Großer Wagner!
Wenn bei den Salzburger Festspielen des Sommers ohnehin kaum bis gar nicht Richard Wagner gegeben wird, so ist es umso erfreulicher, dass sich Yannick Nézet-Séguin, seit 2018 Musikdirektor der Metropolitan Opera in New York und seit 2012 Musikdirektor des Philadelphia Orchestra mit den Wiener Philharmonikern und einem reinen Wagner-Programm ein Stell-Dich-Ein gibt. Und es wurde eine großartige und zu Recht heftig umjubelte Wagner-Matinee im fast voll besetzten Großen Festspielhaus.
Schon das Vorspiel zum 1. Aufzug der Oper „Lohengrin“ WWV 75 entfaltete die narkotische Wirkung, die schon Nietzsche, damals noch mit großer Ehrfurcht für das kompositorische Talent Wagners beschrieb. Wie Jürgen Ostmann im Programmheft schreibt, ergeben die vielen eng zusammenliegenden Spitzentöne der Violinen ein ätherisches Flimmern und Flirren, das in der Tat an die so oft mit dem „Lohengrin“ assoziierten blauen Himmelswelten denken lässt. Das war an diesem Morgen von den Wiener Philharmonikern unter den äußerst behutsam und feinfühlig agierenden Händen Yannick Nézet-Séguins aufs Beste zu hören. Wagner hatte ja selbst den „klarsten blauen Himmelsäther“ beschrieben, von dem aus „in unendlich zarten Linien … mit allmählich wachsender Bestimmtheit die wunderspendende Engelschar … in ihrer Mitte das heilige Gefäß (den Gral) geleitend … aus lichten Höhen unmerklich sich herabsenkt.“ Wenn das Orchester das Tutti erreicht, diesen unglaublichen Höhepunkt des „Lohengrin“-Vorspiels, meinte man in diesem Konzert Wagners Kommentar „über dem in Liebeswonne Verlorenen gießt der Gral nun seinen Segen aus … und im hellsten Lichte des blauen Himmelsäthers verschwindet die hehre Schaar, wie aus ihm sie zuvor sich genaht“ zu vernehmen.(Vor diesem Hintergrund Wagners Botschaft für dieses Vorspiel muss es wie ein Sakrileg wirken, wenn Katharina Wagner 2024 in ihrem „Lohengrin“ am Gran Teatre del Liceu in Barcelona währenddessen Lohengrin den kleinen Gottfried ermorden lässt, was allerdings vom kenntnisreichen katalanischen Publikum auch mit heftigem Missfallen quittiert wurde).

Mit dem darauf folgenden Siegfried-Idyll E-Dur WWV 103, welches Richard Wagner 1870 komponierte und im Treppenhaus seines damaligen Domizils, dem Tribschener Landhaus bei Luzern, wegen der Raumbegrenzung des Treppenhauses fast in einer kammermusikalischen Wiedergabe von Mitgliedern des Zürcher Tonhalle-Orchesters unter Hans Richter uraufführte als Geschenk zum 33. Geburtstag von Cosima, ließen Yannick Nézet-Séguin mit den Wiener Philharmonikern erkennen, dass Wagner, wie Jürgen Ostmann wiederum schreibt, „eine leidenschaftliche Vorliebe für Instrumentalmusik hegte und sein ganzes Leben davon träumte, auch ein besonderer Symphoniker zu werden“ – wohl auch aus seiner Bewunderung für Ludwig van Beethovens heraus. In einem äußerst transparenten und detailreichen Vortrag ließen die Musiker eindrucksvoll hören, wie gut er die zunächst nacheinander vorgestellten Motive und Themen vielfältig miteinander verknüpft. Am Ende ergibt sich, einem guten Symphoniesatz entsprechend, eine selbständige Komposition von ganz eigener, wehmütig-lyrischer Klanglichkeit (Ostmann).
Nach der Pause kam dann der mit Spannung erwartete Erste Aufzug aus dem Bühnenfestspiel „Die Walküre“ WWV 86B. Wahrscheinlich schwebte da Wagner, im Sinne seines Aufsatzes „Über die Anwendung der Musik auf das Drama“ die Einheit eines Symphoniesatzes vor. Denn so in etwa hört sich die Musik des 1. Aufzug der „Walküre“ mit ihrer kraftvoll-dramatischen Steigerung zum Ende hin tatsächlich an. Die gerade noch an der Scala di Milano in der Neuinszenierung des „Ring des Nibelungen“ als Sieglinde reüssiert habende südafrikanische jugendlich-dramatische Sopranistin Elza van den Heever sang auch hier diese Rolle mit einem recht hellen Sopran, meines Erachtens etwas zu hell für diese Partie, die sich mit einer leicht ins Mezzo weisenden Abdunkelung im Einklang mit dem Rollenprofil charaktervoller und dramatischer anhört. Es sei nur an Waltraud Meier erinnert, bekanntlich Mezzosopranistin, die genau dieses Kriterium erfüllte, aber auch an Mária Temesi aus Ungarn, die mit ihrer dunkel getönten Sieglinde in den 1990er und Nullerjahren in Budapest Furore machte.

© Marco Borrelli
Der noch nicht allzu lange in das Wagnerfach eingestiegene französisches Tenor Stanislas de Barbeyrac, der 2014 mit dem Tamino in Aix en Provence internationale Aufmerksamkeit erlangte, sang den Siegmund mit einem für diese Rolle ebenfalls recht hellen Timbre und passte somit gut zu seiner Partnerin van den Heever. De Barbeyrac sang ja auch zuletzt den Siegmund an Covent Garden in London, wo in der „Walküre“ allgemein leichtere Stimmen bei den Protagonisten eingesetzt wurden, gleichwohl mit großem Erfolg. Der junge Tenor meisterte die Herausforderungen der Partie recht gut, wenngleich man bei der tragischen Figur des Siegmund schwerere und dunklere Stimmen gewohnt ist.
Diese Erwartungen konnte dann in ganz ausgezeichneter Weise der kanadische Bass John Reylea in der leider nur kurzen Partie des Hunding erfüllen. Er war mir schon als Gurnemanz am Teatro Massimo in Palermo 2020 aufgefallen und erst im Mai diesen Jahres als wirklich hervorragender Interpret dieser Rolle in der interessanten „Parsifal“-Produktion von Jetske Mijnssen beim Glyndebourne Festival. Reylea hat einen wohlklingenden, schön timbrierten Bass mit sehr guter Resonanz. Seine Stimme spricht bei perfekter Technik in allen Lagen, also auch der Höhe, sehr gut an. Schade, dass man ihn in unseren Breiten nicht so oft erleben kann. Er ist sicher auch ein hervorragender Lied- und Oratoriensänger.
Yannick Nézet-Séguin ging das Vorspiel sehr dynamisch an. Man konnte Siegmunds angsterfüllte Flucht durch den tiefen Wald regelrecht erahnen. Aber der Dirigent fand auch zu einer guten Feinzeichnung der subtileren Momente, etwa wenn es um die Annäherung der beiden Geschwister geht, oder bei dem fast arienartigen „Winterstürme wichen dem Wonnemond“. Es entstand eine spannende, ja zeitweise aufregende Interpretation des 1. Aufzugs der „Walküre“, zumal die drei Sänger in Mimik und Bewegung auch andeutungsweise miteinander agierten, insbesondere natürlich Sieglinde und Siegmund. Das Publikum war aus dem Häuschen und feierte die Akteure fast frenetisch, wobei bei dieser Musik natürlich auch immer der Komponist gefeiert wird…
Klaus Billand, 29. August 2025
Wagner-Matinee
Salzburger Festspiele
Besuchte Aufführung am 24. August 2025
Premiere am 23. August 2025
Musikalische Leitung: Yannick Nézet-Séguin
Wiener Philharmoniker