Der neue Generalintendant Tobias Wolff setzt in seiner ersten Spielzeit deutlich auf Unterhaltung. So begann die Saison im Großen Haus des Staatstheaters mit der Neuinszenierung von Nico Dostals selten aufgeführten Operette. Während der Entstehungszeit von Clivia lebte Dostal bereits länger in Berlin, wo 1933 die Uraufführung am Theater am Nollendorfplatz stattfand. Die abstruse Handlung enthält alles, was für eine Operette unerlässlich ist: Eine Diva, einen heimlichen Drahtzieher, einen verkappten Präsidenten und ein Buffo-Paar, die sich alle mit Intrigen und Verwicklungen in der Welt von Film und Politik vor der Kulisse Südamerikas bewegen. Da dürfen dann auch entsprechend mitreißende Rhythmen und Melodien nicht fehlen. Die Regie war dem vor allem als Musical-Regisseur bekannten Österreicher Alex Balga anvertraut, der mit gelungener Personenführung Tempo und Schwung in das abenteuerliche Unternehmen des Chicagoer Finanziers Potterton brachte, der mit viel Geld und einer Hollywood-Produktion als Tarnung in dem fiktiven Land Boliguay einen politischen Umsturz herbeiführen will. Eine witzige Idee war es, zur Ouvertüre einen Filmvorspann zu zeigen, der Stummfilmszenen in Schwarz-Weiß und kurz eingeblendete Texte enthielt.

Dazu baute Matthias Kronfuss trefflich passende Bühnenbilder aus wenigen, leicht verschiebbaren Wänden und einer vielseitig einsetzbaren Treppe auf Rollen. Ein Defekt der Bühnentechnik, der einem glatten Szenenwechsel kurz vor Schluss einen Strich durch die Rechnung machte, war nach kurzem Zwischenvorhang schnell behoben. Die vor allem in den Hollywood-artigen Szenen üppigen Kostüme aus der Entstehungszeit der Operette passten ideal zu dem jeweiligen Ambiente (Aleksandra Kica). Unterstrichen wurde das südamerikanische Flair durch drei Tanzpaare, die in der insgesamt schmissigen Choreographie von Natalie Holtom viele Szenen bereicherten.
Die musikalische Leitung lag bei Alexander Sinan Binder in besten Händen, der mit dem in allen Gruppen ausgezeichnet aufspielenden Staatsorchester die südamerikanischen Rhythmen fetzig heraus arbeitete, aber auch Walzer-selige und ruhigere Teile elegisch ausmusizieren ließ.

Von den Solisten ist besonders die tolle Leistung von Milda Tubelyte in der Titelrolle hervorzuheben, die ihren vollen Mezzosopran auch mit Gefühl in die Sopranhöhen zu führen wusste. Mit ihrer hohen, schlanken Gestalt und großer Ausstrahlung war sie auch darstellerisch immer Mittelpunkt der Szene; eindrucksvoll gestaltete sie die endgültige Entwicklung der oberflächlichen zur echt liebenden Frau, wenn sie fast staunend singt Ich bin verliebt, ein Highlight des Abends. Adam Sanchez, Präsident von Boliguay, der sich zunächst als Gaucho Juan Damigo ausgab, überzeugte sängerisch mit kernigem, baritonalem Tenor, speziell mit Irgendwo auf der Welt… Besonders gelungen war u.a. das Duett der beiden Protagonisten Mit dir möcht ich durch’s Leben wandern. Jola, die Cousine des Präsidenten und Anführerin der Amazonenarmee, wurde von Isabel Stüber Malagamba mit klarem Mezzo wunderbar beherrschend dargestellt. Als quirliger Reporter Lelio Down, der mit seinem Fotobericht in New York auf großen Erfolg hofft, präsentierte sich Sebastian Seibert mit feinem Tenor in Hochform Sowas Schönes kann nicht für mich allein geschaffen sein…

Maximilian Krummen als intriganter Finanzier Potterton und Markus Auerbach als vielseitiger Bistro-Kellner ergänzten die Gesangssolisten rollengerecht, wie auch die Schauspieler Matthias Schamberger und Tobias Beyer jeweils in einer Doppelrolle. Urkomische Auftritte hatte Götz van Ooyen als Kasulke, der in einem Autoscooter auf die Bühne kam und mit Man muss auch ab und zu verreisen auch sängerisch erfreute. Mit entscheidend für den unterhaltsamen Abend war der von Johanna Motter ausgewogen einstudierte Chorklang, der sich besonders in den Finali entfaltete. Auch choreographisch waren die Choristen gut eingebunden und mit viel Engagement bei der Sache.
Die erfolgreiche Premiere wurde stark bejubelt; ein einsamer Buh-Rufer wirkte wie bestellt und war absolut unangemessen.
Marion Eckels, 11. Oktober 2026
Clivia
Operette von Nico Dostal
Staatstheater Braunschweig
Premiere am 10. Oktober 2026
Inszenierung: Alex Baga
Musikalische Leitung: Alexander Sinan Binder
Staatsorchester Braunschweig
Weitere Vorstellungen: 16., 25., 31. Oktober, 13., 20. November, 5., 11., 16., 25. Dezember 2026 und öfter im Jahr 2027