Hannover: „Anything Goes“, Cole Porter

Nimmt man den enthusiastischen, lange andauernden Beifall des Premierenpublikums im ausverkauften Haus zum Maßstab, ist der Staatsoper mit der Neuinszenierung von Cole Porters Anything Goes ein zündender Publikumsrenner gelungen. Derart flotte, wirbelige Tanzszenen, witzige, modernisierte Dialoge und zügige Übergänge, stets durch mitreißende Musik aus dem Graben unterstützt, erlebt man wirklich selten. Einzige kritische Anmerkung: Die Sprechtexte hätten eine deutliche Straffung vertragen.

© Bettina Stöß

Es geht um eine Reise von New York nach London auf einem Kreuzschiff mit dem Namen „MS America“, das in Hannover bereits  bessere Tage hinter sich hat – ein kleiner Hinweis auf den Zustand der aktuellen USA (Bühnenbild/Kostüme: Timo Dentler/Okarina Peter). Akteure der reichlich verworrenen Handlung sind zunächst Billy Crocker, der Assistent des Börsen-Millionärs Elisha Whitney. Billy liebt Hope Harcourt, die zur großen Freude ihrer verarmten Mutter Evangeline Harcourt mit dem reichen, spleenigen Engländer Lord Evelyn Oakleigh verlobt ist. Dann gibt es die Nachtclub-Tänzerin und Sängerin Reno Sweeney, die alle Männer aufmischt. Außerdem wird reichlich getanzt von vier Showgirls, einem Matrosenquartett und den anderen Mitreisenden, alle in farbenfroher, zeitloser Kleidung. Insgesamt war mit vielen tollen Ideen die lebendige, tänzerisch abwechslungsreiche Personenführung der Regisseurin Adriana Altaras und des Choreografen Bart De Clercq bewundernswert. Und immer blieb natürlich genug Raum für fantastische Tanzeinlagen der Matrosen und Showgirls bis zur rasanten Stepp-Einlage zum Ende des 1. Teils. Die musikalische Leitung der Premiere war beim Solorepetitor des Hauses Piotr Jaworsky in besten Händen, der die vorwiegend mit Bläsern und Schlagwerk besetzte Band des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover zu flotten Rhythmen antrieb und den ruhigeren Momenten angemessenen Raum gab.

© Bettina Stöß

Von den Interpreten ist zuerst Bettina Mönch als schillernde Nachtclubsängerin Reno mit satter Musicalstimme und akrobatischer Gelenkigkeit zu nennen, die zwar mit „Ich find mein Glück nur in Dir“ bei ihrem guten Freund Billy nicht landen kann, aber später ihre heimliche Liebe zum Adel entdeckt. Billy wird von Christof Messner differenziert in den unterschiedlichsten Verkleidungen dargestellt – köstlich das Matrosen-Outfit mit zu kurzen Hosenbeinen. Sein sehnsuchtsvolles Lied an die geliebte Hope „Dich zu lieben, wäre leicht“ und beider große Szene „So vergnüglich, so verlockend, so verlieblich“ kamen besonders gut an. Julia Sturzlbaum gab mit klarem Sopran das demütige Schwanken zwischen Pflicht und Neigung der Hope glaubwürdig wieder, u.a. mit dem besinnlichen „Vorbei, kleiner Traum, vorbei“. Ihren Verlobten spielte der Bariton Max Dollinger, neu im Opernensemble, mit all den aberwitzigen Spleens des Lords aus. Dann aber legte er nach einem „Weckruf“ durch Reno mit ihr in „Nichts auf der Welt löscht solche Leidenschaft aus“ wie entfesselt los, ein tänzerischer Glanzpunkt des Abends, der mit rassigem Tango begann und überging zu weiteren, mitreißenden südamerikanischen Rhythmen.

© Bettina Stöß

Den bewährten Stützen des Hauses Carmen Fuggiss und Frank Schneiders waren die komödiantischen Rollen der armen Witwe Harcourt (Hopes Mutter) und des stark kurzsichtigen Börsenmaklers Whitny (Billys Chef) anvertraut, die durch gute Gestaltung die Lacher immer auf ihrer Seite hatten. Dirk Schäfer gefiel als Ganove Moonface mit variantenreichem Spiel als Pater verkleidet und im komödiantischen Duett mit Reno „Wir sind vom gleichen Schlag“; besonders witzig seine mit Kastagnetten begleitete Carmen-Parodie. Seine Ganovenbraut Erma gab Amani Robinson, dieihr Motto („Ich bin mit Sex-Appeal gestraft“) sängerisch und tänzerisch voll ausspielte. Als Pfeife rauchender Kapitän mit norddeutschem Akzent ließ Yannick Spanier seinen kräftigen Bass hören; Juri Menke gab den umtriebigen Chefsteward. Renos quicklebendige Showgirls waren Faye Bollheimer, Fides Groot Landeweer, Joana Henrique-Jakobs und Janina Moser; mit dem Matrosenquartett Gregory Antemes, Nils Axelsson, James Cook und Johannes Summer bereicherten sie entscheidend die Tanzszenen. Mit den Chorsolisten Tadeusz Slowiak und Valentin Kostov waren die Kleinganoven Spit und Dippy treffend besetzt; das gilt auch für Ugur Okay als Pastor Henry T. Dobson und Marek Durka als Barkeeper Fred. Die übrigen Chormitglieder waren wie immer sorgfältig von Lorenzo Da Rio vorbereitet.

Am Schluss brach ein gewaltiger Begeisterungssturm des Publikums los, der alle Mitwirkende und das Regieteam belohnte.

Gerhard Eckels, 30. November 2025


Anything Goes
Cole Porter

Staatsoper Hannover

Premiere am 28. November 2025

Inszenierung: Adriana Altaras
Musikalische Leitung: Piotr Jaworsky  
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Weitere Vorstellungen: 5., 12., 18., 20., 26., 31. Dezember und öfter im Jahr 2026