Berlin: „Das schlaue Füchslein“, Leoš Janáček

Fuchs im Tutu

Eine wahrlich fuchsverliebte Stadt ist Berlin, wo man nicht nur abends aus der Oper kommend oder morgens mit dem Hund Gassi gehend auf einen der rotschwänzigen Burschen trifft, sondern wo ein solcher seinen anerkannten festen Wohnsitz im Park von Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten, hat und ein anderer pünktlich nach Marktschluss am Maybachufer kontrolliert, was vom Street Food, das dort reichlich serviert wird, für ihn übrig geblieben ist. Sieht man ein solches Füchslein in Not, kann man die Fuchs-Hilfe Berlin kontaktieren, die sich dann kümmert. Aber nicht nur reale Füchse sind in Berlin zu Hause, sondern auch die der Welt der Kunst, so Leoš Janáčeks Schlaues Füchslein, das nun auf allen drei Opernbühnen lebt(e), liebt(e) und gestorben ist, zuerst bereits 1956 in der Komischen Oper in der Regie von Walter Felsenstein mit Irmgard Arnold in der Titelpartie, eine Maßstäbe gesetzt habende Inszenierung, der 2012 Andreas Homokis Produktion folgte. In der Deutschen Oper tobte sich Katharina Thalbach in den übernaturalistischen Bühnenbildern von Ezio Toffolutti aus und verzauberte, gern in der Weihnachtszeit, alte und junge Besucher mit den phantasievoll gestalteten Tierfiguren. Das bedenkend, staunt man erst einmal, dass die neue Produktion der Staatsoper für Besucher ab 14 Jahren empfohlen wird, andererseits Kinder unterhalb dieser Altersbeschränkung mitspielen.

© Monika Rittershaus

Nun also hat die Staatsoper sich des Stücks angenommen, als letztem innerhalb eines stets unter der Leitung von Sir Simon Rattle stehenden Zyklus‘, der Katja Kabanova, Jenufa, Aus einem Totenhaus, Die Sache Makropulos und Die Abenteuer des Herrn Broucek umfasst. Gab es eine für ihren Mezzosopran passende Rolle im Stück, war auch seine Gattin Magdalena Kožená dabei, aber nicht ihrer Herkunft aus einem böhmischen Ort nahe dem Wald, in dem das Füchslein spielt, wegen, sondern weil der Dirigent selbst in jungen Jahren bereits eine Affinität für Janáček, insbesondere das Füchslein entwickelt hatte, indem er als Siebzehnjähriger bei einer Aufführung der Royal Academy of Music London an der Celesta und als Chordirigent mitwirkte, 1990 damit an Covent Garden debütierte und das Stück 2021 in Glyndebourne dirigierte. Magdalena Kožená hingegen ist Janáček nicht zuletzt deswegen besonders verbunden, weil sie an dem von ihm gegründeten Konservatorium ausgebildet wurde. Des Ehepaars jüngster Sohn führte die von den Eltern begründete Tradition fort, indem er als Kind das jüngste Füchslein darstellte. Die Weichen für einen beglückenden Abend waren also gestellt.

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Es geht in dem ursprünglich auf einer illustrierten Fortsetzungsgeschichte beruhenden Handlung um zwei Parallelwelten, die der Menschen und die der Tiere des Waldes, die einander berühren, was einmal mit dem Wüten des Füchsleins im försterlichen Hühnerstall und zum anderen mit seinem Tod durch die Kugel eines Wilderers endet. Tröstlich ist dabei, dass das Füchslein zuvor ein erfülltes Leben im Wald führen konnte, der Kreislauf des Lebens nicht unterbrochen wird. Da sich die einzelnen Charaktere in beiden Welten finden und auch jeweils die selbe Stimmlage erfordern, liegt es nahe, zum Beispiel Dachs und Pfarrer, Eule und Försterin oder Mücke und Schulmeister mit jeweils demselben Sänger zu besetzen.

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Wie so oft offenbart das Programheft, wie viele, sicherlich auch nützliche Gedanken sich das Regieteam unter Führung von Ted Huffman gemacht hat, nur wünscht man sich manchmal, man ließe sich mehr von einem komödiantischen Instinkt als von rationalen Überlegungen leiten. Insgesamt ist die Produktion jedoch schlüssig, man vermerkt dankbar den Verzicht auf Videoprojektionen sowie die Respektierung der Grundidee und gewöhnt sich zunehmend an eine gewisse Kargheit, was den optischen Eindruck betrifft. Die Bühne von Nadja Sofie Eller ist im puristischsten Fall nur ein weißer Kasten mit einem ebensolchen Podest für das Liebesspiel zwischen Fuchs und Füchsin. Dieser bildet einen scharfen Kontrast zum immerhin „Wald“ suggerierenden grünen Vorhang. Sparsam möbliert sind Försterhaus mit allerdings vielen Standuhren und Wirtshaus mit dem Bild des Dürerhasen. Im Wald, den es nicht gibt, ist ein Hügel aufgetürmt mit einem einsamen Pilz, der die Erinnerungen des Försters an seine Jugend wachruft und auf dem das Getier des Forstes sich tummeln kann. Vier trostlose Baumstümpfe sollen wohl nicht vom Raubbau an der Natur künden, aber wovon sonst? Die Kostüme von Astrid Klein gewähren nur den Menschen, sich in solche zu kleiden. Die Tiere treten in Trikots in den zu ihnen passenden Farben auf, es gibt ein zartes Libellenflügelpaar, und eine Schnecke schleppt ihr Haus über die Bühne, aber Fuchs und Füchsin haben sich als Menschen kostümiert, sie im rosafarbenen Tüllröckchen mit hochhackigen Pumps, er im eleganten Anzug nicht einmal sich zu seiner Männlichkeit bekennend, sondern nach dem Ablegen des Jacketts durchaus weibliche Formen vorweisend. Da wird also bewusst jede naturalistische Darstellung vermieden, eine ideale, zuordnungsfreie Welt der der naturalistisch-dumpfen der Menschen, die nur Erinnerungen nachhängen oder unerfüllbaren Träumen nachjagen (Terynka!), gegenüber gestellt.

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Schüler der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin meistern ihre Aufgaben mit Glanz und Gloria, auch der Kinderchor kann zusätzlich zum Staatsopernchor einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Abends leisten und sich sogar mit kleineren Aufgaben wie der des Froschs, der Grille oder der Heuschrecke profilieren. Ein zierliches Füchslein Schlaukopf ist Vera-Lotte Boecker mit silbrig glänzendem, lieblichem Mozartsopran, den Fuchs gibt Magdalena Kožená mit geschmeidigem, Wärme ausstrahlendem Mezzosopran. Natalia Skrycka versieht gleichermaßen Wirtin wie Eule mit sattem Klang, fein abgestuft lassen sich Florian Hoffmann, Svatopluk Sem und David Oštrek als Schulmeister, Förster und Pfarrer in von fein hellen bis tief dunklen Tönen vernehmen, wobei dem Förster mit seinem nachdenklichen Monolog über den Gang der Zeiten ein besonderes Lob gebührt.

Als wahrer Protagonist allerdings erwies sich das Orchester unter Sir Simon Rattle, das mit Zartheit, Delikatesse, feinsten Abstufungen, Glanz wie Straffheit das Wunder der ewigen Wiederkehr, der (hoffentlich!) Unverwüstbarkeit der Natur und ihrer Geschöpfe feierte.

© Monika Rittershaus

Spätestens am Ende des Abends ist dann auch klar geworden, warum die Produktion nicht für Kinder geeignet ist: Sie hätten sich mit der starken Stilisierung nicht abgefunden, sondern krassen Naturalismus eingefordert.

Ingrid Wanja, 28. Februar 2026


Das schlaue Füchslein
Leoš Jánaček

Staatsoper Unter den Linden Berlin

Premiere am 28. Februar 2026

Regie: Ted Huffman
Musikalische Leitung: Sir Simon Rattle
Chor und Orchester der Staatsoper Berlin