DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Sancta Clara Keller

Stimmungen aller Arten

Datum: 18.5.2019

Bläserquartett mit Klavier

Die Konzerte bei KammerMusikKöln zeichnen sich durch ambitionierte Programme und oftmals rare Besetzungen aus, was einander teilweise bedingt. Der jüngste Abend (18.5., Wiederholung 19.5. in Bonn) geriet in dieser Hinsicht freilich nicht direkt extravagant. Daß bei zwei Werken die Flöte im traditionellen Bläserquintett ausgespart blieb und sich statt dessen dem Ensemble Oboe, Klarinette, Horn und Fagott ein Klavier hinzugesellte, war letztlich keine Besonderheit.

Ludwig van Beethovens Quintett opus 16 aus der Jugendzeit des Komponisten orientiert sich an den höfischen Tafelmusiken des 18. Jahrhunderts. Allerdings werden dem Klavier hervorstechende Aufgaben zugewiesen, was sich nicht zuletzt daraus erklärt, daß Beethoven ein aktiver Pianist war und sich viele Parts in die eigenen Finger schrieb. Im dritten Satz, einem Andante cantabile, wird dies besonders deutlich. Jetzt trat der 1981 geborene Nicolas Rimmer quasi in Beethovens Fußstapfen, titanenhaft nicht so sehr wegen seiner schlanken Erscheinung, sondern wegen eines großflächigen, aufrauschenden Spiels und einem sehr körperhaften Agieren. Der oft sehr orchesterhafte Klang des Instrumentes prägt Beethovens Quintett nachdrücklich. Tom Owen hatte es nicht immer ganz leicht, sich mit seinem zarten Oboenton durchzusetzen, was allerdings auch mit der Akustik des atmosphärisch attraktiven Sancta Clara-Kellers oder auch dem benutzten Zuhörersitz zu tun haben könnte. In toto geriet die Widergabe jedoch ungemein überzeugend.

„Mozarts geistige Erben“ war der Abend überschrieben. Dies eine Anspielung auf KV 452, ein Werk, vor dem auch Beethoven hohen Respekt hatte. Mozarts Musik gibt sich ungemein spielerisch und leichtfüßig, wenn auch nicht leichtgewichtig. Um den besonderen Mozart-Zauber überzeugend Klang werden zu lassen, gehört eine delikate interpretatorische Feinabstimmung. Bei den jetzigen Musikern (drei stammten aus dem Gürzenich-Orchester) war sie auf glückliche Weise gegeben.

Für Carl Reinecke fühlte sich Nicolas Rimmer zu einer kleinen Ansprache motiviert. Reinecke sei, wie der Komponist selber mit leichter Traurigkeit zugab, keiner in wirklich führender Position gewesen, habe immer etwas im Schatten von Koryphäen gestanden. In summa mag das stimmen, aber sein Trio opus 188 für Oboe, Horn und Klavier wartet doch mit vielen individuellen Ideen in punkto Themenverarbeitung, Harmonik und Tempomodifikationen auf. Im Scherzo spielen sich die beiden Bläser auf kokette Weise Dreitonfolgen zu. Das finale Allegro ma non troppo gibt sich heiter und apart. Zudem viel romantischer Aufschwung. Gerne ein baldiges Wiederhören.

Ein leichtes Defizit des Werkes besteht freilich in der Besetzung. Das Klavier als Klangfundament geht natürlich in Ordnung, aber Oboe und Horn (Egon Hellrung, weitgehend spielsicher) sind keine Instrumente, die sich klanglich wirklich stimmig ergänzen. Sie musizieren mehr oder weniger nebeneinander her. Das genaue Gegenteil ist bei Michail Glinkas „Trio pathétique“ der Fall. Klarinette und Fagott verschmelzen tonlich perfekt, das Klavier agiert virtuos im Hintergrund. Von „pathétique“ ist übrigens nicht sehr viel zu spüren. Der Finalsatz mit seinen häufigen Abwärts-Tonleitern wirkt sogar ausgesprochen kapriziös. Der sehr körperbewegte Blaz Sparovec und Pieter Nuytten gaben ein tolles Duo ab und wurden von Rimmers aufmunterndem Spiel bestens unterstützt.

Ein ausgedehnter, schöner und atmosphärischer Abend, vom Publikum, welches den Clara-Keller zur Gänze füllte, ausgiebig bejubelt.

 

Christoph Zimmermann 6.5.2019

Bild (c) Sancta-Clara-Keller.de

 

 

 

Cäcilia Wolkenburg

 

OFFENBACH

6. Februar 2019

 

Die nackte Wahrheit über die Entstehung des Can-Can

Jürgen Nimptsch (65) hat gleich mehrere Karrieren hinter sich: die berufliche bis hin zu Schuldirektor, die politische bis hin zum Bonner Oberbürgermeister, eine ehrenamtliche in vielen Gruppierungen und vor allem die künstlerische beim berühmten Kölner Männergesangverein www.kmgv.de, hier zuletzt als Baas (Intendant) bei der „Cäcilia Wolkenburg“. Das ist die Bühnengemeinschaft des bekannten Chores, die seit 135 Jahren ihr so genanntes „Divertissementchen“, ein komisch-parodistisches Theater- oder Singspiel auf Kölsch in der Kölner Oper bzw. im provisorischen Staatenhaus aufführt unter der strengen Bedingung: Keine echten Weiber auf der Bühne!

So auch 2019, dem 200sten Geburtsjahr des Kölner Sohnes Jacques Offenbach. Selbiges wird ein ganzes Jahr in der Stadt groß gefeiert mit vielen Events, sogar eine Offenbachgesellschafft hat sich extra gegründet www.yeswecancan.koeln; die rührige Claudia Hessel hält hier die Fäden zusammen und freut sich über neue Mitglieder. Nach dem Startschuss in der Philharmonie mit der „Offenbachiade“ nun das „Zillchen“, eingekölscht von „Cäcilia“, eine sehr große und sehr bunte Revue über Leben und Werk des Geburtstagkinds. Und da kommt unser Jürgen groß ins Spiel, denn er spielt und singt den Offenbach über die drei Stunden so lebendig und überzeugend, dass man den echten Jacques vor sich meint. „Amtssprache“ ist eine köstliche Mischung aus Französisch und Kölsch, die aber auch für „Imis“ (Eingewanderte) verständlich ist, zumindest bei der exzessiven Körpersprache der über 100 Mitwirkenden auf der Bühne. Das Divertissementchen ist eine enorme Herausforderung und logistische Meisterleistung, welche der Verein fast ausschließlich mit nur eigenen Leuten stemmt. Da wird über Monate geprobt, nachdem ein neues und passendes Stück ausgesucht wurde – nicht so einfach nach 145 Jahren. Eine immense Menge an Kostümen müssen mit Fantasie gezeichnet und genäht werden, die Bühne muss entworfen und gebaut werden, die Musik arrangiert und eingeübt werden, natürlich auch der Chor, ebenso das traditionelle Ballett und sehr vieles mehr. Da muss man schon den Hut ziehen, bevor man überhaupt ein Eckchen von dem Stück gesehen hat.

Der Kölner Lajos Wenzel, Schauspieler und Regisseur, der lange an der Kammeroper tätig war, hat die Werke von Offenbach und die Stationen seines Leben in Köln und Paris bunt vermischt, nicht immer hart an der historischen Wahrheit, aber sehr bühnen- und stimmungswirksam. Da geht es immer zwischen den beiden Städten flugs hin und her, denn Offenbach hat in Paris ein Theater, dessen ironische Stücke bei der Konkurrenz Neid erweckt und den Oberen nicht gefallen; er darf nur drei Sänger gleichzeitig auf der Bühne auftreten lassen, so der gestrenge Polizeipräsident, musikalisch unterlegt vom Kriminaltango. Völlig unmöglich. Es sei denn, das geplante Stück bringt den Ordnungshüter zum Lachen.

Natürlich wird reichlich Lokales serviert, über etliche Gläser Kölsch und angefangen von der ewigen Baustelle am Offenbachplatz, wo ein Trupp Arbeiter fröhlich nichts tut und eher dem Schnaps huldigt. „Ein Provisorium hält immer am längsten“, so die Weisheit der Bauleute. Das stimmt und sitzt. Bis hin zum ständig zitierten „Kölschen Grundgesetz“, welches immer passt und sogar die Gäste auf dem Flughafen Köln begrüßt. Als Handlung für das neue Stück ist die Geschichte von „Orpheus in der Unterwelt“ angesagt, aber da Jaques in Paris lebt, will ihn so recht nichts dazu einfallen, zumal er keine Kohle und Ärger mit seinen Mitarbeitern hat.

Und wo findet man einen guten Stoff? Natürlich in seiner Heimatstadt Köln, und zwar in einem Brauhaus: dort entsteht die erste Operette der Welt. Dazu kommt die inspirierende Musik von den „Bergischen Sinfonikern“ aus Wuppertal zusammen mit den „Westwood Slickers“, einer Bonner Dixie-Band; alles musikalisch perfekt zusammengehalten von Bernhard Steiner. Mit immer wieder stimmungsmachende Ohrwürmer: Willi Ostermann, die Piaf, Queen, auch Tschaikowski, Queen und die Black Föös lassen grüßen. Und immer wieder Melodien aus „Hoffmanns Erzählungen. Komplett arrangiert von Thomas Guthoff.

Die Geschichte wird von vielen amüsanten Details umrahmt: Offenbach´s Mama macht mit ihrer Damenriege „Arthöschen“ wegen ihrer Krampodere“ eine Kneippkur aus dem Eimer und hebt beim Wassertreten die Röcke „He deit et wieh“: das ist die historisch zwar nicht verbürgte, aber überzeugende Geburt des Cancan in Zeitlupe. Eine entzückende Idee. Auch die „Tour de France“ dreht ein paar Runden über die Bühne. Natürlich lässt sich auch das traditionelle Männerballett nicht lumpen, darunter der KMGV-Präsident Gerd-Kurt Schwieren, seines Zeichens Optiker in Köln: nicht mehr ganz jung, und seit 50 Jahren dabei, mit einer reizenden und zugleich zwerchfellerschütternden Tanzshow.

Klar ist: alles geht gut aus. Denn Ehefrau Hermine hat bei ihrer Kur in Bad Ems die Frau des Kaisers kennengelernt und ihr in Kölscher Klüngelmanier von dem Problem erzählt. Die Folge: der Kaiser wollte das Stück unbedingt selbst sehen, und zwar im Pariser Theater. Alle jubeln, die Zeitungen überschlagen sich, und Kölner feiern ihren großen Sohn Jacques Offenbach. Das Divertissementchen hat erneut einen rundum perfekten Abend auf die Bretter des Staatenhauses hingelegt, mit erstaunlich guten Stimmen der Laiensänger, mit sehr schwungvoller Musik, und viel lokaler, ans Herz gehender Kölscher Folklore, die beim einen oder anderen sicher ein paar Tränchen hervorgerufen haben dürfte. Alle Vorstellungen bis zum 5. März sind fast ausverkauft, aber vielleicht findet sich noch eine sehr lohnende Eintrittskarte.

 

Michael Cramer 14.2.2019

Bilder (c) Kölner Männer Gesangsverein

 

 

 

Fritz Thyssen Stiftung  

Rosen aller Arten 

Pia Salome Bohnert, Linda Leine

6.2.2019

           

„Dunkelrote Rosen, bring‘ ich, schöne Frau“ … Dieses Einlagelied zu Carl Millöckers „Gasparone“ kam im Recital von Pia Salome Bohnert zwar nicht vor, aber an dem durch Edith Piaf berühmt gewordenen Chanson „La vie en rose“ ging die Sopranistin nicht vorbei. Für ihren Auftritt bei der engagierten Reihe „Im Zentrum Lied“ (Saisonthema: Kolorit) hatte die Sängerin zusammen mit ihrer Klavierpartnerin Linda Leine ein äußerst vielschichtiges Programm konzipiert, vom Barock eines Henry Purcell bis hin zu aktueller Moderne. Vielleicht war es eine Premiere, aber dann dürfte es wohl später noch anderswo zu hören sein. Wie auch immer: zwei Stunden auswendig Singen bedeutet schon mal eine enorme Gedächtnisleistung, dazu kam der Wechsel zwischen vier Sprachen (incl. Russisch). Einige Texte hat Pia Salome Bohnert für das wie immer üppige Programmheft selber ins Deutsche übertragen.

Es gibt kaum eine Blume, welche nicht besungen wurde, vom Edelweiß bis hin zur Lilie. Doch der Rose eignet wegen ihres Aussehens besondere Attraktivität. Auch ihr Lebensrhythmus, welcher dem des Menschen gleicht (Schlafen, Erwachen), bringt einem diese Blume besonders nahe. Wohl können die Stacheln der Rose einer allzu großen Berührungsintensität im Wege stehen. Aber dem „Heidenröslein“ Goethes, von Franz Schubert vertont, nützt solche Abwehr nichts - es erleidet den Tod durch einen „wilden Knaben“. Und dieser Vorgang läßt sich sogar noch zwischenmenschlich gesteigert deuten … Mit einer Reihe gezielter Ritenuti ließen Pia Salome Bohnert und Linda Leine das kleine Drama beklemmend tragisch werden. Bedeutungsvoll die extrem verlangsamte, finale Refrainzeile „Röslein rot“.

Das aufeinander Hören und der agogische Gleichklang beider Künstlerinnen bewährte sich auch bei anderen Liedern, wobei die vier Beispiele aus Mädchenblumen“ von Richard Strauss die im Programm eher knapp berücksichtigte Romantik auffüllte. Kompositorisch am inspiriertesten ist die „Wasserrose“, welche sich in ätherischer Melodik ergeht. Auf die eher heiteren „Mohnblumen“ bereitete schon das leichte Lächeln der Sopranistin vor. Humorvoll auch die beiden Beispiele aus Hans Pfitzners „Alte Weisen“, wobei Pia Salome Bohnert mit einem klaren hohen C einmal mehr ihre Höhensicherheit unter Beweis stellte.

Die Stimme der Sopranistin besitzt eine leichte Kühle, was aber kein Defizit an Ausdruckswärme bedeutet. Dieses Timbre vermag den Gesang hingegen vor allzu massiver Emotionalität zu schützen. Bei den ausgewählten Gesängen, darunter Maurice Ravels „Shéhérazade“, war das freilich kaum nötig. Während sich Olivier Messiaen als Vertreter einer wirklich zeitgenössischen Musik in seinen „Trois mélodies“ noch in etwa tonal äußert, führten die Titel von George Crumb in eine bereits geräuschhaft angereicherte Tonwelt. Die kam dem Zuhörer freilich immer noch näher als Anna Mikolajkovás sprechdominante „Vertonung“ einer knappen Wortfolge, von Daniel Gerzenberg offenbar mit Überzeugung als „Gedicht“ bezeichnet. Ein Auftragswerk. Nun ja, solche Experimente nimmt man schon mal an. Noch nicht erwähnte KomponistInnen: Sofia Gubaidulina und Joseph Marx. Die Pianistin zäsierte den Abend mit Klavierstücken von Claude Debussy und Serge Prokofjew und überzeugte auch hier mit ihrem exquisiten Spiel. Diverse Wortbeiträge zum Thema „Rose“ steuerte Andreas Durban bei, rhetorisch lebendig wie immer.

 

Christoph Zimmermann (7.2.2019)

Foto vom Veranstalter

 

 

 

Volksbühne am Rudolpflatz

Dubcekova Jar

Deutschland-Premiere: 16. Januar 2019

Blick zurück auf politisch hoffnungsvolle Zeiten

Es hatte Symbolcharakter, daß der tschechische Pantomime Milan Sládek seine Deutschland-Premiere von „Dubcekova Jar“ („Dubcek Spring“ – auf deutsch also „Prager Frühling“) in der Kölner Volksbühne am Rudolfplatz bot, schräg gegenüber dem Theater im Bauturm. In diesem kleinen Haus war Sládek in seinen deutschen Anfangsjahren nämlich aufgetreten, und machte das Publikum mit seiner Kunstfigur Kefka bekannt, die 1960 in Prag das Licht der Welt erblickt hatte.

Durch Deutschland war der Künstler bereits 1965 getourt, sicher auch eine Folge von Alexander Dubceks Liberalisierungspolitik in der Tschechoslowakei. Aber 1968 kamen sowjetische Panzer und zermalmte alles, was er an kleinen Freiheiten (im Rahmen des Sozialismus) für seine Landsleute erkämpft hatte. Milan Sládek zog aus diesen Vorgängen die Konsequenzen und siedelte nach Schweden um; 1970 wechselte er nach Köln, wo er auf starkes Publikumsinteresse stieß.

Pantomimentheater war hierorts eine bis dato kaum bekannte Kunstform, die Breitenwirkung kam also nicht von ungefähr und führte 1974 sogar zur Etablierung des Festivals „Gaukler“. Der Rezensent erlaubt sich anzumerken, daß er all diese Jahre in vollem Umfang miterlebt hat. Zu den internationalen Gastspielen kamen natürlich auch immer wieder neue „Kefka“-Produktionen wie „Dreigroschenoper“, „Don Juan“, „Carmen“ und „König Ubu“.

Seit jeher ist Milan Sládek an einer Verbindung der Bühnenkünste und ihrer Befruchtung untereinander interessiert. So fließen bei ihm beispielsweise die Ästhetiken des Schwarzen Theaters oder auch des japanischen Puppentheaters Bunraku zusammen. Einen besonderen Erfolg mit dieser Mixtur erzielte Sládek bei der Mozart-Oper „Die Hochzeit des Figaro“ (1991), wenig später auch bei Monteverdis „Poppea“. Was Mozart betrifft, gab es auch eine Rekonstruktion der Faschingspantomime „Pantalon und Columbine“, in welcher der Komponist selber auf der Bühne mitwirkte. Sládek verkörperte den Pierrot, eine Anleihe nicht erst hier aus dem Bereich der Commedia dell’arte.

Die politischen Umwälzungen von 1989 mit ihren neuen Lebensbedingungen veranlaßten Milan Sládek zur Rückkehr in seine Heimat, wo er u.a. eine Festivalvariante von „Gaukler“ aufzog („Kaukliar“). Aber die alten Zeiten waren wohl doch nicht in vollem Umfange zu revitalisieren, hinzu kamen erfolgreiche internationale Auftritte. So zog Sládek wieder nach Köln, von wo aus er heute seine weiterhin umfänglichen Auftritte organisiert. Wie die der Dubcek-Story, eine Kooperation mit der Oper von Banska Bystrica (Edita Gruberova trat hier in jungen Jahren auf).

Sládek, inzwischen 80, hat die landesweite Begeisterung für Dubcek noch hautnah miterlebt. Heute muß er freilich gestehen: „Bei uns weiß vor allem die Jugend kaum etwas über die Ereignisse von 1968.“ Es passant: wird einst auch die Erinnerung der Deutschen an den Mauerfall 1989 verblassen?

Wie können vergangene Zeiten einem Publikum von heute stimmig und dringlich vermittelt werden? Obwohl Milan Sládek Recherchen zum Thema „Prager Frühling“ durchgeführt hat (u.a. Gespräche mit den Söhnen von Dubcek), kam für ihn eine historisch unanfechtbare Bühnenpräsentation nicht infrage. Es werden allerdings authentische Filmaufnahmen gezeigt (zur Musik des „Dies irae“ aus Verdis „Requiem“). Ansonsten aber steht der Pantomime als Dubcek (in verschiedenen Lebensaltern) im Mittelpunkt der Bühnenvorgänge, umgeben von einem Kollektiv junger Mitspieler, was an den Chor der griechischen Tragödie erinnert. Ansonsten versteht Milan Sládek seine Inszenierung als eine Art Aquarellbild, welches sich verläßlicher Konturen enthält. Das knospende Gänseblümchen zu Beginn ist freilich ein symbolstarkes und eindeutiges Bilddetail, auch die Fesselung Dubceks ergibt einen starken sinnbildlichen Akzent. Doch nicht alle Bilder erschließen dem Zuschauer das gemeint Bedeutungsvolle, man empfindet mitunter sogar visuelle Selbstgefälligkeit. Und ausgesprochen nervig sind die ständigen lauten Musikeinblendungen.

Darüber setzt sich Milan Sládeks immer noch behende Körperlichkeit und seine ausdrucksvolle Mimik aber dann doch weitgehend hinweg. So jedenfalls dürfte es das Publikum empfunden haben, welches dem Pantomimen am Schluß mit Ovationen verwöhnte.

 

Copyrights: Ctibor Bachraty.

Christoph Zimmermann 17.1.2019

 

 

Kölner Kinderoper wird „UNICEF-Pate Köln“

Der Saal 3 des StaatenHauses war am Samstag, dem 24. November 2018,  festlich geschmückt, und dies aus einem ganz besonderen Anlass. Der Kinderoper Köln wurde durch das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF der Titel „UNICEF-Pate Köln“ verliehen. Vor der bejubelten Aufführung von Richard Wagners „Walküre“ in der Kinderoper, die dem Festakt voranging, trugen Schülerinnen und Schüler der Henry-Ford-Realschule ausgewählte Kinderrechte der UN-Kinderrechtskonvention vor.

 Beim eigentlichen Festakt begrüßte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker diese Schulkinder ganz besonders herzlich und dankte ihnen für ihr Engagement und ihre individuelle Interpretation der von ihnen rezitierten Kinderrechte. Frau Reker erinnerte daran, dass die Kölner Kinderoper neben Moskau die älteste Kinderoper in Europa ist und dass durch diese segensreiche Einrichtung in den vielen Jahren tausende Schulkinder in die Welt der Oper eingeführt wurden. Sie sprach der Kölner Oper und deren Intendantin Dr. Birgit Meyer ein ganz besonderes Lob für die umfangreiche kulturelle und theaterpädagogische Arbeit aus, die auch Kita- und Kindergartenkinder mit einschließt. Mit dem Startschuss der Zusammenarbeit zwischen UNICEF und der Kinderoper Köln wird die Thematik der Rechte der Kinder weiterführend aufgegriffen.

Die Intendantin hob in ihrer sehr persönlichen Ansprache hervor, wie sehr es ihr am Herzen liege, Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Musik und Oper zu ermöglichen. Die Kinderoper sei längst über bescheidene Anfänge hinausgewachsen und biete den Kindern und Jugendlichen qualitativ hochklassige Aufführungen mit Musikerinnen und Musikern des Gürzenichorchesters und großartigen Sängerinnen und Sängern unter Leitung von Rainer Mühlbach. Die Unterstützung der Kinderoper durch Sponsoren wie z.B. die Pandion AG, aber auch die Finanzierung der jungen Sängerinnen und Sänger durch die „Freunde der Kölner Oper“ sowie den „Förderverein der Kinderoper zu Köln“ unter ihrem Vorsitzenden Herrn Boden sei eine wertvolle und großartige Hilfe. Dr. Meyer brachte ihre große Freude über die Partnerschaft der Kinderoper mit UNICEF zum Ausdruck und sah darin eine „Würdigung des Engagements und der Leistung unseres gesamten Teams“. Gerade in der heutigen Zeit sei „der freie Zugang zu Bildung und Kultur für Kinder egal welcher Herkunft so wichtig.“

Auch UNICEF-Vorstandsmitglied Anne Lütkes gab ihrer großen Freude über die Kooperation zwischen Kölner Kinderoper und UNICEF Ausdruck. Sie dankte Dr. Arnd Kumerloeve, Mitglied im Deutschen Komitee für UNICEF und Vorstandsmitglied bei den „Freunden der Kölner Oper“, für seine Verdienste um die Initiierung dieses Projekts. Brigitta Gillessen, die Leiterin der Kinderoper Köln, fand zum Schluss sehr warmherzige Worte für eine Institution, die aus dem Kölner Kulturleben nicht mehr wegzudenken ist und auf welche die Kölner Oper, deren Intendantin Dr. Meyer und das ganze Opernteam zu Recht sehr stolz sein können. Die Patenschaft mit UNICEF ist Lohn für die exzellente Arbeit, die in Köln mit der Kinderoper geleistet wird, sie ist aber darüber hinaus auch Ansporn, die Kinderrechte stets ins Bewusstsein aller Opernbesucher zu rücken und in dem Bemühen nicht nachzulassen, Aufführungen der Kinderoper auf höchstem Niveau zu veranstalten und „den Kindern Gelegenheit zu bieten, bereichernde und sinnliche Erfahrungen jenseits des Alltags zu machen“ ( Frau Dr. .Meyer).

Der würdige und stimmungsvolle Festakt hinterließ nur zufriedene Gesichter. Vor allem auch bei den Mädchen und Jungen der Henry-Ford-Realschule, die ja an diesem Tag eigentlich die Hauptpersonen waren.

Norbert Pabelick 4.12.2018

 

St. Maria im Kapitol

MARIENVESPER

Ltg. Thomas Neuhoff 

3. November 2018

Von Anfang bis Ende gebannt

Bei den Kölner Chorkonzerten stehen die aufgeführten Werke häufig alleine für sich, d.h. ohne eine überhöhende dramaturgische Sinnprägung. Bei Bachs „Weihnachtsoratorium“ bedeutet die Nähe zum Fest der Geburt Christi natürlich stets einen triftigen Anlaß. Auch der Bach-Verein greift Anfang Dezember auf dieses populäre Werk zurück, mit der häufigen Beschränkung auf die Kantaten 1-3. Immerhin hat man sich der Mitwirkung von Concerto Köln versichert, und bei Händels „L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato“ kooperiert man im kommenden März mit dem Kölner Kammerorchester.

Für Claudio Monteverdis „Marienvesper“ („Vespro della Beata Vergine“) wurde Concerto con anima engagiert, ein Ensemble, welches sich auf eine historische Musizierpraxis konzentriert. Diesem anderthalbstündigen Werk galten drei Aufführungen, zunächst im Altenburger Dom, dann in der Bonner Kirche St. Marien und nun in Kölns St. Maria im Kapitol. Über die Akustik der erstgenannten Aufführungsorte kann aus Unkenntnis nichts gesagt werden. Jene in St. Maria im Kapitol erwies sich indes als ideal. Die Halligkeit der Kirche wirkt ausgesprochen stimmig, was nicht zuletzt beim Ausklingen einzelner Nummern der „Marienvesper“ festzustellen war.

Daß Hall einen Chor besonders großvolumig erscheinen läßt, ist eine alte Erfahrung. Doch das hindert nicht an der gerechten Beurteilung einer musikalischen Leitung. Und da kann man den Sängern des Bach-Vereins nur ein Riesenkompliment machen, was sensible Artikulation, harmonischer Zusammenklang und das sichere Bewältigen selbst intonatorisch heikler Phrasen betrifft (etwa die Spitzentöne der Soprane in „Laudate Jerusalem“). Mustergültig in die Aufführung integriert war auch Giovani del Coro, der Jugendprojektchor der Bonner Lukaskirche.

Der Aufführung der „Marienvesper“ aus Anlaß des 375. Todesjahres von Monteverdi gingen zwei Veranstaltungen voraus: ein Komponistenporträt im Gemeindeforum Auerberg Bonn sowie ein Gesprächskonzert in der Kölner Trinitatis-Kirche unter dem Titel „Monteverdis sanfte Revolution“ 1610“, welche eine Vermittlung zwischen dem historischen Stil („prima pratica“) und einer fortschrittlichen Kompositionsweise („seconda pratica“) darstellt. Selbst wenn jemand mit den Ohren des 21. Jahrhunderts eine gewisse Gleichförmigkeit im Ausdruck von Monteverdis Musik empfindet, wird bewundernd eingestehen müssen, daß die „Marienvesper“ mit einer unglaublich fantasievollen Klangfantasie aufwartet. Die Einbeziehung eines Kinderchores, der abwechslungsreiche Einsatz der Solostimmen und die äußerst farbvariable Nutzung des Instrumentariums (u.a. mit den festlich klingenden Zinken und Posaunen) schaffen ein großartiges Ausdruckspanorama, welches den Zuhörer neunzig Minuten lang unnachgiebig in Spannung hält. Hinreißend auch die Lontano-Stellen, welche in einer Kirche stets besondere Wirkung machen.

Es gibt eine Fülle von Einspielungen der Monteverdi-Vesper, unter Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner und anderen. Die Aufführung des Bach-Vereins unter dem (wieder einmal) hochkompetenten Thomas Neuhoff (Bild oben) dürfte sich – so die ungeschützte Behauptung – neben diesen glänzend behaupten.

Das chorische Elysium wurde ergänzt durch ein superbes Solistenensemble. Der vokal wie rhetorisch ausdrucksstarke James Gilchtrist, welcher in der vorigen Saison schon bei Brittens „War Requiem“ beeindruckte, setzte sich dabei emphatisch an die Spitze. Seine Fachkollegen Robin Tritschler und Stefan Sbonnik boten gleichfalls Optimales. Tobias Knaus mit seinem leuchtenden Altus war sogar eine veritable Entdeckung. Einen noblen Bariton bot Jakob Kreß. Last not least die Sopranistinnen Hannah Morrison und Barbora Kabátková, deren Timbres wunderbar miteinander harmonierten.

Ein wahrhaft grandioser Abend, welcher noch lange nachwirkte

Christoph Zimmermann (4.11.2018)

Fotos (c) Wiki / Bachverein.de

 

 

Michael Daub

Schöne, ausdrucksvolle Baritonstimme

26.10.2017

 

Der saisonale Auftaktabend der Reihe „Im Zentrum Lied“ fand erstmals im Museum für angewandte Kunst statt, nicht zuletzt aus akustischen Gründen, wie verlautete. Ganz nachvollziehbar wurde das für das Ohr des Zuschauers freilich nicht. Merklich individuell war hingegen die Präsentation des Konzertes. Bariton Michael Daub und sein prominenter Klavierbegleiter Eric Schneider gaben in dialogischem Miteinander verschiedentlich Hinweise auf die ausgewählten Werke, welche unter dem Titel „Meeresleuchten“ allerdings nur partiell erfaßt waren. „Landschaften und Naturbeschreibungen“ (Programmheft) war eigentlich eine umfassendere Formulierung. Freilich stand Debussys „La mer est plus belle que les cathédrales“ prägend am Anfang. Dieses Lied diente auch der Untermalung für die Ankündigung des Konzertes in der morgendlichen „Mosaik“-Sendung des WDR. Hier handelte es sich um eine Aufnahme von Anna Prohaska, freilich auch mit Eric Schneider als Pianist (entnommen der vor 8 Jahren entstandenen CD „Sirene“).

 

Ein Vergleich dieser Interpretation mit dem Livevortrag von Michael Daub machte u.a. deutlich, wie stark die Wirkung einer Vokalkomposition von der Individualität einer Stimme abhängig sein kann. Ein lichter Sopran gibt nun einmal andere Farben her als ein viriler Bariton.

 

Erster Eindruck bei Michael Daub: eine enorm schöne Stimme. Das war auch die Reaktion von Eric Schneider, als er den jungen Sänger kennenlernte. Seit 2015 arbeiten beide nun schon zusammen und haben Auftritte an repräsentativen Konzertstätten absolviert. Obwohl nach wie vor studierend (in London) ist Michael Daub schon jetzt als Sänger von ganz außerordentlichem Rang zu bezeichnen. Seine „schöne Stimme“ wirkt bestens focussiert, ist ebenso expansiv wie sensibel, volltönend und tragfähig selbst in Momenten zurückgenommener Dynamik. Das faszinierte auch bei Debussy und den beiden finalen Liedern von Henri Duparc. Dieser Komponist taucht in hiesigen Konzertprogrammen relativ selten auf; Dank also für die jetzige Begegnung.

 

Entsprechend der gewählten Thematik war das Programm romantisch ausgerichtet. Selbst die drei Gesänge von Samuel Barber paßten in dieses Schema, gehört der amerikanische Komponist doch unleugbar zu den „Konservativen“ des 20. Jahrhunderts, schrieb melodisch und harmonisch gegen den Rest der Musikwelt. Da wirkt ein Hugo Wolf mitunter fast „moderner“. Außer mit Liedern aus seiner Feder war das weitgehend aus Raritäten bestehende Programm von Schubert und Brahms geprägt. Als Höhepunkt des Konzertes darf Michael Daubs ruhig fließende, fast magisch beschwörende Widergabe von Schuberts „Meeres Stille“ bezeichnet werden, feinfühlig und klangsensibel begleitet von Eric Schneider, der nur mitunter vom Pedal etwas viel Gebrauch machte. Für die Darbietungen gab es reichlich Beifall, der am Ende sogar von Bravorufen durchsetzt war.

 

Unter den beiden Zugaben befand sich auch ein kapriziöses Lied von Kurt Weill. Es war wohl auch als Andeutung zu verstehen, daß das Thema des Abends ohne weiteres bis ins 20. Jahrhundert hinein hätte ausgeweitet werden können. Vielleicht ein anderes Mal.

 

Die künstlerische Leiterin der Konzertreihe, die im Ausland lebende Sopranistin Ingrid Schmithüsen, war in dem wie immer üppigen Programmheft mit einem Grußwort und einigen Textübersetzungen präsent. Der WDR hat übrigens mitgeschnitten und sendet die Aufzeichnung des Konzertes am 11. Dezember in seinem 3. Programm.

 

Christoph Zimmermann (27.10.2018)

 

 

Fortsetzung des Kinderopern-„Rings“ mit „Walküre"

Die Walküre

Premiere: 21.10.2018

Superlativer Siegmund

Anders als in Bayreuth, wo Wagners „Ring für Kinder“ in diesem Sommer als komplette Tetralogie gegeben wurde, erfolgt eine entsprechende Inszenierung der Kölner Oper in Jahresetappen. Mehr ist einem adoleszenten Publikum im Grunde auch nicht zuzumuten. Die Spieldauer der jetzt gebotenen „Walküre“ ist mit 70 Minuten human, obwohl weiterhin zu fragen bleibt, ob jedes Detail von Wagners komplexem Weltgeschehen bei Kindern wirklich ankommt. Da könnte eine Umfrage sicher interessant sein.

Die Werkfassung bemüht sich, Bühnenvorgänge so plausibel und durchschaubar als möglich zu machen. Brigitta Gillessen, Leiterin der Kinderoper und wiederum auch Regisseurin, erzählt die Geschichte um Siegmund und Sieglinde in einer Bilderbuchart, welche keine intellektuellen Rätsel aufgibt, sondern ganz einfach logisch und spannend ist. Die Informationen zur Oper mit ihren komplexen Hintergründen, welche das Programmheft bietet, sollten Kindern freilich idealerweise vor der Aufführung vermittelt werden. Alleine die Erläuterung, welche Ausstatter Christof Cremer für die Kostüme von Wotan und Fricka abgibt (Assoziationen zu Wagner und seiner Gemahlin Cosima), sind eigentlich nur von Connaisseurs angemessen zu würdigen. Und wer merkt schon, daß sich in Frickas Frisur die Hörner jener Widder spiegeln, welche in der originalen Oper die Wotansgattin auf die Bühne kutschieren? Das Bühnenbild, konzeptionell mit jenem von „Rheingold“ identisch, besteht vor allem aus massiven Bodenquadern. Im Hintergrund eine hohe Wand mit länglichem Fensterdurchblick, links die Weltesche, rechts am Boden liegend die in Walhall eingesammelten Helden.

 

Fans von Wagners Musik wird es bei Stefan Behrischs Werkfassung hier und da sicher leicht schmerzlich durchzucken ob der Kürzungen, Verknappungen und auch so manchen Tonartenverschiebungen. Gleichwohl ist dieses Arrangement geschickt und zweckdienlich. Auch mit dem verkleinerten Orchester, in welchem die Harfe hör- und sichtbar zum Zwecke der Klangauffüllung mehr als üblicherweise zu tun hat, wird man ohne Schwierigkeiten warm. Regisseurin und Dirigent Rainer Mühlbach, welcher mit dem Gürzenich-Orchester Wagners Musik auch bei den reduzierten Bedingungen wunderbar zum Blühen bringt, haben in den Musikverlauf Sprechpassagen und melodramatische Elemente eingebaut, welche auf verdeutlichende Inhaltsvermittlung abzielen. Wagners abgehobene Texte werden teilweise modifiziert. Statt Sieglindes „Nicht sehre dich Sorge um mich“ heißt es simpel „Nicht kümmere dich um mich.“ Alles gibt es als Übertitel, welche vom Premierenpublikum (überprozentual Erwachsene!) merklich genutzt wurden.

Das Sängerteam besteht aus Mitgliedern des „großen“ Ensembles und des Opernstudios, von denen viele nach ihren beiden Ausbildungsjahren aufgestiegen sind. Etwa Insik Choi, welcher als junger und männlich attraktiver Wotan mit einem kernigem, aber schlank geführten Bariton aufwartet. Klasse! Die vielseitige und beim Kölner Publikum außerordentlich beliebte Claudia Rohrbach verkörpert die Sieglinde einwandfrei, ohne gleich ideal zu sein. Regina Richter ist Fricka (und auch Schwertleite im vierköpfigen Walküren-Ensemble). Sie gibt eine optimale Autoritätsperson, sängerisch wie auch bei ihren Sprechpassagen. Als Brünnhilde gibt sich Jessica Stavros vital und sopranleuchtend, wird bei den Hojotohos von Veronika Lee (Helmwige) jedoch um Grade übertroffen. Kathrin Zukowski ist Rossweisse, Yunus Schahinger dräuend der sinistre Hunding.

Und dann das Großereignis: Young Woo Kim als Siegmund. Der junge Koreaner gewinnt Sympathien sogleich mit seiner euphorischen Darstellung, gibt dem Outlaw wirklich schicksalhaften Umriß. Sein Tenor ist enorm expansiv und schafft das Bild eines jugendlichen Helden, wie er im Buche steht. Die Kölner Oper hat die Qualitäten des ehemaligen Studiomitgliedes erkannt und plant für die nächste Zeit eine Personality-Veranstaltung, über die derzeit aber noch nichts Näheres verlautet.

Christoph Zimmermann (21.10.2018)

Bilder (c) Paul Leclaire

 

 

 

 

Hedwig and the Angry Inch

Volksbühne am Rudolfplatz, Köln


Besuchte Vorstellung: 12.08.2018

 

Off-Broadway in Deutschland


Immer wieder entdecken am New Yorker Off-Broadway neue Musicals das Licht der Welt. Einige schaffen den Sprung an den Broadway oder auch über den Ozean nach Europa, andere sind hierzulande leider nie zu erleben. Und dies, obwohl in den Werken oft ein großes Potential für kleine, aber feine Musicalproduktionen steckt. Doch vielleicht wird sich hier in Zukunft etwas ändern, in Hamburg hat sich der Verein OFFstage Deutschland e.V. gebildet als Initiative zur Förderung von Off-Musical in Deutschland. In Frankfurt ansässig ist das noch junge Produktionsunternehmen offMUSICAL, die dort sehr erfolgreich mit den beiden Musicals „Hedwig and the Angry Inch“ und der Deutschlandpremiere von Green Day‘s „American Idiot“ gestartet sind. Die Premierenproduktion von offMUSICAL war nun auch in Berlin und Köln zu sehen.

„Hedwig and the Angry Inch“ ist ein Werk, welches es inzwischen auch auf den Spielplan ambitionierter Stadttheater geschafft hat, zuletzt war es u. a. im Theater Trier zu sehen und vor wenigen Jahren am Landestheater Linz, dennoch ist es weitestgehend unbekannt obwohl das 1998 uraufgeführte Musical im Rahmen eines Broadway-Revivals im Jahr 2014 mit vier Tony Awards ausgezeichnet wurde. Zur Handlung heißt es in der Presseankündigung: „Die talentierte, doch international ignorierte Rock-Chanteuse Hedwig wird auf ihrer Welttournee mit der eigenen tragikomischen Vergangenheit konfrontiert: Als Hänsel Schmidt in Ost-Berlin aufgewachsen, überredet sie der amerikanische GI Luther zur Übersiedlung in die USA und zur Geschlechtsangleichung. Leider geht diese katastrophal schief und von ihrem Glied bleibt ein „Angry Inch“ zurück. Verlassen und ausgenutzt, weder Mann, noch Frau führt sie ihr Weg nun auf die Volksbühne am Rudolfplatz. Sie ahnt nicht, dass dieses Konzert ihr Leben für immer verändern wird.“

Der Zuschauer begibt sich nun auf eine rund 110minütige Reise durch Hedwigs tragischkomisches Leben, erzählt in Rückblicken durch die „Dame“ höchstpersönlich. 11 Songs, meist sehr rockig, hin und wieder aber auch durchaus gefühlvoll bilden den musikalischen Rahmen des Werkes von Stephen Trask (Musik und Texte) und John Cameron Mitchell (Buch). Unter der musikalischen Leitung von Dean Wilmington besteht die Band, die ebenfalls den Namen „The Angry Inch“ trägt, zudem aus Jonas Wiesner an der Gitarre, Sebastian Michaeli am Schlagzeug und Jan Nicolai Schmidt am Bass. Zusammen bilden sie eine formidable Rockband. Als Hedwig gibt Michael Kargus mit toller Stimme die Titelfigur musikalisch stark, allerdings gelingt es ihm nicht immer, die tragischen Momente wirklich bewegend ins Publikum zu transferieren. So sind es insbesondere die humorvollen Stellen im Werk, bei denen man als Zuschauer wirklich rundum zufrieden ist. Auch die große Diva die ihren Ehemann Yitzhak unterdrückt um klar zu machen wer hier der Star ist, bringt Kargus glaubhaft rüber.

Ganz hervorragend Kathrin Hanak in der Rolle des Ehemanns, meist rollenbedingt zurückhaltend aber bei Ihrem Solo „Unterm Strich“ grandios. Während die Zwischentexte, die von Michael Kargus und Thomas Helmut Heep (der sich auch für die Inszenierung verantwortlich zeichnet) lokal angepasst wurden, komplett auf Deutsch sind, bleiben einige Lieder unübersetzt. Ganz hervorragend inszeniert ist das Ende, bei dem sich Hedwig endlich komplett dem Zuschauer öffnet und mit „Midnight Radio“ den vielleicht stärksten Auftritt des Abends auf die Bühne bringt.

Sicherlich ist „Hedwig and the Anry Inch“ nicht der Geschmack jedes Lesers, dennoch zeigt dieses Werk einmal mehr, wie breit gestreut modernes Musiktheater heute sein kann und dass Musical viel mehr ist als eine reine Cash-Cow in Form von beispielsweise „My Fair Lady“ oder aktuell auch „Spamalot“. Auch dass sich Anspruch und Musical nicht gegenseitig ausschließen, sondern prima ergänzen können, zeigt uns offMUSICAL Frankfurt an diesem Abend. Im Januar 2019 schickt man nun auch Green Day´s „Amerian Idiot“ auf Tour durch Bielefeld, München, Stuttgart, Essen und Saarbrücken, in Berlin ist man bereits am 31.08. und 01.09. dieses Jahrs zu Gast im Admiralspalast.

 
Markus Lamers, 13.08.2018
Fotos: © Agnes Wiener / Niklas Wagner

 

 

 

 

 

KammerMusikKöln

Oren Shevlin und Mariko Ashikawa

27. Mai 2018

Romantik und etwas mehr

In einem großen Sinfonieorchester mitzuwirken, ist fraglos ein erhebendes Gefühl. Doch besondere Beglückung wird immer darin liegen, in einem kleineren Kreis noch stärkere interpretatorische Verantwortung zu übernehmen. Deshalb zieht es die meisten Instrumentalisten früher oder später zur Kammermusik. Sowohl Mitglieder des Gürzenich-Orchesters als auch des WDR Sinfonieorchesters arrangieren in der Philharmonie sowie im Funkhaus entsprechende Reihen. Seit 2011 gibt es eine neue Formation, gemischt aus Musikern beider Klangkörper. Kölner Kammersolisten nennt sich dieses Ensemble und ist integriert in die Veranstaltungsreihe KammerMusikKöln.

Die ersten Aufführungen fanden im Belgischen Haus statt, doch mußte dieses vor einiger Zeit geräumt werden. Eine neue Spielstätte fand sich im Sancta-Clara-Keller, nicht weniger attraktiv und leicht urig angehaucht. Alle ausführenden Musiker sitzen nun ebenerdig, also nicht auf erhöhtem Podium, was die Intimatmosphäre der Konzerte und die Nähe zum Publikum verstärkt. An dieser Stelle wird erstmals über das Unternehmen berichtet, welches sich übrigens mittlerweile auch in einer Bonner Zweitstätte etablieren konnte.

Die langsam auslaufe Saison firmiert unter dem Titel „Short Stories“. Das aktuelle Konzert war mit „Romantik plus“ überschrieben. Mit lediglich zwei Ausführenden markierte es die untere Besetzungsgrenze; bei besonderen Gelegenheiten können es nämlich bis zu 18 Musikern werden, wobei es speziell in solchen Fällen ohne Gäste nicht ausgeht.

Um die Gestaltung unorthodoxer Programme ist KammerMusikKöln in besonderer Weise bemüht. Für „Romantik plus“ wurde als führendes Instrument das Cello ausgewählt, mit seinem warmen, sonoren Klang für die Musik des 19. Jahrhunderts besonders prädestiniert, wie sonst eigentlich nur das Horn. Oren Shevlin war vor Ort schon häufig zu hören, ein vielgefragter Solist, aber auch Mitglied des WDR Sinfonieorchesters (was das Programmheft verschwieg). Als seine Klavierpartnerin fungierte Mariko Ashikawa, an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz ausgebildet und dort mittlerweile selber als Pädagogin tätig.

Den Auftakt des Abends machten Robert Schumanns „Fünf Stücke im Volkston“, anspruchsvoll zwar, aber doch sehr gefällig, wie es der Titel im Grunde verspricht. Oren Shevlin gab sie vital und lebendig, war den Doppelgriffen in Nr. 3 glänzend gewachsen und steigerte die Tonfülle in den Tiefenlagen seines Instruments (Nr. 5). Auffallend die unterschiedliche Dosierung des Vibratos. Einen bravourösen Aufwärtslauf wie am Ende von Nr. 1 sollten die Zuhörer in abgewandelter Form später bei Astor Piazzollas „Le Grand Tango“ nochmals erleben. Mit ihrem gelenkigen Spiel war Mariko Ashikawa dem Cellisten eine anschlags- und stilsichere Partnerin.

Bei der Cellosonate opus 38 von Johannes Brahms drehten beide Musiker um etliche Grade auf, als wollte man Schumanns Vortragshinweis „mit viel Ton“ (Nr. 3) aufgreifen. Aber die Sonate ist von ihrem Habitus her tatsächlich besonders klangüppig angelegt, da durfte man durchaus in die Vollen gehen. Das mittlere, menuettartige Allegretto zäsierte das Werk genügend leichtfüßig.

Vom musikalischen Impetus her war Edvard Griegs Cellosonate opus 36 nach der Pause eine stilistisch schlüssige Programmfortsetzung. Der Pianistin wurde jetzt ein sogar noch rauschhafteres Spiel abverlangt, was Mariko Ashikawa mit Verve gelang. „Nordischer“ Tonfall ist in Griegs Musik unüberhörbar. Ein kurzes Motiv im ersten Satz erinnerte an das Klavierkonzert des Komponisten, im Finale spürte man Peer-Gynt-Atmosphäre. Dem Cello wird in diesem Werk so ziemlich alles abverlangt; Oren Shevlin meisterte seine Aufgaben grifftechnisch souverän und musikalisch total stimmig.

Das „Plus“ des Abends war das bereits erwähnte Werk Piazzollas. Die Lehrerin des adoleszenten Komponistin, Nadia Boulanger, hatte ihm sinfonischen Ehrgeiz zwar ausgetrieben, aber bestimmte Formen integrierte er doch immer wieder in seine Tangos, entkleidete sie einer bloßen Bar-Atmosphäre. Große Musikalische Gebärden bei den beiden Interpreten. Ihre Zugabe führte dann in romantisch schwelgerische Gefilde zurück.

Christoph Zimmermann (27.5.2018)

 

Dmytro Popov als Motivationskünstler 

Abschlusskonzert des Meisterkurses mit dem „Internationalen Opernstudio der Oper Köln“ im Saal 3 des Staatenhauses (25.05.2018)

Martina Franck, die Künstlerische Operndirektorin der Oper Köln, pries in ihrer kurzen An-sprache die Arbeit des ukrainischen Tenors Dmytro Popov mit den jungen Sängerinnen und Sängern des Internationalen Opernstudios während der vergangenen beiden Tage in den höchsten Tönen und versprach einen glanzvollen Opernabend. Und der wurde es auch! Die zahlreich erschienenen Opernfreunde brauchten ihr Kommen wahrlich nicht zu bereuen.
Popov, gefeierter Gast an allen großen Opernhäusern der Welt, spornte die jungen Künstler zu wahren Höchstleistungen an, ballte triumphierend die Faust, wenn eine Phrase nach mehrmaligem Anlauf vollendet gestaltet wurde, machte einen gefühlt zwei Meter hohen Luftsprung, wenn das hohe C strahlend im festlich geschmückten Saal 3 des Staatenhauses erklang und geizte nicht mit verbalen und körperlichen Umarmungen, wenn seine „Schüler“ ihr Gesellenstück mit Bravour dem begeisterten Publikum präsentiert hatten.
Der blutjunge türkische Bass Yunus Shahinger eröffnete mit sonorer Bassgewalt den Reigen musikalischer Glanzlichter mit der Arie des Banquo aus Verdis Oper „Macbeth“. Die belgische Mezzosopranistin Sara Jo Benoot erprobte mit großem Erfolg an diesem Abend einen Stimmfachwechsel und gestaltete mit leuchtendem, hochdramatischem Sopran u.a. die berühmte Briefszene der Tatjana aus Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“. Der Schweizer Tenor Dino Lüthy verströmte balsamischen Schmelz bei der Arie des Werther aus Massenets gleichnamiger Oper, die georgische Koloratursopranistin Maria Kubliashvili verzauberte mit herrlichen Pianotönen und gestochenen Koloraturen in Arien von Mozart und Bellini sowie einem Lied von Rachmaninow und der koreanische Bariton Hoeup Choi sang die Arie des Rodrigo aus Verdis Oper „Don Carlos“ mit stimmlicher Wucht und Gänsehaut fördernder Klangschönheit.
Als Maestro Popov daraufhin flugs ans Klavier eilte, einige Stimmübungen mit dem jungen Koreaner einlegte und ihn dann die Tenorarie (!) „Vesti la giubba“ aus Leoncavallos Reißer „I Pagliacci“ singen ließ, kannte die Begeisterung im Publikum keine Grenzen mehr. Ob hier ein neuer Stern im Tenorfach aufgeht? Dmytro Popov jedenfalls ist davon überzeugt. Bei dem koreanischen Tenor Young Woo Kim erübrigen sich solche Fragen. Seine herrliche Tenorstimme füllte mühelos den Saal 3 des Staatenhauses bei seiner Interpretation der Arien des Faust aus Gounods gleichnamiger Oper und des Rudolfo aus Puccinis Oper „La Boheme“. Als dann in der Reprise der Puccini-Arie Woo Kim das abschließende hohe „C“ strahlend mühelos und ganz natürlich aus der Gesangslinie heraus erklingen ließ, da jubelte nicht nur das Publikum, sondern auch der eigentliche Star dieses denkwürdigen Abends, der mit seinen Schülerinnen und Schülern mitfiebernde, ungemein empathische und seine Eleven motivierende Dmytro Popov.
Rainer Mühlbach, der Leiter des „Internationalen Opernstudios der Oper Köln“, begleitete seine Schützlinge einfühlsam am Klavier. Er kann zu Recht stolz sein auf die in den letzten beiden Jahren geleistete Arbeit, ohne die ein derartiges künstlerisches Niveau an diesem Abend nicht möglich gewesen wäre. Den jungen Sängerinnen und Sängern dürfte jedenfalls eine große Opernkarriere offen stehen.

Norbert Pabelick 28.5.2018

 

 

 

BAUTURMTHEATER KÖLN

Die Kunst des Gesangs

Martina Franck spricht im Bauturmtheater

22.04.2018

 

Die Freunde der Kölner Oper und die Freunde und Förderer des Theater im Bauturm hatten gemeinsam zu einem ganz besonderen Vortrag eingeladen. Und trotz des herrlichen Sommerwetters war der Theatersaal im Bauturm fast vollständig gefüllt, als Martina Franck, die Künstlerische Betriebsdirektorin der Oper Köln, 2 1/2 Stunden kenntnisreich, kurzweilig und amüsant über die Kunst des Singens referierte und dabei zahlreiche Tonbeispiele zu Gehör brachte.

Was sind die Kriterien, nach denen eine Sängerin oder ein Sänger für eine bestimmte Partie ausgesucht werden? Martina Franck nannte die Punkte, die sie selbst zum Maßstab macht: Die Stimme muss vor allem zuerst einmal „gesund“ sein. Technische Souveränität, Ausstrahlung, natürliches Singen, ein harmonischer Übergang aus dem Brustregister in die Kopfstimme, vielleicht sogar ein interessantes oder unverwechselbares Timbre, dann aber auch Bühnenpräsenz, Teamfähigkeit und schauspielerisches Talent sind unter vielen nur die wichtigsten Gesichtspunkte, die für ein Engagement entscheidend sind. „Eine figürlich unpassende Traviata wird nirgendwo mehr zu sehen sein, und die Unart des Stehtheaters ist eigentlich passé, Opernsänger müssen auch gute Schauspieler sein“, so Martina Franck. Eine Ausnahmesängerin wie Montserrat Caballé hätte es heute – das sei menschlich und künstlerisch sehr bedauerlich – schwer, eine vergleichbare Karriere zu starten.

Die Brüller auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, sind nicht Martina Francks Favoriten. Der Paradigmenwechsel im Gesang durch den Verismus seit Verdi, vor allem aber die enormen Anforderungen an Durchhaltevermögen und Lautstärke durch Wagner und Richard Strauss, sie hätten, so Martina Franck, dem bis Ende des 19. Jahrhunderts gepflegten Belcanto, dem Canto fiorito und dem gemischten Gesang aus Brust und Kopfstimme für lange Zeit den Garaus gemacht. Das mit der Bruststimme geschmetterte hohe C elektrisiere die Zuhörer, führe aber auch, so Kölns Operndirektorin, z.T. zu einer Verrohung des Gesangs. Erst mit der Wiederbelebung der Opern Händels, Rossinis und besonders Bellinis werde wieder die Kunst des verzierten Gesangs in der Ausbildung junger Sängerinnen und Sänger gelehrt. Maria Callas sei hier als Wegbereiterin von enormer Bedeutung, der peruanische Tenor Diego Flórez sei wohl im Augenblick der ideale Vertreter des „tenore contraltino“ und Cecilia Bartoli stehe beispielhaft für die souveräne Beherrschung des canto fiorito.

Als Jussi Björling und Robert Merrill in dem herrlichen Duett zwischen Zurga und Nadir aus Bizets „Perlenfischer“ zu hören sind, da strahlt Kölns Operndirektorin wie auch bei den Einspielungen von Lauritz Melchiors Interpretation von „Dio mi potevi scagliar“ aus Verdis Othello und einem Auszug aus Donizettis „Anna Bolena“ mit Maria Callas. Es gab und gibt eben immer noch Sängerinnen und Sänger, die mit ganz natürlichem, auf dem Atem liegenden Stimmfluss unangestrengt und mit herrlicher Pianokultur den Gesang zur Kunst werden lassen.

Norbert Pabelick, Michael Cramer (Freunde der Kölner Oper), Martina Franck mit Hund, Laurenz Leky (Bauturmtheater)

 

Fotos (c) Stadt-koeln.de / Freunde der Kölner Oper e.V.

Norbert Pabelick 25.4.2018

 

Eine Institution von Bedeutung

Das Kölner Kammerorchester sieht seinem hundertjährigen Bestehen in 5 Jahren entgegen...

Bis 2023 gehen zwar noch einige Jahre ins Land, aber beim Kölner Kammerorchester (KKO) ist der Blick schon jetzt fest auf dieses Datum gerichtet, denn dann besteht es – als ältestes Kammerorchester Deutschlands – seit sage und schreibe hundert Jahren. Für die Gründungsidee im Jahre 1923 war die Überlegung ausschlaggebend, Kompositionen der Barockzeit und der Klassik in einer „werkgerechten Interpretation“ zu vermitteln, ein Begriff, welcher seit den endfünfziger Jahren durch die Bezeichnung „historisch informierte Aufführungspraxis“ abgelöst wurde. Auf Hermann Abendroth, von 1914 bis 1934 vor Ort künstlerischer Leiter des Gürzenich-Orchesters, folgte sein Schüler Erich Kraack, welcher die Konzerte des KKO für eine längere Zeit ins nahe gelegene Leverkusen verlegte. 1963 übernahm Helmut Müller-Brühl den Klangkörper rückte ihn nicht zuletzt durch eine Schweiz-Tour mit Wilhelm Kempff nachhaltig ins Licht der Öffentlichkeit. Aufführungen in Deutschland fanden hauptsächlich im prunkvollen Brühler Schloss statt, dessen festliches Ambiente im Verein mit den musikalischen Genüssen für starken Publikumszuspruch sorgte. Ab 1988 etablierte man in der Kölner Philharmonie zusätzlich die Reihe „Das Meisterwerk“, welche bis heute besteht. Im Rahmen dieser Veranstaltungen waren so manche prominente Künstler zu hören bzw. solche, die es einmal werden sollten. Julia Fischer beispielsweise gab hier im Alter von 17 Jahren ihr Debüt.

Für die Breitenwirkung der Arbeit des KKO sorgten nicht wenig die über 200 CD-Aufnahmen, welche in Zusammenarbeit mit dem engagierten und seine Verkaufspreise niedrig haltenden Label Naxos entstanden. Viele von ihnen sind noch heute erhältlich. Im Falle der Edition von Bachs Orchesterwerk gab es in einer Fachzeitschrift folgende bezeichnende Rezension zu lesen: „Helmut Müller-Brühl liefert ein überzeugendes Argument dafür, dass die Wahl zwischen alten und modernen Instrumenten bei Bach zweitrangig sein kann, wenn der Interpretationsansatz stimmt. Mit der richtigen Mischung aus historischen Informationen und gutem Geschmack arbeitet der Dirigent den Basisgehalt der einzelnen Bachischen Sätze klar heraus. Da wird deutlich artikuliert, schwungvoll und federnd musiziert, ohne dass dieser Stil zur bloßen Masche würde.“ Zu den Einspielungen unter Müller-Brühl während seiner letzten Amtsjahre gehören u.a. die fünf Klavierkonzerte Beethovens mit wechselnden Solisten, unter denen sich auch der junge Igor Levit befindet. Diese phonografische „Hoch“zeit ist inzwischen abgeebbt, was angesichts der gegenwärtigen Fülle, ja Überfülle an Spezialorchestern bzw. -ensembles allerdings kaum verwundern kann.

Mit dem Tod des fast achzigjährigen Helmut Müller-Brühl im Jahre 2012 trat ohnehin einer markante Zäsur ein. Als Nachfolger des den Stil des Orchester so maßgeblich prägenden Dirigenten wurde Christian Ludwig auf Zeit berufen. Es gelang dann, mit Christoph Poppen einen Principal Guest Conductor zu gewinnen, welcher sich nicht zuletzt durch seine Vielseitigkeit empfahl. Bis 1997 war der ausgebildete Geiger Primarius des Cherubini-Quartetts, eine Tätigkeit, welche er dann zugunsten einer Karriere als Dirigent aufgab. Es würde zu weit führen, alle seine Positionen (viele auch im Ausland) aufzuzählen, wobei neben dem Konzert auch die Oper eine gewichtige Rolle spielt. Die besonders prägenden Jahre beim Münchner Kammerorchester und bei der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern sollten allerdings erwähnt werden.

Beim KKO hat Christoph Poppen einem dezidierten Publikumsgeschmack Tribut zu zollen. Barock und Klassik (mit leichter Ausweitung ins frühe 19. Jahrhundert) sind vornehmlich gefragt; daran hat sich seit den Jahren Helmut Müller-Brühls zunächst einmal wenig geändert. Mit den Entwicklungen nachfolgender Epochen vertraut zu machen und Lust auf Neues zu erwecken ist aber Poppens erklärte Absicht und wird eine spannende, aber sicher auch anstrengende Aufgabe in Zukunft sein. Am weitesten wagt sich in der kommenden Saison ein Konzert am 17. Februar vor, in welchem der Tenor Christoph Prégardien u.a. Gustav Mahlers Gesellenlieder vortragen wird. In seinem gestalterischen Mut weiß sich Christoph Poppen eines mit dem Orchester, wo die Zusammenarbeit gemäß vielen Bekundungen als beflügelnd und harmonisch bezeichnet wird. Oft fällt in Bezug auf den Dirigenten das Wort „Charisma“, welches auch das Publikum bei den Konzerten spüren dürfte

Die Höhenflüge der künstlerischen Zusammenarbeit wirken sich hoffentlich auch günstig auf die finanzielle Situation aus. Bis heute verdankt das KKO seine Existenz alleine privater Unterstützung, die man aber auszuweiten hofft. Dem Vorsitzenden des Vorstandes Kölner Kammerorchester e.V., Franz Xaver Ohnesorg, ehemals Intendant der Kölner Philharmonie und heute Leiter des Klavier-Festivals Ruhr, gelang es mit seinem von künstlerischen Idealen getragenem Geschäftssinn, neben dem Kuratorium Kölner Kammerorchester nun auch noch einen „Förderkreis 100 Jahre KKO“ und einen „Freundeskreis KKO“ (unterschiedliche Mitgliedsbeiträge) zu etablieren. Einen finanziellen Zugewinn bedeutete auch das Benefizkonzert am 11. März, bei welchem Juliane Banse (Gattin von Christoph Poppen), Dietrich Henschel, Michael Barenboim (Sohn von Daniel B.), Frank Peter Zimmermann mit Sohn Serge und Elisabeth Leonskaja unentgeltlich mitwirkten.

Dank Christoph Poppens internationalen Kontakten bestreitet das KKO inzwischen auch eine Vielzahl von Auslandsgastspielen. Hervorzuheben ist für den kommenden Juli die erneute Mitwirkung beim Festival Internacional de Musica do Marvao, von Poppen ins Leben gerufen und inzwischen längst führende Kulturadresse in Portugal. Für 2019 sind Reisen nach Korea, Taiwan und (!) China geplant. In jüngster Zeit fanden diverse Auftritte in den Niederlanden statt. Aber auch in deutschen Städten ist man ständig präsent, für welche stellvertretend Heimbach mit seinem Festival „Spannungen“ genannt sei (nächstes Konzert am 16. Juni).

Weiterführende Informationen unter www.koelner-kammerorchester.de

Christoph Zimmermann 21.3.2018

Bilder (c) Koelner-kammerorchester.de

 

 

WDR Funkhaus

Keine Oper, aber durchaus gute Unterhaltung:

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Uraufführung: 23.02.2018 

Besuchte Vorstellung: 24.02.2018

 

Die Sage des fliegenden Holländers, der durch einen Fluch belastet nur alle sieben Jahre für sieben Tage an Land darf, um durch eine Frau die ihn aufrichtig liebt erlöst zu werden, konnte sich in der Vergangenheit immer als Vorlage für diverse Film- und Theaterproduktionen beweisen. Hinlänglich bekannt ist nicht nur Wagners Oper, auch in Disney´s „Fluch der Karibik“ wird diese Sage aufgegriffen. Der WDR produzierte für die Sendung „Klassik populär“ nun die Welturaufführung dieses Stoffes als modernes Musical. Aufgezeichnet wurde die konzertante Version am 23. und 24. Februar diesen Jahrens im großen Sendesaal des WDR Funkhauses am Kölner Wallrafplatz.

Doch begonnen hat alles bereits einige Jahre zuvor. Bei einem Wettbewerb gewannen Philipp Polzin (Musik, Buch und Liedtexte) und Christian D. Dellacher (Musik, Orchestrierung und Arrangements) mit dem Musical „Der fliegende Holländer“ den ersten Preis, welcher eigentlich in einer Aufführung des Werkes bestehen sollte. Leider entwickelte sich die Suche nach einer passenden Bühne offenbar etwas schwieriger als angenommen, so dass die, um es vorwegzunehmen, großartige Partitur bis zum Februar 2018 weitestgehend unter Verschluss blieb. Vor einiger Zeit nahm sich das WDR Funkhausorchester dem Stück an, so dass die Uraufführung des Werkes gleich mit einem großen, professionellen Orchester punkten konnte. Außerdem konnten mit Chris Murray (Holländer), Milica Jovanovic (Senta), Richard-Salvador Wolff (Erik) und Thomas Bayer (Daland) vier erfolgreiche und bekannte Musicaldarsteller verpflichtet werden, die durch den Chor „Vocal Journey“ ergänzt wurden.

Gleich die Ouvertüre weiß zu gefallen, kann man das Meeresrauschen aus ihr förmlich spüren. Unter der musikalischen Leitung von Kai Tietje spielt das WDR Funkhausorchester zwei Stunden so wunderbar, das man sich mehrmals am Abend wünscht, dass dieses Konzert doch bitte als CD-Veröffentlichung erscheinen möge. Auch die Gesangssolisten wissen zu gefallen, die Rolle des Holländers scheint Murray fast auf den Leib geschrieben zu sein, Milica Jovanovic übernimmt die großen Balladen und auch Richard-Salvador Wolff gelingt der Wechsel von Disneys Aladdin (den er vor kurzem noch in Hamburg verkörperte) zum Seefahrer prächtig. Musikalisch spielt das Werk geschickt mit großen Orchesternummern, moderneren Rock-Pop-Balladen und schönen Seemanns-Shantys, bei denen auch der Chor immer wieder zu gefallen weiß.

Die Regie dieser konzertanten Aufführung übernahm Roland Hüve, kein so leichtes Unterfangen bei solch einem Stück, was geradezu vor Bildgewalt überquillt. So beschränkt sich Hüve auch mehr oder weniger auf einen großen Steeg über den die Darsteller laufen und ein paar kleinere Requisiten wie Stühle in der Seemannskneipe, für eine Radioaufzeichnung sicher ausreichend. Dazu die passenden Kostüme für die Darsteller und ein geschickter Einsatz des Lichtes runden die Aufführung für die Zuschauer im Saal ab. Übrigens waren sehr viele Erstbesucher bei einem Konzert des Funkhausorchesters im ausverkauften Konzertsaal zu Gast, wie eine kleine Abstimmung durch Handzeichen zu Beginn ergab, charmant kommentiert von der Bühne mit dem Hinweis, dass man dies wohl eine gelungene Neukundenakquise nennen könne.

Doch genug geschwärmt, am besten hören Sie selber mal rein. Allen Lesern sei die Ausstrahlung des Konzertes im Rahmen von „Klassik Populär“ am Sonntag, den 28.04.2018 um 19 Uhr auf WDR4 wärmstens empfohlen. Weitere Informationen zum Stück liefert auch die Homepage www.hollaendermusical.de. Eine CD-Veröffentlichung wäre wie bereits erwähnt wünschenswert, damit das Werk möglichst vielen Entscheidungsträgern in den Theatern des Landes bekannt wird, denn hier ist ein Musical mit großem Potential entstanden, welches richtig inszeniert - ein großes Schiff, eine kleine Häuserfront und viel Nebel würden wahrscheinlich fast schon ausreichen - sicherlich ein großer Publikumsrenner werden könnte und musikalisch zudem bestens unterhält.


Markus Lamers 6.3.2018
Bilder (c) WDR / Claus Langer

 

 

 

AUSWEICHSTÄTTE AM OFFENBACHPLATZ

 

Zum Zweiten

Der Kaiser von Atlantis

Premiere: 214.2.218       

Dritte Aufführung: 2.3.2018

Erfolgreich im Außengebäude

Die sogenannte „Außenspielstätte am Offenbach-Platz“, wo die durchaus schon proper aussehenden Häuser von Oper und Schauspiel weiter dem Ende ihrer Generalsanierung (vermutlich 2022) entgegen träumen, war eine offensive Idee des Schauspielintendanten Stefan Bachmann. Der studioartige Raum lässt selbstverständlich nur klein dimensionierte Inszenierungen zu, was aber auch als Herausforderung für den Spielplan wie für die Regie begriffen werden kann. Der „Saal 3“ im Haupt-Provisorium der Oper („Staatenhaus“) ist hingegen ein weitläufiges Arreal, welches durch das Bühnenbild künstlich verkleinert werden muss, sofern es nicht konzeptionell genutzt wird wie bei der grandiosen Produktion von Brittens „Rape of Lucrecia“, welche ihrer baldigen Wiederaufnahme entgegen sieht.

Viktor Ullmanns “Der Kaiser von Atlantis“ ist die zweite Initiative der Kölner Oper in der Außenspielstätte nach Georg Kreislers „Adam Schaf hat Angst“ (Juli 2017). Das Schicksal des tschechischen Komponisten dürfte bekannt sein. Er wurde als Jude 1942 nach Theresienstadt deportiert, dessen Zustände die Nazis in der Öffentlichkeit schönredeten. Die Abteilung „Freizeitgestaltung“ war ein potemkisches Dorf besonderer Art, aber tatsächlich funktionierte eine lagerinterne Kulturarbeit, was übrigens auch Stefan Heuckes 2006 in Mönchengladbach uraufgeführte Oper „Das Frauenorchester von Auschwitz“ thematisiert. In Theresienstadt durfte Ullmann seine Oper komponieren (das Libretto schrieb Schicksalsgefährte und Leidensgenosse Peter Kein); die Orchesterbesetzung musste sich nach den zur Verfügung stehenden Instrumenten richten,. Zur Premiere kam es aber nicht, wobei die Meinungen über die Gründe divergieren. Von Papiermangel für die Noten ist die Rede, bzw. von Schwierigkeiten für das Ausstattungsmaterial. Aber vielleicht wurden in der symbolhaften Handlung zuletzt politische Anspielungen aufgespürt. Kurz bevor Viktor Ullman nach Auschwitz abtransportiert und dort ermordet wurde, übergab er die Unterlagen seiner Oper einem Mithäftling, der sie über das Kriegsende hinweg zu retten vermochte. Erste Aufführungen vom „Kaiser von Atlantis“ (posthume Premiere 1975 in Amsterdam) waren Annäherungen an die noch nicht rekonstruierte Originalgestalt. Eine Edition des Schott-Verlages 1993 darf mittlerweile als authentische Fassung angesehen werden.

Der Tod: ein Urthema der Menschheit, mal als schmerzhaft, mal als erlösend empfunden. Aber er gehört unausweichlich und notwendigerweise zum Dasein. Was, wenn diese Konstellation einmal außer Kraft gesetzt würde? Ullmanns Oper durchdenkt das kritisch. Der Kaiser Overall, ein Kriegsherr, wie er im Buche steht, propagiert den Kampf aller gegen alle. Der Tod fühlt sich durch diese Maßnahme verhöhnt und verweigert seinen Dienst. Kein Mensch stirbt mehr, auch nicht bei heftigsten Auseinandersetzungen auf dem Schlachtfeld. In dieser Situation finden die Menschen aber wieder neu zu sich, was Eike Ecker in ihrer Kölner Inszenierung dadurch visualisiert, dass die Bühnendarsteller die Köpfe von ihrer Stoffummantelung befreien und wieder freie Sicht gewinnen. Ein Soldat und sein weibliches Pendant Bubikopf finden sogar in Liebe zueinander.

Der Kaiser ist von seiner Schuld aber nur schwer zu überzeugen. Doch dann willfährt er doch der Forderung des Todes, selber aus dem Leben zu scheiden und damit dem Erdenleben wieder zu seiner normalen Gangart zu verhelfen. Hier nun freilich stößt die Inszenierung an leichte Grenzen. Das hat wesentlich mit dem so ungemein sympathisch wirkenden Bariton Nikolay Borchev zu tun, welcher den Kaiser 2013 bereits konzertant am Theater an der Wien sang (und demnächst in Köln als Stolzius in Zimmermanns „Soldaten“ zu erleben sein wird). Der Sänger wirkt in keinem Moment als grimmer Despot, eine Fallhöhe zu seiner Unterwerfung findet somit nicht statt. Grundsätzlich ist die sängerdarstellerische Leistung des jungen Russen allerdings superb. Aber der clowneske Harlekin von Martin Koch und der sinistre Tod von Lucas Singer besitzen letztlich markantere Rollenumrisse, auch Judith Thielsen als Trommler. Das „Liebespaar“ Claudia Rohrbach und Dino Lüthy (einstweilen noch im Opernstudio) verströmen belkanteskes Melos.

Das taucht in Ullmanns Partitur auch sonst häufig auf. Mit der Musikästhetik seines Lehrers Arnold Schönberg scheint er also nicht auf voller Wellenlänge zu liegen, eher steht Sympathie für Alexander Zemlinsky zu vermuten, dem er in Prag als Kapellmeister zur Seite stand. Und der verweigerte sich einem grundsätzlichen Verlassen der Tonalität. Ullmann lässt auch Sympathien für Kurt Weill spüren, was von den Musikern des Gürzenichorchesters unter Rainer Mühlbach mal hart und kantig, mal aber auch eminent süffig zum Klingen gebracht wird.

Das Bühnenbild von Darko Petrovic bietet nicht viel außer einer das mittig platzierte Orchester umlaufenden Spielfläche. Blickfang ist eine schwarze Stoffglocke, welche den Lautsprecher symbolisiert, im Prolog akustisch dominant. Markante Akzente setzten weiterhin die Kostüme. Eike Eckers Inszenierung verzichtet auf zeithistorische Anspielungen, führt vielmehr auf fast schon asketische Weise einen mittelalterlichen Totentanz vor, einen dunklen Danse macabre. Mit seinen visuellen Andeutungen erreicht er mehr als vorstellbare politische Querverweise.

Eine knappe Stunde höchst beeindruckendes Welttheater. Vom Publikum nachdrücklich akklamiert.

Christoph Zimmermann (3.3.2018)

 

 

Viktor Ullmann

DER KAISER VON ATLANTIS

Premiere am 24. Februar 2018

Wenn der Tod streikt

Was ist es für Opernfreunde in Köln eine Freude, wieder den Weg zum Offenbachplatz einzuschlagen um in die Oper zu gehen. Zwar ist man auch noch weiterhin genötigt den mächtigen Riphahn-Bau links liegen zu lassen, aber immerhin öffnet die sogenannte „Außenspielstätte am Offenbachplatz“, die in ferner Zukunft die kleine Bühne des Schauspiels sein wird, derzeit ihre Pforten für das Musiktheater.

Viktor Ullmanns Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis“ steht auf dem Programm und konnte bei der Premiere einen wahren Beifallssturm entfachen. Diese Oper, die gerade mal eine knappe Stunde dauert, ist - und das mag man sich heute kaum vorstellen - unter den barbarischen Bedingungen nationalsozialistischer Schreckensherrschaft im Ghetto Theresienstadt entstanden. Ullmann war hier interniert und durfte aber, da man dort zu Propagandazwecken ein kulturelles Leben von Machthaberseiten zuließ, komponieren. So entstand dieses Werk, das von beißendem Spott, Ironie und Groteske durchzogen ist. Zur Aufführung kam es zu Lebzeiten Ullmanns nie, nach der Generalprobe wurde das Werk von den Nazis verboten und der Komponist wurde 1944 im KZ ermordet. Erst dreißig Jahre später fand das Werk den Weg auf die Bühne und wird seitdem immer wieder vereinzelt gespielt, nun also auch in Köln.

Im Untertitel trägt die Oper den Zusatz „Die Tod-Verweigerung“ und dieser fasst die Handlung eigentlich schon kurz und bündig zusammen. In Atlantis (die Metapher des untergegangenen Reichs steht hier auch für das versunkene „gute“ Deutschland), herrscht Kaiser Overall. Dieser befiehlt einen Krieg, bei dem jeder gegen jeden kämpfen soll – das ist dem Tod zu viel. Er verweigert die Arbeit und niemand kann mehr sterben. Soldaten schießen aufeinander, aber sie bleiben nicht tot auf dem Schlachtfeld liegen, sondern blicken sich in die Augen und erkennen sich als Menschen (im Falle eines Soldaten und des weiblichen Soldaten Bubikopf entspinnt sich sogar eine kurze Liebesgeschichte). Der Tod nimmt erst wieder die Arbeit auf, als der Kaiser zustimmt, der erste zu sein, den der Tod ins Jenseits führen darf.

Dieses Werk ist natürlich voll von ironischen, ja zynischen Anspielungen auf die Machtverhältnisse im dritten Reich. Ein Herrscher, der nicht mehr bei seinem Volk ist, aber den totalen Krieg befiehlt und nur noch mittels Lautsprecher mit seinen Untergebenen kommuniziert, grotesk sind die Figuren, die Szene, wenn der Tod mit einem Harlekin über das Leben philosophiert, absurd die Liebesszene auf dem Schlachtfeld. Regisseurin Eike Ecker, die schon zahlreiche kleinere Produktionen für die Kölner Oper realisieren konnte, arbeitet sich brav durch das Stück. Sie arbeitet akkurat mit der Musik, traut sich aber nur selten, die Groteske des Stücks auch in die Szene zu übersetzen. Ullmann greift immer wieder zum sehr dicken Pinsel, Ecker traut sich nur selten das auch in ihrer Inszenierung zu tun. Charmant ist ein Ballett der Statisterie, mit kleinen glitzernden Sensen zu fetzigen Swing-Rhythmen aus dem Graben, Soldaten die eimerweise rotes Konfetti schaufeln – solche Bilder hätte man sich mehr gewünscht. Was Ecker freilich ganz exzellent gelingt ist die Zeichnung der Figuren und der Blick für die ruhigen, lyrischen Momente der Oper, denn auch die gibt es und hier entstehen wirklich berührende Momente.

Bühnenbildner Darko Petrovic, der auch für die wilden, prächtigen Kostüme verantwortlich zeichnet, hat für die nicht gerade üppigen Platzverhältnisse der Spielstätte ein Setting geschaffen, bei dem das Orchester in der Mitte der Bühne in einer Vertiefung sitzt, durch dessen Mitte ein Steg mit einer kleinen, erhöhten Plattform führt. Über dem Orchester schwebt bedrohlich, omnipräsent und letztendlich hervorragend überzeichnet der riesige Schalltrichter eines Lautsprechers. Und genau aus diesem sind auch die ersten Worte des Abends zu hören, denn Ullmann sieht die Rolle des Lautsprechers explizit vor. Diese übernimmt auf dem Off Lucas Singer, der auf der Bühne aber auch die Hauptrolle spielt: er ist der Tod. Und diese Rolle verkörpert er mit Macht. Mit seinem tiefen, sonoren Bass vermag er die dämonischen Momente dieser Figur auszuleuchten, er vermag aber auch zutiefst zu rühren, wenn er die Sinnhaftigkeit von Leben und Tod in Frage stellt. Dabei sind höchste Textverständlichkeit und Präzision im Ausdruck bemerkenswert. Ihm zur Seite steht aber ein durch die Bank weg hervorragendes Ensemble. Martin Koch gibt einen Harlekin der an Spielfreude und Ausdruck kaum zu übertreffen ist. Sicher in allen Höhen und Tiefen dieser Partie, agil auf der Bühne füllt er die Rolle mit der ihr eigenen tragikomischen Penetranz. Nikolay Borchev gibt einen soliden Kaiser Overall, bleibt aber in der Darstellung etwas zurückhaltend. Dino Lüthy, Mitglied des internationalen Opernstudios der Oper Köln, singt die Rolle des Soldaten mit viel Verve und weiß sich bestens neben seiner Bühnenpartnerin Claudia Rohrbach, fast schon ein Urgestein am Kölner Opernhaus und hier mit der eher kleinen Rolle des Bubikopfs betraut, zu behaupten. Beide meistern ihre Rollen souverän und klangschön. Judith Thielsen vermag in der Rolle des Trommlers nur bedingt zu überzeugen: so schön ihre Stimme ist, die Textverständlichkeit ist leider kaum gegeben.

Bemerkenswert ist sicherlich auch die Leistung der 14 Musiker des Gürzenich-Orchesters unter der Leitung von Rainer Mühlbach. Die Musiker musizieren die Farbigkeit und Vielseitigkeit der Partitur bis in die letzten Nuancen perfekt aus und das ist nicht ohne, denn Ullmann greift auf ganz verschiedene Elemente der Musikgeschichte zurück und präsentiert eine unglaublich facettenreiche Partitur. Vom mit Harmonium begleiteten Rezitativ, über melodramatische Moment, von barocken Tanzformen, über freitonale Passagen bis hin zu mitreißenden Jazzmomenten, vom harmonisch verfremdeten Deutschlandlied (bei der Ankündigung des „totalen Kriegs“ stehe einem hier wirklich die Haare zu Berge) bis zum Luther-Choral – was in dieser Partitur steckt ist eine Menge und die Musiker stellen sich dieser Herausforderung mal wohltönend, mal wild und zügellos aber immer hoch präzise und immer den richtigen Klang entfaltend. Letztendlich, das sei am Rande bemerkt, macht das Werk auch neugierig sich mehr mit dem Schaffen Ullmanns zu beschäftigen, denn auch wenn einiges seines Oeuvres in den Wirren des zweiten Weltkrieges verloren gegangen ist, sind doch viele Werke enthalten, die es zu hören lohnt.

Mit dem „Kaiser von Atlantis“ ist der Kölner Oper eine interessante und berührende Produktion gelungen, die sich um ein Werk verdient macht, das man sich häufiger in den Spielplänen der Opernhäuser wünscht und das ein packendes Statement gegen die Absurditäten von Krieg und Machtmissbrauch ist.

Dank an Paul Leclaire (c) für die schönen Bilder

Sebastian Jacobs  25.2.2018

 

 

 

West Side Story

am 9.1. im Musical Dome

 

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„Irgendwo auf der Welt kehrt diese alte Geschichte wieder und wieder: Zwei Menschen unterschiedlicher Herkunft begegnen sich, verlieben sich ineinander und schwören sich ewige Treue“. So beginnt das Programmheft die Einleitung zur aktuellen Welttournee der West Side Story, die nach Tokio, Manila, Singapur, Bangkok, Paris, Shanghai, Den Haag und Groningen derzeit im Kölner Musical Dome Station macht. Und genauso regelmäßig wie diese Geschichte stehts wiederkehrt, so regelmäßig taucht auch dieses Musical auf den Spielplänen der verschiedensten Theater auf. Dies liegt zum einen sicher an der wunderbaren Musik von Leonard Bernstein, doch auch der Inhalt scheint stehts aktuell, in der heutigen Zeit vielleicht noch mehr als jemals zuvor. So erhielt das Buch von Arthur Laurents in der Vergangenheit diverse aktuelle Deutungen durch die Regie, die bei der West Side Story sicher auch problemlos möglich und sinnvoll sind. Auf der anderen Seite ist das Werk aber auch in der ursprünglichen Version noch heute sehenswert und so bietet die aktuelle Tour in der Inszenierung von Joey McKneely eine wunderbare Hommage an das große klassische Broadway Musical. Zudem wird als weltweit einzige Inszenierung auf die Originalchoreografie von Jerome Robbins zurückgegriffen, die Songs erklingen im englischen Original von Stephen Sondheim.

Die Auseinandersetzung zwischen den Jets und den Sharks überzeugt auch in Köln auf ganzer Linie in bewährter Qualität, holte BB Promotion das Werk ja in der Vergangenheit bereits öfter nach Deutschland und Österreich. Auf der aktuellen Tour werden die beiden Hauptrollen von Kevin Hack als Tony und Natalie Ballenger als Maria übernommen. Egal ob „Maria“, „Tonight“, „I Feel Pretty“ oder „One Hand, One Word“, beide harmonieren wunderbar zusammen und können gesanglich vollkommen überzeugen. Stark auch das gesamte Ensemble, was die Damen vor allem bei „America“, die Herren dagegen bei „Gee, Officer Krupke“ auch gesanglich mal zeigen dürfen. Auch Schauspiel und Tanz sind ganz hervorragend. Allgemein bleiben bei dieser Inszenierung vor allem die vielen und wunderbar akkurat getanzten Choreographien im Gedächtnis. Kelly Beirne zeigt als Anita eine wunderbar glaubhafte Darbietung dieser Rolle und auch Lance Hayes (Riff) und Waldemar Quinones-Villanueva (Bernado) verkörpern die jeweiligen Bandenchefs mehr als rollendeckend. Vom gesamten großen Ensemble bleiben vor allem Daniel Russel als Baby John und Natalia Sanchez als Anybodys im Gedächtnis, was sicher auch etwas an den Rollen liegen mag. Insgesamt waren die Standing Ovation am Ende der Vorstellung für die Darsteller absolut verdient.


Donald Chan leitet das für eine Tourproduktion überraschend große Orchester sicher und souverän durch die Vorstellung. Das Bühnenbild von Paul Gallis besteht vor allem aus zwei Häuserfronten rechts und links der Bühne, die sich in verschiedene Richtungen bewegen lassen und so in Verbindung mit einigen Projektionen von New York immer wieder neue Räume schaffen, schlicht und effektiv. Die Kostüme von Renate Schmitzer sind den 50iger-Jahren angepasst und auch die Abgrenzung der Sharks und Jets ist gut gelungen, ohne aufdringlich zu wirken.

Alles in allem, erwartet den Zuschauer „eine große Broadway-Produktion“ am Rhein, bei der der Zusatz „Der Original Broadway-Klassiker“ mehr ist als nur ein Werbespruch. Vielmehr ist er eine recht treffende Beschreibung dieser Inszenierung, die von den Zuschauern mit lautem Beifall bedacht wurde und der ein oder andere Besucher hatte auf Grund der gut umgesetzten Geschichte am Ende sicher auch eine kleine Träne im Auge. Etwas eilig hatte es allerdings wohl der Inspizient gestern Abend, denn der Vorhang blieb sehr schnell geschlossen und die Saalbeleuchtung wurde eingeschaltet zu einem Zeitpunkt wo die Zuschauer sicherlich noch bereit waren, den Darstellern mit einer Runde Extraapplaus zu danken. Wer sich die Show noch ansehen will, muss sich allerdings sputen, denn die West Side Story gastiert nur noch bis zum 14. Januar 2018 in Köln und im Vorfeld konnten bereits über 90 % der Plätze abgesetzt werden, so dass es nur noch Restkarten an den Abendkassen geben wird. Hingehen lohnt sich allerdings.


Markus Lamers, 10.01.2018
Fotos: © Johan Persson / Susanne Brill
Weitere Informationen: www.westsidestory.de

 

 

 

Kinderoper Köln

Orpheus in der Unterwelt

WA-Premiere: 6.1.2018

Vehemente Spielwut, eine Stunde lang

Die Kölner Kinderoper ist – mit Überzeugung euphorisch ausgedrückt – eine einzige Erfolgsgeschichte. Erst war sie in einem Foyerzelt der „alten“ Oper am Offenbachplatz untergebracht, siedelte dann ins südstädtische „Pfandhaus“ um (besonders intimer Rahmen) und residiert jetzt wie das gesamte Opernarsenal im Ausweichquartier “Staatenhaus“ bis noch mindestens 2022. Das künftige unterirdische Domizil der Kinderoper am Offenbachplatz gab es als Architektur-Entwurf immerhin schon mal zu sehen, aber nun ist weiteres Warten auf ein endgültiges Opening nach der sich hinschleppenden Restaurierung angesagt.

Bei der Wiederaufnahme von „Orpheus in der Unterwelt“ besitzt die glitzernde Ausstattung von Elisabeth Vogetseder noch immer starke Attraktivität, allerdings war das intime Ambiente des Pfandhauses 2013 für sie besonders günstig. Die Inszenierung stammt von Elena Tzavara, der damaligen Leiterin der Kinderoper. Sie bietet eine kindgerechte Bearbeitung von einer Stunde Spieldauer. Bezüglich Handlung und Musik (Fassung für Salonbesetzung: Uwe Sochaszewsky) bedeutet das so etwas wie „großer Querschnitt“. Aber die wichtigsten Elemente der Handlung sind erhalten geblieben. Dass dabei Witz vor Psychologie geht, geht in Ordnung. Es gibt ein „modernisiertes“ Finale. Obwohl Eurydike gemäß höherer Weisung wieder zu ihrem ungeliebten Gatten zurückkehren soll, hat die sonst so sauertöpfische Öffentliche Meinung (Fernsehmoderator Ralph Caspers) eine rettende Idee. Die frustrierte Frau bekommt eine Fernsehshow. Hier kann sie Orpheus tot reden, so wie er sie zu Anfang nahezu tot gegeigt hatte. Elena Tzavaras Inszenierung zündet noch immer, wobei ein Moment dies sogar fast wörtlich unterstreicht. Bei der Bemerkung „Ich habe eine Idee“ entflammt sich der über der Szene hängende Kronleuchter. Ein köstlicher Moment.

Die erhöhe Spielfläche ermöglicht „unterirdische“ Auftritte und Abgänge. Der Olymp ist durch eine breit gezogene Chaiselongue repräsentiert, auf welcher sich die Götter der Langeweile hingeben. Dahinter, auf leicht erhöhtem Podium, sitzen Musiker des Gürzenich-Orchesters und spielen unter Rainer Mühlbach mit Verve. Dass von Offenbachs originaler Orchestrierung nur Rudimente erhalten bleiben, nimmt man unter den gegebenen Umständen gerne hin.

Das Ensemble ist nicht nur spielfreudig, sondern geradezu spielwütig, wobei Maria Isabel Kublashvili (Venus) und Anna Herbst (Diana) freilich nur Ensembledienst leisten können. Fast alle Sänger sind Mitglieder des Opernstudios. Matthias Hoffmann (Pluto) gehörte ihm einige Zeit an, gehört jetzt zum regulären Ensemble. Sein inzwischen noch machtvoller gewordener Bass und seine Bühnenpräsenz sind einfach umwerfend. Dino Lüthy (als Orpheus kraftvoll lyrisch) wird fraglos den gleichen Aufstieg machen, sofern er nicht an ein anderes Haus wechselt. Bis in die Fingerspitzen hinein erotisch gibt Maria Maria Isabel Segarra die Eurydike. Noch stärker als der Alberich im Kinderopern-„Rheingold“ bei wirkt bei Hoeup Choi der Merkur. Spielfreude und Charme wirken bei dem jungen Koreaner mächtig zusammen. Yunus Schahinger überzeugt als Jupiter mit Kyffhäuserbart. Eine bessere Beherrschung der deutschen Sprache wird sich noch einstellen. Constanze Meijer als kußfreudige Juno und Alexander Fedin aus dem offiziellen Ensemble (Styx) haben merklich Spaß an ihren skurrilen Rollen.

Eine Stunde reinen Vergnügens. Wann lässt sich das derart einschränkungslos sagen?

Christoph Zimmermann (6.1.2018)

Bilder © Matthias Jung / Kinderoper Köln

 

Die Schöne und das Biest

Besuchte Vorstellung: 21.12.2017, Musical Dome Köln

Märchen schreibt die Zeit…

Es ist Weihnachtszeit, was gibt es da Schöneres als sich einen Abend lang der „Disney Magie“ hinzugeben. Möglich ist dies derzeit im Kölner Musical Dome, wo das Musical „Die Schöne und das Biest“ mit der preisgekrönten Musik von Alan Menken zu erleben ist. Aufgeführt wird das Werk vom Budapester Operetten- und Musicaltheater in (sehr gut verständlicher) deutscher Sprache. Und hierbei wird nicht am Personal gespart, 21 Musiker und 41 Darsteller können sich wahrlich sehen und vor allem hören lassen.

Die beiden Hauptrollen verkörpern Kitti Jenes als Belle und Sándor Barkóczi als Biest ganz hervorragend. Während Jennes mit wunderbar klarer Stimme auch in den hohen Tönen stets sicher und dem Ohr schmeichelnd daher kommt, ist das Biest zunächst der große, miesmutige und stets fauchende Schlossbewohner, bevor er langsam sein Herz öffnet und schlussendlich durch die Liebe Belles den Fluch vom verzauberten Schloss nehmen kann. Auch gesanglich weiß Barkóczi zu begeistern und so wird „Wie kann ich sie lieben?“ zum Ende des ersten Aktes trotz kleinerer Tonprobleme am Mikroport ausgerechnet an dieser Stelle zu einem Highlight der Show. Ausdrücklich erwähnen sollte man an dieser Stelle auch Martin Harbauer, der mit den Darstellern an der deutschen Einstudierung des Werkes gearbeitet hat. Da sich das Stück in den letzten Jahren zu einem echten Dauerbrenner entwickelt hat, wurde die Textverständlichkeit im Laufe der Zeit auch stets besser und auch wenn ein kleiner Akzent bei einigen Darstellern natürlich immer bleibt, sind alle Texte verständlich und von überraschend guter Leistung aller Akteure von denen hier stellvertretend für alle nur noch die drei verzauberten Schlossbewohne Ádám Bálint (Lumière), Ottó Magócs (Herr von Unruh) und Ágota Siménfalvy (Madame Pottine) erwähnt werden sollen.

Märchenhaft schön ist auch die Inszenierung von György Böhm, die etwas düsterer und weniger kitschig daher kommt wie die ursprüngliche Originalinszenierung. Geschickt eingesetzt wird hierbei eine große Drehbühne, die das Schloss mit seinen verschiedenen Räumen geschickt darstellt und eine Bespielung über mehrere Ebenen ermöglicht. Gelungen ist auch die Bibliothek in Form großer Flügel, mit denen Belle und das Biest in die Welt der Bücher und Geschichten entfliegen. Eine ganz besondere Überraschung erwartet den Zuschauer dann bei der Verwandlung des Biests in den Prinzen, die hier aber nicht verraten werden kann, da es eine der zauberhaftesten Szenen war, die der Autor dieser Zeilen in diesem Jahr im Theater erleben durfte. Erzsébet Túri entwarf passende Kostüme für die Dorfbewohner und alle verzauberten Gegenstände im Schloss, die daher kommen wie man es auch auf Grund der bekannten Filmvorlage erwartet. Das Bühnenbild von István Rózsa ist für eine Tourproduktion erstaunlich detailreich und weiß zu gefallen.

Noch bis zum 07. Januar 2018 ist „Die Schöne und das Biest“ in Köln zu sehen, bevor es in Frankfurt in der Alten Oper zu sehen ist. Aufgrund der großen Nachfrage, in der besuchten Vorstellung war der Musical Dome nahezu bis auf den letzten Platz gefüllt, wurde aber auch bereits eine neue Spielserie angekündigt die das Werk in der nächsten Advents- und Weihnachtszeit nach Wien, Bregenz, München, Nürnberg, Essen und erneut nach Köln führen wird. Die Zuschauer wird es freuen, in Köln verließen wohl alle nach heftigem Applaus für die Darsteller und drei unterhaltsamen Stunden das Theater mit einem Lied auf den Lippen, dass diesen Abend trefflich zusammenfasst: „Märchen schreibt die Zeit, immer wieder wahr, eben kaum gekannt, dann doch zugewandt, unerwartet klar.“


Markus Lamers, 23.12.2017
Fotos: © Stefan Malzkorn / Thommy Mardo

 

 

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