
Sein 5. Freitagskonzert in der Spielzeit am Karfreitag, dem 3. April 2026 spielte das Beethoven Orchester Bonn in seiner neuen alten Heimatspielstätte, der frisch renovierten Beethovenhalle. Man hatte den ausgewiesenen Barockexperten Attilio Cremonesi als Dirigent gewonnen, der mit dem Beethoven Orchester, dem Philharmonischen Chor Bonn und einem erlesenen Solistenensemble eine spannende Passion nach Matthäus gestaltete. Das Publikum der langen vorher ausverkauften Veranstaltung ging ergriffen, aber auch getröstet, nach langanhaltendem Beifall nach Hause.
Johann Sebastian Bach hat mit seiner am Karfreitag, dem 11. April 1727 in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführten Vertonung der Matthäuspassion ein Meisterwerk geschaffen, das einzigartig in der Musikgeschichte ist. Dieses Werk ist komponierte Theologie und setzt immer noch Maßstäbe. Die beispiellose Kombination von zwei vierstimmigen Chören und einem Frauenchor, zwei Orchestern, zwei Orgeln und sechs Gesangssolisten im Dienst der Kernaussage des christlichen Glaubens, der Erlösung der Menschheit durch den Tod Christi am Kreuz, zum sprachlich kraftvollen Text von Martin Luthers Bibelübersetzung schlägt das Publikum auch fast 300 Jahre nach der Uraufführung noch in ihren Bann. Die Passion war zu Bachs Zeit Teil des Karfreitagsgottesdienstes in der Thomaskirche. Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil gab es damals eine einstündige Predigt. Vermutlich haben Bachs Zeitgenossen die Bedeutung dieses Werks nicht ermessen können, denn es gibt keine Zeitzeugnisse, die von der Rezeption berichten. Eins der wenigen Autographen wurde von Felix Mendelssohn-Bartholdy wiederentdeckt und 1829 teilweise aufgeführt und leitete eine weltweite Karriere dieses Werks in den Konzertsälen der Welt ein. Traditionell wird es, auch in Bonn, am Karfreitag aufgeführt, und zwar dort bevorzugt in der Beethovenhalle oder in der evangelischen Kreuzkirche.
Der 1852 als bürgerlicher Städtischer Gesang-Verein gegründete Philharmonische Chor Bonn setzt mit diesem Konzert die Tradition seiner Konzerte in der Beethovenhalle fort. Es ist ein Chor für erfahrene Chorsängerinnen und -Sänger, die unter der Leitung ihres Chordirektors Paul Krämer anspruchsvolle Chormusik einstudieren. Bei der Matthäuspassion war der Chor mit geschätzt hundert Sängerinnen und Sängern auf der Bühne. Dazu passte das in zwei Orchester aufgeteilte Beethovenorchester, das mit erlesenen modernen Instrumenten die Arien der Solisten und Chöre kongenial begleitete. Stellvertretend genannt sei die erste Geigerin und Konzertmeisterin Larissa Cidlinsky, die perfekt den Countertenor Eric Jurenas bei der Arie Erbarme dich, mein Gott mit seinen erlesenen Melodiebögen umspielte und die Panik angesichts der Situation musikalisch schilderte. Dem Countertenor oder Altus kommt die Rolle zu, Empathie, Buße und Reue auszudrücken. Giulia Montanari sprach mit ihrem glockenhellen lyrischen Koloratursopran kindlich-naives Mitgefühl aus, und Kangyoon Shine Lee übernahm die nahe am Erzählen angesiedelten Tenorarien. Klare Kontur verlieh Jeremy Ovenden mit seinem sehr hell timbrierten Tenor dem Evangelisten, dem Erzähler, der die dürren Fakten des Original-Bibeltextes des Evangeliums nach Matthäus referierte. Er wurde vom Basso continuo begleitet: den kleinen Orgeln (Peter Dicke und Michael Bottenhorn) und der Gambe (Katharina Schlegel). Abgehoben wirkte Julian Orlishausen als Christus, der von einem Streichquartett begleitet wurde, das aussagt, dass Gott mit ihm ist. In seiner Todesstunde verstummten die Streicher: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Dass man als Besucher fast schon getröstet die Passion verließ, dafür sorgte Torben Jürgens als Josef von Arimathia, der seinen Bariton den zupackenden Männerfiguren lieh, die sich darum kümmern, wie es nach Jesu Tod weiter geht, und auch Rollen wie Pontius Pilatus und Petrus gestaltete. Das Ensemble harmonierte wunderbar, aber der faszinierendste Handlungsträger war der Chor, der für uns alle stand. Die mehrchörigen Sätze, die präzisen Einwürfe, die einstimmigen Choräle des als Klammer mit verschiedenen Strophen immer wieder gesungenen Kirchenlieds „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhard wurden vom perfekt einstudierten Chor professionell gestaltet. Es ist nicht das erste Mal, dass der Philharmonische Chor die Matthäuspassion singt, unter anderem bei früheren Karfreitagskonzerten in der Beethovenhalle vor der Renovierung mit dem Beethoven Orchester, an die sich ältere Besucher des Konzerts noch dankbar erinnerten.
Großes Lob verdient Attilio Cremonesi, Dirigent, Cembalist und Organist, der als Experte für das Barockrepertoire gilt und regelmäßig an großen Häusern gastiert. Seit 2021/22 ist Cremonesi künstlerischer Leiter des Händelfestspielorchesters Halle und seit 2024/25 Conductor in Residence der Händelfestspiele Karlsruhe. Die Cembalobegleitung von Solo-Arien übernahm er vom Dirigentenpult aus kurzerhand selbst. Cremonesi, der als Experte für die historische Aufführungspraxis gilt, setzte – wie Bach einen Altus – einen Countertenor für die Alt-Arien ein und erzeugte einen schlanken Klang mit dem Chor, der zeitweise bei vierstimmigen Sätzen nur mit etwa 40 Sängerinnen und Sängern sang. Die Einwürfe wie: Er ist des Todes schuldig und Lass ihn kreuzigen! kamen dagegen mit großer Durchschlagskraft und Präzision vom gesamten Chor. Kurz vor Ende der Passion verließen der Frauenchor und die beiden vierstimmigen Chöre geordnet das Podium. Zunächst war ich irritiert, weil der Solistengesang Nun ist der Herr zur Ruh gebracht dadurch gestört wurde, aber als aus der Mitte des Publikums die Chöre anstimmten: Wir setzen uns in Tränen nieder, war mir klar, dass diese Passion uns alle betrifft.
Ursula Hartlapp-Lindemeyer, 6. April 2026
Johann Sebastian Bach: Matthäus-Passion
Bonn, Beethovenhalle
Karfreitag, 3. April 2026
Musikalische Leitung: Attilio Cremonesi
Philharmonischen Chor Bonn
Beethoven Orchester Bonn