DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Musikverein für Steiermark

http://musikverein-graz.at/

Der Musikverein für Steiermark ist der zweitälteste Konzertveranstalter der Welt, der seit seiner Gründung Anfang des 19. Jahrhunderts ohne Unterbrechung tätig ist. In der Saison 2014/15 feiert der Musikverein sein 200-jähriges Bestehen. An dieser Stelle wird aus dem vielfältigen Konzertangebot regelmäßig über jene Veranstaltungen berichtet, die für den Opernfreund relevant sind.

 

 

 

 

ABSCHIEDSABEND ELISABETH KULMAN

Oper und Konzert verlieren eine ganz Große!

14. Oktober 2021, Graz, Stephaniensaal

 

Man will es einfach nicht glauben, was man seit einiger Zeit weiß und auch auf der Homepage von Elisabeth Kulman nachlesen kann:

 „Ich habe eine fantastische Karriere gehabt” Mit Ende des Jahres 2021 beende ich meine klassische Gesangskarriere. Über 30 Jahre stand ich – zunächst als Chorsängerin, bald als Solistin – auf den internationalen Bühnen und durfte Sie, geschätztes Publikum, und mich selbst durch mein Singen erfreuen. Ich gehe reich beschenkt und dankbar und möchte Sie ebenso zurücklassen …“

In den letzten fünf Jahren war das Projekt La femme c'est moi ein Herzensanliegen von Elisabeth Kulman. Das Projekt führte sie auf viele Konzertbühnen Österreichs und Deutschlands, aber auch nach Japan. Die Weltpremiere fand im Rahmen der Styriarte am 5.Juli 2016 statt.

 

 

 Nun fand die allerletzte Aufführung wiederum in Graz statt – dort, wo alles begonnen hatte. Auch diesmal stand im Progammheft eine Schlagzeile des Opernfreunds, die auch auf Kulmans Homepage und ihren Ankündigungen Eingang gefunden hatte:

Eine geniale Collage, die man erlebt haben muß.

Und es ist auch nach 15 weltweiten Aufführungen nach wie vor so: Man muß den Abend einfach live erlebt haben. Kein Text, keine Fotos und keine Medienaufzeichnungen können das unmittelbare Aufführungserleben nur annähernd ersetzen! Nicht umsonst gibt es im Internet keine vollständige Aufzeichnung – nur kleine Ausschnitte, die alle in Kulman'scher Gründlichkeit auf ihrer Homepage hier zusammengefasst sind. Und auch die Fotos des heutigen Abends sind nur von bescheidener Schnappschussqualität, für die ich mich entschuldige - die Fotos können nur so etwas wie Stichwortbringer sein. Das Elementarereignis Elisabeth Kulman entzieht sich der medialen Fixierung – damit wird schmerzlich bewusst, dass Elisabeth Kulman als Live-Künstlerin nicht zu ersetzen ist. Ihre Ton-und Bildträger helfen bloß ihrem Publikum, das sie selbst auf Bühne oder Konzertpodium erlebt hat, die Erinnerung wach zu halten.

Das Programm hat sich seit der Uraufführung, die ich miterleben und beschreiben durfte, weiter entwickelt. Zum kongenialen Instrumentalteam ist seit einiger Zeit auch eine Viola als achtes Instrument dazu gekommen. Ohne dieses exzellente Instrumentalteam wäre das Projekt nicht möglich. Elisabeth Kulman stellte die Mitglieder dem Grazer Publikum einzeln vor und nannte sie die weltbeste Band. Daher sollen auch hier zu Beginn alle Namen angeführt sein: Elisabeth Kulman Gesang | Idee | Konzept | Arrangements, Aliosha Biz Violine, Clara Schwaiger Viola, Tscho Theissing Diverse Instrumente | Arrangements, Franz Bartolomey Violoncello, Herbert Mayr Kontrabass, Gerald Preinfalk Klarinette | Saxophon, Maria Reiter Akkordeon und Eduard Kutrowatz Klavier – Ein Abend zwischen Oper, Chanson, Kabarett, Pop und Jazz

 

 

Schon der Beginn ist großartig in Szene gesetzt. Die Instrumentalisten betreten das Podium und beginnen mit einem improvisiert wirkenden Prélude, das nahtlos in das Vorspiel der Dalila-Arie mündet. Hoch über dem Konzertpodium öffnet sich die Türe (dort treten normalerweise im Stefaniensaal der Chor oder die Schlagzeuger und Blechbläser eines großen Orchesters auf) und Elisabeth Kulman erscheint – ganz in der strahlenden Pose der Operndiva. Sie schreitet während der Arie langsamen Schritts herunter - geradezu als käme sie direkt aus dem „Opernhimmel“ zu ihrem Publikum - und singt wahrhaft unvergleichlich die Dalila-Arie Mon coeur s'ouvre à ta voix . Der Kurier schrieb darüber bei der Premiere: so gut wie zurzeit garantiert keine andere! Das stimmt auch fünf Jahre später genau so – ja, für mich ist der noble warme Mezzoklang noch runder und dunkler geworden. Das Publikum spendet begeisterten Beifall - und Elisabeth Kulman sagt trocken das ist alles gelogen und geht bruchlos in Cole Porters I hate men über. Das alles hatte man schon erlebt – ebenso wie die nächsten Stücke. Aber es lag von Beginn an eine melancholische Abschiedsstimmung über den Programm. Der zentrale Punkt des ersten Teils waren zweifellos die a-capella und pianissimo mit fast gebrochener Stimme vorgetragene Paminen-Arie (Kulmans erster Opern-Soloauftritt vor ziemlich genau 20 Jahren an der Wiener Volksoper!) und nahtlos übergehend der zweite Teil von Schuberts Der Tod und das Mädchen, in dem Kulman zuletzt mit dem Rücken zum Publikum die Einladung des Todes zu sanftem Schaf in seinen Armen ungemein intensiv gestaltete. Unmittelbar anschließend folgte die große Szene der Marschallin au dem Rosenkavalier. Auch das war zutiefst berührend - wohl ebenso für Kulman, ihre Instrumentalisten, aber auch für das merkbar den Atem anhaltende Publikum!

Bei der Premiere im Jahre 2016 schien mir der zweite Teil primär drastisch-spektakulären Szenen gewidmet und ich schrieb damals: die Grenze zum Klamauk war nahe! Diesen Eindruck hatte ich diesmal gar nicht - diese drastischen karikaturhaften Szenen waren deutlich gekürzt, dafür ein überaus packender Schubertscher Erlkönig eingefügt.

 

 

Auch die Collage Eboli/Salome mit Cole Porters Miss Otis schien mir diesmal wesentlich ausgewogener – im Mittelpunkt stand klar die eiskalt agierende Miss Otis, deren Butler in höflichen Worten erklärt, warum sie nicht zum verabredeten Mittagessen erscheinen könne: sie war von ihrem Liebhaber sitzen gelassen worden und hatte ihn kurzerhand umgebracht. Unmittelbar, bevor sie vom Mob aufgeknüpft wird, bringt sie noch eine standesgemäß höfliche Entschuldigung vor, weshalb sie die bevorstehende Verabredung versäumen würde - Miss Otis regrets!

Nach dem Piaf-Schlager Non, je ne regrette rien  gab es tosenden Beifall und eine wohl einmalige Zugabe: Kulman als ein Gemisch von Verdis Falstaff und Lady Quickly Tutto nel mondo è burla. L'uom è nato burlone. Dieses Verdi-Medley war genial und endete mit einer Reverenza des gesamten Ensembles an das Publikum. Jene unter unserer Leserschaft, die Facebook nutzen, können auf dem FB-Acount des Generalsekretärs Dr. Michael Nemeth einen kleinen Video-Eindruck bekommen.

 

 

Der Publikumsjubel wollte nicht enden!

Heute und morgen singt Elisabeth Kulman mit den Bamberger Symphonikern Mahlers Rückert-Lieder. Dann kommen bis zum Ende dieses Jahres noch sieben Konzerte - alle genau auf Kulmans Homepage vermerkt. Und nach dem letzten Konzerttermin folgt auf ihrer Homepage jener Satz, mit dem ich meinen Bericht begonnen hatte

Mit Ende des Jahres 2021 beende ich meine klassische Gesangskarriere

 Ich bin sicher, dass Kulman ihre Entscheidung umsetzen wird. So sehr wir alle diesen Entschluss unendlich bedauern, eines ist sicher: Wir sind Elisabeth Kulman unendlich dankbar, was wir durch sie in den letzten beiden Jahrzehnten künstlerisch erleben konnten und wir wünschen ihr einen erfüllten weiteren Lebensweg!

 

Herman Becke, 17.10.21

 

 

 

GLANZVOLLE WAGNER-GALA
GASTSPIEL DER WIENER STAATSOPER IM MUSIKVEREIN GRAZ

Graz, Stephaniensaal

12. Oktober 2021

 

 

»Die Wiener Staatsoper hat ein Opernhaus für ganz Österreich zu sein. Es hat gute Tradition, dass sie diesem Auftrag auch durch Gastspiele innerhalb Österreichs nachkommt. Ich freue mich daher sehr, dass das erste Gastspiel der neuen Direktion uns in den Musikverein Graz führt — und umso mehr, als es von Musikdirektor Philippe Jordan, dem ehemaligen Chefdirigenten der Grazer Oper, geleitet werden wird.«
Dr. Bogdan Roščić, Direktor der Wiener Staatsoper

Der Grazer Musikverein unter seinem Chef Dr. Michael Nemeth hatte gut verhandelt und rasch zugegriffen. So konnte durch den coronabedingten Ausfall einer Japan-Tournee das erste Bundesländer-Gastspiel der Wiener Staatsoper unter dem neuen Staatsoperndirektor in Graz stattfinden. Das Konzert gilt als Auftakt zu einer engen Kooperation des Grazer Musikvereins mit der Wiener Staatsoper.

 

Das Programm bot wahrlich eine Gala:

Die Walküre, 1.Aufzug und nach der Pause aus derGötterdämmerung: Siegfrieds Rheinfahrt – Siegfrieds Trauermarsch – Brünnhildes Schlussgesang

 

Christian Thielemann sagte unlängst in einem Gespräch mit Elisabeth Kulman – etwa ab Minute 30:30 - zum Thema konzertante Opernaufführungen sinngemäß, der 1.Akt Walküre sei konzertant schön, aber werde erst durch einen guten Regisseur spannend. Elisabeth Kulman ist übrigens morgen für ihr Abschiedskonzert in Graz. Der OF wird berichten.

Diesmal muss ich Thielemann widersprechen: wir erlebten an diesem Abend in Graz ungemein spannendes Musiktheater, weil die erfahrenen Protagonisten genau jene von Thielemann so unverzichtbar genannte Spannung zwischen den drei Figuren durch Blickkontakte, Auf-und Abgänge, sparsame Gesten und Körperwendungen überzeugend zu vermitteln vermochten. Alle sind erfahren in ihren Partien, aber nur die überragende Anja Kampe hatte vor über 8 Jahren zweimal die Sieglinde an der Wiener Staatsoper gesungen. An der Wiener Staatsoper wird sie heuer als Senta und Kundry gastieren, bevor sie die Wozzeck-Marie in einer Neuproduktion unter Philippe Jordan darstellen wird. Mit der Sieglinde an der Seite von Placido Domingo gelang Anja Kampe vor Jahren an der Washington National Opera der internationale Durchbruch. Mit dieser Rolle gastierte sie mit größtem Erfolg bislang u.a. in Los Angeles, San Francisco, München, Berlin, Barcelona, Paris, London und Bayreuth.

Sie verstand es an diesem Abend ausgezeichnet, mit ihrer warmen, in allen Lagen und dynamischen Abstufungen meisterlich geführten Stimme und mit glänzender Textartikulation die Figur der Sieglinde berührend und überzeugend zu gestalten. Der Australier Stuart Skelton war als Siegmund ein adäquater Partner mit kraftvoller, nie ihren Stimmsitz verlierender Heldentenorstimme und mit bemerkenswert klarer Textartikulation. Eine kleine Anmerkung sei erlaubt: an einigen wenigen Stellen gelang der Übergang von Gesungenem zu Rezitativischem nicht ganz ohne Bruch, etwa gleich beim ersten Einsatz Wess Herd dies auch sei, hier muss ich rasten. Eindrucksvoll waren seine machtvollen, aber nicht aus dem Gesamtbogen fallenden Wälse-Rufe und die strahlenden Spitzentöne. Im Mai 2022 wird er in den beiden Ring-Zyklen der Wiener Staatsoper Siegmund sein und sicherlich auch dort überzeugen. Kwangchul Youn war der gebührlich-bedrohliche und bassgewaltige Hunding. Alle drei passten für mich übrigens sowohl stimmlich als auch in der Interpretation ideal zusammen.

 

 

Die überzeugenden Gesangsleistungen wären natürlich nicht möglich gewesen, hätte nicht das Orchester der Wiener Staatsoper mit Rainer Honeck am Konzertmeisterpult glanzvoll gespielt und einfühlam begleitet. Der Musikdirektor der Wiener Staatsoper Philippe Jordan übrigens auch ein „Walküren-Debütant“ an der Staatsoper! – leitete Orchester und Solisten ungemein konzentriert. Die Positionierung des Orchesters auf dem Podium mit den Solisten davor ermöglicht dem Publikum, so viele Details der Partitur nachzuhören, wie das bei szenischen Aufführungen – dort auch eventuell „abgelenkt“ durch Bühnenbild und Regie – nie möglich ist. Gleichzeitig besteht natürlich die Gefahr, dass das große Orchester die Stimmen in die Defensive drängt (wie ich es zuletzt beim Rosenkavalier in Stuttgart teilweise erlebt hatte). Dies geschah an diesem Abend überhaupt nicht – und das aus zwei Gründen: Die drei Stimmen sind genuine Wagner-Organe, die nie zu forcieren genötigt waren, und der Dirigent schaffte es immer vorbildlich, die Balance zwischen Stimmen und Orchester zu wahren und trotzdem die Vielfalt der Orchesterpartitur plastisch herauszuarbeiten. Nur zwei Beispiele seien herausgegriffen: die prachtvollen Cello-Soli und die furios-glanzvollen 25 Schlusstakte des 1.Aktes, deren umwerfende Brillanz sonst oft in der szenischen Aktion und dem Fallen das Vorhang ein wenig untergehen.

 

Nach der Pause folgten aus der Götterdämmerung nahtlos aneinandergefügt Siegfrieds Rheinfahrt, Siegfrieds Trauermarsch und Brünnhildes Schlussgesang. Ich hatte den Eindruck, dass nun Philippe Jordan und das Orchester geradezu entspannt und ganz dem Duktus der Partitur hingegeben musizierten – das war Wagnerorchesterklang auf allerhöchstem Niveau. Anja Kampe war eine in ihrer respekteinflößenden Ruhe und mit ihrem alles überstrahlenden (und nie forciertem!) Sopran eine maßstabsetzende Brünnhilde. Das zum allerletzen Mal in gleißender, narkotisch schwerer Süße aufblühende Wiedergeburt-Motiv (Zitat aus dem großartigen und leider nicht online verfügbaren Programmheftbeitrag von Harald Haslmayr) beschloss zweifellos einen bedeutenden Abend in der Geschichte des Grazer Musikvereins. Hier ein Bild der Verantwortlichen für dieses uneingeschränkte Musikglück - schade, dass der Konzertmeister des „weltbesten Opernorchesters“ nicht auch noch auf das Foto gebannt werden konnte:

 

 

Das Publikum im vollen Stefaniensaal spendete – mit einer atemanhaltenden Pause nach dem Verklingen des Schlussakkordes – heftigen und begeisterten Beifall samt Bravorufen. Natürlich stand auch Philippe Jordan – kurz vor seinem 47.Geburtstag - im Mittelpunkt des Beifalls. Viele im Publikum erinnern sich an die Jahre 2001 bis 2004, als er Chefdirigent der Oper Graz war. Ich erinnere mich ganz genau an seine erste Neueinstudierung: Eugen Onegin. Da war allen Kundigen im Publikum klar, dass der damals 27-jährige Philippe Jordan eine internationale Karriere machen würde. Übrigens haben auch die damals noch unbekannten Mariusz Kwiecień (Onegin) und Tamar Iveri (Tatjana) von Graz aus ihren Weg auf die internationalen Bühnen gemacht. Eines steht fest:

Wir können uns auf die angekündigte weitere enge Kooperation des Grazer Musikvereins mit der Wiener Staatsoper gespannt freuen!

 

Hermann Becke, 13.10.2021

 

Hinweise:

       - Auf den nächsten für Opernfreunde bedeutenden Termin des Grazer Musikvereins sei hingewiesen:

Samstag, 30.10.2021: Monteverdis Orfeo mit Rolando Villazon und L'Arpeggiata unter Christina Pluhar

 

 

 

DON GIOVANNI

Vorbildliche Förderung des Opernnachwuchses!

Graz, Stephaniensaal

 

17. September 2021

 

 

Das ist wahrlich effiziente Förderung des Opernnachwuchses! Da tun sich die Angelika-Prokopp-Sommerakademie der Wiener Philharmoniker, die MUK Privatuniversität der Stadt Wien und der Musikverein für Steiermark zusammen und stellen bereits seit fünf Jahren Opernprojekte auf hohem Niveau auf die Beine. Im Zentrum stehen die Opern von Wolfgang Amadeus Mozart – seit 2016 gab es Così fan tutte, Le Nozze di Figaro, La Clemenza di Tito, La Finta Giardiniera und diesmal Don Giovanni. Corona hatte alles sehr erschwert, aber gleichzeitig auch zu großer medialer Präsenz verholfen. Aufgrund der Einschränkungen durch COVID-19 konnte die von September 2020 auf Februar 2021 verschobene Aufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni auch im Februar nicht vor Publikum gezeigt werden. Stattdessen wurde die bereits geprobte Produktion im prachtvollen Stefaniensaal des Grazer Musikvereins für Video und Audio aufgezeichnet. Die hochkarätige HD-Produktion wurde am 22. August einem großen Publikumskreis zugänglich gemacht. ORF III strahlte die Aufnahmen im Rahmen der Sendung Erlebnis Bühne aus. Aber die Organisatoren ließen sich von all den Schwierigkeiten nicht davon abhalten, nun auch - endlich! - öffentliche Aufführungen mit Publikum zu ermöglichen. Und so erlebte das Grazer Publikum zur Saisoneröffnung gleichsam die Premiere. Drei weitere Aufführungen in Österreich folgen – siehe dazu die konkreten Hinweise am Ende des Berichtes.

 

 

Die Aufführung fand zwar im Konzertsaal statt, aber vermittelte dennoch unmittelbares und echtes Bühnenerleben. Man hatte im Saal die ersten zehn Sitzreihen herausgenommen und so eine praktikable Bühnensituation unter Einbeziehung des Orchesters geschaffen. Das szenische Leitungsteam Wolfgang Gratschmaier und Stephanie Schimmer-Regie, Florian Hurler-Choreografie, Alexandra Fitzinger-Kostüme ermöglichte eine sehr lebhafte Präsentation – vor allem geprägt von der jugendlichen Spielfreude der Ausführenden. Das Stück wurde markant gekürzt. Alle Chorszenen fielen weg, die erste Ottavio-Arie entfiel, ebenso der erste Teil des zweiten Finales und auch sonst gab es kleinere Kürzungen und Umstellungen. Dadurch war die Aufführung um gut eine Stunde kürzer als die heurige Castellucci/Currentzis-Version in Salzburg..... Einige unnötige Gags, wie z.B. das szenische Mitwirken des Dirigenten im Sextett des 2.Akts, seien nicht verschwiegen.

 

 

Alles in allem war eine durchaus kurzweilige und anregende Aufführung zu erleben – der Schwerpunkt lag deutlich auf giocoso und nicht auf dramma. Das solide Fundament des Abends bildete zweifellos die gute Leistung des Orchesters. Die Sommerakademie der Wiener Philharmoniker leitet seit über 10 Jahren Michael Werba, der ehemalige Solofagottist der Wiener Philharmoniker. Deklariertes Ziel der Akademiearbeit ist: Das Orchesterspiel in höchster Qualität hängt mit dem Aufeinander-Hören, Aufeinander-Eingehen und mit der Flexibilität zwischen den Musikern zusammen. Das wurde an diesem Abend – nicht zuletzt durch die enge räumliche Nähe von Orchester und Gesangssolisten – eindrucksvoll demonstriert. Daran hatte zweifellos auch der Dirigent des Abends einen wesentlichen Anteil: der 30-jährige Italiener – Student an der Musikuniversität Wien - Andrea Alessandrini leitete den Abend mit großem Engagement und ebenso großer Flexibilität, ohne je den spannungsvollen Zusammenhang zu verlieren.

 

 

Die Solopartien wurden nach einem Auswahlsingen unter 120 Teilnehmenden   besetzt. Es war wahrhaft eine bunte Schar aus China, Deutschland, Japan, Korea, Rumänien, Russland und Slowenien. Alle studieren an vier österreichischen Musikuniversitäten in Wien, Salzburg und Graz. Allen acht, die am Übergang vom Studium zur Berufskarriere stehen, ist generell ein hoher Grad an Rollenbeherrschung zu bescheinigen. Niemand fiel ab, alle waren mit merkbarer Begeisterung im Einsatz und man konnte eine ausgezeichnete musikalische Vorbereitung registrieren. Jinxin Chen war als Don Giovanni eine dominierende Bühnenfigur. Risa Matsushima steigerte sich als Donna Anna im Laufe des Abends zu einer sehr guten Leistung mit auffallend-schönen Pianophrasen. Anastasia Michailidi  gestaltete mit dramatischen Tönen eine überzeugende Donna Elvira und Diana Alexa war eine selbstbewußt-charmante Zerlina. Alle drei Damen waren recht drastisch als aktive und durchaus sex-betonte Figuren gezeichnet. Jongmin Kim war ein biederer Leporello, Niklas Mayer ein guter Don Ottavio mit schönem Timbre. Yichen Gao verkörperte den Commendatore mit gebührend voluminösem und helltimbriertem Bass. Peter Dolinšek war ein stimmkräftiger und markanter Masetto.

Es gab viel Beifall samt Bravo-Rufen für alle Ausführenden im gut besuchten Saal. Man freute sich über eine höchst anregende Aufführung. Den künstlerischen Leitern Michael Werba und Niels Muus sei ebenso wie dem Musikvereinsgeneralsekretär Michael Nemeth für diese vorbildliche Initiative zur Opernnachwuchsförderung ausdrücklich gedankt!

 

Hermann Becke, 18.9.2021

 

Hinweise:

 

- 2-Minuten-Youtube-Beitrag:

https://www.youtube.com/watch?v=HCp_fLUGElQ

 

        - Weitere Termine der Don Giovanni-Produktion – Besuch unbedingt zu empfehlen:

Sonntag, 19. September 2021 im Kulturzentrum Lenzing (Oberösterreich)

Sonntag, 26. September 2021 im Schloss Thalheim (Niederösterreich)

Donnerstag, 30. September 2021 im Mozartsaal (Wiener Konzerthaus)

 

       - Auf zwei besondere Termine des Grazer Musikvereins für Opernfreunde sei hingewiesen:

Dienstag, 12.10.2021: Konzertante Aufführung der Wiener Staatsoper mit Ausschnitten aus Walküre und Götterdämmerung unter Philippe Jordan

Samstag, 30.10.2021: Monteverdis Orfeo mit Rolando Villazon und L'Arpeggiata unter Christina Pluhar  

 

 

 

 

CAMILLA NYLUND – HELMUT DEUTSCH

Ideale Liedpartnerschaft

1. Liederabend wieder mit Publikum!

 

26. Mai 2021

 

 

Beim letzten Liederabend von Camilla Nylund mit Helmut Deutsch in Österreich - an der Wiener Staatsoper am 15.Juni 2020 - waren coronabedingt nur 100 Personen als Publikum zugelassen. Nun lässt endlich die Pandemie nach - so konnten im Grazer Stephaniensaal rund 600 Liedbegeisterte dabei sein und Camilla Nylund sprach aus, wie bewegt sie sei, erstmals nach 8 Monaten wieder vor Live-Publikum singen zu dürfen. Die Eckpunkte des Grazer Konzertes waren zwei Liedgruppen, die vor einem Jahr auch auf dem Programm an der Wiener Staatsoper standen: Jean Sibelius und Richard Strauss.

 

Die Zeitgenossen Sibelius und Strauss haben dem Klavierlied einen beträchlichen Teil ihrer Schaffenskraft gewidmet: Sibelius schrieb über 90, Strauss über 150 Lieder. Doch wie unterschiedlich ist ihr Zugang! Bei Jean Sibelius dominiert stets die naive Kraft der melodischen Erfindung, die Singstimme hat die Führung, der Klaviersatz ist schlicht begleitend. Richard Strauss ist der Schöpfer des theatralisch-brillanten Podiumsliedes mit eigenständigem und virtuosem Klaviersatz. In diesem Sinne war das Programm klug aufgebaut – zu Beginn sieben Lieder von Jean Sibelius, alle auf schwedische Texte, alle Liebesempfindungen und Naturbilder verbindend. Camilla Nylund spannte große Stimmbögen, stimmlich in allen Lagen und dynamischen Facetten bewundernswert ausgewogen, gleichzeitig fein nuanciert, sodass das Publikum trotz fehlender Sprachkenntnisse folgen konnte. Helmut Deutsch war hier der feinfühlig mitgestaltende Partner am Klavier. Schön, dass man wieder einmal einige der in unseren Breiten nur selten aufgeführten Sibelius-Lieder miterleben konnte.

 

Die abschließenden vier Strauss-Meisterstücke op. 27 waren für mich der Höhepunkt des Abends: Zunächst die dionysisch-losbrechende Heimliche Aufforderung, dann das monodisch-feierliche Ruhe, meine Seele, gefolgt von der wundervollen Glücksvision Morgen und zum Schluss die stürmisch-lebensbejahende, fast opernhafte Cäcilie. Camilla Nylund, derzeit wohl eine der führenden Strauss-Interpretinnen auf der internationalen Opernbühne, und Helmut Deutsch, der erfahrene Meisterbegleiter, boten mit diesen vier Strauss-Liedern eine unvergleichliche Interpretation – beide in absoluter Bestform! Nylund gestaltete mit souveräner Textausdeutung, bewies neuerlich ihre absolut ausgewogene Stimmführung mit idealem Strauss-Timbre und krönte den Abend mit einem strahlenden hohen H in der Cäcilie. Und Helmut Deutsch brillierte mit einer idealen Gestaltung des der Stimme gleichrangigen Klavierparts. Zwei Beispiele: in Ruhe meine Seele gelang es ihm, mit den gehaltenen langen Akkorden bis zum Ende eine spannungsvolle Intensität zu entwickeln und diese in den letzten beiden Takten im pp mit der Dreiklangszerlegung aufzulösen. Ebenso meisterhaft das Vorspiel zu Morgen und vor allem die Generalpause vor dem fünftaktigen Nachspiel.

Bei den Strauss-Lieder erlebte man dankbar das, was ich im Titel dieses Beitrag als ein ideale Liedpartnerschaft genannt hatte und was man nur im Live-Musizieren mit Publikum erleben kann – wie wunderbar, dass dies nach fast neunmonatiger Pause wieder möglich ist, wenn auch beeinträchtigt durch den Zwang, als Publikum den ganzen Abend Maske zu tragen!

Zwischen den Sibelius- und Straussblöcken gab es zunächst die bekannten Zigeunermelodien von Antonín Dvořák. Da gingen die rhythmischen Impulse primär vom Pianisten aus. Camilla Nylund sang aus Noten – wie immer klanglich wunderschön, wenn auch nicht mit der von ihr gewohnten Textpräzision und -ausdeutung. In Erinnerung bleibt vor allem die ruhige Schönheit von Rings ist der Wald so stumm und still. Dann folgten vier Lieder von Gustav Mahler. Camilla Nylund hatte in einem Zeitungsinterview aus Anlass des Grazer Konzertes gesagt: Lieder von Mahler habe ich bisher kaum gesungen, und sie waren eine große Entdeckung für mich, und sie passen auch gut zu meiner Stimme. Mahlers Lieder spiegeln für mich die österreichische Seele wider. Die Mahler-Lieder gelangen in der Partnerschaft Sopran/Klavier ganz wunderbar und überzeugend.

Nochmals sei erwähnt, dass für mich die den Abend abschliessenden Strauss-Lieder der Höhepunkt eines maßstabsetzenden Liederabends waren Es kam mir ein Zitat in den Sinn, das an diesem Abend nicht nur für Wort und Musik, sondern auch für Sängerin und Pianist gelten mag:

„Vergebliches Müh'n, die beiden zu trennen. In eins verschmolzen sind Worte und Töne - zu einem Neuen verbunden. Geheimnis der Stunde. Eine Kunst durch die andere erlöst!“ (Richard Strauss/Clemens Krauss Capriccio: Die Gräfin in ihrem Schlussmonolog). Camilla Nylund hatte gerade erst in Dresden unter Thielemann die Gräfin gesungen - die Aufzeichnung der vollständigen Aufführung ging am 22.5. online und ist sehr zu empfehlen!

Zwei Zugaben: Gustav Mahlers Wer hat das Liedlein erdacht? Und etwas überraschend Franz Lehars Warum hast du mich wachgeküßt?

 

 

Am Ende dieses großen Liederabends wurde Helmut Deutsch die Urkunde über die Ehrenmitgliedschaft des Grazer Musikvereins überreicht – vor 50 Jahren ist er erstmals in Graz als Cembalist aufgetreten und 1972 begleitete er seinen ersten Liederabend im Graz Stephaniensaal, dem seither ungezählte folgten. Helmut Deutsch wurde vom Publikum begeistert gefeiert – alle freuen sich auf seine nächsten Auftritte in Graz: mit Krassimira Stoyanova am 20.1.2022 und mit Piotr Beczała am 27.6.2022 – das vollständige Jahresprogramm 2021/2022 findet sich hier

 

Hermann Becke, 27.5.2021

 

Hinweise:

-        Camilla Nylund im Hauskonzert bei André Heller im November 2020 mit Videoausschnitt – ich erinnere mich, dass dieses im TV übertragene Hauskonzert auf uneingeschränkte Zustimmung, ja Begeisterung des Publikums gestoßen war.

 

 

 

-       Vorschau auf eine weitere Zusammenarbeit Camilla Nylund/André Heller: American Songbook . Dazu ein Zeitungsvorbericht und ein ganz aktuelles 3-Minuten-Video aus der Ton-Probenarbeit (ab 25.5. nur für 6 Tage verfügbar!)

-        Video-Interview Helmut Deutsch und der Musikverein Graz

 

LEO NUCCI – JAMES VAUGHAN

Belcanto-Altmeister begeistert!

Graz, Stephaniensaal

15. 10. 2020

 

Der alljährliche Liederabendzyklus des Musikvereins für Steiermark ist immer sehr prominent besetzt. Diesmal begann er mit Leo Nucci  am Flügel exzellent begleitet vom irischen Pianisten James Vaughan. Das war natürlich kein herkömmlicher Liederabend, sondern eine Demonstration höchster italienischer Gesangskunst am Beispiel von berühmten Opernszenen. Es war im Grunde jenes Programm, das am 13. März 2019 in der Wiener Staatsoper anlässlich von KS Leo Nuccis 40-jährigem Staatsopernjubiläum erklungen war. Da kann ich mich nur den Worten von Dr. Peter Dusek anschließen, der damals in seiner Kritik schrieb: Es gibt sie ja doch – Persönlichkeiten, die die Gesetze der „Zeit“ widerlegen: Leo Nucci ist einer davon. Der 1942 in der Nähe von Bologna geborene Bariton debütierte vor 40 Jahren an der Wiener Staatsoper und lieferte 4 Jahrzehnte später ein phänomenales Solistenkonzert mit dem ausgezeichneten britischen Pianisten James Vaughan.

Und ich kann nur wiederholen, was ich bereits im Jahre 2015 geschrieben hatte, als Leo Nucci – damals begleitet von einem philharmonischen Kammerensemble – das erste Mal in Graz auf dem Konzertpodium zu Gast war:

Allen, die sich für italienische Gesangstechnik ernsthaft interessieren, kann man nur dringend empfehlen, Künstlern wie Leo Nucci aufmerksam zuzuhören und sie genau zu beobachten. Da erlebt man, was Atemstütze - appogiare la voce - bedeutet: die optimale Verankerung der Stimme im Körper und ein ruhiges Fließen des Atems, ohne die Luft zu stauen. Leo Nucci bewies an diesem Abend, dass mit einer perfekten italienischen Gesangstechnik auch im fortgeschrittenen Alter … jene großen Melodiebögen gespannt werden können, die für die italienische Belcantoliteratur unverzichtbar sind.

 

Beginnen wir aber zunächst mit dem Pianisten, der zum ersten Male in Graz zu erleben war: James Vaughan erwies sich als ein perfekter Gestalter der Opernpartituren. Das begann schon mit dem brillanten Beginn bei der Einleitung zu Leoncavallos Prolog des Tonio und setzte sich den gesamten Abend fort. Ihm gelang es immer, den Orchesterklang erlebbar zu machen und mit Sensiblität auf die Bedürfnisse des Sängers einzugehen – kein Wunder, ist er doch ein ungeheuer erfahrener Opernkorrepetitor, den Ricardo Muti an die Mailänder Scala geholt hatte. Seit damals begleitete James Vaughan regelmäßig Leo Nucci bei dessen Recitals. Es ist reizvoll, dies etwa auch bei zwei Nummern des Abends zu vergleichen: auf youtube kann man Nucci und Vaughan sowohl bei Tostis Non t'amo più als auch im großen Monolog des Gérard aus Giordanos Andrea Chénier in einem Mitschnitt aus der Mailänder Scala des Jahres 2009 nacherleben. Aber zusätzlich zu den Opernszenen überzeugte James Vaughan auch mit zwei Solostücken als subtiler Gestalter: nämlich mit Clair de lune aus der Suite bergamasque von Claude Debussy und mit dem effektvollen Klagelied aus dem Klavierzyklus Goyescas von Enrique Granados. Das waren keine „Lückenbüsser“ zwischen den Gesangshits, sondern klug ausgewählte eigenständige Beiträge des Pianisten.

Bei seinem ersten Auftritt in Graz vor fünf Jahren war bei Leo Nucci eine leichte abendliche Indisposition zu registrieren. Diesmal – immerhin bereits im 79. Lebensjahr stehend – war Leo Nucci prächtig disponiert und kostete den Abend voll aus. Natürlich hat seine Stimme nicht mehr die warm-füllige Breite vergangener Jahre (das versucht er, ein wenig mit verstärkter Nasenresonanz auszugleichen), aber sein langer, ruhiger Atem, seine Fähigkeit, wunderbare Legatobögen zu spannen, und die glanzvoll-metallischen Spitzentöne sind bewundernswert – ein wahrhaft großer Künstler!

Das offizielle Programm war corona-bedingt ohne Pause auf 55 Minuten beschränkt – 6 große Opernszenen, 2 Lieder von Tosti und die beiden erwähnten Klavierstücke. Aber im Zugabenteil gab es dann noch drei große Opernhits (Rigoletto, La Traviata und Andréa Chenier) und zwei neapolitanische Lieder, diese von James Vaughan auswendig begleitet – auch das ein Gag, den die beiden bereits an der Mailänder Scala vor über 15 Jahren erprobt hatten. Schon damals war bei Non discordar di me das Publikum zum Mitsingen eingeladen. Diesmal in Graz sagte Maestro Nucci knapp und keinen Widerspruch duldend zum Publikum: Maske weg, mitsingen! Das ließ sich das Grazer Publikum nicht zweimal sagen und sang beherzt den Refrain mit, wie auf der Facebook-Seite des Musikvereins nachgehört werden kann.

Das Publikum war begeistert – man hatte einen großen, einen sympathischen Sänger erleben dürfen, der das Konzertpodium wahrhaft zur Bühne machte. Jede Figur war ehrlich gestaltet und erfüllt – trotz der eminenten Routine einer über 50-jährigen Bühnenkarriere entstand für das Publikum jede Rolle im Moment der Wiedergabe neu. Das kann man nur in einem Live-Konzert erleben und wir sind dankbar, dass uns der Musikverein solche Erlebnisse ermöglicht.

 

Hermann Becke, 16. 10. 2020

 

Wichtiger Hinweis:

Es geht in Graz vokal hochkarätig weiter: im Oktober und November kommen JUAN DIEGO FLOREZ und CÉCILE RESTIER, dann ELĪNA GARANČA und MALCOLM MARTINEAU und zuletzt als Ersatztermin für das in der vorigen Saison ausgefallene Konzert PIOTR BECZAŁA und HELMUT DEUTSCH 

Für Opern- und Stimmfreunde lohnt sich also wahrlich die Reise nach Graz!

 

 

 

 

 

 

 

RENÉ PAPE - CAMILLO RADICKE

Opernstar als Liedgestalter

Stephaniensaal Graz am 19. 12. 2019

 

René Pape und Camillo Radicke waren im April vorigen Jahres zu Gast im Grazer Lied-Zyklus und wurden damals vom Publikum begeistert aufgenommen. Es ist also gut verständlich, dass der Grazer Musikverein die Chance nutzte und das Lied-Duo einlud, unmittelbar nach seinem Liederabend an der Wiener Staatsoper erneut in Graz zu gastieren. Das Programm in Graz war ident wie drei Tage davor in Wien:

WOLFGANG AMADEUS MOZART: “Die ihr des unermesslichen Weltalls Schöpfer ehrt”
HUGO WOLF: Drei Lieder nach Gedichten von Michelangelo

FRANZ SCHUBERT: Der Einsame, An den Mond, Lachen und Weinen, Heidenröslein, Wonne der Wehmut, Der Musensohn, An die Musik, Lied eines Schiffers an die Dioskuren, Prometheus
--- Pause ---

ROGER QUILTER (1877 - 1953): Drei Lieder nach Gedichten von William Shakespeare, op. 6

JEAN SIBELIUS (1865 – 1957): An den Abend, Im Feld ein Mädchen singt, Schwarze Rosen, Der Span auf den Wellen, Mädchen kam vom Stelldichein, Der erste Kuß op. 37/1, Be still, my soul

Die Eindrücke des ersten Abends im Jahr 2018  haben sich für mich bestätigt, ja verstärkt. René Pape, unbestrittener Weltstar auf der Opernbühne, singt nur wenige Liederabende und hat dabei ein fixes, nicht allzu großes Liedrepertoire, aus dem er das jeweilige Abendprogramm zusammenstellt. Das in Graz vorgetragene Programm sang er nicht nur wenige Tage davor mit großem Erfolg an der Wiener Staatsoper (siehe dazu diese Kritik), sondern es setzt sich aus im Internet nachzuhörenden Programmbausteinen zusammen, die 2012 in Barcelona und 2017 bei der Schubertiade erklangen. Die Quilter-Lieder hatte überdies René Pape bereits im Vorjahr in Graz auf dem Programm.

René Pape war hörbar um eine liedgerechte Stimmführung seines mächtigen Prachtorgans bemüht, aber speziell im ersten Teil bei Mozart, Wolf und Schubert fiel vor allem in der Höhe immer wieder ein opernhaftes Forte deutlich aus dem Rahmen der Liedlinie. Dazu kam, dass sehr breite, ja statische Tempi gewählt wurden, und man hatte ein wenig den Eindruck, dass sich René Pape im ersten Teil des Abends nicht wohl fühlte, ja mit sich selbst nicht ganz zufrieden war. Dazu trug meiner Meinung nach die wenig flexible Begleitung des routinierten Pianisten Camillo Radicke bei, mit dem René Pape seit Jahren zusammenarbeitet. Bei Mozart klang das Klavier pathetisch und ohne plastische Frische. Bei Hugo Wolf fehlten mir die spätromantischen Rubati, die dafür bei Franz Schubert etwa in den Nachspielen erklangen, wo doch schon der große Liedbegleiter Gerald Moore geschrieben hatte, dass die Nachspiele a tempo zu spielen seien. Auch im biedermeierlich-skurrilen Einsamen war für mich die Klavierbegleitung mit ihrem stereotypen Achtel-Staccato farblos und eher die Gesangslinie bremsend.

Nach der Pause erlebte man einen wesentlich entspannteren Sänger - er hatte den Frackkragen geöffnet und einleitend bemerkt, noch nie habe er in Österreich im Winter so transpiriert…..

Man freute sich, die Shakespeare-Sonette von Roger Quilter in der Interpretation von René Pape neuerlich zu hören. Das war nach dem recht steif gelungenen ersten Konzertteil eine willkommene Auffrischung - übrigens sei allen Interessierten die ungeheuer lebensvolle Quilter-Wiedergabe auf der CD von Bryn Terfel und Malcolm Martineau empfohlen. Interessant war dann die Begegnung mit den selten aufgeführten Liedern von Jean Sibelius - ich habe sie in der Interpretation von Kim Borg und Erik Werba in Erinnerung. Deren Aufnahme ist immer noch maßstabsetzend. René Pape sang die Lieder in deutscher Übersetzung und mit vorbildlicher Textartikulation, die ihn übrigens den ganzen Abend bei allen Liedern auszeichnete.

Während des Abends gab es zwischen den Liedgruppen erstaunlich sparsamen Beifall - am Ende allerdings wurde das Liedduo mit großem Beifall und Bravo-Rufen bedankt. Dann gab es die bei René Pape üblichen beiden Zugaben und ich kann nur das wiederholen, was ich bereits im Vorjahr geschrieben hatte:

Zwei klug gewählte Zugaben gewährten die Künstler - zuerst mit breiter Opernstimme die Zueignung von Richard Strauss und dann die Miniatur von Robert Schumann Wenn fromme Kindlein schlafen gehen. Bei diesem Kinderlied registrierte man zwar wieder die stimmlichen Grenzen des großen Opernheroen René Pape im kammermusikalischen Lied, aber es war so charmant vorgetragen, dass sich die Begeisterung des Publikums geradezu noch steigerte.

Und diesmal gab es eine dritte, eine vorweihnachtliche Zugabe: drei Strophen aus dem auf Deutsch und auf Latein mit posaunengleicher Stimmpracht vorgetragenen Weihnachtslied „Nun freut euch, ihr Christen - Adeste fideles“.

Man hatte an diesem Abend das ernsthafte Bemühen eines Opernweltstars um das Lied erlebt - das ist zu würdigen und dafür ist zu danken. Ein wenig wurde man an den jüngeren Kollegen Günther Groissböck erinnert, der sich auch um das Lied bemüht - René Pape ist auf diesem Wege schon weiter, aber auch bei ihm erlebt man, wie schwer es ist, sowohl in der Oper als auch in der Liedinterpretation Weltspitze zu sein. Übrigens: der erwähnte Günther Groissböck übernimmt für René Pape die Partie des Baron Ochs bei der Neuinszenierung von DER ROSENKAVALIER, die am 9. Februar 2020 in der Regie von André Heller und unter der musikalischen Leitung von Zubin Mehta in Berlin Premiere feiern wird. Die nächsten Auftritte von René Pape findet man hier - Liederabende sind bisher nicht vorgesehen.

 

Hermann Becke, 21.12.2019

 

Nächster Abend im Lied-Zyklus in Graz: 9.2.2020 - dazu die Ankündigung des Musikvereins: „Philippe Jaroussky, der 2017 mit dem Ensemble L’Arpeggiata debütierte und auch bei den Salzburger Festspielen begeisterte, gastiert nun im Liederabendzyklus. Mit seinen Interpretationen von Schubert-Liedern präsentiert der französische Countertenor eine Hommage an das Ehrenmitglied des Musikvereins“ Es wird sehr interessant sein, die Schubert-Interpretationen

 

 

KRASSIMIRA STOYANOVA mit der Harfenistin ANNELEEN LENAERTS

Kostbar-farbenreiche Herbsttöne!

Stefaniensaal Graz am 2. 12. 2019

 

 

 

Die bulgarische Sopranistin Krassimira Stoyanova gehört unbestreitbar seit Jahren zu den besten Sopranistinnen der Opernwelt. Seit über 20 Jahren singt sie die großen Rollen ihres Fachs an der Wiener Staatsoper. Sie war und ist außerdem an führenden internationalen Bühnen tätig (Salzburger Festspiele, Met, Covent Garden, Mailänder Scala, Opéra Bastille Paris, München, Hamburg, Berlin, Dresden, Zürich, Rom, Tel Aviv, Barcelona, Amsterdam, am Teatro Colón). Seit Herbst 2019 leitet sie an der Wiener Musikuniversität eine Gesangsklasse und wohl nicht zuletzt deshalb reduziert sie ihre internationalen Opernauftritte, wie man ihrer Homepage entnehmen kann. Zusätzlich zu den Opernauftritten gestaltete sie seit Jahren regelmäßig Liederabende - auch in Graz konnten wir sie 2012 als überzeugende Liedinterpretin erleben. Diesmal hatte sie sich eine interessante Partnerin gewählt: die junge belgische Harfenistin Anneleen Lenaerts  - sie ist seit 2010 - mit damals 23(!) Jahren als Nachfolgerin von Xavier de Maistre - Soloharfenistin der Wiener Philharmoniker.

Doch bevor der Abend beginnen konnte, trat der künstlerische Leiter des Musikvereins Michael Nemeth auf das Podium und gedachte des Todes von Mariss Jansons. Der große Dirigent war nicht nur mit Graz verbunden, wo er die Jubiläumssaison 2014/15 mit dem Royal Concertgebouw Orchestra eröffnet hatte, sondern es gibt auch wichtige Bezüge zu den beiden Solistinnen des Abends: Krassimira Stoyanova hat wiederholt mit Jansonss gearbeitet - es sei als Beispiel auf die CD_Aufnahmen von Beethovens 9.Sinfonie und Verdis Requiem hingewiesen. Und für die junge Harfenistin war es 2012 ein besonderes Erlebnis, unter Mariss Jansons ihr erstes Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern zu spielen - und da gleich mit einem Solo bei Tschaikowskys Dornröschen.

Im Gedenken an Mariss Jansons wurde das Programm umgestellt. Man begann mit den Rachmaninow-Liedern und beendete den ersten Konzert-Teil mit den Vier letzten Liedern von Richard Strauss - auch das ein ganz besonderer Bezug zu Jansons, hatte er doch 2014 in Graz Tod und Verklärung von Richard Strauss dirigiert, und zu den Eichendorff-Worten Ist dies etwa der Tod? zitiert der greise Richard Strauss im Lied Im Abendrot das Auferstehungsthema aus seinem Jugendwerk Tod und Verklärung. Es war wahrhaft ein würdiges Gedenken an eine der bedeutendsten Musikerpersönlichkeit unserer Zeit.

Die Harfenbegleitung hat bei der Liedbegleitung einen speziellen Reiz - allein durch das geringere Klangvolumen hört man genauer hin als beim üppigen Klavierklang. Wenn allerdings die Harfe einen vollen Orchestersatz ersetzen soll, dann fehlt einfach die reiche Klangpalette - und es sei nicht verschwiegen, dass man gerade bei den Vier letzten Liedern den Orchesterklang vermisste. Stoyanova und Lenaerts sind nicht die ersten, die sich an dieses Meisterwerk gewagt hatten. Das Duo Diana Damrau/Xavier de Maistre trat bei den Salzburger Festspielen mehrfach mit Straussliedern auf, darunter auch mit einzelnen der Vier letzten Lieder. Natürlich: Stoyanova gestaltet die Lieder mit ihren großen Melodiebögen souverän - wenn auch manchmal mit ein wenig ungewohnten Atemstellen - und Lenaerts spielt ihren Part mit ruhig-konzentrierter Versenkung. Das beeindruckt - aber wie gesagt: der üppige Klang des Instrumentationsmeisters Richard Strauss fehlte mir doch ein wenig.

Die virtuosen Rachmaninow-Lieder zu Beginn wurden von beiden Damen effektvoll präsentiert - das war in dieser Version durchaus gleichwertig zur Originalfassung mit Klavier, die ich noch von Stoyanova  aus dem Jahre 2012 in Erinnerung hatte - damals mit dem Pianisten Jendrik Springer.

Der zweite Teil begann mit einem Solostück für Harfe, einer Fantasie über Themen aus Tschaikowskys Eugen Onegin - eine stimmungsvolle Überleitung zum Opernteil. Und in den vier Opernszenen war Großartiges zu erleben! Krassimira Stoyanova gelang es wunderbar, die jugendlichen Frauengestalten mit ihrer technisch perfekt geführten Prachtstimme lebendig werden zu lassen. Es ist wahrlich ein besonderer Reiz, wenn die reife Sängerin alle Facetten der Szenen vom silbrigen Pianoklang über das warm-üppige Forte bis zur dramatischen Attacke völlig bruchlos und ohne jegliche Schärfe zum Erklingen bringt. Man weiß nicht, welch der vier Figuren überzeugender war. Die Tatjana in ihrer Briefszene aus Eugen Onegin war nicht das impulsive junge Mädchen, sondern eine lebenserfahrene Frau - ebenso die Rusalka in ihrer Mondarie, eine reife Göttin und nicht eine mädchenhafte Nixe. Virtuos gelengen die Piani in Cileas Adriana, der strahlenden Bühnenkünstlerin. Und zum Schluss die Pace-Szene der Leonora aus Verdis La forza del destino. Hier konnte die Stoyanova all ihre Stärken zeigen: schwebende piani, großartige Legato-Phrasen und packende dramatische Ausbrüche - und das alles immer technisch perfekt, in vollendeter Intonation mit reichen Klanfarben und ohne hörbare Registerübergänge.

Man erlebte an diesem Abend einen sympathisch-uneitlen Weltstar auf dem Höhepunkt der immensen Erfahrung eines Sängerlebens - ja, es waren kostbar-farbenreiche Herbsttöne einer prachtvollen Stimme! Das Schweizer Publikum kann sich freuen - das Duo wiederholt dort am 5. Dezember im Opernhaus Zürich diesen Abend.

 

 

Am Ende gab es warmen Applaus mit vielen Bravo-Rufen für beide Künstlerinnen. Der Musikvereinschef eilte mit Blumensträußen auf die Bühne. Leider gab es trotz des großen Beifalls nur eine einzige  Zugabe - die allerdings war außerordentlich und berührend: Marias Wiegenlied aus Tschaikowskys Mazeppa. Der Musikverein hat diese Zugabe auf seiner Facebook-Seite auf Video festgehalten. In der originalen Orchesterversion kann das Stück auf dieser CD (Slawische Opernarien) von Krassimira Stoyanova nachgehört werden

 

3. 12. 2019, Hermann Becke

 

 

 

Maria Mudryak - Piotr Beczała

Francesco Ciampa - Grazer Philharmoniker

Festkonzert als Saisonabschluss

Stephaniensaal Graz

25. 6. 2019

 

Gerade erst wurde der polnische Tenor Piotr Beczała, wohl derzeit einer der bedeutendsten Vertreter in seinem Fach, an der Wiener Staatsoper nach einer Tosca-Vorstellung auf offener Bühne mit dem Titel Kammersänger geehrt - und zwei Tage später war er der Stargast eines Festkonzertes des Grazer Musikvereins, wohl sein erstes Auftreten als österreichischer Kammersänger. Eigentlich war ja für dieses Festkonzert ursprünglich der große Bariton Leo Nucci vorgesehen - wie übrigens auch heute noch auf der Homepage der 25-jährigen kasachisch-italienischen Sopranistin Maria Mundryak zu lesen ist. Aber Leo Nucci musste absagen, und es gelang Generalsekretär Dr. Michael Nemeth, wahrhaft einen großartigen „Ersatz" zu finden. Michael Nemeth wurde an diesem Abend öffentlich gefeiert - er ist seit 10 Jahren sehr erfolgreich Generalsekretär und künstlerischer Leiter des Musikvereins für Steiermark. Musikvereinspräsident Franz Harnoncourt-Unverzagt pries in seiner kurzen Laudatio unter anderem die besondere internationale Vernetzung von Michael Nemeth - die hat Nemeth auch diesmal bewiesen und Graz wieder zu einem großartigen Opernabend im Konzertsaal verholfen.

Piotr Beczała war an diesem Abend in absoluter Prachtform und es war sehr interessant neben einander den ungemein erfahrenen, absolut stilsicheren, glänzend phrasierenden Belcantisten und die halb so alte, ehrgeizig-aufstrebende Sopranistin zu erleben.

Dazu ein markantes Beispiel: Die erste Solonummer war die Ariette der Juliette aus Gounods Roméo et Juliette Ah! Je veux vivre. Da lernte man mit Maria Mundryak eine blendend aussehende junge Dame kennen, die ihre Partie auf technisch hohem Niveau beherrscht und die der Resonanzbildung ihres Organs deutlich den Vorzug vor klarer Textartikulation gibt. Es ist eine zarte Stimme, die für mich unnötig versucht, das Volumen zu vergrößern und die auch noch an der sprachlichen Präzision und Authenzität arbeiten wird müssen.

Und dann tritt nach ihr Piotr Beczała auf und beginnt mit der Cavatine des Roméo. Welchen Klang- und Facettenreichtum vermag er gleich in den ersten vier Tönen zu vermitteln - zweimal L’amour, zuerst als Terz-Schritt und dann als verminderte Quint! Hören Sie sich das hier an - dann werden Sie sicher verstehen, was ich meine. Die junge Maria Mundryak wird zweifellos ihren Weg machen - Piotr Beczała hat diesen Weg bereits hinter sich und steht auf dem Höhepunkt seines Könnens. Man weiß gar nicht, welche seiner an diesem Abend interpretierten Stücke man herausgreifen soll - daher seien sie einfach zunächst chronologisch aufgezählt: Gounods Roméo, Verdis Alfredo, die beiden Cavaradossi-Arien und zum Schluss Léhar und nochmals Verdis Alfredo. Ich behaupte ganz einfach: keines dieser Stücke kann man besser singen und gestalten - da stimmte einfach alles: das Timbre, die Phrasierung, die glänzenden Spitzentöne und das alles zwar mit berechtigtem Selbstbewusstsein, aber nie mit oberflächlicher Eitelkeit vorgetragen. Piotr Beczała war auch ein charmant-kollegialer Partner für die junge Sopranistin. Das erlebte man auch in dem kleinen video , das die beiden Solisten mit dem Dirigenten für das Grazer Konzert gestalteten.

 

Maria Mundryak hat sicher alle Voraussetzungen, eine große Karriere zu machen. Man wird sehen, was sie aus ihrem reichen Talent machen wird. Derzeit zählt sie zu den Zehn-Größten-in-Kasachstans-Kulturszene - man wird interessiert verfolgen, wo sie sich in der Weltszene einreihen wird. In wenigen Tagen ist sie jedenfalls bei einem Open-air-Konzert in New York - da gibt es wieder Traviata-Ausschnitte, diesmal mit dem in Graz wohlbekannten jungen italienischen Tenor Antonio Poli. Und Piotr Beczała hat ein dichtes

Sommerprogramm in Barcelona, Bayreuth und Salzburg vor sich - wir in Graz freuen uns sehr auf sein Kommen im Oktober - siehe unten den genauen Hinweis.

 

Der Dirigent des Abends war Francesco Ciampa, der schon an einer Reihe von größeren Häusern dirigiert hatte und in der nächsten Saison an der Münchner Staatsoper debütieren wird. Ich gestehe, er hat mich nicht speziell beeindruckt. Am Anfang stand die Ouvertüre zu Verdis Les vêpres siciliennes - wohl noch aus dem für Leo Nucci geplanten Programm „übrig geblieben", hatte doch Nucci bei seinem Wiener Jubiläumskonzert an der Staatsoper den Montfort gesungen. Da gab es einen recht wackligen Einsatz und dann einen eher rau-polternden Verdi. Eindrucksvoll gelang allerdings mit den sehr gut disponierten Grazer Philharmonikern das Intermezzo aus Puccinis Manon Lescaut mit schönen Cello- und Viola-Solostellen. Sonst erlebte man eher Kapellmeister-Routine - aber das ist ja nicht gering zu schätzen, wenn das Orchester sehr gut ist und die Solisten im Mittelpunkt stehen.

Das Publikum war nach dem 70-Minuten-Programm (ohne Pause) begeistert und erklatschte noch drei Zugaben: Meine Lippen, die küssen so heiß aus Lehars Giuditta und Dein ist mein ganzes Herz aus Lehars Land des Lächelns - und ganz zum Schluss - natürlich - Verdis Libiamo aus der Traviata.

  

Hermann Becke, 26.6. 2019

 

 

  

Hinweis:

 

Am 13. Oktober kann man Piotr Beczała wieder in Graz erleben - dann in einem Liederabend mit Helmut Deutsch am Flügel und mit Liedern von Stanisław Moniuszko | Mieczysław Karłowicz | Pjotr I. Tschaikowsky | Richard Strauss - dringende Empfehlung!

 

 

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de