzende Oper. Man braucht eigentlich fünf superbe Stimmen; selten - auch auf Platte - finden sich alle wichtigen Partien trefflich besetzt bzw. harmonieren auch gut miteinander, was ich persönlich für sehr viel wichtiger im Sinne des Musikerlebnisses halte. Um es gleich vorweg zu nehmen: Bei der Premierenbesetzung am wunderbaren Mönchengladbacher Opernhaus in Rheydt - nebenbei bemerkt einem Kleinod nicht nur in der NRW-Theaterlandschaft! - stimmte alles. Hinzu kam, daß man mit Andreas Baesler und seinem vielfach bewährten Team (Bühne Hermann Feuchter / Kostüme Caroline Dohmen) auch einen ausgewiesenen Fachmann für spannend zeitgemäßes Musiktheater engagiert hatte. Ich erinnere mich noch gut an Baeslers meisterhaft maßstabsetzende Produktion von Brittens TOD IN VENEDIG 2006 am selben Ort.

Andreas Baesler, dem immerhin schon in der damaligen Spielzeit der "Theater Oscar" der größten Regionalzeitung (Rheinische Post) als Publikumspreis für diese Britten-Produktion verliehen wurde - in der Spielzeit 2006/2007 wurde ihm sogar der Gelsenkirchener Theaterpreis verliehen - gehört zu den modernen Regisseuren, die Kritiker und Theatervolk selten enttäuschen, denn er versteht sein Fach; er beherrscht sein Handwerk. Seine Konzepte sind durchdacht und behalten auch in ihrer Modernität bzw. Zeitversetzung (wie hier beim MASKENBALL in die 60er Jahre der USA) die rote Linie der Vernunft, Sinnhaftigkeit und "Werktreue", ohne je museal zu wirken. Neben dem Verzicht auf Firlefanz und Provokation, gehört er zu den Regisseuren, die ganz vorzüglich auch mit Massen auf der Bühne umgehen können, ohne daß es aufgesetzt wirkt. Chor (Ltg. Maria Benyumova) und Statisterie folgen ihm und seinem Konzept bestens - nichts wirkt überzeichnet, affektiert oder künstlich. Die Damen und Herren überzeugten darstellerisch und waren sogar bei den Schreittänzen ein optimal präsentes Bewegungsambiente. Bravi!

 Daß man die, wie fast immer bei Verdi ausgesprochen konfuse Geschichte, also das Libretto, durchaus in die Vor-Vietnam-Zeit des Oval-Office versetzen kann (wenngleich uns Kritikern dieses US-Päsidentenheim doch in den letzten Jahren allzu oft begegnet) zeigte diese Inszenierung sinnreich. Die Kostüme von Carolin Dohmen unterstützen das alles in wohlüberlegtem Zeitkolorit, wobei die besonders aufwendige und fein ausziselierte Ballkleidung der Damen eine fabelhafte Couturlinie zeigte.

Michael Simon, ein durchaus jugendlicher Tenor, harmoniert mit seiner relativ hohen Tessitura in idealer Weise mit dem fast verdi-ideal zu nennenden dramatischen Bariton der grandiosen Izabela Matula. Weiterhin hat man mit Eva Maria Günschmann eine treffliche Ulrica- Besetzung, mit Johannes Schwärsky eine schon beinah weltklasse zu nennende Besetzung des Renato und Sophie Witte (Oscar) war für mich nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch die Überraschung des Abends - fünf Musiktheatercharaktere vom Feinsten, wie man sie selten in einer Maskenball-Aufführung antrifft. Da braucht es keine Weltstars, die in ihren Soloperformances die Konkurrenz platt singen, oder als Stars durch die Szenerie rampenmäßig durchstehen - hier am Mönchengladbacher Haus am Premierenabend bot sich eine High-Class Verdi-Produktion, die auch anspruchsvollen Opernfans Freude bereitet. Eine eindrucksvolle Teamleistung, in der auch die Comprimarii ebenso überzeugten wie der tolle Chor und die Statisterie..

Der etwas dünne Streicherklang der Niederrheinischen Sinfoniker wurde durch luftige Eleganz und Transparenz im sonstigen Klangbild von GMD Mihkel Kütson wett gemacht. Immerhin höre ich mir so etwas lieber an, als die bekannt schleppenden Verdi Orchestralen aus Salzburg oder Wien. Hier wurde nichts einschläfernd zugetünscht, bläsermäßig zerschmettert oder erschlagen. Ein ehrlicher Verdi, ohne Langeweile, wie er einem so heimeligen Stadttheater würdig ist.

Fazit: Gelungener Saisonstart mit einem ausgesprochen diffizilen Verdi Opus; und das in einer Qualität, wie sie mich an die großen Zeiten des Theaters unter dem leider gerade erst 72-jährig verstorbenen ehemaligen großen Intendant Eike Gramss erinnerte, der das KR/MG Theater maßgeblich auf dem Weg zum "kleinen" großen Musiktheater mitgeprägt hat.                

Peter Bilsing 14.9.15

Dank an Matthias Stutte für die aussagekräftigen produktionsbilder

 

PETER GRIMES

als Punch-Opera

Premiere am 2.5.15

Konflikt von Individuum und Masse

Das Bühnenschaffen Benjamin Brittens wird am Gemeinschaftstheater Krefeld/Mönchengladbach mehr oder weniger regelmäßig gepflegt. Bis zu „Death in Venice“ ist man vorgedrungen. Vor Jahren stand auch „Albert Herring“ auf dem Spielplan, mit dem damaligen Ensemblemitglied Stefan Vinke in der Titelpartie, heute weltweit gefragter Heldentenor. Britten-Werke gehören freilich nicht zum 10-Jahres-Kanon. Der letzte lokale „Peter Grimes“ beispielsweise liegt 22 Jahre zurück. Bei der aktuellen Wahl der Oper ist möglicherweise von einem persönlichen Wunsch des GMD Mihkel Kütson auszugehen. Wie er nämlich mit den Niederrheinischen Sinfonikern die reiche, spannende Ausdruckspalette der Partitur zwischen dramatischer Brachialgewalt und fein getönten Naturstimmungen realisiert, lässt eine ganz große Liebe zu dieser Musik erkennen. Zu den starken Eindrücken der Aufführung gehört auch die Leistung des verstärkten Chores (Maria Benyumova).

Er wird von Regisseur Roman Hovenbitzer als kompakte Masse gezeigt, individualisiert allenfalls durch die Kostüme Magali Gerberons, welche beim Tanzfest im 3. Akt ausgesprochen jahrmarktsartig ausfallen. Im Prolog wie auch am Schluss sitzen die Chormitglieder in einem kühl-nüchternen Arenakasten Roy Spahns über Peter Grimes zu Gericht, eine Masse mit „gesundem Volksempfinden“, weniger nach Fakten als nach Bauchgefühlt urteilend. Man mag den eigenbrötlerischen, verschlossenen Fischer nicht, verdächtigt ihn, den Tod seines Lehrjungen verschuldet zu haben. Im 1. Akt hängt man dicht an dicht aufeinander, schart sich eng um seine Behausungen, von Spahn als Spielzeugbauten entworfen.

Diese Optik rührt fraglos von der Regieidee her, die Opernhandlung mit dem in England seit dem 17. Jahrhundert beliebten Puppenspiel Punch-and-Judy in Beziehung zu setzen. Punch, vergleichbar mit Kasperl oder Guignol, ist ein Schlagetod, der Frau und Kind umbringt, von den Menschen gefürchtet, für sein radikales Freiheitsdenken aber irgendwie auch bewundert wird. Ein derart empfindliches Gleichgewicht zwischen Individuum und Masse findet sich auch in Brittens Oper. Die stumme Figur des Dr. Crabbe lässt Hovenbitzer als Puppenspieler immer wieder (und etwas symbolschwer) über die Bühne geistern. Das stachelt die Dorfbewohner auf, sogar den schüchternen, ängstlichen Lehrjungen von Grimes überkommt einmal die Aggressivität.

Peter Grimes aber sieht ein, dass er die Feindschaft seiner Umwelt nie wird durchbrechen können und folgt einem Rat des alten Kapitän Balstrode. Er fährt aufs Meer hinaus und sucht den Tod in den Wellen. Für die Dörfler ist damit ein Störfaktor beseitigt, ein Fremdling entsorgt; man kann wieder beruhigt und stur alten Geschäften nachgehen.

In der literarischen Vorlage der Oper, der Verserzählung „The Borough“ des realen George Crabbe von 1810, ist Grimes eine gänzlich negativ besetzte Figur. Britten und sein Librettist Montagu Slater gaben diesem krassen Porträt einen differenzierteren Umriss. Bei ihnen lässt Grimes auch sensible Emotionen und Sehnsüchte erkennen, doch selbst die Liebe zur Witwe Ellen Orford vermag seine cholerische Haltlosigkeit nicht zu bändigen. Ähnlich verhält es sich mit der Beziehung zu seinem zweiten Lehrjungen, den er meistens angiftet, aber gelegentlich auch schon mal zärtlich berührt. Das musikalische Zwischenspiel zum letzten Bild zeigt Peter Grimes am Boden liegend, den toten Knaben liebevoll umklammernd.

Zur Verkörperung dieses zwiespältigen Charakters bedarf es einer starken Sängerpersönlichkeit. Heiko Börner lässt das Psychopathische in Grimes aus einer „Normalität“ heraus entstehen, wirkt überhaupt mehr verzweiflungsvoll als brutal. Das rührt auch von der Wirkung seines immer noch lyrisch grundierten Tenors her, der zwar inzwischen Partien wie Tannhäuser und Otello bewältigt, sich aber zunächst auch in Belcanto-Partien bewährte. Der jetzt 49jährige Sänger begann relativ spät mit seinem Gesangsstudium, seine Karriere verlief also kräfteschonend. Von Britten hat er auch den Gustav von Aschenbach verkörpert, in Krefeld/Mönchengladbach trat er 2008/2009 bereits einmal in „The Fall of he House of U sher“ von Phlippe Glass auf. 

Dem Balstrode gibt Johannes Schwärsky baritonal-maskulines Gewicht und verleiht ihm sympathische Züge. Izabela Matulas leuchtender und immer wieder bezwingend pianoschimmernder Sopran bewährt sich nun auch bei der Partie der Ellen Orford. Aus der Pub-Besitzerin Auntie macht Eva Maria Günschmann eine rassige Vamp-Figur. Die vielen mittleren Rollen sind allesamt auf hohem Niveau besetzt. Dieses positive Fazit erlaubt eine lediglich pauschale Namensnennung: Andrew Nolen (Swallow), Gundula Schneider (Mrs. Sedley), Michael Siemon (Pastor Adams), Rafael Bruck (Ned Keene), Matthias Wippich (Hobson) sowie die „Nichten“ Sophie Witte und Gabriela Kuhn. Die Verkörperung des aalglatten Bob Boles durch James Park gerät besonders virtuos, wobei anzumerken ist, dass der junge Tenor derzeit noch dem Opernstudio Niederrhein angehört.

In der Premiere schienen die Zuschauerreihen nach der Pause etwas gelichtet. Doch abtgesehen von einem Buh-Ausrutscher war das Publikum von der Aufführung merklich enthusiasmiert.

Christoph Zimmermann  3.5.2015

Bilder Matthias Stutte

 

 

WÄR´ DIE SEHNSUCHT NICHT SO GROSS

Pr. 29.1.2015

Uraufführung einer Operettenrevue von Carsten Süss

Der jugendliche Heldentenor Carsten Süss, im Opern- wie auch im Operettenfach zu Hause – ist unter die Regisseure gegangen. Er ist ein Multitalent, singt Belcanto ebenso wie Wagnerpartien, er schreibt Dialogversionen für Operetten-Produktionen, dirigiert, moderiert, leitet den in seinem Wohnort wieder zum Leben erweckten Chor – und nun gab er sein Debüt als Regisseur mit einer Operettenrevue, die am Theater Mönchengladbach auf der Studienbühne stattfand. Er schrieb den Text und war verantwortlich für das Gesamtkonzept. Im Fokus dieses Konzepts standen Musikstücke, die von jüdischen Komponisten stammen, deren Werke während der Nazi-Herrschaft als entartet galten und als „jüdische Dudelei“ bezeichnet wurden. Man konnte Melodien von Leo Fall, Emmerich Kálmán, Oscar Straus, Jean Gilbert, Paul Abraham und Ralph Benatzky vernehmen, die Michael Preiser als musikalischer Leiter für ein kleines sechsköpfiges Orchester zusammengestellt hat. Heraus kam eine Art „Salonorchester“, das virtuos ein Stück Operette über Operette präsentierte.

Erzählt wird die Geschichte von Ernst Seligmann, der in der Nähe von Wien geboren wurde, im 1. Weltkrieg als Soldat diente, die Erlebnisse aber nicht verkraftet hat und nach Amerika auswandert, um dort sein Glück zu suchen. Er fand es in dem jüdischen Mädchen Deborah Rosenbaum, sie heiraten und eröffnen ein kleines Schallplattengeschäft, das sich auf den Verkauf von deutschsprachigen Operetten- und Schlagerliedern spezialisiert. Bis zum Börsencrash 1929 floriert das Geschäft, doch dann muss die Familie, inzwischen mit Sohn Arthur, erneut von vorn anfangen.

Die Protagonisten haben diese schöne, aber auch ernste Geschichte mit viel Charme, Ironie, und Originalität, gekonntem Gesang und Spielwitz vorgetragen. Carsten Süss ist mit diesem Stück eine Hommage an ein fast vergessenes  Genre gelungen. Vielleicht hat er einen Funken entzündet, der sich zu einem Feuerwerk entwickelt. Mit diesem Regiedebüt ergänzt er die Liste seiner vielseitigen Begabungen.

Übrigens kann man ihn als Sänger ab April an der Volksoper Wien erleben, wo er sein Rollendebüt als Don José in der Oper „Carmen“ geben wird.          

Inge Lore Tautz 8.2.15

Dank für die schönen Bilder an Matthias Stute

 

PS. Weitere Vorstellungstermine: Februar 7., 15. 27. und März 8. und 17.

 

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

Premiere am 23.11.14

Ausgesprochen Spannendes "Opernmuseum" in Rheydt

Von Jaques Offenbachs zu Lebzeiten leider nicht mehr uraufgeführter Oper Les Contes d´Hoffmann gibt es mittlerweile unzählige Versionen - Spieldauer zwischen zwei und dreieinhalb Stunden; also gelegentlich über vier Stunden mit Pause. Doch 3,5 Stunden Hoffmann muß nicht unbedingt sein, auch wenn es zu der deutschen Opernfreunde Lieblingswerk gehört. War vor Jahren noch die zweidreiviertelstündige Oeser-Fassung Stand der Dinge, gibt es heuer die um diverses Material noch erweiterte Kaye-Fassung, die unter Jeffrey Tate und Kent Nagano das Licht der Opernwelt erblickte. Es werden weitere folgen...

Bei den Vereinigten Bühnen Krefeld & Mönchengladbach spielt man, vernünftiger Weise, die Oeser-Fassung; mit immerhin noch dreieinviertel Stunden Aufführungsdauer. Immerhin beinhaltet sie sowohl Baccharole, als auch Diamanten-Arie. Beides ureigene Lieblingstücke des Publikums, die eigentlich nicht Bestandteil der Urfassung waren, und von Puristen bzw. der absoluten Werktreue sich verbunden fühlenden Rüpel-Regisseuren gelegentlich gestrichen werden.

Um Himmels Willen, was für einen Publikums-Aufstand hätte es in Rheydt gegeben, wenn diese "Highlights" nicht wiedererkannt worden wären ;-)

Vor allem bei einem so applausfreudigem, wie dem Rheydter Publikum, welches nicht nur ergreifende Sterbeszenen ausgiebig mit Beifalls-, Bravo- und Jubelrufen goutierte, sondern auch ins vermeintliche Ende dermaßen enthusiasmisiert hinein klatschte, daß die letzten Takte der Musik nicht mehr zu hören waren... Das rhytmische sozialistische Einheitsparteitagsklatschen, beim Mainzer Karneval nennt man das "Klatschmarsch", wurde GsD diesmal nicht so lange durchgehalten, denn die Herz-, Schmerzapplaudierer setzten sich erfreulicher weise letztlich durch.

Nun ist es aber auch eine Unverschämtheit, daß man den finalen Vorhang (klares und eindeutiges Zeichen für "Jetzt ist die Oper zu Ende!") schon schließt, während noch die Niederrheinischen Musici freudvoll die letzten Noten zu Ende fiedeln. Eine glatte Zumutung für das Publikum, daß sie dann noch solange still sitzen sollen...

Ansonsten ist dem One-Man-Team (Regie & Bühne & Kostüme) bei dieser durchaus gelungenen Produktion in persona von Hinrich Horstkotte wenig vorzuwerfen. Wenn das Publikum in der heutigen Opernzeit einen Regisseur dermaßen unisono bejubelt (kein einziges Buh), hat der Kritiker sich freundlich anzuschließen. Und wenn man sich, quod errat demonstrandum, 1.) an der Wiener Staatsoper anno 1968 und 2.) an Otto Schenks Inszenierungsstil orientiert, kann die Sache kaum schief gehen. Immerhin laufen diese schönen Produktionen teilweise heute noch und werden immer noch, auch nach der zehntausendsten Aufführung, weiterhin bejubelt.

Bilder sagen mehr als Worte, wenngleich ich dazusetzen würde, daß es so muffig und altbacken, wie es über die Fotos auf den ersten Blick wirkt (eben typischer E.T.A. Hoffmann) dann doch ist - insbesondere der vierte Akt (Giulietta) gestaltet sich zu enormer dramaturgischer Dichte, denn er bricht das etwas museale Einheitsbühnenbild mit überraschenden surrealen Effekten auf.

Musikalisch arbeitet Kapellmeister Alexander Steinitz mit einer wahrscheinlich grippe-geschwächten kleinen Musikerschar (ich habe von oben rund 30 gezählt, kann mich aber irren...) ganz ordentlich, wenngleich mir die nur zehn Geigen doch etwas untergingen. Der Chor war von Maria Benyumova vorzüglich disponiert, auch wenn er gelegentlich (warum eigentlich?) aus dem Orchestergraben singen musste.

Grippegeschwächt ließ sich auch Johannes Schwärsky (Lindorf, Coppelius, Mirakel, Dapertutto) ansagen, obwohl er dann seine Partien doch in hoher Qualität präsentierte; eine vortreffliche Besetzung. Von der Grippe vollends dahingerafft wurde der ursprünglich vorgesehene Markus Heinrich und von einem wirklich grandiosen Sänger aus dem Opernstudio - James Park - ersetzt; man wünscht dem Nachwuchssänger eine glänzende Zukunft. Well done!

Mit Max Jota (Hoffmann) und Eva Maria Günschmann (Muse) hat das Stück die ideal besetzten Hauptfiguren, denen allerdings Hoffmanns Geliebte (Sophie Witte als Olympia & Janet Bartolova als Giulietta) nur wenig nachstehen. Der überragende Sangespart allerdings kam von Izabela Matula; eine Sängerin, die sich, da bin ich sicher, auch an der von mir hochgeschätzten Wiener Staatsoper wahrscheinlich durchsetzen würde. Merken Sie sich den Namen! Ansonsten: Bravi a tutti!

Eine schöne, herrlich altbackene Produktion fürs Publikum - egal ob alt oder jung und besonders für Opernanfänger sehr empfehlenswert, denn hier wird Oper so präsentiert, wie man sie in jedem Opernführer auch beschrieben findet. Viel anders wird die Uraufführung 1881 auch nicht gewesen sein.                                             

Peter Bilsing / 24.11.14

Bilder Matthias Stutte

 

Etiam audiatur altera pars

"Bilderbuchperspektive"

schreibt unser Kollege Christoph Zimmermann (Merker-online)

"Spannender als ein Tatort"

Michael Zerban vom Opernnetz

 

hier noch mein persönlicher CD-Tipp

"Hoffmanns Erzählungen" auf deutsch - eine legendäre Aufnahme

 

 

 

 

 

MAZEPPA

PR Rheydt am 19.1.

Mazeppa – Fallen in Love

Einen schlimmen Anblick bot der Blick in den Saal des Theaters Mönchengladbach: nicht einmal halb gefüllt war er, und das auch noch bei einer Premiere. Keine effektive Werbung des Hauses für Tschaikowskys Meisterwerk? Dem wurde vom Theaterdienst heftig widersprochen: Die „Einheimischen“ kämen erst dann in die Oper, wenn die Lokalzeitungen gut berichtet hätten. Lesen die Leute denn nichts von den blendenden Rezensionen der Premiere in Krefeld 2012 in der lokalen Presse und in den Online-Magazinen? Schauen sie nicht die Theater-Webseite und in die mit Lobenshymnen nahezu vollgestopfte Presseabteilung des Hauses?

Sogar den OPERNFREUND-STERN, als besondere Auszeichnung von Europas meistgelesenem Opernmagagzin, hatte die Produktion bekommen.

So verloren sich die Premierenabonnenten und Getreuen des Hauses im weiten Rund, man konnte sichtoptimierend andere Plätze einnehmen, die Akustik war ungedämpft, vom Platz des Rezensenten in der Mitte dritte Reihe ohne jegliche Zuschauer davor war nicht nur der Blick optimal, sondern auch ein ungemein plastisches Hörerlebnis der blendend aufgelegten Niederrheinischen Symphoniker unter ihrem GMD Mihkel Kütson im wahrsten Sinne des Wortes zu goutieren; jede Instrumentengruppe was einzeln zu orten, ein auch phonetisch tolles Klangbild!

Es macht wenig Sinn, die beiden in unserem OPERNFREUND erschienenen Rezension der Kollegen Peter Bilsing und Martin Freitag (bitte etwas runterscrollen zum Nachlesen!) mit anderen Worten noch einmal aufzukochen, da alle Mitwirkenden auch zuvor in Krefeld aufgetreten waren; so scheinen sich die Inszenierung und das Orchester richtig gut warm gelaufen zu haben.

Hilfreich ist auch ein Klick auf die Seite der Presseabteilung der Oper. Den vielen guten Worten ist wirklich nichts hinzuzufügen: eine sehr glaubhafte, nicht überzogene und kitschfreie, durchgängig hochspannende Inszenierung von Helen Malkowsky, ganz großartige Sänger/Darsteller-Leistungen, ein perfekter Chor, dazu persönliche Rührung, Schrecken und Mitfühlen, Bewunderung der Stimmen, Rückenschauer und Gänsehaut, und langer jubelnder Applaus mit ganz vielen Bravos. Das Fachpublikum wusste schon sehr gut, was es da gerade an Großem erlebt hatte in der sogenannten „Theaterprovinz“. Davon könnten sich viele nachbarschaftliche Opernhäuser eine dicke  Scheibe abschneiden! Das ist vorbildliches Musiktheater - auch ohne die ganz berühmten Namen.

Der Rezensent gesteht freimütig, vorab ein wenig in die Kritiken geschaut zu haben. Das war in diesem Fall zweifellos ein Fehler, da das unmittelbare Erlebnis und die Überraschung wohl sonst noch intensiver gewesen wären. Gerne berichtet er aber auch, dass "Mazeppa" – von ihm vorher noch nicht live erlebt – auf dem Wege ist, seine bisherige Lieblingsoper "La Traviata" (bitte nicht ginsen) vom angestammten Platz zu verdrängen. Die CD ist schon bestellt, Karten für eine weitere Aufführung sind geordert. Man kann jedem nur nachdrücklich zu einer Reise nach Mönchengladbach-Rheydt raten, solange das Werk noch läuft...

Michael Cramer 21.1.14

Bilder: Vereinigte Bühnen

 

BITTE HINFAHREN !!

///// Theater Mönchengladbach
Sa25. 01. 201419:30 Uhr// Karten
Mi05. 02. 201419:30 Uhr// Karten
Fr07. 02. 201419:30 Uhr// Karten
Mi12. 03. 201419:30 Uhr// Karten
Di18. 03. 201419:30 Uhr// Karten
Fr21. 03. 201419:30 Uhr// Karten
So06. 04. 201419:30 Uhr// Karten
Do17. 04. 201419:30 Uhr// Karten
Sa19. 04. 201419:30 Uhr// Karten
Do24. 04. 201419:30 Uhr// Karten

 

 

 

MY FAIR LADY

Premiere am 17.11.2013

Besucht: 2. Aufführung am 29.11.2013

Etwas schmalbrüstig in Mönchengladbach

„My Fair Lady“, das berühmten Musical von Frederick Loewe nach "Pygmalion" von George Bernhard Shaw, ist ein gesellschaftskritisches Stück über "die da oben und die da unten", verpackt als Komödie über eine hoffähige Sprache und ein entsprechendes Benehmen. Der Sprachwissenschaftler Higgins schließt mit seinem Kollegen Oberst Pickering eine Wette ab, das einfache Blumenmädchen Eliza Doolittle mit der schrecklichen Aussprache allein durch vokales Training auf einer Veranstaltung der feinen Gesellschaft als unbekannte Gräfin ausgeben zu können. Die Geschichte dürfte hinlänglich bekannt sein und sei hier nicht noch einmal ausgebreitet. Shaw´s Schauspiel wie auch das Musical von Loewe haben viel hintergründigen Witz und Spitzigkeit, sie spielen im unterschiedlichen Milieu der niederen Straße und der feinen Gesellschaft, lassen grobschlächtige einfache Leute in der Kneipe neben feinen Herrschaften der Oberklasse bei Pferderennen, Tanzvergnügen und Nachmittagstee agieren. Und zeigen, wie man allein durch Unterricht aus diesem Milieu hochkommen kann, um schließlich selbst Sprachunterricht zu geben. Ein Stück also der Kontraste und der subtilen Ironie.

Okarina Peter und Timo Dentler haben für den von Theater kommenden Regisseur Roland Hüve eine Art Zirkusarena nachgebaut, mit flackernden Lichterketten und einer Drehbühne mit großer Zwischenwand, welche die niedrige Welt der Straße von den höheren Arealen des Daseins trennt. Die im ersten Akt auch prompt ihren Geist aufgab, sah man doch schwarz gekleidete Bühnenarbeiter hin und her flitzen; in der Pause konnte die Technik dann jedoch erfolgreich repariert werden. Auf der feinen Seite standen immerhin einige Möbelstücke und ein Grammophon als Zimmer von Higgins und für die Teezeremonie mit seiner Mutter herum, dafür umso weniger auf der arg ambientenarmen Straße, aber immerhin ein Papp-Oldtimer. Zum einen preiswert und für schnellen Szenenwechsel praktikabel, zum anderen vielleicht aber auch ein Symbol für die sich drehenden gesellschaftlichen Veränderungen. Nur - die starke Vermischung der Protagonisten und der Spielebenen raspelt die Ecken und Kanten des Stücks ein wenig rund; der Shaw´sche Biss kam nicht recht über die Rampe. Was allerdings auch an der teilweise etwas schlichten Personenführung und vor allem der Choreografie lag. Obwohl das Ballettensemble von Robert North noch einigermaßen ansehnlich agierte, erinnerten die "Tänzchen" der Sänger auf der Straße und in der Kneipe schon arg an Volksbrauch. Auch szenisch gab es kleine Minuspunkte und vertane Möglichkeiten. Trotz Drehbühne waren die einzelnen Nummern und auch der Zusammenhang der Personen ein wenig auseinandergerissen, beim Pferderennen hört man nur die Startglocke, leider aber nicht das Hufgetrappel quer über die Bühne; die Technik dürfte doch wohl dafür da sein. Kein Wunder, dass die Zuschauer des Rennens auch nur in eine Richtung schauten anstatt mit den Augen und mit dem Kopf mitzugehen. Originell hingegen die Szene beim Tee in der Loge von Mrs. Higgins, wo die Papp-Pferdchen vorbeiziehen oder die hinter ihren Papp-Blumenkästen aus dem Fenster schimpfenden Nachbarn ob des Lärms auf der Straße.

Ja, wenn diese großartige Musik und die Ohrwürmer nicht wären, die für über mache kleine Unzulänglichkeit hinwegsehen bzw. -hören lässt. Ein Pluspunkt des Abends waren die niederrheinischen Sinfoniker unter Andreas Fellner. Der Maestro hielt seine Musiker zu packendem Spiel an, zu viel Drive und Farbigkeit, wenn auch die Lautstärke gelegentlich die Sänger etwas überdeckte - trotz deren Mikroports. An der bemängelten Verständlichkeit der Übertragung bei der Premiere hat man wohl noch etwas nachjustiert - das war jetzt brauchbar. Auch die Darstellung der Titelfigur in der besuchten zweiten Aufführung durch das Ensemblemitglied Susanne Seefing - es war ihr Rollendebut - überzeugte sehr, quirlig agierte sie zwischen den älteren Herren, der feinen Gesellschaft und dem Volk auf der Straße, mit beweglichem hellen Sopran, sicherer Höhe und Berliner Dialekt, den der Regisseur verordnet hatte. Die berühmten Sprachübungen mit den grünen Gärten Spaniens und den Krähen in der Nähe waren sehr allerdings überzeichnet, wenn auch zur großen Freude des Publikums. Rührend dann aber die Szene, wo es auf einmal klappte mit den "Ü"s. Markus Heinrich als Higgins fehlt ein wenig die vornehme Feinheit der Figur; auch Pickering hätten etwas mehr Noblesse und eine akzentuiertere Sprache gut getan, wie man sie bei Johanna Lindinger genussvoll vernehmen konnte. Von Kopf bis Fuß war sie eine Lady in Bewegung und Ausstrahlung – aber sie hat auch leichter, sie ist Schauspielerin. Debra Hays als Hausdame von Higgins spielte und sang ihre Rolle überzeugend, spricht allerdings mit deutlichem amerikanischen Akzent - ob sich ein echte Higgins das hätte gefallen lassen ? Der Müllkutscher und Elizas Vater Alfred (Hayk Dèinyan) gibt der Figur einen bärbeißigen, durchaus passenden groben Touch, teilweise aber auch arg überzeichnet, ebenso wie seine beiden Kumpel von der Straße Harry und Jamie. Sein nicht näher definierbarer Dialekt war wenig verständlich, dürfte es im wahren Leben aber auch kaum sein. Gesanglich gefiel Rafael Bruck als Verehrer von Eliza ausnehmend gut. Die kleinen Rollen waren durchweg adäquat gut besetzt und der Chor stimmstark und präzise wie immer (Maria Benyumova und Ursula Stigloher); ein wenig mehr Schauspielerei und Bewegung hätte ihm jedoch gutgetan.

Fazit: Insgesamt ist dem Hause kein nennenswerter Wurf gelungen, allenfalls eine nette Vorstellung mit durchweg achtbaren Gesangsleistungen und in hübschen Kostümen. Dem ausverkauften Hause gefiel die Vorstellung jedoch ausnehmend gut, wie es zahlreiche Lacher, häufiger Zwischenapplaus und ein begeistertes Jubeln zum Ende zeigten. Dann ist es auch gut so.

2.12.2013 Michael Cramer

Fotos: Matthias Stutte

 

 

STIFFELIO

Besuchte Vorstellung am 06.10.13                  (Premiere am 28.09.13)

Spannende Verdi-Rarität

Schon zum 200. Wagner-Geburtstag hatten die Bühnen Krefeld-Mönchengladbach auf eines der seltenen Frühwerke gesetzt (in Mönchengladbach ist der "Rienzi" ab dem 20.10.13 zu erleben, so wird zum 200. Verdi-Geburtstag die Rarität "Stiffelio" aufgeführt. Musikalisch vielleicht noch zum Frühwerk zu rechnen, obwohl die Oper zeitgleich zu "Rigoletto" komponiert wurde. So gewährt uns dieses Werk einen interessanten Einblick in die Werkstatt Verdis: neben recht konventionellen Stellen, wie gleich der Ouvertüre, gibt es für diese Zeit recht moderne Experimente für die italienische Oper. Schon die ungewöhnliche Handlung, eindeutig ein Griff Verdis, macht neugierig, denn die eigentliche Handlung hat schon vor Beginn der Oper stattgefunden: die mit dem Geistlichen Stiffelio verheiratete Lina hat die Ehe gebrochen. In der Oper geht es nur noch um die Entdeckung der Ehebruchs und der Reaktion der drei wichtigen Protagonisten. Stiffelio, der sich nach heftigen Eifersuchtsanfällen, in einer öffentlichen Predigt auf die Worte Christus "Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein" beruft. Lina, die mit schrecklicher Reue über ihre Verführung immer noch zu ihrem Mann steht. Und den soldatischen Vater Linas der aus übersteigertem Ehrbegriff den Verführer umbringt. Eigentlich spannend unspektakulär, mit der Pikanterie für das katholische Italien, das der verheiratete Priester sich entscheiden muß, natürlich spielt die Handlung in einem protestantischen Land.

Helen Malkowsky ist nach ihrem sehr gelungenen "Mazeppa" (Tschaikowsky), ab Januar wieder auf dem Spielplan, keine unbekannte Regisseurin an den Vereinigten Bühnen. Auch mit ihrer neuen Inszenierung schafft sie einen spannenden Opernabend der Extraklasse: auf Hartmut Schörghofers seltsam metallisch glitzernder, klaustrophobisch anmutender Bühne läßt sie die Handlung in einem sektenhaften Milieu spielen. Ganz ausgezeichnet gelingt ihr die differentierte Chorführung, hinter einmütig zur Schau gestellter Harmonie erspäht man immer wieder einen Blick auf die Abgründe einzelner Mitglieder dieser Gemeinschaft und erahnt den großen Druck, der auf jedem dieser "kleinen Herde" lastet. Ein gestickter Zwischenvorhang mit Landschaftsidylle fungiert schon zum Vorspiel als gewebter Pseudo-Schleier. Susanne Hubrichs Kostüme nehmen sich passend schlicht für diesen gesellschaftlichen Rahmen aus.

GMD Mihkel Kütson dirigiert einen sehr direkten Verdi, der die Brüche in der Qualitätsfaktur nicht zu kitten versucht. Mit den aufmerksamen Niederrheinischen Sinfonikern ist er dabei immer eng am Atem der Sänger. Kairschan Scholdybajew singt , wie Janet Bartolova ihre Lina, an diesem Abend zum ersten Mal den Titelhelden. Man kann sich immer auf diesen Sänger verlassen, denn er gestaltet mit musikalischem Geschmack. Außerdem gehört er zu den wenigen Tenören die einen sozusagen eingebauten Schluchzer in ihrem Timbre besitzen, was bei anderen manieriert wirkt, ist hier ein Teil der natürlichen Stimmfarbe, mir gefällt das sehr. Schwieriger ist da Janet Bartolovas Stimme zu beurteilen, denn im Laufe der Jahre haben die Höhen ihres Sopranes gelitten, da wird der einzelne Ton von unten angesungen, die Höhen gellen sehr laut und harsch. Schön klingt ihre Stimme, wenn sie nicht auf Volumen fokussiert, sondern auf Linie gestaltet. Die satte, gesunde Mittellage und Tiefe läßt an einen Wechsel ins Mezzofach denken. Nummer Eins des Abends jedoch ist eindeutig Johannes Schwärsky als Linas Vater Stankar, ein üppiger, in allen Lagen gut ausgeformter Bariton mit großem Atem für die lange Verdi-Kantilenen, so hört man dieses Fach nicht oft gesungen. Michael Siemon spielt mit attraktiver Physis den Verführer Raffaele und gefällt mit gut geführtem Tenor in dieser gar nicht so kleinen Partie. Hayk Dèinyan, Jerzy Gurzynski und mit rundem Mezzo Eva Maria Günschmann unterstützen bestens in den Comprimarii-Partien. Ganz hervorragend in seinen vokalen Aufgaben und den feinen, szenischen Nuancen der Chor des Theaters unter Ursula Stigloher.

Eine absolut sehens-und hörenswerte Produktion in der sogenannten "Provinz", der gar nichts provinzielles anhaftet. Die Zuschauer gingen auch bei der Rarität emotional mit und feierten die Beteiligten.

Martin Freitag                               Bilder siehe unten

 

 

STIFFELIO

PR am 28.9.13

Verdi-Rarität am Niederrhein

Ein besonders heikles Kapitel innerhalb der Operngeschichte ist die Zensur. Im Zusammenhang mit Verdi sind die entsprechenden Vorfälle bei „Ballo in maschera“ wohl am bekanntesten. Aus politisch kleinkrämerischen Bedenken der Obrigkeit heraus wurde aus dem schwedischen König Gustav III. ein Gouverneur in Boston namens Richard. Jahre zuvor war bereits die Handlung des „Stiffelio“ komplett in die Rittergeschichte „Aroldo“ umfunktioniert worden. Die Zwischenfassung „Guglielmo“ Wellingrode“ hielt sich nur ganz kurz. Verdis „Stiffelio“-Partitur verschwand, erst 1968 tauchten Abschriften auf, wie ein Beitrag im kleinen, aber materialreichen Programmheft mitteilt (die Piper-Enzyklopädie spricht lediglich von „Rekonstruktion“). Das Milieu der Originalfassung hat heute natürlich mehr Aussagekraft als das des etwas staubigen Ritterepos.

Bei dieser Überzeugung setzt in Mönchengladbach die Inszenierung von HELEN MALKOWSKY an. Die Regisseurin begründet ihre Interpretationsidee extrem wortreich. Zum Verständnis der Vorgänge würde es freilich genügen zu sagen: hier der verhärtete Absolutheitsanspruch im Rahmen christlicher Ethik, dort die humane Bereitschaft zum Verzeihen von dem, was gemeinhin als Sünde gilt. Hierzu ringt sich Verdis Titelheld, ein Geistlicher, zuletzt auch durch. Ob er protestantisch ist oder nicht, tut eigentlich nicht viel zur Sache. Verdis Oper auf einen Piave-Text steigt mit ihrer Handlung ohnehin erst dort ein, wo bei der Schauspielvorlage der 3. Akt beginnt. Damit fallen einige vor allem psychologisch nicht unwesentliche Dinge unter den Tisch.

Das könnte eine Inszenierung, zum Teil wenigstens, auffangen. Helen Malkowsky versucht, zur Musik der Ouvertüre, die längst zurückliegende und auch eher halbherzige Affäre von Stiffelios Frau Lina mit Raffaele von Leuthold zu vergegenwärtigen, was man schnell begriffen hat. Die Schuld steht Lina so sehr ins Gesicht geschrieben, dass man meinen könnte, sie sei mit dem Teufel im Bunde gewesen, habe ihr Kind ermordet oder sonst etwas Abgrundtiefes verbrochen. Den Chor als mahnendes Kollektiv zu zeigen, ist durchaus sinnvoll, aber auch hier verkehrt sich Deutungsintensität schon mal in das Gegenteil des Komischen um.

Recht schlimm steht es auch um die Figur Stankars, Linas Vater, der vor Ehrpusseligkeit schier ausflippt. Sein Soldatenrock mit Ehrabzeichen gibt zwar Einiges an Erläuterung her, aber die exaltierte Spielweise kommt irgendwie aus Opas Regiekiste. JOHANNES SCHWÄRSKY macht freilich das Beste daraus und beglaubigt die eifernde Figur auch mit expressivem Gesang, welcher Ausdruck und Belcantolinie auf einen überzeugenden Nenner zu bringen versteht.

HARTMUT SCHÖRGHOFERs Ausstattung fasst die Szene mit hohen, hellen Wänden ein – das wenig individuelle Dekor eignet sich zur Wiederverwendung. Ab und zu wird im Hintergrund eine gefächerte Wand herabgelassen oder hinaufgezogen. Zu Beginn des 2. Aktes (die verzweifelte Lina am Grabe ihrer Mutter) teilt sie sich und lässt mit den frei werdenden Flächen ein Kreuz entstehen. Das Symbol stimmt, die Wirkung weniger. Die Kostüme stammen von SUSANNE HUBRICH; sie sind modern, mehr kann man zu ihnen nichts sagen.

Das Premierenpublikum vermochte sich mit alledem jedoch offenkundig anzufreunden. Sei’s denn. Den Jubel über die musikalische Ausführung, vor allem die der Sänger, kann man hingegen nur voll bejahen. Selbst der etwas unauffällige Federico (Linas Cousin) ist mit ANDREY NEVYANTSEV aus dem Opernstudio Niederrhein extrem gut besetzt. Mit der Cousine Dorotea, gleichfalls eine Minipartie, vermag EVA MARIA GÜNSCHMANN nicht zu punkten, aber man hat ja noch ihren flammenden Adriano im Ohr. HAYK DÈINYAN (Gemeindevorsteher Jorg – im Schauspiel ist er Stiffelios Adoptivvater) bestätigt sein bekanntes solides Niveau. Dem Raffaele gibt MICHAEL SIEMON ausreichend Tenorschmelz. Freilich ist ihm MICHAEL WADE LEE weit über, nicht nur wegen des größeren Umfangs der Titelpartie. Der amerikanische Sänger verfügt über ein weich gerundetes, aber doch festes Organ mit gesunder, unforcierter Höhe, artikuliert empfindsam, wobei das religiös Eifernde von Stiffelio keineswegs zu kurz kommt. Ganz superb ist wieder einmal (nach ihrer Marija in „Mazeppa“) IZABELA MATULA mit ihrem leicht metallischen Sopran, der in der oberen Lage regelrecht gleißt. So wird Lina zu keiner abgehärmten Leidensfigur, ihre Demut im letzten Akt entbehrt alles Kriecherischen. Hinreißend die lyrische Intensität bei der Arie am Grab (eine der wenigen wirklichen Belcanto-Szenen der Oper) und die in mühelosem Piano bewältigten Oktavsprünge in der großen Preghiera.

GMD MIHKEL KÜTSON unterstreicht mit den gut präparierten Niederrheinischen Sinfonikern vor allem die innovativen Momente von Verdis Musik, die sich vom traditionellen Nummernschema immer wieder entfernt, lässt aber auch Dramatik mächtig pulsieren. Der von URSULA STIGLOHER einstudierte Chor hat große Momente.

Christoph Zimmermann        Dank an  Matthias Stutte für die schönen Bilder

 

 

 

 

 

 

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