Die Oper The Loser for solo baritone voice nach Thomas Bernhards Roman Der Untergeher des vielfach ausgezeichneten amerikanischen Komponisten David Lang, hat am 5. Januar im Freiburger Theater ihre europäische Premiere erlebt. Sie ist schon im September 2016 im Howard Gilman Opera House der Brooklyn Academy of Music (BAM), New York, uraufgeführt worden und fand erst jetzt, 10 Jahre später, ihren Weg an eine deutsche Bühne. Dem Generalmusikdirektor André de Ridder ist es gelungen, diesem Werk im hohen, puristisch schmucklosen Winterer Foyer des Theaters Freiburg mit seiner umlaufenden Empore eine Plattform zu bieten. Das Monodrama gehört jetzt mithin zu den Beiträgen, mit denen Bernhards streitbare Romane für das Musiktheater neu entdeckt zu werden scheinen. So sorgt etwa die Adaption des Romans Holzfällen aus Bernhards „Trilogie der Künste“ Der Untergeher, Holzfällen und Alte Meister durch Nicholas Ofczarek und seine 10köpfige Musikbanda „Franui“, seit 2024in vielen Opernhäusern für Furore.Der hiesige Premierenabend, der sich auch als Beitrag zum 95. Geburtstag des 1989 verstorbenen Thomas Bernhard verstehen lässt, geriet also in mehrfacher Hinsicht zu einem denkwürdigen und sehr besonderen Ereignis.

Der Uraufführung des Losers mit dem Bariton Rod Gilfry in der Rolle des „Ich-Erzählers“, ist 2016 große Beachtung geschenkt worden, auch durch die ausführliche Besprechung der Schriftstellerin Francine Prose, die am 14. September 2016 im New York Review Book erschien. Sie hatte sich auf Langs gewagte Adaption eingelassen und schildert die „brillante“ Partitur und die Performance des Solisten, der begleitet wurde von fünf Musikern des von David Lang mitgegründeten Bang on a Can Opera-Orchestras. Die Interpretation und Regie hatte der Komponist selbst übernommen. Die „ungewöhnliche Inszenierung“ des „einstündigen Monologs“ des „Ich-Erzählers“ beschreibt Prose als buchstäblichen Balanceakt. Lang habe den Sänger auf einer kleinen, schmalen schwarzen Plattform am oberen Ende einer langen schwarzen Treppe, etwa sechs Meter über dem Boden des Hauptsaals postiert. Den Blicken des Publikums war er zwar nahe, aber seine kleine Plattform habe seine fragile Einsamkeit in bedrängender Weise verstärkt. Als Kennerin des Bernhardschen Œeuvres ging Prose auch den Details der Textkollage Langs nach und bedauerte, dass die zu Bernhards Stilmitteln gehörenden parodistisch satirischen Übertreibungen, die heftigen Schimpfkanonaden und Politanspielungen der Konzentration des Librettos auf 8 Szenen mehr oder weniger zum Opfer gefallen sind. Auch die Seitenhiebe etwa auf das Salzburger „Mozarteum“ als der „denkbar schlechtesten Musikhochschule“ in „dieser geist- und kunstfeindlichen Stadt“ mit ihren „stumpfsinnigen Bewohnern“ blieben unberücksichtigt, die nach dem Erscheinen des Romans für viel Unmut gesorgt hatten. Zur Werkidee und seiner formalen Gestaltung hatte David Lang, wie er in einem Interview sagt, nach der Lektüre der englischen Übersetzung des Romans von Jack Dawson gefunden, die 1991 erschienen war. Tief beeindruckt von Bernhards monologischer Sezierung der inneren Nöte der drei Pianistenfreunde, des Ich-Erzählers, Wertheimer und Glenn Gould, las er den Text nicht als Teil einer kunsttheoretischen „Trilogie“ oder Genieparodie. Vielmehr fand er im Roman das ihm sehr vertraute Psychogramm des in seiner jeweiligen Begabung gefangenen und gefährdeten Künstlers. Diese eigene Betroffenheit habe ihn bewogen, Bernhards nahezu ohne gliedernde Absätze niedergeschriebenen, vom „Ich-Erzähler“ vorgetragenen Monolog zu einem Künstlerdrama in acht Szenen zu komprimieren. Bernhards Roman war 1983 erschienen, und der Gegenstand ist die fiktive Geschichte der drei genannten Pianisten, die sich mit der Tatsache konfrontiert sehen, in ihrem Kommilitonen Glenn Gould den „wichtigsten Klaviervirtuosen des Jahrhunderts“ in ihrer Mitte zu haben, an dem sie angesichts ihrer Mittelmäßigkeit scheitern werden. Bernhard bettet die Geschicke der drei Freunde in eine in die 1950er Jahre zurückreichende Geschichte, die er an der ihm vertrauten Musikhochschule „Mozarteum“ in Salzburg beginnen läßt. Dort haben sich die drei Klavierstudenten kennengelernt, und entwickelt wird ein radikaler Diskurs über „Kunstbesessenheit“, Genie und Mediokrität. Anders als viele Interpreten, die den Roman, wie angedeutet, als Teil von Bernhards „Trilogie der Künste“ und ironisch gebrochene Demontage der Virtuosenhybris sehen, präparierte Lang aus der Textvorlage jene Passagen heraus, die den Fortgang der Katastrophe der „klavierradikalen“ Künstler beschreiben. Aus Angst vor der Mittelmäßigkeit wird jeder auf seine Weise scheitern. Namentlich nach Goulds Vortrag der Bach‘schen Goldberg Variationen bei den Salzburger Festspielen (1959), die sich wie ein Leitmotiv durch den Roman ziehen, kapitulieren die Freunde: der jüdische Pianist Wertheimer, von Gould mit „Untergeher“ tituliert, nimmt sich das Leben, der „Ich-Erzähler“, im Roman auch „der Philosoph“, der vom Tod des Freundes in Madrid erfährt, gibt das Klavierspiel auf. Den 1982 gestorbenen Glenn Gould lässt Bernhard an seiner geniehaften Begabung sterben, die in seiner Interpretation der Goldberg Variationen evident geworden sei.

In diesem Roman sah Lang auf den Punkt gebracht, was den Künstler ein Leben lang begleitet; ein Verdikt, das er in der (fiktiven) Dialogpassage in der 3. Szene kulminieren läßt: „Mein lieber Untergeher, hatte Glenn Wertheimer begrüßt […] so waren wir ganz naturgemäß für ihn der Untergeher und der Philosoph.“ Gefolgt vom Gegenbild, das die 4. Szene eröffnet: „Glenn ist der Triumphator, wir sind die Gescheiterten“. Beide Passagen exponiert Lang als die für ihn zentralen Aussagen des Romans solistisch: In der 3. Szene nach einer langen Pause mit der Vortragsbezeichnung „taunting“ (= verspottend) über 3 Takte gedehnt, in hoher Baritonlage bis zum f 1: „My – – – dear – – -loser“, und als Eröffnung der 4. Szene über 8 Takte. An diesen signifikanten Stellen schweigen die 5 Instrumente. Den Sprechgesang begleiten sie sonst nahezu durchgehend spätminimalistisch mal monoton pochend, abwechselnd binär und ternär rhythmisiert, in der fünften Szene fast lyrisch von der Solo-Bratsche Adrienne Hochman kontrapunktiert und ab der sechsten Szene in Anspielung auf Glenn Gould, von Klavierklängen vonAndrea Mele überlagert. In dem in Nordirland gebürtigen Bariton Timothy Connor hat das Werk bei der Freiburger Aufführung einen in jeder Hinsicht überzeugenden Interpreten des „Ich-Erzählers“ gefunden. Seit dieser Spielzeit ist Connor Ensemblemitglied des Freiburger Theaters und im Opernfreund bereits als Idealbesetzung der Rolle des Oppenheimers in John Adams Doctor Atomic gefeiert worden. Ihm gelang es, einen konzentrierten Spannungsbogen über die freitonal notierten Deklamationen zu halten, deren präzise vorgegebenen dynamischen Nuancen mit dem rhythmisch konträren Instrumentalsatz der 5 Musiker koordiniert werden mußte. Bis hin zu der Anweisung, wann der Dirigent (André de Ridder) für die Koordination zu sorgen hat, und wann er die Spieler sich selbst überlässt, wann das Klavier als „Fernklang“ einsetzt, ist nichts dem Zufall überlassen. Connor vermochte es, den deklamatorischen Fluß so auszuloten, dass die Abgründe des Scheiterns von Szene zu Szene greifbarer wurden. De Ridder hatte das Setting in dem etwa 120 Zuhörer fassenden Foyersaal so eingerichtet, dass die Musiker (Schlagzeug: Marimbaphon, Trommel und Glockenspiel, Viola, Cello, Kontrabaß und Klavier), am Rand platziert werden konnten und für den „Ich-Erzähler“ unter Einbeziehung der Empore

von Szene zu Szene eine neue Erzählposition gefunden werden konnte. Zuletzt sitzt der Erzähler in der Saalmitte, vor ihm der schwarz verdeckte Konzertflügel. Die Zuhörer im Saal und auf der Empore konnten den Szenen nahezu aus der gleichen Perspektive folgen, wie sie wohl das Uraufführungspublikum erlebt hat, auch wenn der „Ich-Erzähler“ hier seine Position wechselt, zur Partitur greift und seine Erzählung an einem Tisch fortsetzt. Durch das ausliegende Libretto nach dem originalen Bernhardtext, für das die Dramaturgin Caroline Scheidegger gesorgt hat, war es möglich die Textkollage mitzulesen, wiewohl der glasklaren Deklamation Timothy Connorsgut zu folgen war.
Langs Adaption, die mit Bernhards Motto beginnt, das dem Text vorangestellt ist: „Lange vorausberechneter Selbstmord, dachte ich, kein spontaner Akt von Verzweiflung“, führt geradlinig in die Ausweglosigkeit. Am Ende bleibt der „Ich-Erzähler“ im verwaisten Zimmer des Jagdhauses seines Freundes Wertheimer allein. In der Freiburger Inszenierung entledigt sich Connor symbolhaft von Station zu Station seines Mantels, seiner Schuhe und steht zuletzt betroffen mit offenem weißem Hemd und lauscht den fernen, flüchtigen Klavierklängen nach. Den Klavierpart hing Lang als 11seitiges, Glenn Gould gewidmetes Werk an seine Partitur an. Ab der 6. Szene, die der „Ich-Erzähler“ mit dem Satz beginnt: „Ich bin der Übriggebliebene! Jetzt bin ich allein, dachte ich“, soll das Klavier in polyrhythmischer Gegenläufigkeit (¾ gegen ¾) und unabhängig vom begleitenden Quartett erklingen. Die Spielanweisung zielt auf Goulds Gewohnheit, die Melodiebögen seiner Bach-Interpretationen mitzusingen: „leicht, seltsam fließend und herzzerreißend einfach, als würdest du vor dich hin singen“ („light, oddly flowing and heartbreakingly simple as if you are singing to yourself“). Die Oper endet mit den gläsernen Klavierklängen, und es dauerte eine Weile, bis die Zuhörer aus ihrer Betroffenheit fanden und ihrer Begeisterung für die Ausführenden Ausdruck verliehen. Ein eindrucksvoller Abend und ein neuer Interpretationszugang zum Werk Thomas Bernhards.
Gabriele Busch-Salmen 21. Januar 2026
The Loser
David Lang
Freiburg
Premiere: 5. Januar 2026
Szenische Einrichtung: André de Ridder
Musikalische Leitung: André de Ridder, GMD
Ensemble des Philharmonischen Orchesters Freiburg