Es hat lange gedauert, bis der deutsch-russische Pianist und Komponist André Parfenov sein erstes abendfüllendes Musiktheater aus der Taufe heben konnte. Dabei kann der 1972 im ehemaligen Königsberg geborene Sohn einer deutschen Mutter und eines russischen Vaters auf eine reiche und vielseitige Karriere zurückblicken. Dass sein Familien-Musical „Einhörner gibt es nicht“ an den Vereinigten Bühnen Krefeld und Mönchengladbach gezeigt wird, ist kein Zufall. Seit 1998 ist Parfenov an dem niederrheinischen Zwei-Städte-Institut als Solopianist für Ballett, Musiktheater, Schauspiel und Konzertwesen engagiert und hat unzählige Musik- und vor allem Ballettproduktionen am Klavier begleitet und als Komponist bereichert.

Ausgebildet u.a. am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium und an der Folkwang Akademie der Künste in Essen unterrichtet er zurzeit selbst an der Musikhochschule Leipzig, Eine Ausbildung, die ihm nicht nur ein solides handwerkliches Rüstzeug als Pianist und Komponist vermittelte, sondern auch seine kreative Experimentierfreude unterstützte. Stilistisch kann er für seine Bühnenmusiken alle kompositorischen Register ziehen. Davon profitiert auch sein Musical „Einhörner gibt es nicht“ auf der Grundlage einer märchenhaften Handlung von Susanne Seefing (unsere Kritik), in der sich ein verwöhnter Prinz zu seinem Geburtstag nichts anderes wünscht als ein Einhorn, das es aber im ganzen Königreich nicht gibt. Also macht er sich selbst auf die Suche und begegnet fantastischen Gestalten, die ihm zwar auch nicht zu einem Einhorn verhelfen können, sich aber als Freunde entpuppen, die entschlossen sind, die Königin von ihrem Vorhaben abzubringen, große Teile des Waldes abzuholzen, um ihr Schloss vergrößern zu können.
In der bunten Inszenierung von Ulrich Proschka gelingt es, ein aktuelles Thema zum Naturschutz mit unterhaltsamen und spannenden Märchenelementen zu verknüpfen. Zum vitalen Gesamteindruck trägt wesentlich die Musik Parfenovs bei, die auch Kindern ansprechen kann, sich aber nicht kindlich anbiedert. In zwölf Nummern entfaltet Parfenov eine breite Palette unterschiedlicher kompositorischer Techniken, die der Gesangs-Crew und dem 20-köpfigen Instrumentalensemble der Niederrheinischen Sinfoniker erhebliche Anforderungen abverlangt. Fein verästelte, fast fugenartig verdichtete kontrapunktische Strukturen bestimmen bereits die quicklebendige Ouvertüre. Arien im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, aber Songs, die je nach Stimmung koloraturenreiche Arabesken, Blues-artige Gefühlstiefe oder eine weit gespannte Legato-Kultur erfordern. Was die Interpretinnen und Interpreten unter der Leitung von Anton Brezinka mit dem virtuos am Klavier mitmischenden Komponisten mit viel Können und noch mehr Spiellaune glänzend erfüllen. Wobei ab und zu auch die jungen Besucherinnen und Besucher zum Mitsingen aufgefordert sind. Eine handwerklich vorzüglich gearbeitete, brillant arrangierte Partitur im Fadenkreuz von Klassik, Pop und Jazz, die Parfenovs kreatives Talent aufs Neue bestätigt.
Was er bisher nicht nur durch seine Arbeit an den Vereinigten Bühnen belegte, sondern auch in der ihm nahestehenden Stadt Aachen, deren Generalmusikdirektor Christopher Ward von der Vielseitigkeit Parfenovs so begeistert ist, dass er ihn mit der Vervollständigung eines Walzers betraute, den Peter Tschaikowsky während seines Aufenthalts in Aachen im Jahre 1887 fragmentarisch hinterlassen hat und seitdem als „Aachener Walzer“ einen festen Platz im Musikleben der Kaiserstadt hat. Der Erfolg des kurzen Stücks bewog Ward dann auch noch, eine CD mit größeren Eigenkompositionen Parfenovs einzuspielen. Und zwar zusammen mit dem Aachener Sinfonieorchester erschienen dessen Violinkonzert, die Malewitsch-Suite und zwei Tangos.
Was Neuarrangements, Paraphrasen und Variationen von Stücken anderer Komponisten angeht, hat Parfenov auf mehreren Recitals zusammen mit der Geigerin Iuliana Münch vieles von Bach bis Liszt und dem Bandoneon-Spezialisten Omar Massa in ein neues, eigenwilliges Licht gerückt.
Pedro Obiera 3. Januar 2026