Salzburg: „Andrea Chénier“, Umberto Giordano (konzertant)

Konzertant zum Besten!

Gegen Ende der Festspiele 2025 wartete Salzburg noch einmal mit einem ganz großen der Tenor-Zunft auf, dem Polen Piotr Beczala. Er kam in der Rolle des Andrea Chénier als in einer konzertanten Aufführung des gleichnamigen Meisterwerkes von Umberto Giordano an die Salzach, und es wurde ein – durchaus zu erwartender – Triumph. An diesem Abend, noch dazu mit Luca Salsi als starkem Carlo Gérard und Elena Stikhina als klangschöner Maddalena di Coigny hat wohl kaum einer im fast vollbesetzten Großen Festspielhaus eine szenische Gestaltung vermisst. Mit solchen Sängerpersönlichkeiten und solchen Stimmen blüht die Oper auch allein aus der Musik heraus. Und es stellt sich einmal mehr die Frage, ob der Teil des Regietheaters, der in seiner Stückeverfremdung und thematischen Ausuferung überhaupt noch zu der in erster Linie auf der Musik beruhenden Qualität dieser Kunstform überhaupt Ernstzunehmendes beitragen kann. Heute Abend galt es einmal ausschließlich der Schönheit der Musik und der mit ihr wunderbar verwobenen Stimmen erster Qualität unter der emotionalen und kompetenten Stabführung von Marco Armiliato – selbstredend ohne Noten!

Marco Armiliato (Musikalische Leitung) / © Marco Borrelli

Piotr Beczała ging die Rolle des revolutionären Künstlers zur Zeit der Französischen Revolution mit einer enormen Emphase an, ließ seinen Weltklasse-Tenor auf das Schönste und auch Dramatischste erstrahlen! Seine große Arie gleich zu Beginn erntete frenetischen Applaus des Publikums. Er ist auch in der Mimik perfekt, die zwar in der konzertanten Version eingeschränkt, für ihn aber ganz offenbar mit dem Vokalen unmittelbar verbunden ist. Er dürfte in diesem Fach wohl der derzeit beste Tenor auf dem Planeten sein.

Luca Salsi ist ebenfalls ein Weltklasse-Gérard und legte sehr viel Emotion mit entsprechender Bewegung in seinen Vortrag. Auch bei ihm reagierte das Publikum nach der großen Arie begeistert. Salsi vermittelt neben einem kraftvollen, für das italienische und französische Fach bestens geeigneten Bariton, auch hohe Rollenauthentizität. Unvergessen ist mir sein Scarpia in Torre del Lago Mitte Juli diesen Jahres, wo er neben dem Stimmlichen auch darstellerisch großen Eindruck hinterließ.

Elena Stikhina aus Russland, die vor 11 Jahren in Linz die Competitione dell’Opera gewann und schon einige große Rollen bei den Salzburger Festspielen verkörpert hat, sang die Maddalena di Coigny mit einem verinnerlichten leuchtenden und warmen Sopran. Allein, ganz so intensiv und emotional wie ihre beiden Kollegen schien sie nicht in der Rolle mit all ihrer Tragik um den Verlust der Mutter und ihres Standes zu stecken.

Piotr Beczała / © Marco Borrelli

Noa Beinart sang eine viel zu junge Madelon mit schönem Mezzo, welches man von ihrer Wiener Erda kennt. Seray Pinar war eine etwas unauffällige liebliche Bersi. Armand Rabot sang einen kraftvollen Roucher und Felix Gygli den Pietro Fléville.

Für die Teilnehmer des traditionellen Young Singers Projekt (YSP) bei den Salzburger Festspielen wurde dieser „Chenier“ zu einem wahren Fest. Besonders fiel Tomislav Jukić als Incroyable auf. Weitere acht konnten in kleinen Rollen zeigen, was sie schon können, und zwar: Dora Jana Klarić als Contessa di Coigny, Christopher Humbert als Fouquier-Tinville, Robert Raso als Mathieu, Ilia Skvirskii als L’Abate, Brett Pruunsild als Schmidt, Marcel Durka als Il Maestro die Casa und Trevor Haumschilt-Rocha als Dumas. Es waren schon recht gute sängerische Leitungen zu hören, die das Publikum auch mit großem Applaus honorierte.

Marco Armiliato dirigierte das Mozarteumorchester Salzburg und die von Alan Woodbridge geleitete Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor mit dem von ihm gewohnten außergewöhnlichen Engagement am Pult und seiner hohen Emotionalität, die einfach auch alle anderen mitriss. Er ist für solche Veranstaltungen genau der Richtige. Ein ganz großer Abend in Salzburg!

Klaus Billand, 29. August 2025


Andrea Chénier
Umberto Giordano
(konzertant)

Salzburger Festspiele

Besuchte Aufführung am 25. August 2025

Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Mozarteumorchester Salzburg