Bei dem Label Deutsche Grammophon ist ein bei den Bayreuther Festspielen 2024 entstandener Live-Mitschnitt von Wagners Tristan und Isolde auf Blue – ray – Disc erschienen. Die Regie liegt in den Händen von Thorleifur Örn Arnarsson. Für das Bühnenbild zeichnet Vytautas Narbutas verantwortlich. Die Kostüme stammen von Sibylle Wallum. Der Regisseur fasst das Ganze als ausgesprochenes Nachtstück auf. Die Bühne ist über alle drei Aufzüge hinweg dunkel ausgeleuchtet. Helligkeit wird ausgespart. In erster Linie interessiert Arnarsson bei seiner Deutung die Vergangenheit des Paares. Tristan und Isolde sind stets auf Vergangenheitsbewältigung bedacht. Das wird schon zu Beginn deutlich, wenn Isolde auf den überdimensionalen Schleier ihres Brautkleides tagebuchartig Worte aus dem Libretto schreibt. Solche erblickt man auch im dritten Aufzug auf Tristans Hemd. Der erste Aufzug spielt auf einem etwas marode anmutenden Schiff, das von dem Regieteam lediglich durch einige Taue angedeutet wird. Der zweite Aufzug stellt den Bauch des Schiffes dar, in dem allerhand Krimskrams herumliegt. Hier haben wir es gleichsam mit einer Rumpelkammer zu tun, die die Insignien der Vergangenheit der Liebenden birgt. Hier zerknüllt Isolde ein Kleid und Tristan liest Zeitung. Lange bleiben die beiden voneinander getrennt, dürfen sich schließlich aber doch noch umarmen. Dabei kommt das glücklose Paar nicht wirklich aus sich heraus. Es wirkt ziemlich festgefahren und sieht sich eingeengt. Der dritte Aufzug führt wieder auf das Deck des Schiffes, auf dem der Trödel nun ordentlich übereinander gestapelt ist. In diesem Ambiente geschieht nicht sonderlich viel. Erwähnenswert ist immerhin, dass es einen Liebestrank gibt, den Tristan und Isolde im ersten Aufzug trinken. Auch ein Todestrank spielt hier eine gewichtige Rolle. Am Ende des zweiten Aufzuges duelliert sich Tristan nicht mit Melot, sondern nimmt den vergifteten Trank zu sich. Melot schaut teilnahmslos zu, wie sein ehemaliger Freund zusammenbricht. Im dritten Aufzug trinkt dann Isolde ihrerseits den Todestrank. Zum Liebestod darf sie zwar noch einmal erwachen, aber auch bei ihr verfehlt das Getränk seine tödliche Wirkung nicht. Viele gute Einfälle sind es nicht, die der Regisseur anzubieten hat. Die Personenregie ist alles andere als ausgefeilt. Die beteiligten Personen dürfen sich nicht viel bewegen, wodurch die Inszenierung einen ziemlich statischen, phlegmatischen Charakter annimmt. Mehrmals kommt es zu Löchern in der Führung der Handlungsträger, was nicht sein sollte. Der Regisseur wartet zwar schon hier und da mit einigen szenischen Höhepunkten auf, insgesamt bleibt seine Herangehensweise an das Werk aber beliebig und vermag nicht wirklich für sich einzunehmen.
Semyon Bychkov beginnt das Vorspiel ausgesprochen langsam. Die Pausen sind überaus ausgedehnt. Ein stetiger Fluss der Musik will sich da nur langsam einstellen. Im Folgenden zieht der Dirigent das Tempo zwar etwas an und wartet auch mit einer schönen Farbpalette auf. Das Existentielle von Wagners Partitur bleibt er indes schuldig. Da kann auch das versiert aufspielende Orchester der Bayreuther Festspiele nicht viel ändern.
Auf hohem Niveau bewegen sich dagegen die gesanglichen Leistungen. Andreas Schager singt mit bestens fokussiertem, dramatischem Heldentenor insgesamt einen guten Tristan. Leider setzt er fast durchweg auf reine Lautstärke. Feine Piani und einfühlsame Zwischentöne sind seine Sache nicht. Und am Ende hat er nicht mehr die Kraft, um sich bei den Worten meiner jauchzenden Eil auf das hohe a emporzuschwingen. Dieses transponiert er einfach um eine Oktave nach unten. Camilla Nylund ist keine hochdramatische Sopranistin, sondern kommt eher aus dem jugendlich – dramatischen Fach. Dennoch verfügt sie über genügend Kraft, um die dramatischen Ausbrüche der Isolde eindrucksvoll zu gestalten. Wunderbar sind die lyrischen Passagen, denen sie große Innigkeit verleiht. Es gelingen ihr treffliche Bögen und schöne leise Töne. Insgesamt wird sie ihrer schwierigen Rolle trefflich gerecht. Mit einem satten, dunkel timbrierten Mezzosopran und ebenmäßiger Linienführung stattet Christa Mayer die Brangäne aus. Olafur Sigurdarson ist ein mit vorbildlicher italienischer Technik kräftig und markant singender Kurwenal, den er auch überzeugend spielt. Günther Groissböck zeichnet mit robustem, allerdings belegt klingendem Bass ein eindringliches Portrait des Königs Marke. Diesen Sänger hat man schon besser gehört. Eine Luxusbesetzung stellt der kraftvoll und markant singende Birger Radde für den Melot dar. Nachhaltig empfiehlt er sich damit für größere Rollen auf dem Grünen Hügel. Allesamt tadellos und gut im Körper verankert intonieren Daniel Jenz (Hirt), Lawson Anderson (Steuermann) und Matthew Newlin (Junger Seemann) ihre kleinen Partien. Prachtvoll präsentieren sich im ersten Aufzug die Herren des von Eberhard Friedrich einstudierten Chores der Bayreuther Festspiele.
Ludwig Steinbach, 10. Februar 2026
Blue – ray – Disc: Tristan und Isolde
Richard Wagner
Bayreuth 2024
Inszenierung: Thorleifur Örn Arnarsson
Musikalische Leitung: Semyon Bychkov
Deutsche Grammophon
Best. Nr.: 00440 073 6685