Mainz: „Die Zauberflöte“, Wolfgang Amadeus Mozart

Mal unter uns Opernkennern: Können Sie aus dem Stand sagen, wo die titelgebende Zauberflöte aus Mozarts beliebtester Oper herkommt? Pamina verrät es am Ende, kurz vor der Feuer- und Wasserprobe: „Es schnitt in einer Zauberstunde mein Vater sie aus tiefstem Grunde der tausendjähr‘gen Eiche aus.“ Dieser Vorgang wird quasi als Vorgeschichte in der Mainzer Neuproduktion zur Ouvertüre gezeigt. Ein kleiner Junge, der Paminas Vater als Kind, den „König des Tags“ darstellen soll, macht sich mit einem Messer recht brutal an einer als Baum verkleideten Schauspielerin zu schaffen und schneidet ihr einen Ast ab, der nun als Zauberflöte dient.

© Andreas Etter

Wer nun aber befürchtet hatte, die Inszenierung von Dominik Wilgenbus würde den Plot in ein wohlfeiles Öko-Märchen umschreiben, wird schnell beruhigt: Außer, daß gelegentlich ein paar Baumsetzlinge auftauchen, bleibt die ursprüngliche Geschichte intakt. Zusätzlich zum vorgesehenen Personal ist noch eine stumme Figur in vielen Szenen präsent, ein in wallende weiße Gewänder gekleideter Mann mit langem, weiß-grauem Haar, der gelegentlich auf Stelzen geht und wohl die erwachsene Version von Paminas Vater darstellen soll – erläutert wird das, wenn wir nichts übersehen haben, nirgends, nicht im Besetzungszettel, der den Darsteller der Figur nicht aufführt, und auch nicht in dem lesenswerten Interview mit dem Regisseur im Programmheft. Das Bühnenbild von Peter Engel zeigt vor einem abstrakten, dunklen Hintergrund, der im Verlauf in unterschiedlichen Farben illuminiert wird und auch als Projektionsfläche für Auszüge aus dem Autograph der Partitur dient, eine Art breiter Wippe als Spielplattform, neben der es nicht vieler Requisiten bedarf, um ein abwechslungsreiches und vergnügliches Spiel mit Schikaneders Volkstheater-Vorlage zu arrangieren. Und weil wir in Mainz sind, dürfen wohl auch typische Nummern einer Kappensitzung nicht fehlen, wie ein urkomisches Männerballett zu „Das klinget so herrlich“.

Tim-Lukas Reuter (Papageno) mit Liudmila Maytak (Papagena) / © Andreas Etter

Die zentrale Rolle kommt Papageno zu. Dessen Sprechtexte sind modernisiert worden. Mitunter wirken sie wie improvisiert, was den Intentionen des Librettos durchaus entspricht. Tim-Lukas Reuter, der hier als clownesk geschminkter Spaßvogel daherkommt, findet dafür mit vorzüglicher Diktion den genau passenden, lässigen Plauderton. Gesanglich gefällt er mit frischem Bariton. Neben ihm legt sich Mark Watson Williams als Tamino im schlichten schwarzen Anzug darstellerisch ebenfalls ins Zeug, so daß sein für die Rolle an sich etwas zu heller und leichter Spieltenor die Gesamtleistung kaum trüben kann.

Die Gestaltung der übrigen tragenden Partien ist seit einiger Zeit vermintes Gelände. Inzwischen gibt es eine von ernsthaften Künstlern vorgelegte Neufassung, welche die unter Rassismusverdacht stehende Darstellung des Monostatos als „Mohr“ mit dem Text „weil ein Schwarzer häßlich ist“, die gar nicht so latente Frauenfeindlichkeit von Sarastro und seinem Männerbund („Ein Weib tut wenig, plaudert viel“) und das in Paminas züchtiger Fräuleinhaftigkeit hervorscheinende, zeitbedingte Frauenbild revidieren. Da gibt es erhebliche Eingriffe in den Text und sogar zusätzliche Arien für Pamina, um ihre Rolle aufzuwerten. Letzteres ist in Mainz nicht nötig, denn Dorin Rahardja gibt die Tochter der sternenflammenden Königin mit klarem und starkem Sopran forsch und selbstbewußt. Dafür bedarf es weder eines neuen Textes noch zusätzlicher Noten. Sarastro, mit dessen salbungsvoller Tiefe bei „O Isis und Osiris“ Derrick Ballard besser zurechtkommt als mit den höheren Passagen von „In diesen heil’gen Hallen“, wird ebenfalls ohne Eingriffe in die Substanz von Text und Musik als halbseidener Charakter gekennzeichnet, der in einem grotesken Fluggerät einschwebt, einen weißen Anzug trägt und einen weißen Bowler falsch herum auf dem Kopf trägt, zwischendurch sogar im langen, durchsichtigen Kleid auftritt. Wer soll bei einem solchen Aufzug seine Frauenfeindlichkeit ernst nehmen?

Auf der Wippe: T.L. Reuter (Papageno), A. Spemann (Zweiter Priester), D. Rahardja (Pamina), D. Ballard (Sarastro), J. Park (Sprecher), D. Güney (Erster Priester), M.W. Williams (Tamino)
© Andreas Etter

Monostatos ist natürlich kein Farbiger, sondern tritt in dunkelgrauem Frack zu silbern glänzender Leggins, ebenfalls mit langem weißen Haar und weiß geschminktem Gesicht auf („White-Facing“ ist im Gegensatz zu „Black-Facing“ noch nicht geächtet – vermutlich hat es noch kein Albino bei einer Diskriminierungs-Meldestelle angezeigt). In seiner einzigen Arie erfolgt nun doch eine minimale Textänderung: Aus „weil ein Schwarzer häßlich ist“ wird „weil der Finst’re häßlich ist“. Danach geht es wie im Original weiter: „weiß ist schön, ich muß sie küssen“. Damit bleibt die Hell-Dunkel-Metapher intakt und wird sogar in ihrer Metaphorik hervorgehoben. Das ist ebenso minimalinvasiv wie überzeugend – viel überzeugender als etwa die an der Oper Frankfurt zuletzt offenbarte Hilflosigkeit mit „weil mein Antlitz häßlich ist“ (ist das nicht Body-Shaming?) und „sie ist schön, ich muß sie küssen“. David Jakob Schläger gibt die Figur als ambivalenten Charakter zwischen unerfüllter Sehnsucht und opportunistischer Verschlagenheit. Daß er über eine frische, runde Stimme verfügt, die auch zum Tamino gut passen würde, kann er nicht völlig verstecken, obwohl er sich mit einigen Anschärfungen bemüht, dem Klang-Klischee zu entsprechen.

Die Königin der Nacht ist nicht einfach zu besetzen: Für die berühmten Koloraturen braucht es einen wendigen Sopran mit bombensicherer Höhe auch in der vokalen Stratosphäre. Oft sind die dafür technisch geeigneten Stimmen aber zu leicht, um „der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ mit der nötigen Kraft herauszuschleudern. Bei Alexandra Samouilidou ist diese Kraft vorhanden, aber man hat nach den ersten Takten der Auftrittsarie angesichts der enormen Amplituden ihres Vibratos Sorge um die folgenden Intervallsprünge. Diese Sorge erweist sich als unberechtigt: treffsicher und wie in Marmor gemeißelt gelingt ihr Mozarts Vokalakrobatik, so daß sie sich den anschließenden Szenenapplaus verdient hat.

Alexandra Samouilidou (Königin der Nacht) / © Andreas Etter

Auch die übrige Besetzung ist durchweg rollendeckend. Gabriel Venzago läßt das gut aufgelegte Orchester dazu kraftvoll und farbig aufspielen. Daß die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis mit vibratoarmen Streichern und harten Schlegeln der Pauke umgesetzt werden, ist inzwischen Standard. Aufhorchen lassen aber immer wieder die Holzbläser, deren Farben der junge Generalmusikdirektor hervorhebt. Die Tempi sind zügig, wobei manche Tempowahl und mancher Tempowechsel ungewohnt sind und eine individuelle Handschrift des Dirigenten zeigen.

Der Neuproduktion gelingt es, das unverwüstliche Erfolgsstück sanft zu modernisieren und mit einer ungewöhnlichen Rahmenerzählung anzureichern, die nicht zwanghaft den Handlungsverlauf überwölbt, sondern eher subkutan mitläuft. Es bleibt genügend Raum für die Märchen- und Volkstheaterelemente. Vor allem bleibt genügend Raum für Leichtigkeit und Humor. Es ist – gottlob – keine „Zauberflöte für Erwachsene“ geworden (wie etwa in Frankfurt, wo man dem Stück jeden Zauber ausgetrieben hat), aber auch kein harmloses Kindertheater. Kleine und große Zuschauer können hier gleichermaßen auf ihre Kosten kommen.

Michael Demel, 21. März 2026


Die Zauberflöte
Große Oper in zwei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart

Staatstheater Mainz

Premiere am 14, März 2026

Inszenierung: Dominik Wilgenbus
Musikalische Leitung: Gabriel Venzago
Philharmonisches Staatsorchester Mainz

Weitere Aufführungen: 27. März, 5. und 19. April, 2., 13., 18. und 24. Mai, 4. und 23. Juni.