Am 7. Februar 2026 feierte das Schleswig-Holsteinische Landestheater eine Premiere, die den Geist der „Goldenen Zwanziger“ mit dem Hier und Jetzt zusammenführt: Paul Abrahams Operette Ball im Savoy. In einer bewusst modernen Inszenierung brachte das Haus eines der musikalisch mutigsten Werke der Zwischenkriegszeit auf die Bühne: ein Stück, in dem Jazz-Rhythmen und gesellschaftliche Rollenspiele elegant verschmelzen.
Die Handlung führt uns ins mondäne Europa um 1930. Das frisch vermählte Paar Aristide und Madeleine de Faublas gerät kurz nach der Hochzeit in turbulente Gewässer: Während Aristide versucht, eine alte Affäre diskret aufzuwärmen, lässt sich Madeleine nicht in die Rolle der betrogenen Ehefrau drängen. Sie begibt sich inkognito auf den Ball im Savoy, um die Treue ihres Mannes zu testen und dabei ihre eigene Freiheit zu entdecken. Als humorvoller Gegenpart fungiert der exzentrische Attaché Mustapha Bei, der in dieser Lesart mit schwäbischem Akzent um die Jazzkomponistin Daisy Parker wirbt.

1932 in Berlin uraufgeführt, markiert das Werk den glanzvollen Schlusspunkt einer Ära. Abraham traf das urbane Lebensgefühl einer Generation, die zwischen Moderne und Tradition tanzte, bevor die Kulturpolitik der Nationalsozialisten kurz darauf die Karrieren der jüdischen Künstler gewaltsam beendete. Dass dieses Werk heute, im Jahr 2026, wieder so präsent ist, liegt an seiner unbändigen Offenheit. In einer Zeit, in der wir erneut über Identität, Freiheit und gesellschaftliche Teilhabe streiten, wirkt die spielerische Dekonstruktion von Rollenbildern bei Abraham fast wie ein aktueller Kommentar zu unseren eigenen Umbrüchen.
Das Ensemble ist der Star
Die Aufführung lebt von der publikumswirksamen und kurzweiligen Inszenierung (Edison Vigil), den schmissigen Choreografien (Till Nau) und der opulenten Ausstattung (Lukas Pirmin Wassmann). Man spürte im Saal förmlich, wie der Funke von der ersten Minute an übersprang.
Dass man in Flensburg auf Mikroports setzt, ist bei einem Werk, das bereits mit einem Bein im modernen Musical steht, absolut nachvollziehbar. Dennoch vermisste ich als Freund des unverfälschten Klangs manchmal die direkte, körperliche Resonanz der Stimmen im Raum.
Małgorzata Rocławska brillierte als Marquise Madeleine mit stimmlicher Wärme und technischer Agilität. Besonders in den Duetten verlieh sie ihrer Figur eine emotionale Tiefe, die über das Operettenklischee weit hinausging. Dabei hätte ich Rocławskas feinnuanciertem Sopran den Raum gewünscht, sich ganz ohne technischen Filter im Saal entfalten zu können.
Christian Alexander Müller gab den Marquis Aristide mit einem präzisen Tenor, der in den Ensembleszenen ebenso überzeugte wie in den lyrischen Momenten. Er verbindet rhythmische Leichtigkeit mit gesanglicher Eleganz und harmonierte glänzend mit dem Orchester.
Als Daisy Parker bestach Kara Kemeny durch eine farbenreiche, vitale Stimme, die den jazzigen Charakter der Partitur perfekt traf. Ihre Bühnenpräsenz wirkte organisch und mitreißend.
Timo Hannig gab den Mustapha Bei mit einnehmender baritonaler Wärme. Dass er dabei konsequent im schwäbischen Dialekt agierte, hätte leicht zum platten Kalauer geraten können, doch Hannig besitzt das komödiantische Fingerspitzengefühl, diese Eigenheit als charmante Facette seiner Figur zu etablieren.
Die Ballettcompagnie des Hauses agierte wie ein fünfter Hauptdarsteller und überzeugte durch enorme Spielfreude und tänzerische Präzision.

Schauspielerisch in Bestform zeigte sich Bassist Kai-Moritz von Blanckenburg, der in den Sprechrollen Archibald und Pomérol komödiantisch glänzte, ebenso wie Jele Flügge als Célestin Formant. Itziar Lesaka bereicherte den Abend als La Tangolita mit großer körperlicher und stimmlicher Präsenz.
Am Pult bewies Harish Shankar, dass Jazz-Rhythmen im Orchestergraben keine starre Disziplin, sondern Spielfreude brauchen. Besonders beeindruckte mich, wie souverän er die komplexen Übergänge zusammenhielt, ohne jemals den tänzerischen Fluss der Partitur auszubremsen.
Dieser Abend beweist, dass die Operette lebt, besonders wenn sie so frisch und ensembleorientiert präsentiert wird wie hier am Landestheater.
Marc Rohde, 10. Februar 2026
Ball im Savoy
Paul Abraham
Landestheater Flensburg
7. Februar 2026
Regie: Edison Vigil
Dirigat: Harish Shankar
Schleswig-Holsteinisches-Sinfonieorchester