Interview: „Amanda Stojović“

Duško Miljanić.

Ein spontanes Treffen mit der Mezzosopranistin in Herceg Novi

Gestern Mittag ahnten wir noch nicht, dass wir uns heute gegenübersitzen würden. Am sonnigen Vormittag treffen wir uns im beleibten Café Gradska Kafana, während draußen das alljährliche Orangenfest die Altstadt von Herceg Novi (Montenegro) in Duft und Farben taucht. Über unseren Kaffeetassen öffnet sich der Blick auf die Bucht von Kotor, weit und blau unter klarem Himmel. Welche Sprache wir sprechen würden, wussten wir zunächst nicht, doch schnell wurde Englisch unser kleinster gemeinsamer Nenner.

Von den ersten Klaviernoten zur Opernbühne

MR: Wie kamen Sie ausgerechnet in einem Land ohne eigenes Opernhaus auf die Idee, Opernsängerin zu werden?

Amanda Stojović: Das ist eine gute Frage – ich stelle sie mir selbst auch manchmal. Musik war in meiner Familie immer präsent. Ich begann mit dem Klavierspiel an der Musikschule. Das lag nahe, denn meine Mutter spielte Klavier und Mandoline in dem in unserem Heimatort sehr bekannten Bokelji-Ensemble. Mein Vater sang als Tenor in einem Chor. Diese frühe Harmonie von Instrumental- und Vokalmusik hat mich geprägt, auch wenn meine Eltern keine professionellen Musiker waren.

Meine Leidenschaft für die Oper entflammte, als meine Eltern mich nach Belgrad (Serbien) mitnahmen, um Der Barbier von Sevilla zu sehen. Wir saßen in der ersten Reihe. Ich war von der Dramatik und von allem, was auf der Bühne geschah, völlig überwältigt. Dieses Erlebnis hat in mir eine tiefe, intuitive Verbindung zu dieser Kunstform geweckt.

Von da an besuchten wir bei jedem Aufenthalt in Belgrad Opernaufführungen und Sinfoniekonzerte. Meine Großeltern lebten in der Stadt und ich verbrachte fast alle Ferien dort.

Der Weg zur professionellen Sängerin

Nach meiner Grundausbildung am Klavier war für mich klar: Ich wollte unbedingt etwas mit Musik machen. Allerdings nicht als Instrumentalistin, sondern als Sängerin. Das war nicht leicht, denn in Montenegro gab es damals nur zwei Gesangsprofessorinnen. Ich nahm schließlich Unterricht bei einer von ihnen und besuchte parallel das klassische Gymnasium, da ich nicht sicher war, ob ich professionell als Sängerin tätig werden wolle und konnte. Die Prüfungen an der Musikschule legte ich extern ab. Gegen Ende meiner Schulzeit begegnete ich einer bekannten Gesangslehrerin aus dem ehemaligen Jugoslawien, Radmila Smijanić, die mich nach einem Vorsingen eindringlich ermutigte, Gesang zu studieren, um professionell als Sängerin zu arbeiten. So führte mein Weg nach Belgrad.

MR: Wie erlebten Sie die Studienzeit in Belgrad?

Amanda Stojović: Ich begann mein Studium in einer politisch schwierigen Zeit. Während ich mich auf die Aufnahmeprüfung vorbereitete, wurde Belgrad noch bombardiert. 1999, zu Beginn meines Studiums, war das Leben in dieser Stadt alles andere als einfach. Dennoch setzte ich meine Ausbildung unbeirrt fort. Ich hatte als Mitglied des Opernstudios die Möglichkeit, kleinere Partien wie Flora, Mercedes oder ähnliche Rollen zu singen. Diese Erfahrung – und besonders der Gesangsunterricht bei der Mezzosopranistin Biserka Cvekić sowie die Arbeit mit Direktor Borislav Popović – war für mich von unschätzbarem Wert. Dort habe ich gelernt, wie sich Phrasierung, Atemtechnik und Bühnenpräsenz organisch miteinander verbinden lassen. Später merkte ich jedoch, dass meine Perspektiven dort begrenzt waren, und entschied mich, mein Studium in Ljubljana (Slowenien) fortzusetzen.

Familie, Pausen und neue Herausforderungen

MR: Ich habe gestern im Publikum Ihre sehr aufgeweckte Tochter beobachtet. Auch wenn klassische Musik schön ist, gibt es sicher auch andere bedeutende Phasen im Leben einer Opernsängerin?

Amanda Stojović: Heute lebe ich in Ljubljana und habe dort auch an der Oper gesungen. Dann legte ich eine Pause ein, weil ich Mutter wurde. Ich habe einen zehnjährigen Sohn und eine fast vier Jahre alte Tochter. Die Corona-Pandemie brachte zusätzliche Herausforderungen für alle Künstler, aber sie hat mich auch gelehrt, flexibel zu bleiben.

Mir ist es wichtig, für meine Familie da zu sein, doch inzwischen bin ich beruflich wieder aktiver.

Internationale Erfahrungen und Reisen

MR: Konnten Sie internationale Erfahrungen sammeln, und gibt es zukünftige Engagements, über die wir sprechen können?

Amanda Stojović: Ich hatte regelmäßige Engagements in Maribor (Slowenien), einem exzellenten Opernhaus mit starken Regieteams und exzellenten Dirigenten. Mit diesem Ensemble gastierte ich zweimal in Japan. Diese Erfahrungen haben meine stimmliche Technik und Bühnenpräsenz enorm geschärft – vor allem im Hinblick auf die Anpassung an unterschiedliche Akustiken und kulturelle Erwartungen.

Neue Projekte stehen im Raum, aber solange keine Verträge fixiert sind, kann ich noch nicht öffentlich darüber sprechen.

Konzerte in Herceg Novi

MR: Erzählen Sie etwas über Ihr Konzert gestern in Herceg Novi.

Amanda Stojović: Die Organisation war sehr gut, unterstützt von meiner Agentur und der Stadtverwaltung. Das Publikum war herzlich, die Atmosphäre offen und lebendig. Die Akustik der Parkhalle ist jedoch anspruchsvoll; es ist kein klassischer Konzertsaal, daher muss man stimmlich sehr kontrolliert arbeiten, um nicht zu viel Druck zu geben. Wir hatten in diesem Saal nur eine einzige Probe direkt vor dem Konzert, zuvor einige Tage gemeinsames Proben in Dubrovnik. Im Sommer wiederholen wir das Programm dort.

Ich singe sehr gern in Herceg Novi – ob auf dem Platz bei der St. Hieronymus-Kirche und der Musikschule oder in der Festung Forte Mare – die Open-Air-Konzerte im Sommer haben eine magische Wirkung. Auch im Duo mit Gitarre gebe ich gerne Konzerte und habe mit diesem Repertoire auch schon CDs aufgenommen.

Mit dem Partner gemeinsam auf der Bühne

MR: Hier traten Sie gemeinsam mit Ihrem Ehemann Žiga Kasagić auf. Arbeiten Sie oft zusammen?

Amanda Stojović: Gelegentlich. Er singt dramatisches Repertoire, daher gibt es selten gemeinsame Opernproduktionen. Mit dem eigenen Partner zu arbeiten, ist dabei besonders intensiv – man hört und spürt genauer hin, achtet zugleich auf ihn und auf sich selbst. Logistisch ist es mit Kindern nicht immer einfach, gemeinsame Projekte zu organisieren, aber wenn es klappt, ist es sehr schön.

Die Opernszene auf dem Balkan

MR: Ist die Opernszene auf dem Balkan eine eigene kleine Welt?

Amanda Stojović: Teilweise ist sie stark regional geprägt, ja. Karrieren über die Landesgrenzen hinaus hängen oft von Agenturen ab. Bekannte internationale Sänger sind teuer, viele Häuser arbeiten daher mit eigenen Ensembles. In Maribor gibt es relativ viele Gäste; an anderen Häusern wird fast ausschließlich mit eigenen Ensemblemitgliedern gearbeitet.

Meine Agentin, Sandra Milankov in Wuppertal, ist eine wahre Brückenbauerin zwischen Südosteuropa und dem Westen. Sie vermittelt Künstlerinnen und Künstler aus den Balkanländern und initiiert Projekte in der Region, gleichzeitig vermittelt sie internationale Künstler auf den Balkan. Bis 2023 war sie Operndirektorin am Serbischen Nationaltheater Novi Sad (Serbien), wo sie bereits musikalische Brücken zu westeuropäischen Häusern schlug. Die verbindende Idee prägt bis heute ihre Agentur: Völker über die Oper miteinander ins Gespräch zu bringen.

Privatleben, Musik und Freizeit

MR: Welche Musik hören Sie privat?

Amanda Stojović: Wenn ich mich entspannen möchte, höre ich Rockmusik, vor allem internationale Bands. Auch den österreichischen Popstar Falco liebe ich.

Auf dem Balkan gibt es eine starke regionale Musiktradition; das Publikum kennt oft jedes Wort, von Kindern bis hin zu ihren Großmüttern. Traditionelle Musik bei Hochzeiten oder Feiern hat eine besondere verbindende Kraft.

MR: Ist „Amanda“ eigentlich ein Künstlername?

Amanda Stojović: Meine Mutter wollte einen ungewöhnlichen Namen für mich, mein Bruder schlug Amanda vor, inspiriert von der in den 1980’er Jahren berühmten Sängerin Amanda Lear. Später erfuhr ich, dass Amanda „die Liebenswerte“ bedeutet, was mich sehr berührt hat.

MR: Welche Aktivitäten betreiben Sie in Ihrer Freizeit?

Amanda Stojović: Mit zwei Kindern bleibt wenig Zeit für Hobbys. Mein Mann angelt gern, wir haben ein kleines Boot hier in Montenegro. Ich selbst genieße es lieber, den Fisch zu essen, aber es macht mir Freude, auf dem Boot zu sein und dieses zu steuern. Wenn ich, wie heute hier im Gradska Kafana sitze, kann ich mir gut vorstellen, eines Tages wieder hier in Herceg Novi zu leben.

Kurzbiografie – Amanda Stojović

Amanda Stojović wurde in Herceg Novi (Montenegro) geboren und lebt heute in Slowenien. Sie studierte Gesang bei Prof. Radmila Smiljanić an der Musikakademie in Belgrad und setzte ihre Ausbildung in Ljubljana bei Prof. Vlatka Oršanić fort. Bereits während ihres Studiums war sie Mitglied des Opernstudios der Staatsoper Belgrad und besuchte internationale Meisterkurse, unter anderem in Italien.

Ihr Operndebüt gab sie als Hexe in Dido and Aeneas (Purcell). Seither sang sie zahlreiche Rollen des lyrischen Mezzosopranfachs, darunter Mercedes (Carmen), Flora (La Traviata), Hänsel (Hänsel und Gretel), Niklaus (Les Contes dHoffmann), Charlotte (Werther) und Amneris (Aida), Cornelia (Giulio Cesare in Egitto) und Fricka (Das Rheingold). In der hierzulande kaum bekannten slowenischen Oper Zlatorog verkörperte sie die anspruchsvolle Partie der Špela. Mit dem Ensemble der Oper Maribor tourte sie durch Japan (21 Vorstellungen von Carmen) und sang dort auch mehrfach die Amneris.

Sie konzertierte mit renommierten Orchestern in Montenegro, Serbien, Slowenien, der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie und gastierte am Teatro Verdi Trieste (Italien). Sie arbeitet regelmäßig mit Egon Mihajlović sowie dem Komponisten Dušan Bogdanović zusammen. Seit 2005 bildet sie mit dem Gitarristen Daniel Cerović das Duo Amarilli (2. Preis Internationaler Gitarrenwettbewerb 2008, CD-Produktion).

Weitere Erfolge umfassen Finalteilnahmen bei internationalen Gesangswettbewerben in Italien sowie ein Stipendium der Yamaha Music Foundation of Europe (2007).

Marc Rohde 25. Februar 2026