Lieber Opernfreund-Freund,
21 Opern hat Eugen d’Albert geschrieben und allenfalls Tiefland verirrt sich alle Jubeljahre einmal auf den Spielplan eines deutschen Theaters. Das Theater Altenburg Gera hat nun Die toten Augen ausgegraben und präsentiert ein wahres Feuerwerk an musikalischen Farben in einer dichten Inszenierung von Hauschef Kay Kuntze.

Eugen – eigentlich Eugène – d’Albert zu verorten, ist gar nicht so einfach. Das fängt schon bei seiner Nationalität an: geboren im schottischen Glasgow als Sohn eines Franzosen und einer Engländerin, nahm er mit Mitte 50 die Schweizer Staatsbürgerschaft an und starb später in Lettland. Doch er fühlte sich sehr mit Deutschland verbunden, bevorzugte die deutsche Aussprache seines Vornamens und vertonte ausschließlich deutsche Texte. Musikalisch startet er als Pianist, wird Franz Liszt Schüler in Weimar und begeistert auf zahlreichen Konzertreisen, bevor er sich mit rund 20 Jahren dem Komponieren zuwendet. Und auch musikalisch ist es schwierig, sein Werk einzuordnen: Da klingt viel nach Strauß, dann und wann tritt zweifelsohne das Vorbild Richard Wagner hervor und in den orchestralen Passagen nimmt d’Albert das noch zu erfindende Genre der Filmmusik vorweg, so packend und bewegend sind seine melodischen Bögen. Und dennoch findet er seine eigene, fast hypnotisierende Tonsprache, die er in Die toten Augen vollends auslebt. Dieses musikalische Kaleidoskop entblättert in brillanter Weise der GMD des Philharmonischen Orchesters Altenburg Gera, der Armenier Ruben Gazarian, am gestrigen Abend mit höchster Präzision und malt d’Alberts rauschhafte Musik – ganz im Sinne des Sujets – in den buntesten Farben.

Die gleichnishafte Geschichte spielt am Palmsonntag und handelt von der blinden Myrtocle, die zusammen mit dem römischen Senator Arcesius in Jerusalem lebt. Der ist missgestaltet und hässlich, ist aber in Myrtocles Vorstellung wunderschön, weil er sie von ganzem Herzen liebt und sie umsorgt. Sie wünscht sich, ihn ein einziges Mal zu sehen, und trifft Jesus von Nazareth, der gerade in Jerusalem einzieht und von dem man sagt, dass er Blinde wieder sehend macht. Er heilt auch sie, prophezeit ihr allerdings, dass sie ihn noch vor Sonnenuntergang verfluchen würde. Als Arcesius von der Heilung seiner Frau erfährt, versteckt er sich, da er ihre Ablehnung befürchtet. So hält sie den gutaussehenden Galba, der sie heimlich liebt, für ihren Mann. Arcesius erschlägt den Freund in rasender Eifersucht, als er den Annäherungsversuchen seiner Frau nachgibt. Als Myrtocle erkennt, dass die Bestie, die Galba ermordet hat, ihr Mann ist, verflucht sie Jesus und starrt in die Abendsonne, bis sie erneut erblindet.
Eingebettet ist die Handlung in einen Pro- und einen Epilog, in denen ein bodenständiger Hirte mit einem Schnitter diskutiert, der lieber nach Neuem strebt. Als der Hirte erfährt, dass eines seiner Lämmer fehlt, bricht er auf, es zu suchen. Am Ende der Oper hat er es gefunden und trägt es nach Hause.

Kay Kuntze, Generalintendant und Operndirektor, lässt die Geschichte ob der überzeitlichen Bedeutung der Fragen, die sie aufwirft, in unbestimmter Zeit spielen und findet für die szenische Umsetzung berührende Bilder. Er setzt die blinde Myrtocle in einen schwarzen, hermetisch abgeriegelten Raum, in dem alles farblos ist und der durscheinend wird und sich explosionsartig mit bunten Farben füllt, als sie sehen kann (Bühne und Kostüme: Markus Meyer). Kuntze lässt Amor immer wieder in Form des Tänzers Davit Vardanyan auftreten – doch der Liebesengel verliert am Ende seine Federn. Der Versuch, zur Normalität zurückzukehren, bekommt in der erneut düsteren Welt des Paares etwas Beklemmendes und der Zuschauer ahnt, dass eine Wiederherstellung der alten Idylle nach dem Mord an Galba nicht mehr so ohne weiteres möglich sein wird, auch wenn Myrtocle dafür ihr Augenlicht geopfert hat. Das raffinierte Licht spielt mit optischen Effekten auf der Gaze oder lässt alles innerhalb einer Sekunde wieder schwarz-weiß erscheinen.

Durchgehend farbenreich hingegen ist der Gesang von Anne Preuß, die als Myrtocle ihren kraftvollen Sopran aufleuchten lässt und auch immer wieder zu betörenden Piani findet. Darüber hinaus kann die gebürtige Thüringerin auch darstellerisch auf ganzer Linie überzeugen. Alejandro Lárraga Schleske begeistert mich mit seinem warmen, ausdrucksstarken Bariton und macht facettenreich die inneren Nöte seiner Figur Arcesius glaubhaft, während Isaac Lee für den Galba einen höhensicheren und eindrucksvollen Tenor mitbringt. Franziska Webers klarer Sopran ist wie gemacht für die Rolle der Maria Magdalena und Julia Gromball imponiert mir als Arsinoe. Aus der Unzahl an kleineren Rollen bleibt vor allem Caroline Nkwe im Ohr und als Retter des Abends darf zweifellos Jan Kristof Schliep gelten, der die Rolle des ägyptischen Quacksalbers Ktesiphar in letzter Minute gelernt hat, um für einen erkrankten Kollegen einzuspringen, und mit feinem Tenor und komödiantischem Talent gleichermaßen überzeugt.
Das Publikum applaudiert am Ende der rund eineinhalb Stunden dem künstlerischen Personal und auch dem Werk begeistert. Auch wenn uns die Produktion den Epilog vorenthält, so ist dies der einzige Wermutstropfen dieses rundum gelungenen Abends mit der Ausgrabung eines hörens- und sehenswerten Juwels. Wie schade, dass Sie, lieber Opernfreund-Freund, nur noch zweimal die Möglichkeit haben, es in dieser Spielzeit zu sehen. Dem Vernehmen nach wird es allerdings im Herbst wieder aufgenommen – spätestens dann lohnt sich also die Reise nach Thüringen.
Ihr
Jochen Rüth
29. März 2025
Die toten Augen
Oper von Eugen d‘Albert
Theater Gera
Premiere: 28. März 2025
Regie: Kay Kuntze
Musikalische Leitung: Ruben Gazarian
Philharmonisches Orchester Altenburg Gera
weitere Vorstellungen: 30. März und 17. Mai 2025