
Sie ist immer wieder sehenswert, Willy Deckers im Bühnenbild und den Kostümen von Wolfgang Gussmann spielende, bereits im Jahre 1998 aus der Taufe gehobene Inszenierung von Puccinis Tosca. In den 28 Jahren ihres Bestehens hat diese bemerkenswerte Produktion nichts von ihrer großen Stringenz und Anziehungskraft verloren. Sie stellt wahrlich ein Juwel im Spielplan der Staatsoper Stuttgart dar.
Wieder einmal hat Willy Decker hervorragende Arbeit geleistet. Mit großem Geschick wartet er mit einer Gratwanderung auf, die sowohl für moderne als auch für konventionell eingestellte Gemüter etwas bereit hält. Zeitgenössisch wirkt in erster Linie das spärliche Bühnenbild. Die traditionellen Kostüme dagegen gemahnen an das Jahr 1800, in dem sich das tragische Geschehen ursprünglich abspielt. Decker degradiert das Werk nicht zu einem reinen Ausstattungsschinken. Die Bühne wird über alle drei Akte hinweg von einem kargen, leeren Kasten eingenommen. Einige wenige Versatzstücke reichen zur Definition der einzelnen Handlungsorte aus. So erblickt man im ersten Akt eine riesige Madonna, die die Kirche versinnbildlicht. Der zweite Akt wird von einem langen Tisch dominiert. Und im dritten Akt sieht der Zuschauer im Hintergrund lediglich ein Fenster. Diesem Kasten vermag man nicht zu entrinnen. Nur Tosca kann ihm zu guter Letzt entkommen, wenn sie sich zu den Schlusstakten aus dem eben erwähnten Fenster stürzt. In diesem Umfeld gilt das Hauptinteresse des Regisseurs den drei Protagonisten, die er sehr geschickt, abwechslungsreich und konzentriert zu führen versteht. Hier haben wir es mit einem Paradebeispiel in Sachen spannender und ausgefeilter Personenregie zu tun. Die Handlungsträger bleiben an keiner Stelle auf sich allein gestellt. Stets spürt man die führende Hand des Regisseurs.

Den eigentlichen Hauptdarsteller des Abends bildet indes das Bild der Marchesa Attavanti, das Cavaradossi malt und das sich durch alle drei Akte zieht. Zuerst erschließt es sich neben der Madonna dem Blick des Publikums. Im zweiten Akt ziert es Scarpias Machtzentrale. Im dritten Akt liegt es schließlich zerrissen auf der Erde. Bereits zuvor hatte es Scarpia aus Unmut über Toscas Abweisung stark beschädigt. Mit Cavaradossis Tod endet auch seine Kunst. Und der Kunst misst Decker in seiner gelungenen Inszenierung große Bedeutung bei. Alle drei Hauptpersonen sind bei ihm Künstler. Tosca erscheint als Sängerin und Cavaradossi übt den Beruf eines Malers aus. Scarpia ist ein meisterhafter Vertreter der Kunst des Bösen. Er liebt es, mit seinen Opfern zu spielen, um seine erotischen Obsessionen zu befriedigen. Kunst und Spiel sind Möglichkeiten, der Welt zu begegnen, müssen zu guter Letzt aber scheitern. Eindringlich beleuchtet der Regisseur hier das Verhältnis des Künstlers zur Realität und beleuchtet einfühlsam das Spannungsfeld zwischen der Kunst und der Gesellschaft. Das gelingt ihm vorzüglich. In erster Linie Tosca glaubt fest an ein Obsiegen der Kunst, befindet sich dabei aber leider in einem großen Irrtum. Am Ende muss sich die Kunst der fatalen Wirklichkeit geschlagen geben. Die Kunst stellt für Tosca lediglich eine Scheinwelt dar, die zum Schluss wie eine Seifenblase zerplatzt. Hier erreicht die Desillusionierung des Künstlers ihren Höhepunkt. Er ist gegenüber der maliziösen Realität chancenlos und von vornherein zum Scheitern verurteilt – ein äußerst pessimistischer Ansatzpunkt, den Decker hier ins Feld führt und konsequent durchzieht. Seine Produktion ist in hohem Maße gelungen!
Am Pult animierte Francesco Cilluffo das bestens disponierte Staatsorchester Stuttgart zu einem intensiven und farbenreichen Spiel. Bei aller an den Tag gelegten Dramatik setzte der Dirigent aber auch auf feine Zwischentöne und einfühlsame Nuancen. Weiche und getragene Klänge kamen bei ihm ebenfalls nicht zu kurz. Insgesamt wartete er mit einem sehr differenzierten Dirigat auf.

Fast durchweg zufrieden sein konnte man mit den gesanglichen Leistungen. Marigona Qerkezi brachte in die Rolle der Tosca einen bestens sitzenden, ausdrucksstarken und emotionalen dramatischen Sopran ein. Neben ihr gab Diego Godoy mit hervorragend italienisch fokussiertem, virilem und strahlkräftigem Spinto-Tenor einen erstklassigen Cavaradossi. Iain Mac Neil verlieh dem Scarpia rein darstellerisch eine recht bösartige Note. Vokal nahm er mit einem markanten, hell timbrierten Bariton und schonungslosem stimmlichem Einsatz nachhaltig für sich ein. Von dem jungen, schön sonor intonierenden Jaewoung Lee als Angelotti wird man in Zukunft noch viel erwarten können. Gut gefiel der Mesner von Andrew Bogard, der einen profunden Bass-Bariton sein Eigen nennt. Bemerkenswert war, dass er aus der Partie keine herkömmliche Klamotte machte, sondern seine Rolle durchaus ernst nahm. Ausgesprochen dünnstimmig präsentierte sich Daniel Domareckis Spoletta. Da waren Stephan Storck (Sciarrone) und Ulrich Frisch (Schließer) um einiges besser. Als Hirt war Alissa Kruglyakova, ein Mitglied des Kinderchores der Staatsoper Stuttgart zu erleben. Letzterer sowie der tadellos singende Staatsopernchor Stuttgart wurden von Bernhard Moncado einstudiert.
Fazit: Eine der besten Tosca-Inszenierungen, die praktisch schon Kultstatus genießt! Der Besuch der Aufführung wird dringendst empfohlen!
Ludwig Steinbach, 22. Oktober 2026
Tosca
Dritte Opernfreund-Kritik
Giacomo Puccini
Staatsoper Stuttgart
Premiere: 3. Juli 1998
Besuchte Aufführung: 21. Oktober 2026
Inszenierung: Willy Decker
Musikalische Leitung: Francesco Cilluffo
Staatsorchester Stuttgart