Gelsenkirchen: „Francesca da Rimini / Gianni Schicchi“, Sergej Rachmaninov / Giacomo Puccini

Lieber Opernfreund-Freund,

eine echte Rarität ist seit gestern am Musiktheater im Revier zu erleben: Sergej Rachmaninovs Francesca da Rimini. Die Kurzoper paart man mit Puccinis Gianni Schicchi – weil beide Stoffe Dantes göttlicher Komödie entstammen und Italiens Nationaldichter die beiden namensgebenden Protagonisten am Ende in die Hölle schickt. Das bedient Manuel Schmitt bei seiner Deutung zwar nicht wirklich, doch gelingen dem jungen Regisseur vor allem in der ersten Hälfte des Abends eindrucksvolle Bilder.

© Pedro Malinowski

Sergej Rachmaniv, selbst Klaviervirtuose, ist weltweit ja eigentlich für seine Kompositionen für das eigene Instrument bekannt, hat darüber hinaus aber neben ein wenig Kammermusik, umfangreiche Liedkompositionen und drei Sinfonien unter anderem dreieinhalb Opern hinterlassen, die man selbst in seinem Heimatland kaum je auf den Bühnen erlebt. Dabei ist seine Francesca di Rimini ein echter Geheimtipp, bei der er auf der einen Seite – wie bei seinen Klavierkonzerten – auf klanglichen Bombast setzt, auf der anderen Seite aber Passagen von origineller Harmonik mit fast hypnotischer Wirkung einstreut. Dante und Vergil steigen in dieser Oper in die Hölle hinab und begegnen dort Francesca da Rimini, deren Schicksal in Form einer Rückblende erzählt wird: Auch weil sein bildhübscher Bruder Paolo als Stellvertreter vor dem Altar stand und Francesca glaubte, diesen zu heiraten, kann sie ihren verkrüppelten Mann Lanciotto Malatesta nicht lieben. Der vermutet Ehebruch und stellt die beiden auf die Probe, indem er seine Abwesenheit vortäuscht; die beiden lesen zusammen romantische Romane und erliegen dabei am Ende ihren eigenen Gefühlen. Malatesta stürmt darauf unvermittelt ins Zimmer und ersticht seine Frau. Puccinis Gianni Schicchi hingegen ist bekannter: 1918 als komischer Teil des Trittico uraufgeführt, erzählt die Oper vom gleichnamigen Gauner, der engagiert wird, ein Testament anstelle des Verstobene Buoso aufzusetzen, das Nichten und Neffen statt der Kirche begünstigt. Erst einmal in die Rolle geschlüpft, vermacht er den Großteil sich selbst und die durchtriebene Verwandtschaft muss dabei tatenlos zusehen.

© Pedro Malinowski

Die Hölle entsteht – so singen es die beiden Liebenden Francesca da Rimini und Paolo – wenn man sich im Moment des größten Unglücks an vergangenes Glück erinnert. Manuel Schmitt versteht die Hölle als Ort, an denen von ihren Partnern gequälte und getötete Frauen wieder und wieder die Peinigungen ihrer Männer durchleben müssen. Auch sie bleiben oft in ihren Beziehungen, weil sie sich an frühere und bessere Tage erinnern und finden, wie Francesca, keinen Ausweg, sich dem brutalen Partner zu entziehen – nicht selten, bis es zum Schlimmsten kommt. Für diesen Ansatz findet Schmitt brutale, eindringliche Bilder, die er vor einer kalten gekachelten Wand verortet, vor der ein recht schmaler Streifen zum Agieren bleibt (Bühne: Julia K. Berndt). Er inszeniert Malatesta nicht als körperlichen, sondern nur als seelischen Krüppel und verzichtet auch darauf, den Chor zu zeigen. Dadurch wird der mit seiner umfangreichen, mystisch-gespenstischen bis hymnisch-aufflammenden Partie für mich unter der Leitung von Alexander Eberle nicht nur zum heimlichen, sondern auch zum verheimlichten Star der ersten Hälfte des Abends. Manuel Schmitt legt die Geschichte eher kammerspielartig an und schafft hier zugleich Intimität und Distanz zwischen den Protagonisten. Susanne Serfling, die sicher auch für den unglaublichen Erfolg von Schmitts Salome am gleichen Haus mit verantwortlich war, darf unter seiner Regie nun als Francesca glänzen, zeigt sämtliche Farben ihres frischen Soprans und begeistert mich erneut mit ihrem intensiven Spiel. Simon Stricker bringt als Malatesta eine gehörige Portion stimmlicher Power mit und gibt dabei dem Bösewicht durch zarte Zwischentöne doch etwas Bedauernswertes. Nenad Čiča ist stimmlich das Gegenteil: mit seinem weichen Tenor gibt er überzeugend den Liebhaber, der am Ende seine Begierde nicht mehr zurückhalten kann. Das überzeugende Spiel aller Akteure sorgt zusammen mit Rachmaninovs fantastischer, fast filmmusikartig aufgebauter Partitur dafür, dass das Publikum nach rund einer Stunde gebannt im Sessel sitzt.

© Pedro Malinowski

Nach der Pause geht es beschwingt weiter, doch was sich im ersten Teil noch als sinnhaft erwiesen hat, gerät nun zum Hemmschuh. Der eng bespielbare Streifen vor der Kachelwand ist nun zudem mit Büroschränken und -utensilien vollgestellt – und das gibt den Akteuren noch weniger Handlungsspielraum. Vielleicht auch deshalb wirkt die Inszenierung der Komödie an vielen Stellen überdreht, die Personenführung ist teilweise chaotisch oder scheint zumindest sehr improvisiert. So passiert oft viel zu viel gleichzeitig, manche Einfälle sind sehr gelungen, andere recht klamaukig, so dass Gianni Schicchi seinen feinen Witz einfach nicht entfalten mag. Da hätte ein bisschen weniger Tohuwabohu geholfen.

© Pedro Malinowski

Das ist vor allem deshalb schade, weil Benedict Nelson in der Titelrolle stimmlich wie darstellerisch alles mitbringt, um die Komödie pointiert zu erzählen: stimmliche Präsenz mit eindrucksvollem Bariton, hohe Bühnenwirkung, hinreißende Mimik und den Mut zur Selbstironie. Als Bühnentochter Lauretta überzeugt Heejim Kim nicht nur mit dem seelenvoll gesungenen O mio babbino caro und Khanyso Gwenxane darf seinen strahlenden Tenorhöhen weit mehr zeigen als noch als Dante während der ersten Hälfte des Abends. Philipp Kranjic stand da noch als Vergil auf der Bühne und gibt nun den Simone mit einem guten Gespür für komödiantisches Timing. Almuth Herbst glänzt als Zita mit starker Bühnenpräsenz und auch der Rest des Ensembles ist mit großer Spielfreude dabei. So gelingt dem Ensemble der Schwenk von der Tragödie zur Komödie weit besser als der Inszenierung – hier darf auch die Kostümabteilung unter der Leitung von Carola Volles mit detailverliebter Ausstattung weiter mehr zeigen als in Francesca da Rimini mit ein paar Herrenhemden und eleganter Gesellschaftskleidung.

© Pedro Malinowski

Auch Giuliano Betta ist in beiden Genres zuhause und sitzt als Dirigent beim klanglich fulminanten Rachmaninov mit seiner vielschichtigen Musiksprache ebenso fest im Sattel wie beim quirlig-spritzigen Puccini, dem er viel musikalischen Witz entlockt. Das Publikum ist von Gianni Schicchi deutlich begeisterter als ich, unser gemeinsamer tosender Beifall lodert dann im ausverkauften Opernhaus auf, als sich die Protagonisten des ersten Teils noch einmal zeigen. Mein Fazit trotz einiger Abstriche bei der Umsetzung der Komödie: Dieser Abend schon allein wegen der Rachmaninov-Rarität, aber auch wegen Manuel Schmitts Talent für vielschichtige Dramen eindeutig eine Empfehlung.

Ihr
Jochen Rüth

1. Februar 2026


Francesca da Rimini
Oper von Sergej Rachmaninov

Gianni Schicchi
Oper von Giacomo Puccini

Musiktheater im Revier

Premiere: 31. Januar 2026

Regie: Manuel Schmitt
Musikalische Leitung: Giuliano Betta
Neue Philharmonie Westfalen

weitere Vorstellungen: 8. und 27. Februar, 8., 14. und 27. März sowie 2., 12. und 25. April 2026