Treffen sich Albert Einstein, Richard Strauss, Max Liebermann, Gerhard Hauptmann und Bernhard Shaw auf einer Party. Was wie der Beginn eines Witzes klingt, ist der Ausgangspunkt einer lange verschollenen Oper, die das Staatstheater Mainz nun in einer rekonstruierten und teilweise neu komponierten Fassung zur Diskussion stellt. Urheber des Werkes ist das Ehepaar Julia und Alfred Kerr, er ein in der Weimarer Zeit für seinen oft ironischen Stil bekannter Kritiker, sie eine seinerzeit aufstrebende Komponistin. Für das Gemeinschaftswerk schrieb Alfred das Libretto. Darin versammelt im ersten Akt der Physiker Albert Einstein eine Schar Prominenter, denen er seine neueste Erfindung präsentiert: den titelgebenden „Chronoplan“, eine Zeitmaschine für Reisen in die Vergangenheit. Für den ersten Trip sucht er Freiwillige. Hauptmann und Liebermann winken ab: An den Fährnissen der Vergangenheit sind sie nicht interessiert. Richard Strauss will lieber Skat spielen. Bleiben noch Bernard Shaw sowie zwei weitere Partygäste, eine Journalistin und ein Kritiker. Im zweiten Akt sind die Zeitreisenden planwidrig im Jahr 1805 gelandet – angepeilt hatte man die Antike. Man trifft auf den jungen Lord Byron, noch bevor er zum berühmten Schriftsteller wurde. Die Gruppe nimmt ihn mit auf die Rückreise in ihre Gegenwart des Jahres 1929. Dort findet man in einem Golfclub eine sich langweilende Spaßgesellschaft vor. Byron meint, in der attraktiven Nikoline eine Liebschaft aus der Vergangenheit wiederzuerkennen. Sie zeigt jedoch kein Interesse an ihm. Schließlich fällt eine Bombe auf das Gebäude.

Das Produktionsteam um Lorenzo Fioroni hat die Vorlage mit einer Überfülle von Bildideen umgesetzt. Der erste Akt wird in einem großen Festsaal gezeigt. Die Prominenten erscheinen im weißen Dinner-Jacket. Gummi-Masken zeigen die Gesichter der in Bezug genommenen historischen Persönlichkeiten. Zum Singen werden die Masken jedoch abgenommen, was es angesichts der Fülle an Protagonisten nicht einfach macht, die ansonsten identisch gekleideten Figuren auseinanderzuhalten. Das bevorstehende „Dritte Reich“ spukt bereits herein, wenn etwa Liebermann mit einem Judenstern an der Brust gezeigt wird. An der Saaldecke schwebt eine aus mehreren ineinander gesetzten Ringen bestehende Skulptur, die offenbar Teil der Zeitreisemaschine ist. Ein sprichwörtlicher „roter Faden“ reicht auf dem Bühnenboden vom Orchestergraben bis in den Raum hinein und bleibt auch in der Bebilderung der „Zeitreise“ präsent. Diese Zeitreise wird mittels Videoprojektionen zu einem recht langen, nachkomponierten Synthesizer-Zwischenspiel namens „ROTOЯ ℤ⁵“ von Paul-Johannes Kirschner gezeigt. Es ist offenbar eine Sternenreise, die von Teletubbie-artigen Wesen mit Atom-Warnschildern auf dem Bauch begleitet wird. Für die Videos und das Bühnenbild zeichnet Paul Zoller verantwortlich (mit Co-Bühnenbildnerin Katharina Wegmann), der für den zweiten Akt die reizvolle Idee hatte, ein typisches Landschaftsgemälde des 19. Jahrhunderts wie eine Überwurfdecke auf den Kulissenelementen auszubreiten und aus dieser Decke heraus Lord Byron und seine Angebetete in historisch authentischen Kostümen (Annette Braun) auftreten zu lassen. Da die Zeitreise in einem Jahr angekommen ist, in dem Byron noch nicht der spätere große Dichter war, was das Libretto zu der kalauernden Bemerkung veranlaßt, es handele sich um dessen „Unter-Ich“, wird quasi eine evolutionäre Vorstufe seiner selbst mit auf die Rückreise in das Jahr 1929 genommen und zwar in Gestalt einer Mensch-Echsen-Chimäre mit langem Schweif und einer skurrilen Gesichtsmaske. Der dritte Akt ist der im Libretto am wenigsten gelungene, und auch das Produktionsteam kann nicht verhindern, daß er zerfasert.

Es handelt sich um eine Ensembleoper, bei der die einzelnen Figuren überwiegend Text im Konversationston zu bewältigen haben und es wenig Raum für sängerische Profilierung gibt. Einzig Daniel Schliewa sind als Byron längere Passagen vergönnt, in denen er auf seinen blühenden Tenor aufmerksam machen kann. Man darf im Übrigen dem Mainzer Ensemble hier ausnahmslos rollendeckende und engagierte Leistungen bescheinigen.
Zur musikalischen Attraktion des Abends wird die Orchesterleistung unter dem neuen Mainzer Generalmusikdirektor Gabriel Venzago. Die Partitur wird farbig und kraftvoll ausgespielt. Krenek, Weill, Schreker und Co. treffen auf musikalische Spätromantik. Im ersten Akt gibt es witzige Anspielungen, etwa wenn Richard Strauss zu dem Motiv des Jochanaan aus seiner Salome auftritt oder rosenkavalierhafte Walzerklänge eingewoben werden.
Dabei ist die Partitur nicht vollständig überliefert worden, der dritte Akt von der Komponistin noch gar nicht fertig instrumentiert worden. Norbert Biermann, Pianist und Arrangeur, hat die Rekonstruktion der Partitur, von der rund 100 Seiten verloren gegangen sind, anhand einer Rundfunkaufnahme von 1952 besorgt, und mußte Teile neu komponieren. Man darf davon ausgehen, daß er sorgfältig und nach genauer Analyse der Kompositionsweise von Julia Kerr vorgegangen ist. Da deren Musik verschiedene Stile und Einflüsse amalgamiert, lassen sich nach dem Höreindruck Original und Ergänzung nicht auseinanderhalten, was für die Arbeit Biermanns spricht.

Der Eindruck am Ende: Trotz einiger Längen des dritten Aktes hat man sich diese Ausgrabung interessiert angesehen, war über die Kabarett-Elemente des ersten Aktes amüsiert, in dem der Librettist auch den bayerischen Dialekt von Richard Strauss und den berlinerischen von Max Liebermann parodiert, und hat aufmerksam der Musik einer begabten Komponistin gelauscht, deren musikalische Karriere durch die Flucht aus Nazi-Deutschland, welche ihre Tochter in dem berühmten Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ literarisch aufbereitet hat, ein jähes Ende fand. Es ist ein Stück Musik-Zeit-Geschichte, welches das Staatstheater Mainz hier verdienstvoll mit erkennbarer Leidenschaft präsentiert hat. Ein Stück für das Repertoire ist es aber nicht.
Michael Demel, 13. März 2026
Der Chronoplan
Oper in drei Akten von Julia Kerr
Staatstheater Mainz
Besuchte Aufführung: 18. Februar 2026
Premiere am 24. Januar 2026
Inszenierung: Lorenzo Fioroni
Musikalische Leitung: Gabriel Venzago
Philharmonisches Staatsorchester Mainz
Weitere Aufführungen am 23. und 29. März sowie am 4. April