Piacenza: „Cronaca di un amore -Callas e Pasolini“, Davide Tramontano

Cristina Ferrari, die wegen ihrer Besetzungspolitik trotz schwieriger Finanzlage immer wieder zu preisende Leiterin des Hauses, hat in Koproduktion mit der Fondazione Haydn von Trient und Bozen und dem Teatro Comunale Bologna ein neues Werk in Auftrag gegeben. Ist diese Tatsache an sich schon positiv zu bewerten, so erfreut es auch, dass der Kompositionsauftrag an einen 26-Jährigen ging. Davide Tramontano heißt er, und nach dieser Uraufführung darf man auf weitere Werke für die Opernbühne gespannt sein, denn der junge Mann schreibt sängerfreundlich und folgt damit den Spuren vor allem amerikanischer zeitgenössischer Opernkomponisten, die es sich nicht auf die Fahne geschrieben haben, Interpreten und Publikum mit unsingbaren (und unschönen) Tönen zu vergraulen.

© Gianni Cravedi

Die rund eineinhalb Stunden lange Oper betrachtet in einem geschickten, sparsam akzentuierenden Libretto von Alberto Mattioli die Beziehung, die zwischen Maria Callas und Pier Paolo Pasolini während der Dreharbeiten zu „Medea“ entstanden war. Pasolini war ein glühender Bewunderer der Künstlerin; Callas war 1969, als der Film entstand, als Sängerin, aber auch als Privatperson (Onassis hatte im Vorjahr Jacqueline Kennedy geheiratet) am Ende und hoffte, dass aus ihrer Freundschaft mit Pasolini trotz dessen Homosexualität mehr werden würde. Es handelt sich um den Versuch, zwei aus verschiedenen Quellen stammende Einsamkeiten bzw. deren Unmöglichkeit eines Zusammenfindens zu interpretieren, also die Psyche zweier auf ihrem jeweiligen Gebiet exzeptioneller Künstler auf die Bühne zu bringen. Tramontana hat die Situation entsprechend assimiliert und schreibt für die Callas lyrischere kantable Momente, für Pasolini ein eindringliches declamato, die einander ergänzen und am Schluss überlagern, die letzten Worte werden denn auch zusammen gesungen: „Solo / Sola“.

Das Werk sieht vier Personen vor, die allesamt hervorragend verkörpert wurden: Carmela Remigio, eine Interpretin, die mit ihrem neutral klingenden Sopran in zahlreiche Rollen schlüpfen kann, zeigte erneut, dass sie in ihrem Element ist, wenn es darum geht, schwierigen Persönlichkeiten auf der Bühne Leben zu verleihen. Und wer wäre da nicht besser geeignet als Maria Callas? Remigio ist es gelungen, die zum Mythos verklärte Sängerin als Menschen begreifbar zu machen, ohne sie je zu imitieren. Ganz großartig war auch Bruno Taddia, physisch ganz anders als Pasolini und dennoch mit dessen Ängsten und Zweifeln in jedem Moment geradezu greifbar. Auch Taddia ist trotz eines trockenen, an sich uninteressanten Baritons dazu berufen, in seinen Rollen der zu interpretierenden Figur ein Leben zu verleihen, das dazu bestimmt ist, dem Publikum

© Gianni Cravedi

einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Als Pasolinis Mutter, die naiv auf eine bürgerliche Eheschließung ihres Sohnes hofft, beeindruckte auch Caterina Meldolesi, denn die junge Sängerin gefiel in ausgezeichneter Maske nicht nur mit hochprofessionellem Spiel, sondern überzeugte auch mit schön timbriertem Mezzosopran. Eine ausgezeichnete Charakterstudie bot der Tenor Didier Pieri als „Il ragazzo“, Pasolinis Geliebtem Ninetto Davoli nachempfunden.

Die musikalische Leitung von Enrico Lombardi folgte am Pult eines nicht näher definierten Orchestra Filarmonica Italiana mit großer Sorgfalt dem musikalischen Geschehen auf der Bühne und verlieh den Zwischenspielen, in denen mir Tramontano ein perfektes Gleichgewicht zwischen Intellekt und Emotion zu erreichen scheint, den nötigen Klangreichtum. Davide Livermore hat mit Koregisseurin Mercedes Martini im geometrischen Bühnenbild von Eleonora Peronetti und den Kostümen von Anna Verde, die den jeweiligen Momenten am Filmset und in der Privatsphäre entsprachen, der Beleuchtung von Aldo Mantovani und den von D-WOK verantworteten Videos der seinerzeitigen Filmaufnahmen und von Artikeln der Tratschpresse eine mit Doubles der beiden Hauptdarsteller bevölkerte Inszenierung geschaffen, die dem Gegenstand und seiner Frage entsprach.

Starke Zustimmung bei dieser Reprise.

Eva Pleus 8. April 2026


Cronaca di un amore – Callas e Pasolini
Davide Tramontano
Teatro Municipale Piacenza

29. März 2026
Premiere am 27. März

Regie: Davide Livermore / Mercedes Martini
Musikalische Leitung: Enrico Lombardi
Orchestra Filarmonica Italiana