Linz: „Turandot“, Giacomo Puccini

Die Oper wurde erstmals in Linz am 23.Dezember 1949 aufgeführt. Die heutige Premiere ist deren vierte Inszenierung in der oberösterreischichen Landeshauptstadt, diesmal mit dem 2002 uraufgeführten Finale von Luciano Berio, welche mehr Themen Puccinis verwendet als das altbekannte von Franco Alfano. 1960 gab es hier auch ein Ballett dieses Stoffes, Komponist Gottfried von Einem.

Die Bühne (Paul Zoller) ist abstrakt, einfach, schafft aber eine zu dem düsteren (Nacht)Stück genau passende und nebenbei stimmenfreundlich konstruierte Welt. Eine Vollmondscheibe dominiert, die am Ende des ersten Akts auch zum riesigen Gong wird. Schon vor dem persönlichen Auftritt der Eisgegürteten wirft ihr roter Mantel Schatten voraus. Allenfalls irritierend, daß einige Auftritte über aus dem Boden ragende Leitern erfolgen, was lediglich im Falle der Hinrichtung des persischen Prinzen einleuchtet. Mechthild Feuersteins Kostüme sind großteils (Chor/Volk) einfach, zeitlich nicht festgelegt und enthalten hinlänglich „chinesische“ Stilelemente, um die Örtlichkeit zu signalisieren, ohne dabei in Klischees zu verfallen. Nur die Prinzessin ragt in Schmuck und Kleidung heraus; der Kaiser ist in schwarze Seide gehüllt, der Mandarin wiederum bescheidener. Ping, Pang und Pong heben sich vom Volk nur durch einen nach nordchinesischen/mongolischen Vorbildern gefertigten Schurz ab.

Diese relativ einfache Szenerie bietet der Regie von Jasmina Hadžiahmetović viele Möglichkeiten einer dramatischen Personenführung, die sie auch eindrücklich nutzt. So erscheint die Darstellung dieses an sich doch monumentalen Werkes für die drei Flüchtigen und die drei Minister durchaus kammerspielhaft; aber auch die sozusagen protokollarisch zur Statik verurteilten Figuren von Turandot und Altoum dürfen hier manchmal, in besonders emotionellen Momenten, ihre Schauspielkünste auspacken. Dramaturgie: Christoph Blitt.

© Reinhard Winkler

Der Chor bleibt im Bühnengeschehen großteils im Hintergrund, etwa im Sinne des altgriechischen Theaters – dafür ist er akustisch umso eindrücklicher.

Elena Batoukova-Kerl, die schon mehrmals in Linz in italienischen dramatischen Rollen gastiert hat, ist eine mit beeindruckenden stimmlichen Reserven ausgestattete Prinzessin Turandot. Sie läßt sich auch nicht durchs volle Orchester-Fortissimo ins Forcieren treiben, vielmehr kommt sie auch in solchen Momenten klar und rein „drüber“. Die lyrischeren Passagen werden von ihr emotionell sorgfältig modelliert. Christian Drescher ist ein sauberer, klarer und präziser Kaiser Altoum, der uns auch mit für seine tessitura beeindruckend vollen tieferen Tönen überrascht. Er vermittelt Würde, läßt aber, der Rolle angemessen dosiert, auch Empathie spüren.

Timur wird von Dominik Nekel mit seinem edlen Baß und großem mimischen Vermögen gestaltet. Als Calaf hören – und genießen! – wir erneut (nach seinem Pinkerton 2025) den Gast Carlos Cardoso, übrigens ein Schüler von Frau Batoukova-Kerl. Auch er verfügt über eine kraftvolle Stimme, die aber genauso kontrolliert-sanft lyrisch eingesetzt werden kann. Besonders eindrucksvoll das „Nessun dorma“, das schon längst dem „La donna è mobile“ den Rang des größten Tenorschlagers abgelaufen hat. Hier gestalten es Dirigent und Solist nicht als Bravourstück, sondern als überwiegend leise Beschreibung und Überlegung zur Situation, beachten also die innere Logik. Aufgetrumpft wird erst bei „vincerò“, aber dann gründlich, mit ebenso viel Druck wie gepflegtem Ansatz!

Leise Töne sind natürlich auch eine Hauptanforderung an die Rolle der Liù, und Erica Eloff gestaltet auch diese Rolle, wie schon so viele aus unterschiedlichsten Fächern ihrer Stimmlage, technisch wie emotionell restlos überzeugend – beeindruckend, wie samtig-flüssig auch leise Stellen von ihr gestaltet werden können, ohne Abstriche fantastisch aber auch die emotionellen Ausbrüche.

Ping, Pang und Pong sind nicht als Großkanzler, Großmarschall und oberster Küchenmeister gezeichnet, sondern, siehe deren erwähnte Kostümierung, als eher volksnahe, harlekinartige und damit satiregeneigte (bisweilen recht schwarzhumorige) Typen. Sie sind somit klar der Tradition der Commedia dell’arte und damit Goldonis verhaftet. Alexander YorkJonathan Hartzendorf und Victor Campos Leal lassen sie mit hohem körperlichem Einsatz bei großartigen Stimmen über die Bühne wirbeln. Der Mandarin gehört wieder zu den gemesseneren, würdigeren Gestalten, vom gepflegten Bariton Gregorio Changhyun Yuns getragen. Der Prinz von Persien wird von Patrick Meixner dargestellt und von Victor Campos Leal sängerisch gedoubelt.

Das Bruckner Orchester spielt in höchster Präzision und Musikalität unter der Leitung des regelmäßigen Gastes Enrico Calesso. Der in Würzburg wie Triest beruflich Beheimatete läßt mit gewaltigem Dynamikumfang musizieren, ohne Abstriche an Genauigkeit und Transparenz. Die überwältigende Komposition, in der Luciano Berio nur behutsam Spuren hinterlassen hat, kommt so mit aller Pracht und Emotion zu Geltung, wobei: alle Sängerinnen und Sänger befleißigen sich einer deutlichen, verfärbungsfreien Diktion, und niemand muß (hörbar) an seine Grenzen gehen.

Chor, Extrachor und Kinderchor des Landestheaters (Einstudierung Elena Pierini) gehen bei der großen Dynamik eindrucksvoll mit, ohne ins Schreien zu geraten.

Schon zweimal begeisterter Aktapplaus, dann Jubel und langanhaltender Beifall zum Schluß, und beste Stimmung auch bei der langen Premierenfeier… eine Werbung für die große italienische Oper!

Petra und Helmut Huber, 18. Januar 2026

Besonderer Dank an unsere Freunde und Kooperationspartner vom MERKER-online (Wien)


Turandot
Giacomo Puccini

Landestheater Linz

17. Januar 2026

Regie: Jasmina Hadžiahmetović 
Dirigat: Enrico Calesso
Bruckner Orchester