Silberscheiben: „Bella Furia“, Rarely performed arias

In der Tat: Sie klingt furios, also wütend, wie ein Höllenweib. Freilich kann sie auch anders: Als Susanna hat sie einen grundsätzlich anderen Charakter denn als Livietta, eine Figur aus Niccoló Piccinnis seinerzeit vielgespielter Buona figluola, mag auch die Kammerzofe im hause Almaviva eigensinnig sein. Dass man bei der Korrektur der Titel auf der Rückseite der CD-Box aus Piccinni einen Puccini gemacht hat, soll übrigens schon anderen Produzenten passiert sein… Das „gute Töchterchen“ aber verfügt zweifellos über andere Qualitäten als die Kammerzofe, der Mozart zwei Arien hinterher geschickt hat. Al desio di chi t’adora entstand nicht für die Sängerin der Premiere, sondern für Adriana Ferrarese del Bene – und gut ist auch die Interpretation, die Shira Patchornik in ihrem Solo-Album dieser und den anderen eher seltenen Nummern aus dem italienischen Repertoire des 18. Jahrhunderts angedeihen ließ.

Sie kann das alles: Das Wütende und das Empfindsame, Koloraturen und Legatoses, das Schöne und das betont Hässliche, das doch nie so hässlich ist, dass man so erschrickt, wie ein empfindsamer Hörer im 18. Jahrhundert zusammengezuckt wäre. Neben Piccinni, aus dessen Buona figluola zwei Arien aufgenommen worden sind, und Mozart stehen jeweils eine Arie aus Haydns La vera costanza, aus Salieris Scuola de’ gelosi und aus Paisiellos Serva padrona („Stizzoso, mio stizzoso“) auf dem Programmzettel. Furie di donna irata aus der Piccinni-Oper, einst komponiert für einen Kastraten, schließt die Folge von sieben Vokalnummern, um die Übertragung auf einen gelind dramatischen Sopran des Spätbarock voll und ganz zu legitimieren. Denn die Stimme der jungen, in Berlin lebenden Israelin, die übrigens auch ein Libretto für eine Kinderoper mit dem entzückenden Titel Ein Monsterchen schrieb, schmiegt sich dem Notentext jeweils elegant an. Wie Volkmar Braunbehrens 1989 in seiner Salieri-Biographie über La scuola de’ gelosi so schön schrieb: „Nirgends etwas revolutionär Neues, eigentlich sogar ein konventioneller Ton, dabei jedoch nuancenreich gearbeitet“ – genauso nuancenreich und gut aufgelegt wie die instrumentale Zugabe. Das Schweizer CHAARTS-Ensemble gibt Mozarts Divertimento KV 251, das Nannerl-Septett, ein Geburtstagsstück für seine Schwester hinzu: munter und karnevalesk, rhetorisch differenziert (die Musiker kennen den Unterschied zwischen piano, pianissimo und mezzoforte) und unterhaltsam, so wie das ganze Album. Nur: Warum laut Booklet-Text die Solistin „zusammen mit Filip Hruby in Bibliotheken, Archiven und Manuskripten“ recherchieren musste, um die „Mehrheit dieser Arien neu zugänglich“ zu machen, bleibt ein Rätsel. Denn keine der eingespielten Arien ist so unbekannt, dass man dafür Manuskripte in Archiven ausgraben müsste; von fast Allen liegen Aufnahmen, etwa von Cecilia Bartoli oder Joan Sutherland, vor. In der Regel genügt dafür die digitale Suche, die Fernleihe oder, zugegeben, die Spezialabteilung einer guten Bibliothek; die Berliner Staatsbibliothek soll ja auch ganz gut sortiert sein.

Egal – denn mit der Bella Furia hat Shira Patchornik zusammen mit den Musikern ein bellissima album vorgelegt.

Frank Piontek, 17. März 2026


Bella Furia. Rarely performed arias
CHAARTS Chamber Artists & Shira Patchornik
Arien von Mozart, Haydn, Piccinni, Salieri, Paisiello

Label: Solo Musica