Flensburg: „Dialogues des Carmélites“, Francis Poulenc

Lieber Opernfreund-Freund,

Poulencs grandiose Dialogues des Carmélites hatten gestern am Theater Flensburg Premiere. Fast ausschließlich mit Ensemblemitgliedern besetzt, gelingt Opernchef Hendrik Müller und GMD Harish Shankar ein unter die Haut gehender Opernabend.

© Thore Nilsson

Die Hinrichtung von 16 Ordensschwestern am 17. Juli 1794 ist historisch verbürgt. Die Nonnen hatten sich geweigert, ihr Ordensgelübde zu brechen und waren während der letzten Tage der Schreckensherrschaft wegen konterrevolutionärer Versammlungen zum Tode verurteilt worden. Die „Märtyrinnen von Compiègne“ wurden vorletztes Jahr schließlich von Papst Franziskus heiliggesprochen. Diese Geschichte wurde Grundlage der 1931 veröffentlichten Novelle Die letzte am Schafott, bei der Getrud de la Fort die fiktive Figur der Blanche zu den im Karmel lebenden Frauen hinzu erfand. Gut 20 Jahre später sollte Francis Poulenc für das Verlagshaus Ricordi eine Oper mit religiösem Inhalt komponieren und nahm ein Theaterstück zur Hand, das auf Grundlage der Novelle entstanden war. Die 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführte Komposition besteht aus 12 Tableaus und fünf Zwischenspielen und wartet mit einem der beeindruckenden Finals der Operngeschichte auf: der Chor der 16 Frauen wird nach und nach immer dünner, weil eine von ihnen unter dem – von Poulenc sogar komponierten – Fallbeil ihr Leben gelassen hat.    

© Thore Nilsson

„Entreligionisiert“ könnte man die Lesart von Hendrik Müller, Opernchef am Landestheater Schleswig-Holstein, nennen. Ihm geht es nicht um Gott und Glauben, er zeigt die Frauen nicht als Nonnenschar, sondern als Individuen mit ihren eigenen Problemen und Ängsten. Dies visualisiert die unterschiedliche Alltagskleidung der Damen in gedeckten Farben, in die Kostümbildnerin Ariane Isabell Unfried sie gesteckt hat und die weder Kruzifix noch Rosenkranz zieren. Noch deutlicher wird dies in den einzelnen Steckbriefen, die während der Zwischenspiele gezeigt werden: da sind 16 Menschen zwischen 28 und 79 Jahren gestorben, weil sie der Gesellschaft nicht gepasst haben. Bestückt hat Rifail Ajdarpasic die karge Bühne vor allem mit Tischen, die der ängstlichen Blanche als Schutz und dem Konvent als Bett oder Bühne – also gewissermaßen als Stütze in allen Lebenslagen – dienen und die immer wieder in Unordnung geraten, bis sie am Ende ganz verschwinden. Mittels ausgeklügelter Personenführung, die die zwischenmenschlichen Beziehungen und Konflikte verdeutlichen, gelingen Müller am gestrigen Abend eindrucksvolle, bewegende Bilder, die lange nachhallen, und ein eindrucksvolles Plädoyer für Rückgrat in einer sich verändernden Gesellschaft.   

© Thore Nilsson

Angefangen bei Kai-Moritz von Blanckenburg, der im kurzen Auftritt von Blanches Vater mit seinem imposanten Bass als echte Luxusbesetzung gelten kann, bis hin zum mit eindrucks- und gehaltvollem Bassbariton ausgestatteten Mikolaj Bońkowski, der mit seiner Bühnenpräsenz gleich mehrere kleine Rollen individuell gestaltet, sind die wenigen Herrenrollen vorzüglich besetzt. Marysol Schalit bedient als Blanche sämtliche Facetten ihrer komplexen Figur, glänzt mit imposanten Ausbrüchen und beeindruckenden Piani gleichermaßen. Anna Avdalyan als quirlige Novizin Constance zeigt ihren feinen Sopran, während Itziar Lesakas Madame de Croissy zum Ereignis gerät, wenn die ausdrucksstarke Sängerdarstellerin als sterbende Priorin im Moment des Todes mit Gott hadert. Getoppt wird diese oscarreife Leistung nur von Vera Semieniuk als Mutter Marie. Die Mezzosopranistin punktet nicht nur mit farbenreichem Mezzo, sondern vor allem auch mit unter die Haut gehendem Spiel – da macht schon ein Wimpernschlag Gänsehaut. Dass sie, wie angesagt, gerade eine Kehlkopfentzündung auskuriert, war ihr bei der gestrigen Premiere nicht anzumerken und macht neugierig, wie sie erst wirkt, wenn sie ohne gesundheitliche Beeinträchtigung singen darf. Besetzt sind die zahlreichen Rollen ausnahmslos mit Rollendebüts und fast ausschließlich aus den Reihen des hauseigenen Ensembles. Das ist bemerkenswert und kann durchaus als Plädoyer für das Stadttheater herhalten. Die neue Priorin findet in der Gastsängerin Menna Cazel eine versierte Gestalterin zwischen Autorität und mütterlicher Fürsorge. Aus der Schar der kleineren, durch die Bank engagiert spielender und singender Nonnen will ich vor allem die zweite Gastsängerin des Abends loben: der weiche, fast altistisch gefärbte Mezzo von Anna Grycan als Mère Jeanne entfacht auf mich eine fast hypnotische Wirkung.

© Thore Nilsson

Der bestens disponierte Chor unter Leitung des scheidenden Chorchefs Avishay Shalom komplettiert die exzellente Sängerriege. Im Graben fusioniert GMD Harish Shankar gekonnt die verschiedenen Stile in Poulencs abwechslungsreicher Partitur: barock anmutenden Elemente, musikalischer Esprit und wogende Melodien werden zu einem großen Ganzen vereint. Dabei schlägt der aus Malaysia stammende Dirigent abwechslungsreiche Tempi an, hält die Musik im Fluss und erweist sich darüber hinaus den Künstlern auf der Bühne als einfühlsamer Begleiter.

Ein Weg in Deutschlands nördlichstes Stadttheater lohnt sich also, lieber Opernfreund-Freund, um diese eindrucksvolle Produktion zu erleben, die erneut zeigt: die sogenannte Provinz kann was!

Ihr
Jochen Rüth

29. März 2026


Dialogues des Carmélites
Oper von Francis Poulenc

Stadttheater Flensburg

Premiere: 29. März 2026

Regie: Hendrik Müller
Musikalische Leitung: GMD Harish Shankar
Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester

weitere Vorstellungen in Flensburg: 31. März, 12., 24. und 29. April, 31. Mai sowie 25. Juni 2026