Kann es für eine Opernfreundin, einen Opernfreund schöneres geben als Hunderte begeisterter Teenies in einer Oper? Das macht die Familienoper nach dem berühmten Roman Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry in der 2021/2024 entstandenen Vertonung von Pierangelo Valtinoni möglich. Das Theater Hagen bringt sie jetzt auf seine Bühne, und zwar als Übernahme aus dem Staatstheater Darmstadt, sozusagen als Mitbringsel des neuen Intendanten Søren Schuhmacher aus seiner vorherigen Wirkungsstätte. Und die Hagener können ihm dafür wirklich dankbar sein. Die Regie führt Kai Anne Schuhmacher, Bühnenbild und Kostüme stammen von Camilla Hägebarth. Der Trailer stammt offensichtlich aus der Darmstädter Produktion, denn dort ist die Bühne breiter als in Hagen.

Man wird gleich zu Beginn der zweiten Aufführung nach der Premiere an einem Mittwochvormittag gefesselt: Der in der Wüste abgestürzte Pilot wird auf der Drehbühne liegend bei heißem, gelben Licht zu dramatischen, filmmusikartigen Orchesterklängen hereingefahren. Doch dann folgt eine Rückblende, denn man sieht ihn als kleinen Jungen, der davon träumt, Pilot zu werden. Und er zeigt sich als fantasievoller Zeichner: eine Boa, die einen Elefanten verschlungen hat, wird von den Erwachsenen allerdings nicht als solche erkannt, sondern für einen Hut gehalten, was den Jungen an der Imaginationskraft der Erwachsenen zweifeln lässt. Die Originalzeichnungen werden auf die halbrunde Leinwand projiziert, die die Bühne nach hinten abschließt und eine große halbrunde Öffnung für Auf- und Abtritte enthält. Diese Leinwand verstärkt vor allem die vielfältigen Beleuchtungseinstellungen für die folgenden Szenen, was für eindrucksvolle Stimmungen sorgt. Der kleine Prinz tritt zunächst als Handpuppe auf, gesteuert von seiner Sängerin und eins, zwei weiteren Personen. Auch Fuchs und Schlange werden später derart präsentiert. Dazu werden große meteoritenartige Brocken, zum Teil als die Planeten, die der kleine Prinz bewohnt bzw. besucht, bei Bedarf oder von der Seite oder, was besonderes Erstaunen hervorruft, vom Schnürboden auf und über die Bühne gebracht. Wenige, aber effektvolle Mittel bewirken somit abwechslungsreiche Szenenbilder. Ebenso heischt der Auftritt des adipösen, in fliederfarbenem Rokokogewand gekleideten Geschäftsmannes, der von oben herabschwebt, Bewunderung ein. Aber auch die anderen Personen – Rose, König und die (eigentlich der) Eitle – sind individuell und anschaulich charakterisiert. Auf manche Personen wie den Säufer oder den Laternenanzünder aus dem Roman haben Valtinoni und sein Librettist Paolo Madron verzichtet. Seit der Begegnung des Prinzen mit dem Piloten übernimmt die Sängerin die Rolle selbst. Nike Tiecke singt und spielt den kleinen Prinzen mit glasklarem, lebendigem und jugendlichem Sopran. Der Pilot wird in dieser Aufführung von Hagen-Goar Bornmann einfühlsam gesungen. Auf die Nennung der übrigen Darstellerinnen und Darsteller muss leider verzichtet werden, da es Mehrfachbesetzungen gibt und die Tagesbesetzung nicht ersichtlich war. Zwischen den Szenen singt ein Kinderchor einen Refrain, aber auch in einigen Szenen darf er mit sauber intonierten Vokalisen oder Gesangstexten mitwirken und ist als Rosengarten auch szenisch integriert; er ist stets weiß gewandet und spielt mit großen transparenten Kugeln. An dieser Stelle vermisst man die Übertitel, denn man kann seine Texte kaum verstehen und nur ahnen, ob die Kinder vielleicht die Sterne darstellen sollen. Sämtliche Stimmen werden verstärkt, was hilfreich ist, denn so sind sie über dem Orchester und dem permanenten Grundrauschen im Parkett (verursacht vermutlich durch unmittelbare Reaktionen auf das Bühnengeschehen, denn flimmernde Mobiltelefone waren aus dem ersten Rang heraus nur sehr vereinzelt auszumachen, was für eine hohe Konzentration der Teenies spricht) akustisch gut zu verstehen. Weiters unterstützen pantomimische Ergänzungen die Handlung. Das anspruchsvolle Märchen sollte aber vor Besuch der Aufführung noch einmal beziehungsweise überhaupt erst einmal gelesen werden, damit man den Sinn der Oper erfassen kann, zumal die Texte größtenteils vom Original übernommen sind und man sich, mit der Geschichte vertraut, dann gut zurecht finden kann.

Kongenial ist die musikalische Umsetzung des Stoffes durch Valtinoni. Er bedient sich verschiedener Mittel aus Filmmusik, Musical und klassischer Moderne, wobei meistens die melodiebetonte italienische Volksmusik durchschimmert. Obwohl die Gesangspartien nicht ohne Anspruch sind, lassen sie sich gut singen. Die einzelnen Szenen werden musikalisch passgenau charakterisiert, und der Refrain ist zum Mitsingen (wenn man denn den Text wüsste…). Die Komposition bildet eine neue Ebene, indem sie die Figuren charakterisiert und Stimmungen erzeugt, ohne interpretatorisch einzugreifen, und dient somit dem Verständnis des Märchens. Das Philharmonisches Orchester Hagen setzt die Partitur klangmächtig um. Wer bei der besuchten Vorstellung am Pult die Fäden zusammenhielt und punktgenau die Einsätze gab, lässt sich leider nicht sagen; entweder Taepyeong Kwak oder Andreas Vogelsberger. Zum Schlussapplaus blieb der Dirigent nämlich im Graben, um musicalmäßig noch einmal den Refrain anzustimmen. Besonders die vorzügliche sängerische und darstellerische Leistung des Kinderchores, einstudiert von Caroline Piffka und verstärkt von einigen Damen des Opernchores, muss lobend erwähnt werden. Zusammen mit den engagierten Solistinnen und Solisten und weiteren Akteuren zeigen sie ein perfekt einstudiertes und harmonisches Zusammenspiel. Wer sich also von der Welt des Musiktheaters faszinieren lassen möchte, sich von phantasievollem Bühnengeschehen verzaubern lassen möchte, sich von abwechslungsreicher Musik kurzweilig unterhalten lassen oder einen bekannten Klassiker optisch und akustisch einmal reich bebildert erleben möchte, ist am Theater Hagen genau richtig – egal, ob man Jugendlicher (empfohlen ab 9 Jahren), Erwachsener oder eine Familie ist – der Besuch der rund siebzigminütigen Aufführung lohnt sich, wie der begeisterte Schlussapplaus nach der besuchten Schulvorstellung bewies.
Bernhard Stoelzel, 4. Februar 2026
Der kleine Prinz
Pierangelo Valtinoni
Theater Hagen
4. Februar 2026
Premiere: 31. Januar 2026
Inszenierung: Kai Anne Schuhmacher
Philharmonisches Orchester Hagen
https://www.youtube.com/watch?v=ueJud5jMtLk