Karlsruhe: „Lohengrin“, Richard Wagner (Zweite Kritik)

© Felix Grünschloss

Eine der bemerkenswertesten Neuproduktionen dieser Spielzeit ist Wagners Lohengrin am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Lange hat man nicht mehr eine so gute szenische Realisation von Wagners romantischer Oper gesehen. Dem Inszenierungsteam um Manuel Schmitt (Regie), Julius Theodor Semmelmann (Bühnenbild) und Carola Volles (Kostüme) gelang es, das Werk geschickt zu modernisieren, ohne dabei dessen Kern anzutasten. Schmitt hat den Text ganz genau gelesen und wartet mit einer Deutung auf, die bei aller an den Tag gelegten Modernität immer noch ausgesprochen  werkgerecht ist und dabei gleichzeitig auch mit Bravour die fragwürdige Rezeptionsgeschichte des Lohengrin thematisiert. Hier haben wir es mit einer tiefschürfenden Kultur- und Politiktragödie zu tun, die sowohl den Gegebenheiten unserer Zeit gehörig Rechnung trägt als auch Wagners im Vormärz verankerte Gedankenwelt  berücksichtigt. Das Ergebnis ist spannungsgeladenes modernes Musiktheater vom Feinsten, das in einer fiktiven, nicht eindeutig zu bestimmenden Zeit spielt, gleichzeitig aber Assoziationen zu mehreren anderen Zeitebenen zulässt – so beispielsweise zur Ära Heinrich des Voglers, dem Jahr 1936 sowie unserer Gegenwart. Zu jeder Zeit stellen sich die durchaus berechtigten Fragen, ob ein Kunstwerk frei  von politischen Einflüssen ist, ob die Kunst die Politik beeinflussen kann und welche Verantwortung der Kultur in der Gesellschaft zukommt. Es ist ein sehr diffiziles Erbe, dem man sich indes stellen muss. Beredter Ausdruck dieses Erbes ist nach den Ausführungen Schmitts im Programmheft das auf der Bühne befindliche Grab des alten Herzogs, das starke Ähnlichkeit mit Wagners eigener Grabstätte im Garten  des Hauses Wahnfried in Bayreuth aufweist.

Zu Beginn erblickt man die Projektion eines Textes aus Wagners 1849 entstandener Schrift Die Revolution: Das Heilige ist allein der freie Mensch, und nichts Höheres ist denn er. Vernichtet sei der Wahn, der einem Gewalt gibt über Millionen… Bereits hier, ganz am Anfang, wird die politische Doktrin, die der Regisseur dem Ganzen angedeihen lässt, deutlich. Nachhaltig schlägt er eine Brücke von der Wagner-Ära zur Gegenwart. Wenn sich der Vorhang öffnet, erschließt sich dem Blick ein durch Krieg zerstörtes Parlaments-Gebäude mit einer Hans Kindermanns Adler-Relief nachempfundenen Adler-Plastik, in dem der für eine Führungsposition eigentlich ungeeignete, alte und schwache König Heinrich Werbung für seinen Ungarn-Feldzug macht und Ortrud und Telramund einen Staatsstreich vorbereiten.

© Felix Grünschloss

Die Anklage Elsas soll ihnen auf den Thron helfen. Elsa ist sich zu Beginn der Tragweite von Telramunds Anschuldigung gar nicht so recht bewusst. Eine Zigarette rauchend erscheint  sie vor dem König und liest erst einmal in Ruhe die Anklageschrift durch, bevor sie dann von ihrem Traum eines Retters erzählt. Aus einem ausgemachten Chaos resultiert die Sehnsucht der tief gespaltenen und haltlosen Gesellschaft nach einem starken Führer. Dieser kommt nicht von außerhalb, sondern wird direkt aus ihrer Mitte rekrutiert. Nachdem Elsas Hilferuf verklungen ist und der Schwan in Gestalt eines mit Dornen geschmückten, leidenden Knaben bereits längere Zeit über die Bühne wandelte, erhebt sich in trefflicher Anwendung Brecht‘ schen Gedankengutes der im Zuschauerraum sitzende Lohengrin von seinem Platz und begibt sich auf die Bühne. Am Ende kehrt er, seiner neuen Stellung müde, wieder in das Parkett zurück, während Gottfried sein Schwert zerbricht. Nach seinem Sieg über Telramund wird Lohengrin von der begeisterten Menschenmenge zu ihrem neuen Schützer erkoren und ganz konventionell mit Flügelhelm, Brustpanzer und Schwert ausgestattet. Lohengrin steht seiner neuen Funktion zuerst noch ziemlich skeptisch gegenüber, letztlich fügt er sich aber doch in die ihm zugedachte Rolle. In der Folge entsteht ein immer mehr zunehmender Hype um seine Person. Dem erteilt Elsa eine rigorose Absage, wenn sie im Brautgemach ihrem Ehemann zu guter Letzt die verbotene Frage stellt. Die Gesellschaft nimmt zunehmend gefährliche Formen an. Wer ihre Begeisterung für den neuen Führer nicht teilt bzw. sich kritisch über ihn äußert, wird gnadenlos aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Den Zweiflern werden Schilder umgehängt, auf denen groß und deutlich der Grund ihrer Verbannung zu lesen ist, wie beispielsweise Ich wollte wissen oder Ich habe gezweifelt. Dabei haben sie mit ihrer Kritik durchaus recht. Das Parlament liegt gleichsam in seinen letzten Zügen und diktatorische Verhältnisse breiten sich aus. Damit einher geht ein politischer Verführungsprozess, der nicht mehr aufzuhalten ist und der die Gesellschaft in hohem Maße bedrohlichen Irrnissen und Wirrnissen aussetzt.

Unter diesen Umständen kann man auch Ortruds Opposition gegen Lohengrin nachvollziehen und ist versucht, ihr recht zu geben. In Schmitts Interpretation ist sie nicht lediglich böse, sondern hat auch ihre guten Seiten. Eine simple Schwarz-Weiß-Malerei findet in dieser Inszenierung an keiner Stelle statt. Zur Rechtfertigung beziehungsweise Entschuldigung von Ortruds Verhalten führt der Regisseur noch eine weitere, durchaus nicht abgründig erscheinende Begründung ins Feld. Die Radbod-Tochter leidet unter einer ausgemachten Psychose. Das kleine Kind, das man im zweiten Aufzug in einer Art von Rumpelkammer auf einem Bild mit seinen Eltern Ortrud und Telramund sieht, ist offenbar verstorben. Und diesen Verlust kann Ortrud nicht bewältigen. Ihr politisches Trachten und Streben stellt nur eine der Trauerbewältigung dienende Ersatzhandlung dar. Dazu gehört im dritten Aufzug auch der Brautchor, der in einem von einer Wiege dominierten weißen Raum von Hebammen gesungen wird. Sie pflegen einen Kult von Kindergeburten. Und ganz am Schluss hält Ortrud ein totes Baby in ihren Armen. Sie hat ihr Trauma die ganze Zeit über nicht in den Griff bekommen. Ein sehr starkes Bild! Sigmund Freud lässt grüßen. Diese psychologische Komponente der Produktion ist dem Regisseur ausgesprochen gut gelungen und gibt dem Ganzen eine ganz besondere Würze.

Zu Beginn des zweiten und des dritten Aufzuges wird das Auditorium mit Bekenntnissen Winifred Wagners zu Hitler konfrontiert. Was da erneut auf einen Zwischenvorhang projiziert wird, ist schon äußerst bedenklich. Im Folgenden nimmt Manuel Schmitt die Rezeptionsgeschichte des Werkes aufs Korn. Als Anknüpfungspunkt für seine Kritik dient ihm die von Hitler selbst finanzierte Neuproduktion des Lohengrin bei den Bayreuther Festspielen 1936. Hier erreichte der Missbrauch von Wagners romantischer Oper durch das NS-Regime ihren absoluten Höhepunkt. Die ganze Aufführung stand damals im Zeichen der NS-Ideologie. Dass der Heilsbringer Lohengrin am Ende scheitert und der Konflikt ungelöst blieb, wurde nachhaltig verdrängt (vgl. Programmheft). Regie führte 1936 in Bayreuth Heinz Tietjen, das Bühnenbild stammte von Emil Preetorius. Weniger als Reminiszenz, sondern vielmehr als lautstark in den Raum geworfene Mahnung wird im zweiten Aufzug der Karlsruher Aufführung Preetorius` Bühnenbild vom Bayreuther Lohengrin von 1936 zitiert. Die Botschaft ist klar: Eine derart anrüchige Vereinnahmung einer Oper durch ein totalitäres Regime wie die Nazis darf nie wieder stattfinden! Da hat das Karlsruher Regieteam sehr recht. Was es da auf die Bühne gebracht hat, ist insgesamt sehr logisch und sinnvoll und bemüht an keiner Stelle den sprichwörtlichen Zeigefinger. Da neben den starken Bildern auch die Personenregie sehr flüssig und stringent war, verging die Zeit wie im Fluge. Diese geniale Regiearbeit ist geradezu preisverdächtig.

© Felix Grünschloss

Eine grandiose Leistung erbrachte Georg Fritzsch am Pult. In gemäßigten, weder zu schnellen noch zu langsamen Tempi wies er der trefflich disponierten und versiert aufspielenden Badischen Staatskapelle den Weg durch Wagners Partitur. Die Auffassung des Dirigenten von dem Stück war sehr romantischer und geradezu elektrisierender Natur. Grandiose Steigerungen und markante Höhepunkte wurden da mit enormem Können erzeugt und Details liebevoll in den großen musikalischen Zusammenhang gestellt. Ein gehöriger Schuss Pathos tat ein Übriges, das Dirigat abwechslungsreich und interessant erscheinen zu lassen. Leider erklang Wagners Oper wieder einmal mit dem Wahrsagesprung im Schlussbild. Das hätte nicht sein müssen.

Nun zu den Sängern: An diesem Abend hatte am Badischen Staatstheater Karlsruhe leider der Krankheitsteufel zugeschlagen und die ursprünglich für die Elsa vorgesehene Paulina Linnosaari fest in seinen Krallen. Als Ersatz wurde kurzfristig Flurina Stucki von der Deutschen Oper Berlin engagiert, die aber nicht sonderlich überzeugen konnte. Zwar gelangen ihr hier und da auch mal durchaus schöne Momente. Indes ging sie stimmlich allzu oft vom Körper weg und schlug die Luft gegen den Kehlkopf, wodurch teilweise eine recht unruhige Tongebung resultierte. Da war ihr Mirko Roschkowski, der den Lohengrin mit gut durchgebildetem, fein und elegant dahinfliessendem Zwischenfachtenor ansprechend sang, um einiges überlegen. Eine absolute Glanzleistung erbrachte Dorothea Spilger, die sich als erste Wahl für die Ortrud erwies. Schon darstellerisch vermochte sie mit recht  imposantem Auftreten und sehr intensivem Spiel nachhaltig für sich einzunehmen. Aber auch gesanglich hatte sie mit ihrem bestens italienisch geschulten, ungemein dramatischen und höhensicheren Mezzosopran die Sympathien ganz auf ihrer Seite.

© Felix Grünschloss

Diese vorzügliche Sängerin sei Bayreuth stark ans Herz gelegt! Neben ihr gefiel in der Rolle des Telramund Kihun Yoon mit ebenfalls vorbildlich fundiertem, sonorem und ausdrucksstarkem Bariton. Einen voll und rund klingenden Bass brachte Ks. Konstantin Gorny in die Partie des König Heinrich ein, dessen hohe Tessitura ihm nicht die geringsten Schwierigkeiten bereitete. Ein markant singender Heerrufer war Ks. Tomohiro Takada. In den Rollen der vier brabantischen Edlen waren solide Ks. Klaus Schneider, Alejandro Aparicio, Lorenzo de Cunzo und Don Lee zu erleben. Mächtig legte sich der von Ulrich Wagner einstudierte Staatsopernchor und Extrachor ins Zeug.

Fazit: Eine der eindrucksvollsten Lohengrin-Neuproduktionen der letzten Zeit, deren Besuch dringendst empfohlen wird! Die Fahrt nach Karlsruhe hat sich wieder einmal sehr gelohnt!

Ludwig Steinbach, 8. April 2026


Lohengrin
Richard Wagner
Badisches Staatstheater Karlsruhe

Premiere: 16. November 2025
Besuchte Aufführung: 4. April 2026

Inszenierung: Manuel Schmitt
Musikalische Leitung: Georg Fritzsch
Badische Staatskapelle

Erste Kritik