Bremen: „36. Musikfest“, Teil 2

Es ist inzwischen gute Tradition, dass auch die beiden großen Orchester Bremens beim Musikfest mitwirken. Mit der Deutschen Kammerphilharmonie gab es eine halbszenische Aufführung von Mozarts Oper Die Zauberflöte. Der künstlerische Ausnahmerang des Orchesters wurde auch unter dem erst 25jährigen Dirigenten Tarmo Peltokoski mehr als deutlich. Schon die sehr spannungsvolle und dramatisch aufgeheizte Ouvertüre eröffnete neue Hörerlebnisse. Peltokoski gelang es durch die gesamte Aufführung (fast dreieinhalb Stunden inklusive Pause) den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten, interessante Details herauszuarbeiten und neue Farben in Mozarts Musik zu entdecken. Die komödiantische Welt Papagenos und die weihevollen Töne im Tempel des Sarastro wurden kongenial getroffen. Und er konnte sich auf ein hervorragendes, internationales Ensemble verlassen, bei dem es keinen einzigen Schwachpunkt gab. An erster Stelle ist da Kathryn Lewek als Königin der Nacht zu nennen. Sie hat die Partie bereits über 300 Mal gesungen, allein davon in 64 Aufführungen an der Metropolitan Opera. Ihr Koloratursopran verfügt über einen fülligen, warmen Klang, kann dann aber die berühmten Spitzentöne wie Stahlspitzen herausschleudern. Eine tolle und vom Publikum besonders gefeierte Leistung!

© Patric Leo

Nicht weniger beeindruckend war die Pamina von Elsa Dreisig. Ihre klare, makellos geführte Stimme drang mitten ins Herz. Wie sie in ihrer Arie „Ach, ich fühl`s“ die Verletzung der Seele ausdrückte, dürfte wohl niemanden kalt gelassen haben. Mit Mauro Peter als Tamino stand ein viriler Tenor zur Verfügung, der nicht nur in der „Bildnisarie“ Kraft und Feinschliff vereinte. Papageno ist ja immer der Spaßmacher vom Dienst. Äneas Humm konnte mit wendigem Bariton und feiner Komik die Partie bestens ausfüllen. Seine Extempores, etwa wenn er sich von einer Zuschauerin das Programmheft auslieh und die Biographie von Elsa Dreisig studierte oder „The Sound of Silence“ anstimmte, waren witzig und vergnüglich. Ihm zur Seite versprühte Miriam Kutrowatz als Papagena bezaubernden Charme. Auch das spielfreudige und homogen singende Trio der drei Damen war mit Silja Aalto, Iris van Wijnen und Marie Seidler erstrangig besetzt. Manuel Winckhler gab einen würdevollen und rund klingenden Sarastro und Andreas Conrad einen grell-agilen Monostatos. Im letzten Jahr begeisterten die St. Florianer Sängerknaben mit einem Bruckner-Programm, in diesem Jahr waren die drei Knaben mit ihnen besetzt. Als Chor wirkte das Chor Werk Ruhr mit und bewährte sich bestens..

© Patric Leo

Das man ein Bühnenbild nicht vermisste, ist den vielen Einfällen des Regisseurs Romain Gilbert zu verdanken. Er sorgte für turbulente Spielfreude, band den Dirigenten in das Geschehen ein, stellte die Schlange durch die drei Knaben dar oder ließ die Sklaven beim Klang des Glockenwerks zu einem die Beine schwingenden Männerballett mutieren. Blitz, Donner und wechselnde Lichtstimmungen taten ein Übriges. Ein großer Abend. (27. August 2025)


Einen nicht minder großen Abend bescherten die Bremer Philharmoniker unter Marko Letonja mit der Sopranistin Camilla Nylund. Ihr Programm „Von Heldinnen und Helden“ enthielt Werke von Johannes Brahms, Richard Wagner und Richard Strauss. Zum Auftakt gab es die Akademische Festouvertüre von Brahms. Allerdings fiel dieser Programmpunkt etwas aus dem Rahmen, vielleicht wäre z.B. die Tannhäuser-Ouvertüre passender gewesen. Aber die Bremer Philharmoniker führen in dieser Spielzeit alle Sinfonien von Brahms auf – vielleicht fiel deshalb die Wahl auf diesen „Vorgeschmack“. Jedenfalls wurde das Werk mit seinen Studentenliedern und dem finalen „Gaudeamus igitur“ sehr ansprechend mit sattem Klang und famosem Einsatz der Bläser präsentiert. Brahms haben die Philharmoniker jedenfalls schon mal gut drauf. Mit der Arie „Dich, teure Halle, grüß` ich wieder“ aus Tannhäuser stellte Camilla Nylund die raumgreifende Fülle ihres kraftvollen und gut fokussierten Soprans eindrucksvoll unter Beweis, bevor sie mit „Starke Scheite“, dem Schlussgesang aus der Götterdämmerung, eines der herausforderndsten Stücke für hochdramatischen Sopran, sehr bewegend gestaltete. Ihre Stimme, der auch dunklere Farben zur Verfügung stehen, konnte sich stets ohne die Gefahr des Forcierens über dem Orchester behaupten. Und das heißt schon was, denn Letonja ließ Wagners monumentale Klangfluten mächtig aufrauschen. Besonders der rein orchestrale Schluss der Götterdämmerung  wurde dadurch zum Ereignis.

© Patric Leo

Seine Oper Die Frau ohne Schatten schuf Strauss während des 1. Weltkriegs. 1946 fasste er Teile davon zu einer Sinfonischen Fantasie zusammen. Die geradezu rauschhafte Wiedergabe dieses Stücks durch die Bremer Philharmoniker und Marko Letonja hinterließ an diesem Abend den wohl stärksten Eindruck. Es war ein opulentes, überwältigendes Bad im „Sound“ von Richard Strauss. Was für ein Magier der Klänge und Farben Strauss war, machte Letonja mehr als deutlich.

Fesselnd in ihrer lasziven und erregten Lesart war auch der Tanz der sieben Schleier, dessen Steigerungen intensiv realisiert wurden. Mit dem Schlussgesang aus Salome setzte Camilla Nylund den triumphalen Endpunkt dieses großartigen Konzerts. Die Prinzessin Salome zerbricht daran, dass sie die Mysterien der Liebe und des Todes nicht erfassen kann. Mit leuchtenden Spitzentönen und fast trotzigen Emotionen gestaltete sie diese Szene zu einem berührenden Seelenporträt. (28. August 2025)

Wolfgang Denker, 29. August 2025