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Musikfestspiele  in Sanssouci Juni 2012

PIRAMO E TISBE

18.06.2012

An drei Spielstätten

Im Schlosstheater des Neuen Palais war am 18.6. auch der 1.Akt der Premiere dieses Sommers, Johann Adolph Hasses PIRAMO E TISBE, zu sehen, während der 2. – nach einem Intermezzo im Gartensalon am Neuen Palais – im restaurierten Heckentheater zu erleben war. Die Geschichte des verliebten Paares, das im gemeinsamen Freitod endet, kennt man vor allem aus der Handwerker-Aufführung in Shakespeares A Midsummer Night’s Dream, die auch John Neumeier in seiner choreografischen Version der Komödie so hinreißend umgesetzt hatte. Hasses Werk gehört zur seltenen Gattung des Intermezzo tragico und ist eine seiner letzten Kompositionen. 1768 wurde sie in der Nähe von Wien im Rahmen einer Liebhaberauf-führung aus der Taufe gehoben, drei Jahre später auf Wunsch Friedrichs II. im Schlosstheater von Sanssouci gezeigt. Die deutsche Starsopranistin Elisabeth Schmehling sang die Tisbe, der Soprankastrat Giovanni Carlo Concialini den Piramo. Hier hörte man den australischen Sopranisten David Hansen, der diese extrem hoch notierte und virtuose Partie mit Anstand bewältigte, gelegentlich zwar ein paar metallisch-klirrende und später auch gequält klingende Spitzentöne vernehmen ließ, aber auch mit weichen piani und süßen Klängen erfreute. Sehr schön mischte sich seine Stimme mit dem lyrischen Sopran von Bénédicte Tauran, die eine empfindsame Tisbe gab, sehr farbig und differenziert sang und ihre reizenden, Koloratur geschmück- ten Arien mit großer Delikatesse und viel Gefühl vortrug. Carlo Vincenzo Allemano sang den Vater mit weichem, baritonal grundiertem Tenor, war aber auch zu resoluter Attacke und ausbrechendem Zorn ob der ungehor- samen Tochter fähig. Am Ende büßt er angesichts des tragischen Ausgangs seine Schuld mit dem Tode.

Regisseur Igor Folwill lässt den Ausgang allerdings offen – der Vater greift zwar nach dem Dolch, aber den entscheidenden Stich sieht man nicht mehr. Seine lebendige Inszenierung wird bestimmt von einer surrealen Bühnen- landschaft von Manfred Kaderk mit Wolkenhintergrund, Felsplateau, illumi- nierten Schminktischen und Heckensegmenten. All diese Elemente – sogar das Proszenium mit seinen vergoldeten Palmen – wiederholen sich später auf der Bühne des Heckentheaters, wo die angestrahlten Bäume und Sträu- cher samt dem abendlichen Himmel einen sehr stimmungsvollen Rahmen bilden. Ute Frühlings Kostüme fügen sich stilistisch bestens ein. Als com- media dell’arte-Figuren treten DIE ARISTOKRATEN – Jongleure, Stelzen-läufer, Akrobaten, Sprungkünstler, Seiltänzer – auf und bringen sich als schwarze Engel oder Teufelchen auch ins Spiel ein. Beim Divertissement im Gartensalon zur Pause sorgen sie außerdem für Unterhaltung, akustisch untermalt von einem Bläsersextett mit Ausschnitten aus Kompositionen von Haydn und Telemann. Geriet diese musikalische Umrahmung etwas zähflüssig und laienhaft, war das Spiel des flämischen Barockorchesters B’ROCK unter Leitung von Andrea Marchiol die reine Freude. Der Dirigent traf einerseits den galant-höfischen Stil der Musik genau, besaß aber auch den Nerv für ihren innovativen Charakter, ihre neue Klangsprache, welche die Grenzen der opera seria sprengt. Plastisch heraus gearbeitet wurden die Kontraste der Komposition, die starke emotionale Zeichnung der Figuren und ihrer Schicksale. Musikalisch konnte die nunmehr dritte friderizianische Spielstätte nicht glücklicher eingeweiht werden!

Bernd Hoppe

 

 

FRIEDRICH  II. - Mythos und Tragödie

im Juni 2012

Umjubelte Welt-Uraufführung

Bei diesem knappen Zeitplan könnte man meinen, das Team von Spotlight-Musical hätte „Friedrich II. – Mythos und Tragödie“ aus aktuellem Anlass mal schnell nebenher gezaubert: In weniger als einem Jahr wurde das Stück komponiert und umgesetzt. Nur ein PR-Gag zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs? Weit gefehlt!

Was den Zuschauer am Freitag abend in der Metropolishalle im Potsdamer Filmpark Babelsberg präsentiert wurde, war Musical vom Feinsten – made in Germany. Dass man ein so gewichtiges, urdeutsches Thema so frisch, ideenreich und mitreißend umsetzten kann, ist schon eine kleine Sensation.Viel Liebe steckte da drin. Man merkte vom ersten bis zum letzten Moment, wie gut die Crew recherchiert hatte, dass sie für Friedrich II. und seine Lebensgeschichte nur so vor Begeisterung brannte und dass hier ein Autorenteam sein gesammeltes Talent und Hirnschmalz aufgeboten hatte, um eine Story möglichst schillernd und inhaltsreich auf die Bühne zu brin- gen. Schon beim Szenenapplaus hörte man, dass fast alle Nummern voll ins Schwarze trafen.

Am Ende war das Publikum hingerissen und feierte das Stück und seine Darsteller mit minutenlangen Standing Ovations. Denn „Friedrich der II.“ hat einfach alles, was ein rundum beglückender Theaterabend braucht: Sehr starke Darsteller – dank einer echten Starbesetzung, intelligente Dramaturgie (Christoph Jilo), sprechende Bühnenbilder mit großem Flair für die verschiedenen Schauplätze (Christoph Weyers), fetzige Musik (von Dennis Martin und Marc Schubring) und sehr gute Dialoge (Wolfgang Adenberg). Sehr gelungen waren auch die Choreographien von Doris Marlis, die die Geschichte illustrierten, denn niemals stolperte der Plot über eine Tanzszene – im Gegenteil, das Stück bekam dadurch Schwung. Genauso war es bei den Kostümen: Sie wirkten sinnlich und anschaulich, aber niemals erdrückend (Ute Carow).

Friedrichs Leben wird in Rückblenden erzählt: Der greise König unterhält sich mit dem Schatten seines Jugendfreundes Katte, dessen tragischer Tod zum schicksalhaften Wendepunkt seines Lebens wurde. Dann erleben wir die Geschichte von Friedrichs konfliktreicher Jugend, das rebellische Aufbe- gehren eines sensiblen und künstlerisch veranlagten Menschen gegen einen übermächtigen, roh-pragmatischen Vater, der dem Jungen seine preußischen Ideale einzubleuen versucht. Ein großes Verdienst der Autoren war, dass sie die gegensätzlichen Charaktere und Lebensentwürfe Friedrichs und seines Vaters einander wertfrei gegenüber stellten, so wurde der unausweichliche Konflikt der Beiden nachvollziehbar und menschlich berührend. Heiko Stang verkörperte einen imposanten Friedrich Wilhelm I., der einem trotz seiner Härte niemals unsympathisch wurde, weshalb auch er am Ende riesigen Beifall erntete.

Tobias Bieri war der perfekte Kronprinz Friedrich: Blond gelockt und schön, stolz und heldisch doch sensibel und zerbrechlich zugleich. Er hat absolut das Zeug zum Charakterdarsteller und gab seinem Part unerwarteten Tief- gang. Eine wunderbare Fügung war auch, dass er und sein gealtertes Alter Ego sich so unheimlich ähnlich sahen, dass der Zuschauer sie sofort als eine Person begriff. Chris Murray war dieser mürrische „alte Fritz“, der im Stück über weite Strecken als Erzähler auftritt. Nach dem Bieri sich jugendlich-unschuldig durch den ersten Teil gerockt hatte, erlebte man mit Murray im zweiten Akt Friedrich den Großen auf dem Höhepunkt seiner Macht als vereinsamten Herrscher, der ohne es zu wollen, seinem Vater verheerend ähnlich geworden war. Für Murray ergab dies wunderbare Gelegenheiten, um alle Register seiner Schauspielkunst zu ziehen und eine baritenorale Stimmgewalt zu entfesseln, die beim Publikum für Gänsehaut und Begei- sterung sorgte. Allein wie diese beiden „Friedrichs“ zu einer Persönlichkeit verschmelzen konnten und die schicksalsbedingte Veränderung anschaulich machten, war faszinierend und sehenswert.

Und dann waren da noch der ebenso überzeugende, geradlinige Maximilian Mann als Leutnant Hans Hermann von Katte, der zu Friedrichs einzigem echten Freund wird und Elisabeth Hübert als Friedrichs sonnige Schwester Wilhelmine. Die Beiden spielten nicht unwesentliche Rollen und wurden außerdem in eine zarte Romanze verwickelt. Dazu kontrastierend wurden August der Starke (Petter Bjällö) und der Schrifsteller Voltaire (Léon van Leeuwenberg) als nicht ganz ernstzunehmende Zeitgenossen in Szene gesetzt. Ihre Showeinlagen peppten das Drama auf und waren inspiriert vom lustigen Dresdner Hofleben und der „kleinen heilen Welt“ der Dichter und Denker auf Schloss Sanssoucie. Schön war, dass diese Nummern doch nie den Bezug zur Tragik der Geschichte verloren – zum Beispiel, wenn Friedrich einen verhalten kritischen Gesprächspartner anherrscht, dass hier über alles diskutiert werden dürfe – außer Politik!

Etwas flach, weil 0815-sexy und ziemlich lieblos war allein die Verführungs- szene mit der Gräfin Orczelska (Isabel Trinkaus), deren Bekanntschaft der junge Friedrich am Dresdner Hof macht. Diese Episode hätte charmanter erzählt werden können. So schien es ein bisschen, als wollten die Autoren noch unbedingt einen Vamp in ihr Stück einbauen (dessen Fehlen vermut- lich niemand bemerkt hätte, da er die Familienfreundlichkeit des Abends unnötig schmälerte).

Doch eigentlich ist „Friedrich II. – Mythos und Tragödie“ sowieso nichts für kleine Kinder, zumal man hier die Hinrichtung Kattes, düstere Kriegsszenen und einige beklemmende Emotionen sieht. Vor allem ist es ein sehr intellek- tuelles Musical, dessen Witz im Umgang mit der Geschichte liegt – ein Stück, dass historische Gestalten zugänglich macht, Vorbildung erfordert und zum Nachforschen animiert. Und gerade von diesem leidenschaftlichen und offenherzigen Umgang mit dem mythenumrankten Friedrich II. war das Potsdamer Publikum so begeistert. Für Musicalfans ist der Besuch in Potsdam ein Muss: „Friedrich II.“ bietet lebenspralles Theater von höchster Qualität und Intensität. Nur bis zum 30. Juni!

Rosemarie Frühauf

Copyright der Bilder: www.spotlight-musical.de

 

 

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