Mit einhelligem Beifall überschüttete das Essener Premierenpublikum die letzte große Opernpremiere unter der insgesamt unglücklich verlaufenen Intendanz von Merle Fahrholz. Mit Giacomo Puccinis Oper „La Fanciulla del West“ (Das Mädchen aus dem goldenen Westen) wählte man ein nicht sonderlich populäres, dafür aber das vielleicht innovativste und zugleich problematischste Werk des Komponisten.

Nach seinen sensationellen Erfolgen mit der „Bohème“, „Tosca“ & Co. wollte Puccini um 1910 Abstand von der belcantistisch ausgerichteten Tradition der italienischen Oper nehmen und Anschluss an modernere Formate im Umfeld von Debussys „Pelléas et Mélisande“ und Richard Strauss‘ „Salome“ finden. Große Arien finden sich in der „Fanciulla“ folgerichtig nicht, dafür aber ein mit Leitmotiven durchsetzter, extrem üppig und differenziert instrumentierter Orchesterapparat und ein mehr rezitativisch als arios ausgerichteter Gesangsstil. Da scheint Puccini seinen Blick stärker auf Wagner als auf Verdi gerichtet zu haben.
Die Handlung nach einem Schauspiel von David Belasco ist zur Zeit des Goldgräberrauschs im Kalifornien der 1850-Jahre angesiedelt. Mit vielen zersplitterten Szenen, die mit ihren wechselnden Perspektiven an filmische Szenenschnitte erinnern. Der Film als damals noch neue aufstrebende Gattung, an der der technik- und fortschrittbegeisterte Komponist brennend interessiert war, bildet auch für Regisseur Dirk Schmeding die dramaturgische Basis seiner Inszenierung. Deshalb behält er das historische Ambiente der kalifornischen Goldgräberstadt bei, was auf der pseudo-realistisch ausgestatteten Bühne allerdings stärkere Assoziationen an Karl-May-Festspiele als an Hollywood auslöst.
Gleichwohl geizt Schmeding nicht mit Anspielungen an cineastischen Vorbildern von Charlie Chaplin bis Quentin Tarantino und am Ende schaut sich das Liebespaar auf seiner Abreise in eine ungewisse Zukunft eine verfilmte Version der Handlung an.

1910, als die Oper an der New Yorker Met mit Stars wie Arturo Toscanini und Enrico Caruso mit bombastischem Erfolg aus der Taufe gehoben wurde, konnte die Szenerie gewiss noch mit dem damaligen Stand der Filmtechnik mithalten. Heute lässt sich die Diskrepanz zwischen Bühne und High-Tech-Kino kaum überspielen. Muss sie auch nicht. Schließlich gehorcht das Theater anderen Gesetzen als der Film. Probleme können sich halt einstellen, wenn, wie in diesem Fall, die Grenzen verwischen.
Umso schwerer fällt auf der Opernbühne die Charakterisierung der zahlreichen Figuren ins Gewicht. Und da verlangt Puccini gleich 17 Solopartien und einen riesigen, reichlich beschäftigten Männerchor. Eigentlich sind es die vielen, von Puccini filigran charakterisierten Goldgräber, die das Fundament des Stücks tragen. Die wirken singend mit ihren zwischen sentimentalem Heimweh und abrupten Gewaltausbrüchen changierenden Handlungen freilich recht plakativ.
Minnie, die einzige große Frauenrolle, die als Saloon-Betreiberin wie ein Hollywood-Star von der Decke herabsinkt und von den Männern verhimmelt wird, zeigt da schon tiefere Seiten, indem ihre religiöse Überzeugung ebenso wie ihre innere Einsamkeit und ihr entschlossener Mut zum Ausdruck kommen. Ihr Mut, wenn sie den von ihr geliebten, aber als Chef einer marodierenden Räuberbande für Unruhe sorgenden und entsprechend verfolgten Dick Johnson mit Waffengewalt der Lynchjustiz entzieht.
Der ist, wie auch sein Erzrivale, der eher finstere Sheriff Jack Rance und überhaupt die meisten Männer in Puccinis Opern eher eindimensional gestrickt. Gleichwohl imponiert Jorge Puerta mit seinem mächtigen Tenor, indem er nahezu mühelos die von Generalmusikdirektor Andrea Sanguinetti mit voluminöser Klangpracht aufspielenden Essener Philharmoniker übertönt. Nicht weniger überzeugt Ilaria Alida Quilico in der ebenfalls kräftezehrenden, zugleich aber wesentlich differenzierter geformten Partie der Minnie, die die Sängerin mit beachtlichen lyrischen Qualitäten adelt. Auch der Bariton Massimo Cavalletti findet für die dunklen Seiten des Sheriffs Jack Rance die richtigen Töne.

Hervorzuheben sind die detaillierte Einstudierung der vielen kleineren Partien und natürlich der große und äußerst schwierige Beitrag des Männerchors, der bei der Premiere noch einige Probleme im Zusammenspiel mit dem Orchester zeigte.
Etliche rassistische verbale Attacken gegen Mexikaner und die Darstellung zweier indigener Dienstboten, die mit ihrem plakativ gebrochenen Italienisch bedenklich klischeehaft und dümmlich wirken, könnten Anwälte der „political correctness“ auf den Plan bringen. Ob das Problem gelöst ist, wenn der Regisseur anstelle der „Indianer“ in Bärenfelle gekleidete Weiße singen lässt, mag jeder für sich entscheiden.
Auch wenn sich Puccini musikalisch so progressiv artikuliert wie in keinem seiner anderen Opern. Mit seinen dramaturgischen Problemen kann das Werk nicht die Vollkommenheit der Erfolgsstücke erzielen. Auch nicht in Inszenierungen wie der Essener, die die szenischen Brüche und Widersprüche kreativ zu umspielen versuchen.
Pedro Obiera, 30. März 2026
La Fanciulla del West
Giacomo Puccini
Aalto Theater Essen
Premiere am 28. März 2026
Regie: Dirk Schmeding
Dirigat: Andrea Sanguineti
Essener Philharmoniker