Dank des Filmes von Tim Burton hat Sweeney Todd von Stephen Sondheim nochmal einen besonderen Erfolgsschub erlebt. An den deutschen Theatern wird das Stück mal mit Opernsängern, mal mit Musicaldarstellern besetzt. In Mönchengladbach, wo die Inszenierung von Roland Hüve im Juni 2025 Premiere hatte, steht zwar „Musical-Thriller“ auf dem Theaterzettel, auf der Bühne erlebt man aber viele Solisten des Opernensembles. Nun wechselte die Inszenierung auch ins Theater Krefeld.

Bei Sweeney Todd ist von den Akteuren aber kein Belcanto mit großem Stimmvolumen gefordert, sondern eine flinke Artikulation, denn Sondheim komponiert seine eigenen Texte oft in schnellen Rhythmen. Wenn dann zu viel gesungen wird, geht das zu Lasten der Verständlichkeit. Dieses Problem hat auch Johannes Schwärsky in der Titelrolle. In den großen Opernpartien in Nabucco, Rigoletto oder Der fliegende Holländer ist er ein Erfolgsgarant und beeindruckt mit seinem großen Bariton. Den versucht er auch als Sweeney Todd zum Klingen zu bringen. Die Folge ist aber oft ein unverständliches Konsonantenfeuerwerk. Wesentlich besser gelingen ihm die Songs, in denen sich Sondheim der Oper nähert.
Wesentlich besser löst Gabriele Kuhn als Mrs. Lovett ihre Aufgabe: Sie verfügt über gar keine große Stimme, was von Nachteil ist, wenn sie Oper singt. In Sweeney Todd kommt ihr gerade das aber zugute. Die Lieder gehen ihr flink über die Zunge und dabei kann sie noch pfiffige Akzente setzen und mit dem Text spielen.
Für die Tenorpartien hat man sich in Krefeld zwei junge Musicaldarsteller engagiert, die beide in Osnabrück studiert haben. Bosse Vogt singt den jugendlichen Liebhaber Anthony mit lyrisch-frischer Stimme. Pascal Schürken gestaltet den geknechteten Tobias Ragg mit einer etwas grellen Färbung. Schöne Kabinettstückchen in der Darstellung abgedrehter Charaktere bieten Matthias Wippich als Richter Turpin, Markus Heinrich als Büttel Bramford und Ramin Mundin als Adolfo Pirelli.

Mit frischer und jugendlicher Stimme singt Jeanne Jansen die Johanna. Susanne Seefing bringt den Wahnsinn und die Verzweiflung der Bettlerin gekonnt auf die Bühne. Der von Michael Preiser einstudierte Chor singt seine Rollen mit expressionistischer Schärfe.
Am Pult der Niederrheinischen Sinfoniker steht Sebastian Engel, der Sondheims pfiffige Partitur stimmungsvoll umsetzt. Sowohl die witzigen wie die dramatischen Momente der Musik werden gekonnt zum Klingen gebracht.
Ausstatterin Lena Brexendorf hat Kostüme entworfen, welche den sozialen Stand der Figuren deutlich machen. Die Schäbigkeit vieler Gewänder lässt das Elend der Figuren und den Gestank, der von ihnen ausgehen müsste, ahnen. Ihr sich drehendes Bühnenbild könnte ein gestrandetes Schiffswrack sein. Der Stahlkoloss mit Bullaugen und Reling erinnert jedenfalls stark daran. Soll dieses Bild eine Metapher für die gescheiterte Existenz der Titelfigur sein? Auf der Kommandobrücke befindet sich der Barbierladen. Die anderen Schauplätze entstehen durch Drehung des Kolosses.

Eigentlich erwartet man, dass mal eine Wand aufgeklappt wird und die wechselnde Innenräume in dieser Konstruktion gezeigt werden. Wohnzimmer, Irrenanstalt und was es sonst noch gibt, befinden sich aber immer davor, was zur Folge hat, dass die Spielfläche recht eingeschränkt ist, und Regisseur Roland Hüve die Akteure in seiner kurzweiligen Inszenierung immer an der Rampe in Richtung Publikum spielen lässt. – Manchmal würde man sich von der Regie noch mehr skurrilen Humor wünschen. Besonders die Möglichkeiten von „Wenn´s einmal schlägt von der Glocke im Tal“ bleiben ungenutzt.
Rudolf Hermes, 8. Februar 2026
Sweeney Todd
Stephen Sondheim
Theater Krefeld
Übernahme-Premiere: 1. Februar 2026
Inszenierung: Roland Hüve
Musikalische Leitung: Sebastian Engel
Niederrheinische Sinfoniker