Drahtseilakt zwischen Banalität und (vorgetäuschtem?)Tiefsinn
Treffen Siegmund Freuds Es, Klimts Frau Adele Bloch-Bauer und Schnitzlers Herr Dorsday, der das Fräulein Else zum Sichentblättern zwang, aufeinander, natürlich in einer gifttriefenden und gewaltschwangeren Zeit wie der Renaissance, dazu noch im neblig-geheimnisvollen Venedig und ausgerechnet im zügellosen Karneval, dann befindet man sich gemeinsam mit seiner Opernheldin Violanta natürlich in der Welt eines siebzehnjährigen Fast-noch-Knaben, der Erich Wolfgang Korngold war, als er nach dem heiteren Ring des Polykrates 1916 seine tragische Oper zur Uraufführung brachte. Auffallend gut fand er sich mit den Tendenzen der Zeit zurecht, trafen nicht nur das Libretto, sondern auch die Musik den Zeitgeist. Bereits der Zehnjährige hatte allerdings mit der Musik für das Ballett Der Schneemann sogar an der Hofoper in Wien Erfolg, Puccini hielt ihn für „die größte Hoffnung der modernen deutschen Musik“, der ebenfalls entzückte Mahler empfahl ihm Zemlinsky als Lehrer, und Bruno Walter leitete die Uraufführung in München. Wie weit der Vater des jungen Korngold, der als Nachfolger von Hanslick noch strengere Maßstäbe als dieser in der Beurteilung von Komponisten anlegte, die Komposition seines Sohnes beeinflusste, kann man nicht einmal vermuten, zweifellos aber bestachen damals und erfreuen noch heute die Kühnheit der Harmonien, die bei aller Anlehnung an Strauss und andere Zeitgenossen unbestreitbare Originalität und das, was ein Kritiker als forza emotiva bezeichnete, besitzen.

Violanta, eine venezianische Adlige, will den Selbstmord ihrer Schwester rächen, die, obwohl Novizin, von Alfonso, dem illegitimen Sohn des Königs von Neapel, verführt, verlassen und dadurch in den Selbstmord getrieben wurde. Sie fordert ihren Ehemann, dem sie sich verweigert, solange die Tat nicht ausgeführt wurde, zum Mord an dem Verführer auf. Diesen hat sie in ihren Palast gelockt, verfällt dem sich als unglücklich getrieben Bekennenden aber sofort, und als der Gatte ihren Befehl ausführen will, wirft sie sich zwischen ihn und das vorgesehene Opfer. Das Libretto allerdings stammt nicht von Gabriele d’Annunzio, sondern von einem Hans Müller. Der zeigt sich mit dem Handlungsort wenig vertraut, wenn bei ihm gleich zu Beginn „der Schlag der Ruder ertönt“, obwohl eine Gondel geräuschlos durch den Canale della Giudecca gleiten würde.
Regisseur David Hermann sieht in dem Drama den Ausbruchsversuch aus einer als Fessel erlebten Ehe. „Deswegen war es uns wichtig, die Schlussfrage noch einmal zu beleuchten“, „wir haben eine andere Antwort als Korngold“, meint er in einemVorabinterview in einer Berliner Tageszeitung. Diese will er auch in dessen Musik vernommen haben. Während es also im Libretto am Schluss heißt: „In magischem Licht rot auffunkelnden Saal fallen Blumen über Blumen“ und Violantas letzte Worte sind: „Höchstes Heil mir entboten, frei bin ich, frei von Schuld und Lust“, und sie der Tod ereilt, bleibt es in der Produktion der Deutschen Oper offen, welche Durchschlagkraft die Kugel aus dem Pistole des Gatten hat. Viele Rätsel gibt die Regie dem Zuschauer zu lösen auf, seien es die Frauengestalten in den zu durchquerenden Räumen, die letzte sogar mit sechs Brüsten, seien es die wie aus einem Zwanzigerjahreballett entsprungenen Tänzer zu Beginn oder die mit Spinnenfingern und dicken Hüften geschlagenen Mädchen im letzten der zu durchquerenden Räume. Auf jeden Fall gerechtfertigt sein kann ein gnädigeres Ende durch der Heldin geäußertes Bekenntnis: „Nie hab ich Arme mir selbst gelebt!“ Doch selbst wenn sie an Desdemona zu erinnern versucht, erlangt sie kaum die Anteilnahme der Zuschauer.

Die eigentliche Sensation des Abends ist die von Jo Schramm gestaltete Bühne, zunächst eine leicht schräg in den Raum gestellte Platte, über welcher der Ring des Saturn zu schweben scheint, später mit vielen Verwandlungen, Hebungen und Senkungen neue Schauplätze offenbarend, ehe sich immer neue kleine Kammern öffnen, in denen Violanta weiblichen Figuren begegnet, die sich synchron mit dem sie begleitenden Alfonso bewegen. Schönheit, die doch so wortreich beschworen wird, ist in alledem kaum auszumachen, schon gar nicht in der Person des als ach so verführerisch beschworenen Alfonso, der kahlköpfig, bebrillt und im grauen Anzug, dazu in unliebenswürdiger Starrheit, den Text Lügen straft, obwohl er doch laut Libretto ein ansehnlicher Mann ist. Ansonsten schwanken die Kostüme von Sybille Wallum, sämtlich in hellerem oder dunklerem Lila bis Mauve gehalten, zeitlos daher, keinesfalls aber Renaissance-Ursprung verratend.

Dem Einakter vorangestellt sind zwei Orchesterstücke: In die Handlungszeit passend John Dowlands „A Fancy“ P5 und der Entstehungszeit in etwa angehörend das Präludium aus Alban Bergs Drei Orchesterstücke opus 6. Beides passt sicherlich zur Einstimmung auf Violanta und das besser als Der Ring des Polykrates. Aus dem Orchestergraben klingt es nach Über-Strauss und Über-Wagner und dazu viel üppiger Lust am kostbaren Klang, nach rauschhafter Sehnsucht und sich sehnendem Rausch. Das Orchester unter Sir Donald Runnicles kostet beides aus, klingt so kostbar, aber auch so dominant, dass die Sängerstimmen ihm nicht durchweg die Stirn bieten können. Besonders schwach klingt der Matteo von Andrei Danilov, fein und zart der Sopran von Lilit Davtyan, die die Bise singt, vollmundig der Mezzo von Stephanie Wake-Edwards für die Amme und sonor der Giovanni Braca von Kangyoon Shine Lee. Ob sich die Schöpfer der Oper den unglücklichen Gatten Simone so vorgerückt in den Jahren vorgestellt haben, wie ihn Olafur Sigurdarson darstellt, sei dahin gestellt, vokal behauptet er sich mit einem zwar nicht edlen, aber durchschlagskräftigen, knorrigen Bariton. Manchmal blüht der Sopran von Laura Wilde als Violanta in der Höhe schön auf, aber auch ertrotzte Passagen und einzelne scharfe Töne muss man beim Bewältigen der höchst anspruchsvollen Partie konstatieren.

Das Publikum zeigte sich von allen Leistungen begeistert und spendete reichlichen und von keiner Missfallenskundgebung getrübten Beifall für alle. Für den Generalmusikdirektor war dies seine letzte Premiere im Haus, in der Philharmonie allerdings kann man ihn mit den Gurre-Liedern und seinem Orchester noch im Februar erleben.
Es gibt bereits sowohl eine Video- wie eine Tonaufnahme, die beide zu empfehlen sind, ehe, so ist es zu hoffen, die Produktion der Deutschen Oper zugänglich sein wird: Marek Janowski hat eine Tonaufnahme mit dem jungen Siegfried Jerusalem und der ebenfalls frühen Eva Marton, dazu Walter Berry, Horst Laubenthal und Ruth Hesse eingespielt. Dynamic hat ein Video aus Turin in der Regie von Pier Luigi Pizzi mit Pinkus Steinberg am Dirigentenpult auf den Markt gebracht.
Ingrid Wanja, 25. Januar 2026
Violanta
Erich Wolfgang Korngold
Deutsche Oper Berlin
Premiere am 25. Januar 2026
Regie: David Hermann
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Orchester der Deutschen Oper Berlin