Es ist ein Abend der starken Stimmen. Daß die Frankfurter Stammkräfte ihre Exzellenz demonstrieren würden, hatte man erwartet. Claudia Mahnke gibt wieder mit ihrem glutvollen und höhensicheren Mezzo eine ideale Brangäne. Alleine ihr Wachgesang im zweiten Aufzug ist schon einen Besuch der Vorstellung wert. Auch Andreas Bauer Kanabas wiederholt seine herausragende Premierenleistung als König Marke. Stark, dunkel und mit anrührender Trauer gestaltet er seine Klage am Ende des ersten Aufzugs, die recht lang wirken kann, hier aber gerne noch länger hätte dauern können. Nicholas Brownlee schließlich ist in wenigen Jahren zum Heldenbariton mit beeindruckender Durchschlagskraft herangereift. Im neuen Münchner Ring ist er als Wotan besetzt, in Bayreuth wird er im Sommer den Holländer singen. In seiner letzten Saison als Frankfurter Ensemblemitglied formt er den Kurwenal mit nicht nachlassender Intensität zur fünften Hauptpartie.
Was diesen Abend aber zu einem großen, außergewöhnlichen macht, ist Miina-Liisa Värelä als Isolde. Welch eine satte Stimme, welch eine mühelose Höhe, welch eine Durchschlagskraft! Das ist tatsächlich eine „Isoldenstimme“. Die Sängerin versteht es obendrein, ihre Rolle glaubhaft zu gestalten, zeigt viele Zwischentöne und Dynamikabstufungen. Den berühmten Schlußgesang beginnt sie tatsächlich „mild und leise“ mit einem tragenden, intensiven Piano und flutet auf dem Höhepunkt geradezu den Saal mit Klang.

Diese Besetzung verändert auch den Eindruck von Bühnenbild und Inszenierung, den man aus der Premiere in Erinnerung behalten hatte. „Was brauche ich einen Baum auf der Bühne, wenn ich eine Astrid Varnay habe.“ Dieser berühmte Ausspruch Wieland Wagners kann hier auf Värelä, Mahnke, Bauer Kanabas und Brownlee angewendet werden. Der aseptisch weiße Raum, den Johannes Leiacker an der Grenze zur Bildverweigerung entworfen hatte mit seinem unansehnlichen Fries aus Neonröhren, tritt angesichts der Gesangsleistungen und auch der Darstellungskunst der Protagonisten in den Hintergrund. Was letztere angeht, muß man nun endlich auch auf den Tristan von Marco Jentzsch zu sprechen kommen. Er überzeugt, wie zuletzt im Frankfurter Tannhäuser, durch seine Bühnenpräsenz und gerade im langen dritten Aufzug durch eine schmerzhaft intensiv durchlebte Rollenaneignung zwischen Wahn und Hoffen. Dadurch fällt weniger stark ins Gewicht, daß er alles andere als ein Heldentenor ist. Der Stimme fehlt es an Kraft in der Höhe, auch an einem halbwegs attraktiv timbrierten Kern in der Mittellage. Manche Phrase wird nur markiert, nuancierte Diktion ersetzt mitunter die Gesangslinie. In den langen Liebesduetten des zweiten Aufzugs übernimmt Miina Liisa Värelä die Führung, im dritten Aufzug singt ihn Nicholas Brownlee glatt an die Wand. Als Gesamtpaket von Gesang und Darstellung ist er aber eine akzeptable Besetzung.

© Barbara Aumüller
Da man also wegen der starken Sängerdarsteller nach dem Diktum Wieland Wagners getrost auf Requisiten verzichten könnte, wirkt deren sparsamer Einsatz hier ausreichend: Im ersten Akt wird an dünnen Drahtseilen eine schwarze Plattform herabgelassen, welche Isolde als Floß in einer kalten Umwelt dient. Der Kahn, mit dem Tristan einst schwer verwundet zu ihr gefahren kam, um durch ihre Zauberkünste geheilt zu werden, steht als einziges konkret zuordbares Erinnerungszeichen am Rande des abstrakten Gebildes.
Der zweite Aufzug zeigt die Plattform dann in der Bühnenmitte aufrecht stehend. Sie erinnert in dieser Form an den Monolithen aus Kubricks 2001: A Space Odyssee, nur daß ihm hier die geheimnisvolle Aura fehlt, und er schlicht als Raumteiler dient.
Der dritte Aufzug schließlich präsentiert in der Bühnenmitte aufeinander liegende schwarze Trümmerplatten, vor denen der Kahn aus dem ersten Aufzug angedockt hat. Dies ist der stärkste Bildeindruck des Abends. Und es ist der zugleich am wenigsten originelle, wird doch damit auf das allzu oft zitierte Bild Das Eismeer von Caspar David Friedrich angespielt, dessen volkstümliche Bekanntheit als Gescheiterte Hoffnung hier geradezu klischeehaft deutlich in Erinnerung gerufen wird.
Die Regie von Katharina Thoma hält sich mit Extravaganzen zurück. Immerhin ist ihr der erste Aufzug lebendig und kurzweilig gelungen, während sie im zweiten Aufzug klug der Musik den Vorrang läßt, zu der die Protagonisten gelegentlich gemessenen Schrittes den rätselhaften Monolithen umschleichen. Den dritten Aufzug schließlich dominiert Marco Jentsch mit seiner intensiven Darstellung eines Sterbenden. Das geht so in Ordnung.

© Barbara Aumüller
„Symphonische Dichtung mit Singstimmen und Neonröhren“ hatten wir unsere Premierenkritik überschrieben und dabei den Frankfurter „Weigle-Sound“ ausgiebig gelobt. Die Orchesterqualitäten haben sich erhalten, so der dichte, unsentimentale Streicherklang, die farbigen Holzbläser, das volle, aber niemals dröhnende Blech. Fabelhaft ist wieder das tieftraurige, ausgedehnte Englischhorn-Solo im dritten Aufzug, das Aurélien Laizé auf offener Bühne beisteuert, kraftvoll der homogene Männerchor. Thomas Guggeis drückt dem Ganzen aber seinen eigenen Stempel auf. Das Ausleuchten der Partitur gerät beim jungen Generalmusikdirektor noch deutlicher als bei seinem Vorgänger. Phrasierungen, Akzente, Crescendi, Decrescendi – alles wirkt stärker hervorgehoben, gleichsam in helles Licht getaucht. Der Zuschauer wird zum genauen Hinhören geradezu gezwungen. Wenn sich dabei trotzdem mitunter Rauschzustände einstellen, bleiben sie kontrolliert, regelrecht objektiviert. Das sorgt für ein beeindruckendes Klangerlebnis, macht es aber schwer, sich dem Rausch („versinken, ertrinken“) völlig hinzugeben. „Unbewußt – höchste Lust“: Die Dimension des Unbewußten ist in diesem Interpretationsansatz nicht vorgesehen.
So bietet diese starke Wiederaufnahme eine Gala der großen Wagnerstimmen mit einem hellwachen Dirigat und engagierten Darstellern in einer werkdienlichen Inszenierung.
Michael Demel, 26. März 2026
Tristan und Isolde
Handlung in drei Aufzügen von Richard Wagner
Oper Frankfurt
Wiederaufnahme am 22. März 2026
Premiere am 19. Januar 2020
Inszenierung. Katharina Thoma
Musikalische Leitung: Thomas Guggeis
Frankfurter Opern- und Museumsorchester