Stuttgart: „Die Meistersinger von Nürnberg“, Richard Wagner

© Matthias Baus

31 Jahre liegt die letzte Neuproduktion von Wagners Meistersingern an der Staatsoper Stuttgart bereits zurück. Es war also höchste Zeit für eine Neuproduktion dieses Werkes in der Landeshauptstadt. Was an diesem überaus gelungenen Abend über die Bühne ging, war modernes Musiktheater vom Feinsten. Das Regieteam um Elisabeth Stöppler (Regie), Valentin Köhler (Bühnenbild) und Gesine Völlm (Kostüme) tat alles, um die Aufführung abwechslungsreich, spannend und lebendig zu gestalten. Die Regisseurin hat sich über das Stück hervorragende Gedanken gemacht und wartete mit vielen neuen Aspekten auf, die dem Ganzen eine ganz eigenständige Würze verliehen. Darüber hinaus wartete sie mit einer hervorragenden, flüssigen und stringenten Personenregie auf, sodass es an keiner Stelle langweilig wurde. Der Abend verging wahrlich wie im Fluge.

Überzeugend ist bereits das Bühnenbild. Im Vordergrund befindet sich über alle drei Aufzüge hinweg Sachs‘ stets präsente Schusterstube, die von Aufzug zu Aufzug etwas variiert wird. Da sieht man Tische, Stühle, Schallplatten und einen laufenden Schallplattenspieler. Der Hintergrund wird von einer Zwischenwand eingenommen, die ein weißes Blatt Papier darstellt und auf die immer wieder Texte projiziert werden. Frau Stöppler sieht in der Schusterstube sowohl eine Werkstatt als auch einen sozialen Treffpunkt und einen inneren Denkraum (vgl. Programmheft S. 27). Eine eindeutige Festlegung findet dabei nicht statt. Hier treffen nachhaltig Realität und Kopfgeburten aufeinander. Wenn sich die Zwischenwand öffnet, sieht man weiter hinten eine mit einem Holzaufbau versehene Tribüne, die im Laufe der drei Aufzüge immer wieder Änderungen unterworfen ist. Irgendwann wird sie verklinkert und am Ende betoniert. Es entstehen Meta – Räume, die über die bloße Situation weit hinausgehen (vgl. Programmheft S. 27).

Auffällig ist in diesem Werk, dass es 15 männliche, aber nur zwei weibliche Charaktere gibt. Diesem Missverhältnis wirkt Frau Stöppler entgegen, indem sie aus dem Chor der Lehrbuben sämtliche Männer eliminiert und ihn lediglich mit Frauen besetzt. David, der zu Beginn mit der selbstbewussten Malerin Magdalene die Nacht verbracht hat, ist der einzige Mann in dieser im Übrigen total weiblichen Gemeinschaft. Allgemein werden die Frauen in dieser Inszenierung stark aufgewertet. Das beginnt schon bei der blonden, kurzhaarigen Eva, die als starke Frau vorgeführt wird, die weiß, was sie will. Mit Sachs teilt sie die Liebe zum Schreiben und zur Literatur. Das wird bereits während des ausinszenierten Vorspiels deutlich. Sachs leidet hier offenbar unter einer Schreibblockade. Mehrmals kritzelt er auf ein Papier Fanget an, streicht durch und beginnt von neuem. Über diese beiden Worte kommt er aber nicht hinaus. Der bei ihm eintretenden Eva dagegen fällt ganz schnell etwas ein. Rasch bringt sie mehrere Strophen von Stolzings späterem Probelied zu Papier. Dieses schenkt sie dem verarmten Stolzing, den sie bei Sachs kennenlernt. Im Folgenden kommt es zwischen den drei Personen Sachs, Eva und Stolzing zu einer interessanten Dreierkonstellation. Eva liebt augenscheinlich beide Männer. In der vierten Szene des dritten Aufzuges komplementiert sie Stolzing, nachdem dieser den dritten Bar seines Preisliedes erfolgreich zu Gehör gebracht hat, hinaus, nur um gleich darauf Sachs ihre Liebe zu gestehen. Wie wild küsst und umarmt sie ihn. Sachs erwidert ihren Kuss. Aber dass er sie liebt, ist kein Geheimnis mehr. Allgemein ist die Herausarbeitung der zwischenmenschlichen Beziehungen der Regisseurin aufs Vortrefflichste gelungen.

© Matthias Baus

Ganz phantastisch ist ihre Sicht auf den hier noch jungen Beckmesser, den sie ungemein ernst nimmt. Zwischen ihm und Eva besteht eine Beziehung ganz eigener Art. Im Laufe der Aufführung wird immer deutlicher, dass der Stadtschreiber Eva durchaus nicht egal ist. Sie hat etwas für ihn übrig. Das merkt man. Bereits im zweiten Aufzug fühlt sie sich von seinem Ständchen angezogen. Sie assistiert ihm bei seinem Gesang und begleitet ihn schließlich sogar auf der Gitarre. Noch besser wird es im dritten Akt. Nachdem Beckmesser auf der Festwiese mit dem total entstellten Lied gescheitert ist, ist er drauf und dran, mit seiner Gitarre auf Sachs, dem er die Schuld an seinem Misserfolg gibt, loszugehen. Eva indes bringt ihn mit einem sehr warmen, innigen Blick von seinem Vorhaben ab und nimmt die Gitarre an sich. Ihr ist bewusst, dass Beckmesser mit seinem unsinnigen Lied ganz unbewusst und gleichsam aus der Not heraus eine neue Kunst kreierte, die ihr gut gefällt und die den Stadtschreiber damit sogar zum Helden stempelt. Ihr Keiner wie Du so hold zu werben weiß singt sie infolgedessen nicht, wie von Wagner eigentlich vorgeschrieben, an die Adresse von Stolzing, sondern zu Beckmesser. Anscheinend spielt hier sogar eine kleine Spur von aufrichtiger Zuneigung mit hinein. Hier haben wir es mit einer sehr eindringlichen und emotionalen Szene zu tun, die den Höhepunkt der phänomenalen Inszenierung bildet. Während Stolzings Preislied setzt sich Eva dann im Vordergrund an den Tisch und verfasst an der alten Schreibmaschine ein neues Lied, das sie dann Beckmesser als kleinen Trost schenkt und das von ihm dankbar angenommen wird. Diese gänzlich neue Sicht auf die Beziehung zwischen Eva und Beckmesser ist Elisabeth Stöppler ganz phantastisch gelungen. Ihr sensationeller Einfall, zwischen der Pogner – Tochter und dem Stadtschreiber so etwas wie tiefe Gefühle, vielleicht sogar etwas Liebe aufschimmern zu lassen, kann man einfach nur als genial bezeichnen. Das weist Frau Stöppler als ganz große Könnerin ihres Fachs aus. Mit dieser ganz und gar neuen Sichtweise hat sie die Interpretationsgeschichte Beckmessers um ein ganz gehöriges Stück nach vorne gebracht! Bravo!

© Matthias Baus

Ihre Auffassung von Sachs ist ebenfalls vollauf überzeugend und gänzlich unkonventionell. Den Schusterpoeten deutet sie ziemlich negativ. Er ist bei ihr eine stark ambivalente Figur. Sie stellt hier keinen gütigen Märchenonkel auf die Bühne, sondern einen Mann, der enormen Stimmungsschwankungen unterworfen ist. Insbesondere hat er Angst vor dem Älterwerden. All diese Aspekte machen ihn zu einem problematischen Charakter. Aber gerade das lässt ihn erst interessant erscheinen. Erwähnenswert ist ferner, dass sich die Regisseurin trefflich auf Tschechow‘ sche Elemente versteht. So lässt sie den Nachtwächter in allen drei Aufzügen auftreten. Und wenn sie auf der Festwiese des dritten Aufzuges alle Meister bis auf den hier als Kunstkönig mit Pappkrone und langem rotem Umhang vorgeführten Sachs als Vögel erscheinen lässt, gab das Anlass zum Schmunzeln. Dieser Einfall wirkt durchaus nicht unüberlegt. Stolzing hat das Singen auf der Vogelweide aus dem Buch Walthers von der Vogelweide gelernt. Und unter den Meistern gibt es einige mit Vogelnamen. Die Vögel können fliegen, symbolisieren grenzenlose Freiheit. Aber in Gefangenschaft degenerieren sie, wie die Meister, die in ihrem eigenen Regelwerk festsitzen (vgl. Programmheft S. 26). Das ist eine gute Begründung dieses heiteren Regieeinfalles.

Gänzlich neu und ungewohnt, nichtsdestotrotz aber sehr aufregend interpretiert Elisabeth Stöppler auch das Ende: Im Hintergrund senkt sich die Zwischenwand herab. Stolzing lehnt die Meisterwürde für das Publikum unsichtbar ab. Sachs richtet seine Schlussansprache nicht an den Junker, der hier das Nachsehen hat, sondern an Eva. Ihr gefällt überhaupt nicht, was sie da hört. Sachs nötigt sie an die Schreibmaschine. Sie schreibt das Wort deutsch, das auch prompt auf dem Zwischenvorhang erscheint. Anschließend verfasst sie ihrerseits noch einen schriftlichen Aufruf an das Volk. Sie wird ebenfalls zu einer Heldin. Hier wird es politisch – genau wie an der vor dem dritten Aufzug zitierten Todesfuge von Paul Celan. In dieser heißt es Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Das bezieht sich ganz eindeutig auf die Zeit des Nazi – Terrors. Und die braunen Machthaber haben ja gerade Wagners Meistersinger für ihre Zwecke in hohem Maße missbraucht. So wurde die Oper immer wieder bei den Nürnberger Reichsparteitagen aufgeführt. Gekonnt lässt die Regisseurin damit ein Stück Rezeptionsgeschichte in ihre gelungene Deutung mit einfließen. Diese Inszenierung, die Frau Stöppler alle Ehre macht, ist schon grandios. Wer moderne Sichtweisen mag und Neuem gegenüber aufgeschlossen ist, wird an ihr seine helle Freude haben!

Voll zufrieden sein konnte man mit GMD Cornelius Meister, der den Sängern einen transparenten, nie zu lauten und sehr farbenreichen Klangteppich bereitete, der sich zudem durch große Spannung und gute Detailarbeit auszeichnete. Das bestens disponierte Staatsorchester Stuttgart setzte Meisters Intentionen exakt und konzentriert um und wartete zudem mit einem immensen Schönklang auf.

© Matthias Baus

Ebenfalls auf insgesamt hohem Niveau bewegten sich die gesanglichen Leistungen. Ein gelungenes Rollendebüt ist Martin Gantner als Sachs zu bescheinigen. Er sang den Schusterpoeten sehr geradlinig und mit großer Wortdeutlichkeit. Man verstand wirklich jedes Wort. Übertroffen wurde er von Björn Bürger, der in dem Beckmesser eine absolute Glanzrolle für sich gefunden hat. Äußerlich war ein junger, fescher und gut aussehender Stadtschreiber, den man im Kampf um Eva durchaus nicht als chancenlos einstufte. Bürger hatte sich die neue Auffassung der Regisseurin von der Rolle voll zu eigen gemacht und diese mit immenser Spiellust prachtvoll umgesetzt. Und auch gesanglich vermochte er zu begeistern. Er verfügt über einen in jeder Lage sehr sonoren und substanzreichen, ebenmäßig geführten und dabei vorbildlich italienisch fokussierten hellen Bariton, mit dem er sämtliche Register des Stadtschreibers zog und in der Schusterstube mit einem prächtigen hohen a krönte. Das war eine ganz große Leistung! Dieser junge Sänger sei Bayreuth wärmstens ans Herz gelegt! Einen in gleicher Weise trefflich fundierten, emotional angehauchten und höhensicheren jugendlich – dramatischen Sopran brachte Esther Dierkes in die Partie der Eva ein, die sie auch ansprechend spielte. Ein nobler Walther von Stolzing war Daniel Behle. Sowohl darstellerisch als auch gesanglich mit vollem, rundem Zwischenfachtenor verlieh er dem Ritter ein überzeugendes Profil. Schauspielerisch ausgesprochen munter und vokal recht klangvoll gab Kai Kluge den David. Die Magdalene von Maria Theresa Ullrich machte seine Anhänglichkeit in jeder Beziehung glaubhaft. Augenscheinlich war der Pogner von David Steffens etwas indisponiert. Das merkte man etwas an den Spitzentönen. Insgesamt kam er aber solide über die Runden. Markant intonierte Pawel Konik den Kothner. Mit ungemein wohlklingendem, edlem und bestens italienisch geschultem Bass wertete der junge Michael Nagl die kleine Rolle des Nachtwächters auf. Hier wächst ein ausgezeichneter Pogner nach. In dem aus Torsten Hofmann (Vogelgesang), Shigeo Ishino (Nachtigal), Heinz Göhrig (Zorn), Dominic Große (Eisslinger), Sam Harris (Moser), Stephan Bootz (Ortel), Franz Hawlata (Schwarz) und Torben Jürgens (Foltz) bestehenden Ensemble der kleinen Meister vernahm man gefällige und auch weniger gefällige Stimmen. Bravourös legten sich der von Manuel Pujol einstudierte Staatsopernchor Stuttgart und der Extrachor der Staatsoper Stuttgart ins Zeug.

Fazit: Eine in jeder Beziehung ganz geniale, geradezu preisverdächtige Neuproduktion, die sicher einmal in die Annalen der Stuttgarter Staatsoper eingehen wird und deren Besuch dringendst empfohlen wird! Herzliche Gratulation an die Opernleitung für die besten Meistersinger, die ich seit langem erlebt habe! Mögen sie sich lange auf dem Spielplan halten.

Ludwig Steinbach, 8. Februar 2026


Die Meistersinger von Nürnberg
Richard Wagner
Staatsoper Stuttgart

Premiere und besuchte Aufführung: 7. Februar 2026

Inszenierung: Elisabeth Stöppler
Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Staatsorchester Stuttgart

Trailer