Gewöhnlich werden junge Leute mit Klassikern wie Zauberflöte oder Hänsel und Gretel in die Welt der Oper eingeführt (oder, wie der Rezensent schon mehrfach erleben durfte, erfolgreich mit Werken Richard Wagners). Mittlerweile gibt es Werke, die unter der Gattung Familienoper diese Zielgruppe direkt anspricht, oft mit aktuellen Themen und mit einer Musiksprache, die eingängig, aber raffiniert gesetzt ist, eindrucksvoller, aber nicht überwältigender Bühne und die für das singende Personal mehr Herausforderungen bieten als ein Musical. Ein solches Werk ist die Superheldenoper Die blaue Sau, die jetzt von der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg gespielt wird, und zwar als Übernahme von der Oper Bonn, wo sie 2015 uraufgeführt wurde. Die tosende Begeisterung des jungen Duisburger Publikums am Dienstagvormittag bestätigt die Existenzberechtigung dieses Werkes. Natürlich geht es auch hier im Libretto von Jürgen R. Weber darum, dass man als Einzelner machtlos ist, aber im Team das Böse besiegen kann und dabei unglaubliche Abenteuer erlebt. Das Publikum wird zunächst hineingeworfen in einen intergalaktischen Kampf merkwürdiger Gestalten gegen ein von oben schwebendes Mädchen. Ein großes, rundes, blaues gezeichnetes und animiertes Gesicht auf den Gazevorhang projiziert ist die blaue Sau, die von den Bösewichtern attackiert und von dem Mädchen verteidigt wird. Dazu werden lautmalerische Comic-Ausdrücke wie Smash, Boom, Clash projiziert. Break, Auftritt des Anhalters, eines in grauen Anzug mit gelben Nadelstreifen gekleideten Mannes mit zwei ebensolchen Begleitern. Der (Anhalter!) hält die Zeit an, dreht sie zurück und lässt die Geschichte von vorne beginnen.

Der Anhalter wird zum Conférencier, der nacheinander vier Kinder – Hannah, Otto, Aziza und Natan – durch verschiedene Tricks mit Superkräften versieht; Hannah durch das Blut eines Vogels (Siegfried und Fafner lassen grüßen), dass Flug- und Koloraturkräfte verleiht. Allen vier Kindern ist gemein, dass sie zuvor von anderen Kindern gemobbt werden und dieses und später auch die Heldentaten mit Tablets mit Kirsch-Logo (Apfel ist bekanntlich markenrechtlich schon vergeben) der ganzen Welt wissen lassen. Und ihnen ist gemein, dass ihre Namen Palindrome sind, sich also rückwärts genau so lesen lassen. Dann bekommen sie vom Anhalter eine Mission: Die blaue Sau, die im Schwebeland entführt wurde, vor den Schurken zu retten. Diese sind typische Comic-Figuren: Käpt´n Flughörnchen, Giganta, Dampfflammator und Robomat Drilling, die ihr Schäbomobil versuchen unter Kontrolle zu bekommen. Es kommt zum großen Kampf, mit dem die Oper beginnt. Die Kontrahenten erkennen sich dabei quasi als Doppelgänger, die allesamt vom Anhalter verführt wurden. Der benutzt sie nämlich, um als Oberbösewicht an den Speck der blauen Sau zu kommen. Natürlich wird die blaue Sau, die nur eine animierte Zeichnung bleibt, gerettet und in ihr Schwebeland entlassen, damit die vieldimensionale Welt wieder ins Gleichgewicht kommt. Das Alles folgt jetzt nicht unbedingt logischem Sinn (typisch Oper), hat aber Anleihen an Kinder- und Jugendserien und Comics und holt das junge Publikum eher ab als Vogelhändler, Hexen oder Taumännchen. Fantasie und Wortwitz gehen Hand in Hand, um das junge Publikum bei Laune zu halten. Der ganze Text ist gereimt (und als Übertitel mitlesbar), wobei Sprüche wie „Abgelenkt – Kiefer verrenkt“, „Mach dich vom Acker, sonst Massaker“ oder „Auf den Otto mit Gebrüll, denn auch er ist Sondermüll“ auf Schulhöfen abgehört sein dürften (allerdings nicht Grundschule, wie aus zuverlässiger Quelle zu erfahren ist).

Anno Schreier hat hierzu eine Musik komponiert, die sich munter in der Musikgeschichte bedient und bis in die Gegenwart reicht, dabei die Charaktere und die Situationen genau auslotet. Hannahs Koloraturen werden in barocker Manier von Trompete und Cembalo begleitet; polyrhythmisch tanzen Dreiecke im Dreiviertakt, während Vierecke im Viervierteltakt marschieren, die Couplets des Anhalters werden von Fanfaren eingeleitet, Mozart und Rossini winken um die Ecke, Beethovens Pastoral-Gewitter erklingt, die Weite des Weltraums wird durch minimalistische Endlosschleifen erfahrbar, seriell wird es, wenn Otto gemobbt wird; populäre Musikformen kommen auch vor. So wird der Reichtum der Musik in knapp eineinhalb Stunden vermittelt, aber meist nur als Appetitanreger in kleinen Häppchen, die kaum sättigen, also nachhaltig im Kopf hängenbleiben dürften. Den Reichtum der Musiksprache lässt sich derart aber auf jeden Fall erleben. Am Ende gibt es meistersingerhaft eine Fuge zum „Kampf gegen die eigentlichen Superbösewichte, aber das ist eine andere Geschichte.“ Fortsetzung folgt!?
Yaroslavia Kalesidis hat das Abenteuer auf die Bühne gebracht und sich auf reine Nacherzählung konzentriert. Die vermeintlichen Bösewichter wirken dabei wenig überzeugend, aber am Ende weiß man dann auch, dass es ja gar keine sind, passt also. Die Schülerinnen und Schüler sind genau choreografiert. In weiteren Inszenierungen dürfte es noch krasser zugehen, um die Entwicklung der Kinder zu Superhelden nachzuzeichnen und ihre Heldentaten darzustellen. Auf das aus wenigen hohen beweglichen Elementen bestehende Bühnenbild von Ansgar Baradoy werden maßvoll und gleichzeitig effektvoll aufgrund der Tiefenwirkung comicartige Videoelemente von Gretchen fan Weber projiziert.

Hier Foto: die_blaue_sau_05_foto_bibiabel.jpg Treffend sind die Kostüme und Perücken von Sven Bindseil, denn sie verleihen den Protagonisten Individualität und kindliches Aussehen (bis auf den Anhalter und seine Begleiter natürlich), während die Schulkinder uniformierter, aber auch überzeugend kindlich daherkommen. Die neun Hauptdarsteller, namentlich Mengqi Zhang als Hannah, die von der Statur recht mädchenhaft ist und deshalb sehr überzeugend wirkt, sowie Katya Semenisty, Henry Ross, Charlotte Langner, Constantin Moței, Rita Kapfhammer, Eric Jongyoung Kim, Valentin Ruckebier undFrank Dolphin Wong, haben sichtlich Spaß an ihren Rollen; viele von ihnen sind Mitglieder des Opernstudios. Auch der Opernchor ist engagiert bei der Sache. Die Duisburger Philharmoniker spielen unter Patrick Francis Chestnut in zarter Mozart-Besetzung mit zusätzlichen zwei Posaunen, Tuba und Schlagzeug, welche den Klang dominieren. Ein Werk für die Ewigkeit ist Die blaue Sau natürlich nicht, aber in dieser Produktion ein gelungener Einstieg in die Welt des Musiktheaters mit Humor, Spannung und Abwechslung für Auge und Ohr, wie die enthusiastische Reaktion des jungen Premierenpublikums bewies. Bis auf wenige Ausnahmen verfolgten die Duisburger Schülerinnen und Schüler beeindruckt von der Größe des Saals und der Bühne mit großer Aufmerksamkeit und Anteilnahme die Aufführung. Empfohlen wird sie ab 8 Jahren bis zur Mittelstufe; außer den Schulaufführungen gibt es nur am 28.3. eine Nachmittagsvorstellung, zu der sich Eltern und Großeltern mit ihrem Nachwuchs durchaus hinwagen sollten.
Bernhard Stoelzel, 18. März 2026
Die blaue Sau
Anno Schreier
Deutsche Oper am Rhein Duisburg
17. März 2026 (Premiere)
Inszenierung: Yaroslavia Kalesidis
Musikalische Leitung: Patrick Francis Chestnut
Duisburger Philharmoniker