Die Wiener Musikwelt befindet sich im Bruckner-Muti-Fieber. Und das erscheint allzu verständlich, lässt sich doch ein vergleichbar klanglicher Reichtum in diesem Monumentalwerk des österreichischen Spätromantikers höchst selten vernehmen. Zudem wird hier nahezu priesterlich die Musik mit der großen Gesanglichkeit unter weiten Atembögen zelebriert, die die Wiener Philharmoniker in so unnachahmlicher Weise kultivieren.
Die unzähligen Details, die diesen phänomenalen Abend auszeichnen, der in die Orchestergeschichte eingeht, lassen sich kaum in Worte fassen. Selbst der beste Kritiker kapituliert dabei ehrfurchtsvoll vor seinen sprachlichen Möglichkeiten.
Mehr als eine Annäherung will sich die Rezensentin folglich nicht anmaßen, ausgehend von einer zunächst schlichten Betrachtung der Sinfonie: Mit permanent gegeneinander gesetzten Blöcken bewegt diese sich zwischen höchsten Sphären und tiefsten Abgründen. In Abwärtsgängen von großer Schwere entlädt sich eine schier monströse Energie. Schon in den ersten Minuten – zum Erklingen kommt die bewährte Fassung von Robert Haas – entfacht Muti das erste große Drama. Dagegen stehen lyrische, leise Strecken, bestimmt von wechselweise zutiefst schwermütigen, trostreichen und zärtlichen Melodien. Was nun geschieht, ist im Grunde ein Akt des denkbar größten Stoizismus, wenn man es als ein Sinnbild des Lebens betrachtet: Wieder und wieder startet der Versuch, doch noch in die höchsten Sphären vorzudringen. Der Weg wird dabei zum Ziel, umsäumt von herrlichsten Landschaften aber auch gefährlichen Abhängen.
Wenn das stets über viele Takte erstreckte Crescendo einsetzt, steuert die Musik auf den Gipfel zu. Er wird im Zustand höchster Verzückung so gut wie erreicht, driftet aber im letzten Moment durch nur eine minimale harmonische Wendung in die Katastrophe. Sollte das Bild von der Brucknerschen Kathedrale besser gefallen, ließe sich anders auch sagen: Der fast vollendete errichtete sakrale Bau bricht abrupt wie ein Kartenhaus zusammen. Er liegt in Trümmern und muss Stein für Stein wiederaufgebaut werden, mit derselben Hingabe, Ruhe und Geduld. Und das über die epischen Längen dieser Musik nicht nur einmal, sondern mehrfach.
Nun ist es rein physikalisch so, dass gewaltige Klangmassen, insbesondere unter Beteiligung von schwerem Blech, oftmals zu einem einzigen Rausch verschwimmen, dann hört man nur noch ein großes Krachen – von Obertönen, die sich in einem solchen Spektrum selbst mit dem feinsten Gehör nicht vernehmen lassen, gar nicht erst zu reden.
Das stand bei Muti nicht zu befürchten. Edel und kompakt erstrahlt bei ihm ein dreifaches oder gefühlt vierfaches Fortissimo, das Ohr erfasst im weiten Panorama die Konsistenz der gewaltigen Blockakkorde. Und die sind getragen von einem altdeutschen Klang schwerer Blüte, auf den sich weiß Gott nicht jeder Italiener versteht, auch wenn manche Wiener heute noch von einer weit zurückliegenden Interpretation Carlo Maria Giulinis schwärmen, über die ich leider nicht mitreden kann. Und Muti natürlich längst ein Kosmopolit ist, der sich auf das deutsche, italienische, französische und russische Repertoire gleichermaßen exzellent versteht.
Diese edle Klangkultur jedenfalls drückt sich auch darin aus, wie jede Phrase bis zum allerletzten Ton auf einem weiten Bogen ausschwingt, und seien es im Scherzo zwei Töne der Harfen, die vor allem im Adagio in der vielleicht schönsten lyrischen Stelle dieser Sinfonie, mit ihrem silbrigen Glanz zu ihrem bedeutungsvollsten Einsatz kommen.
„Feierlich langsam“ hat Bruckner diesen Satz angewiesen, und so tönt es auch ungeachtet subjektiver unterschiedlicher Wahrnehmungen. Ätherisch und unwiderstehlich schön ist er das Herzstück der Sinfonie, in den leisen Momenten so inniglich musiziert, dass man sich geborgen in diesen Kantilenen einnisten möchte, auch wenn der nächste vernichtende Einbruch wie ein Damoklesschwert darüber hängt.
Die vielen Mühen, sich nach einem Sturz nach ganz unten wieder aufzurichten, um erneut den Weg ins Elysium anzutreten, werden im großen Finale dann freilich doch noch belohnt. Dann folgt die Erlösung.
Muti greift da zum ganz großen Besteck, lässt die vom Komponisten geforderte „Feierlichkeit“ aber auch in der Weise zu ihrem Recht kommen, wie er abermals eine selten vergönnte Langsamkeit walten lässt, dank der etwa auch das Fugato unter den Streichern zum Ende von einer Leichtigkeit gelingt, dank der das Stimmengefüge in herrlicher Transparenz zu erleben ist, bevor alles auf den ekstatischen Höhepunkt zusteuert.
Was für ein Erleben! Man ist wie im Rausch. Dieser Bruckner macht süchtig.
Kirsten Liese, 7. Oktober 2026
Anton Bruckner: Symphonie Nr. 8
Musikverein Wien
Konzert am 5. Oktober 2026
Musikalische Leitung: Riccardo Muti
Wiener Philharmoniker