Schon lange beschäftigte Hannovers Ballettdirektor Goyo Montero die Frage, wodurch der im Märchen Schwanensee als Zauberer bekannte Rotbart wohl zu einem bösen Menschen geworden ist. Die Lösung heutzutage ist natürlich „ein Traumata“! So schrieb er dazu eine düstere Vorgeschichte über die Kindheit und Jugendzeit Rotbarts, kürzte Tschaikowskis Musik rigoros, fügte aber dafür noch eine orchestrierte Fassung des Herbstliedes aus Die Jahreszeiten op.37b ein. So entstand aus den vier Akten Schwanensee ein zwei-aktiges, fesselndes neues Tanzstück, in dem Montero sein choreographisches und regieliches Talent – vor allem durch in der Erinnerung haften bleibende Ensembles – untermauerte. Hohen Erkennungswert hat die Bühnenausstattung von Curt Allen Wilmer und Leticia Ganán Calvo mit fünf leicht verschiebbaren und wandlungsfähigen Türmen aus Gitterstäben, die so schnelle Szenenwechsel, verbunden mit passender Lichtregie (Andreas Schmidt/Goyo Montero) ermöglichen. Für die passenden Kostüme mit farblich geschickt längsgestreiften Ganzkörperanzügen für die Tier- und Narrenwelt, die die Geschlechter anglichen, sowie typisierende Kleidung für die Menschen war Salvador Mateu Andújar verantwortlich.

Zum Inhalt: Rotbart als Kind beobachtet tödliche Misshandlungen der Mutter durch den Vater; zwei Narren, die für Gut und Böse stehen, nehmen sich des Kindes und seiner Erziehung an, deren Einfluss sich nach dem Tod des Vaters noch verstärkt, als der junge Rotbart quasi wider Willen in die Rolle des Königs gezwungen wird. Daraus will er sich im See befreien (mit raffinierten Videoeinblendungen: Álvaro Luna), wird jedoch vom weißen Schwan (in Menschengestalt) und dessen Begleitern gerettet. Rotbart erlebt nun wieder eine schwere Gewalttat, wenn die Schwäne, nach der Rettungsaktion ermattet zur Ruhe gekommen, von bösen Gestalten überfallen werden und bis auf den weißen Schwan alle umkommen; dieser wird nun zum schwarzen, rächenden Schwan. Im zweiten Teil des Abends erlebt man den verhärteten Rotbart, der sich mit seinem Kuriositätenkabinett an seinen Gewalttaten weidet; dazu gehören u.a. die gewaltsam immer erneut getrennten Gemini (zunächst eng verbunden sich elegant bewegend Kade Cummings und Stella Tozzi) und vier Automaten (als Parodie der vier kleinen Schwänchen im Original, hier in hellen Tutu-ähnlichen Ballonröckchen: Ammanda Rosa, Emily Seymour, Diana van Godtsenhoven, Natalie Wong). Für Rotbart schlägt seine letzte Stunde im See, wo er von dem schwarzen Schwan und dessen Anhängern hinabgezogen wird. Erst da tritt Prinz Siegfried auf, und das eigentliche Schwanensee-Märchen könnte beginnen.

Von den Protagonisten ist zunächst Jay Aries als Rotbart zu nennen, der den Jugendlichen in seiner Entwicklung zum Erwachsenen mit teils ruppigen, teils eleganten, jedoch stets kraftvoll sicheren Bewegungen glaubhaft vermittelte. Der einem echten Pas de deux vergleichbare Tanz mit dem Weißen Schwan (intensiv Antoine Charbonneau) wird zu einem Höhepunkt des 1.Aktes. Im 2.Akt älter geworden, schien er dagegen zu erkennen, dass er dem Bösen zu stark zuneigte und seine Wehr- und Willenskraft ließ zusehends ab. Sehr spannend war nun der Kampf mit dem Schwarzen Schwan (hervorragend Alina Uzunova). Seine fast ständigen Begleiter, die zwei Narren, wurden von Nicolás Alcázar Sánchez und Edward Nunes quirlig munter dargeboten. Im Übrigen bestach das gesamte Tanzensemble durch Präzision und äußerste Beweglichkeit. Es begeisterte, wie die „Schwärme“ aus Schwänen sich in Windeseile aufbauten, zerfielen und neu formierten. Es wurde mehr dem Boden verhaftet, ausdrucksstark in Mimik und Gestik getanzt, wenn auch die geballten Fäuste etwas zu häufig kamen.
Unter der stringenten Leitung von Piotr Jaworski brachte das Niedersächsische Staatsorchester Hannover Tschaikowskis herrliche Melodien wunderbar zum Klingen und bot gelungene Soli von Geige, Oboe und Harfe auf; Musiker und Bühne waren somit bestens aufeinander abgestimmt.
Das Publikum bedankte sich bei allen Mitwirkenden mit jubelndem Applaus für den anregenden Abend.
Marion Eckels, 2. Februar 2026
Schwanensee. Rotbarts Geschichte
Peter Tschaikowsky
Staatsoper Hannover
Besuchte Vorstellung am 31. Januar 2026
Premiere am 24. Januar 2026
Choreografie: Goyo Montero
Musikalische Leitung: Piotr Jaworsky
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover